Harler | Das Mädchen mit der roten Laterne. | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 354 Seiten

Harler Das Mädchen mit der roten Laterne.

Aufstieg eines Bettelmädchens in Bombay.
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-7792-0
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aufstieg eines Bettelmädchens in Bombay.

E-Book, Deutsch, 354 Seiten

ISBN: 978-3-7407-7792-0
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Laila erblickte in einem kleinen abgelegenen und vom Staat vergessenen Dorf im indischen Staat Maharadscha die Welt. Kein guter Ort, um die Zeit zwischen Geburt und Tod sinnvoll zu gestalten, mit Liebe zu füllen, seine Zukunft zu planen oder der Welt einen Sinn abzugewinnen. Mit vier Jahren, als ihr Bewusstsein erwachte, litt sie unter der zunehmenden Verachtung ihres Vaters. Ihr Erzeuger verzweifelte daran, dass sie als Mädchen auf die Welt kam. Als armer Gerber gab es für ihn keine Möglichkeit, die erforderliche Aussteuer für seine Tochter aufzubringen? Darum versuchte er, sie zu töten.

Kunsthandwerkmeister,Flugzeugbautechniker,Zeichner,Komponist,Asienkenner,technischer Kaufmann,Pressesprecher DRK-KV- Gladbeck,Gedächtnistrainer. Wohnorte in Deutschland: Gladbeck, Münster, Köln, München und Augsburg

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Kapitel 10 - der Fluss.
Seit ihrem vierten Lebensjahr liebte Laila den Fluss, der ihr Dorf wie einen gespannten Flitzbogen umkurvte. An seinem Ufer spürte sie das pulsierende Leben und die fließende, nicht aufzuhaltende Zeit. Durch gezieltes Ein- und Ausatmen versuchte sie, ihre verkümmerten Energien aufzutanken. Nachdem die Hebamme ihr erklärte, dass der Fluss in den Ganges mündete, verstärkten sich ihre angeborenen Sehnsüