Harkaway Der goldene Schwarm
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-12414-4
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 608 Seiten
ISBN: 978-3-641-12414-4
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joe Spork, meisterhafter Uhrmacher und Sohn der Londoner Gangsterlegende Mathew "Tommy Gun" Spork, führt ein ruhiges Leben weit weg vom kriminellen Erbe seines Vaters. Edie Banister, neunzigjährige Spezialagentin im Ruhestand, führt ebenfalls ein ruhiges Leben und verabscheut jede Sekunde davon. Doch dann setzt Joe eine Weltuntergangsmaschine in Gang, und ihre Wege kreuzen sich. Plötzlich müssen sie sich gegen zwielichtige Regierungsvertreter, wenig fromme Mönche und einen diabolischen asiatischen Diktator verbünden. Schon bald wird klar: Um die drohende Katastrophe abzuwenden, muss Edie eine alte Rechnung begleichen. Und Joe sich seiner Vergangenheit stellen.
Eine durchgeknallte Stroy, Helden wieder Willen, witzige Dialoge - very british!
Für alle Leser von Matt Ruff und Alan Bradley.
Nick Harkaway, 1972 in Cornwall geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft und hat bereits als Drehbuchautor, Blogger und Werbetexter gearbeitet. "Der goldene Schwarm" wurde ebenso wie Harkaways Debüt "Die gelöschte Welt" von der Presse gefeiert und vielfach ausgezeichnet (2012 Oxfam Emerging Writer Prize im Rahmen des Hay Festivals, Shortlist für den Arthur C. Clarke Award und den LA Times Book Prize). Der zweifache Vater lebt mit seiner Familie in London.
Weitere Infos & Material
I
Die Socken der Väter;
Auf der Rangliste der Säugetiere;
Besuch bei einer alten Dame
Da morgens um Viertel nach sieben die Temperatur in seinem Schlafzimmer noch unter Weltraumniveau liegt, hat Joshua Joseph Spork einen langen Ledermantel und ein Paar der Golfsocken seines Vaters angezogen. Eigentlich ist Papa Spork gar kein wahrer Golfer gewesen. Wahre Golfer besorgen sich ihre Socken nicht, indem sie einen Lastwagen auf dem Weg nach St Andrews überfallen. So was gehört sich einfach nicht. Golf huldigt der Geduld. Socken kommen und Socken gehen, und der weise Golfer wartet ab, bis er das Paar entdeckt, das ihm zusagt, und kauft es dann ohne viel Getue. Stattdessen einem vierschrötigen Lastwagenfahrer aus Glasgow eine Maschinenpistole ins Gesicht zu halten und ihm zu sagen, er solle sein Führerhaus verlassen oder in ihm das Zeitliche segnen … nun ja. Ein Mann, der sich so verhält, wird nie ein Handicap unter zehn zustande bringen.
Die zweitausend Paar Socken waren Teil des Inventars einer angemieteten Garage an der Brick Lane, das Joe geerbt hat, als sein Vater zum großen Himmelsbunker abberufen wurde; eine eigentümliche, zusammengewürfelte Sammlung, dem exzentrischen kriminellen Lebensstil von Papa Spork sehr angemessen. Nachdem er die vorgefundene Beute weitgehend zurückgegeben hatte, blieben Joe nur einige Koffer mit persönlichen Habseligkeiten: Familienbibeln, Fotoalben und einiger Ramsch, den sein Vater offenbar seinem eigenen Vater gestohlen hatte, sowie einige Sockenpaare – der Vorsitzende des St Andrews Golf Club hatte vorgeschlagen, er möge sie doch als Andenken behalten.
»Ich kann mir denken, dass das für Sie nicht einfach gewesen ist«, sagte der Vorsitzende am Telefon. »Alte Wunden und so weiter.«
»Eigentlich ist mir das alles nur peinlich.«
»Lieber Himmel, warum? Das mit den Sünden der Väter und den Söhnen ist ja schon schlimm genug, da muss es einem nicht auch noch peinlich sein. Mein Vater war beim Bomberkommando. Hat die Bombardierung von Dresden mitgeplant. Können Sie sich das vorstellen? Socken zu klauen ist da doch vergleichsweise menschenfreundlich, oder?«
»Ich nehm’s an.«
»Die Sache mit Dresden war natürlich während des Krieges, also vermute ich mal, dass man die Aktion damals für unumgänglich gehalten hat. Mächtig heldenhaft, kein Zweifel. Aber ich habe Fotos gesehen. Sie auch?«
»Nein.«
»Lassen Sie’s lieber, man wird die Bilder nicht mehr los. Aber wenn sie Ihnen aus irgendwelchen unseligen Gründen doch einmal unter die Augen kommen sollten, fühlen Sie sich vielleicht besser, wenn Sie dabei grässliche Rautenmustersocken tragen. Ich schicke Ihnen welche. Wenn es Ihre Schuldgefühle mildert, suche ich die absolut scheußlichsten aus.«
»Oh, ja, na gut. Danke Ihnen.«
»Ich fliege selbst, wissen Sie. Sportflugzeuge. Früher habe ich es geliebt, aber in letzter Zeit sehe ich immer Brandbomben fallen – ich kann nichts dagegen tun. Also habe ich es mehr oder weniger an den Nagel gehängt. Eigentlich eine echte Schande.«
»Ja, das stimmt.«
»Ich werde Ihnen die Socken im Chartreuseton schicken. Es würde mir eigentlich gefallen, selbst so ein Paar anzuziehen, wenn ich den alten Scheißkerl das nächste Mal oben auf dem Hawley-Friedhof besuche. ›Schau her, du fürchterliches altes Schwein‹, werde ich zu ihm sagen, ›während du dir selbst eingeredet hast, dass es absolut lebensnotwendig ist, dass wir eine ganze Stadt voller Zivilisten opfern, haben sich die Väter von anderen Leuten damit begnügt, hässliche Socken zu klauen.‹ Das sollte ihm ordentlich eins versetzen, oder?«
»Ich nehm’s an.«
An Joes Füßen finden sich nun also die Früchte jenes eigentümlichen Austauschs und bilden ein willkommenes Polster zwischen seinen unpedikürten Fußsohlen und dem eiskalten Boden.
Der Ledermantel wiederum dient dem Schutz gegen Angriffe. Joe besitzt durchaus einen Morgenrock oder, besser gesagt, einen Frotteebademantel. In dem hat man es zwar gemütlicher, ist aber auch verletzlicher.
Joe Spork bewohnt die Lagerräume über seiner Werkstatt – der Werkstatt seines verstorbenen Großvaters – in einem schäbigen, stillen Teil Londons, unten am Fluss. Der Spielmannszug des Fortschritts ist an seinem Häuserblock vorübermarschiert, da die Aussicht grau und versperrt ist und es stark nach Flussufer riecht. So gehört ihm das gesamte riesige Gebäude theoretisch allein, obgleich es sich, leider, genau genommen im Besitz von Banken und einigen Gläubigern befindet. Mathew – dies war der Name seines beklagenswerten Vaters – hatte eine entspannte Haltung gegenüber Schulden an den Tag gelegt; Nachschub an Geld konnte man sich schließlich stets auf räuberische Weise beschaffen.
Apropos Schulden: Manchmal – wenn Joe über die Höhen und Tiefen seines Lebens als Erbe des Verbrechens nachgrübelt – fragt er sich, ob Mathew je einen Menschen umgebracht hat. Oder – ja, warum nicht? – womöglich eine Vielzahl von Menschen. Gangster neigen schließlich dazu, sich auf recht blutige Weise miteinander zu streiten, und das Ergebnis dieser Diskussionen sind oft Leichen, die wie nasse Laken über Barhockern oder Autolenkrädern hängen. Gibt es irgendwo einen geheimen Friedhof oder eine Schweinefarm, auf der die Opfer der unbeschwerten Amoralität seines Vaters ihrer letzten Ruhe überlassen sind? Und wenn ja, welche Haftbarkeit erbt sein Sohn in dieser Angelegenheit?
Im Hier und Jetzt wird das Erdgeschoss von Joes Werkstatt und dem Laden eingenommen. Der Ladenraum ist hoch und geheimnisvoll, gefüllt mit Gegenständen unter Staublaken und anderen, die, um dem Holzwurm die Stirn zu bieten, in dickes schwarzes Plastik verpackt und in der äußersten Ecke an die Wand geschoben wurden. Zurzeit handelt es sich bei diesen Objekten hauptsächlich um ein paar Holzböcke oder Bänke, die so aufgestellt wurden, dass sie vielversprechend aussehen, wenn Kunden vorbeikommen. Es gibt jedoch auch noch ein paar Originale – Chronometer, Spieluhren und das Beste: handgefertigte mechanische Automaten, bemalt, geschnitzt und gegossen zu einer Zeit, als ein Computer noch ein Mann war, der zählen konnte, ohne seine Finger zu Hilfe nehmen zu müssen.
Hier drinnen lässt es sich unmöglich ignorieren, wo sich das Lagerhaus befindet. Der Geruch des alten London dringt flüsternd durch die feuchten Regale des Ladenraums und trägt Spuren des Flusses mit sich, doch dank geschickter Baukonstruktion und alterndem Holz ist er nie unangenehm. Das Licht aus den Fensterschlitzen, die hoch über dem Fußboden zur Sicherheit mit Drahtglasscheiben versehen sind, fällt in diesem Augenblick auf nicht weniger als fünf Standuhren aus Edinburgh, zwei Pianolas und ein bemerkenswertes Objekt, bei dem es sich entweder um ein mechanisches Schaukelpferd handelt oder um etwas noch weitaus Gewagteres, für das Joe wohl recht freizügige Kundschaft finden muss. Diese Glanzstücke sind von weniger bedeutsamen Allerweltsartikeln umgeben: Handkurbeltelefone, Grammophone und Kuriositäten. Und dort, auf einem Sockel, steht die Todesuhr.
Sie ist eigentlich nur ein Stück viktorianischer Plunder. Ein schauerliches Skelett in einer Kutte steuert seinen Streitwagen von rechts nach links, sodass es für den Betrachter, der es gewohnt ist, von links nach rechts zu lesen, so aussehen muss, als käme der Wagen direkt auf ihn zu. Die Gestalt hat ihre Sense bequem über den Rücken gelegt, um problemlos ihrem Schnitterhandwerk nachgehen zu können, und ein dürres Ross mit bösem Gesichtsausdruck zieht das Gefährt voran, immer voran. Das nach vorn zeigende Rad bildet eine schwarze Uhr mit schlanken Knochenzeigern. Sie schlägt keine Stunden; die Botschaft soll womöglich sein, dass die Zeit zwar lautlos vergeht, aber doch vergeht. Joes Großvater wies in seinem Testament seinen Erben an, sich mit »besonderer Sorgfalt« um die Todesuhr zu kümmern. Der Mechanismus ist sehr raffiniert, angetrieben von Luftdruckschwankungen; aber als kleiner Junge hat Joe eine furchtbare Angst vor ihr gehabt, und auch als junger Mann hat er mit ihrem unabänderlichen, morbiden Versprechen nichts zu tun haben wollen. Selbst heute, da die dreißig nur noch in seinem Rückspiegel sichtbar ist und ihm von der nächsten Straßenecke aus bereits die vierzig düster entgegenblickt; nun, da seine Haut von den Lötverbrennungen und den Schnitten und Schürfungen ein wenig langsamer heilt als früher und sein Bauch weniger Waschbrett ist als eine gemütliche, wenn auch solide Bank, vermeidet es Joe, sie anzusehen.
Die Todesuhr bewacht zudem sein einziges beschämendes Geheimnis, ein unbedeutendes Zugeständnis an die Vergangenheit und die finanziellen Zwänge des Lebens. In den tiefsten Schatten des Lagerhauses, vor dem undichten Teil der Wand und bedeckt von schäbigen Staublaken, stehen sechs alte Spielautomaten – echte einarmige Banditen –, die er für einen alten Bekannten namens Jorge aufarbeitet. Jorge (»Hooorrr-geh! Leidenschaftlich wie Pasternak!«, wie er neuen Bekanntschaften mitteilt) unterhält eine Reihe von Spelunken, in denen Glücksspiel und andere Laster als Hauptattraktionen angeboten werden. Joes Aufgabe ist es, diese Traditionsmaschinen – die statt bloßen Pennys nun Gutscheine für hohe Geldbeträge und intime Dienstleistungen ausgeben – zu warten und sie systematisch dahingehend zu manipulieren, dass sie nur ganz selten oder auf Jorges persönliche Anordnung hin einen Gewinn ausspucken. Dieser Preis für das Überleben im Uhrmachergeschäft ist ein akzeptabler Kompromiss.
Das darüber gelegene Stockwerk – der Wohnbereich, in dem Joe ein Bett...




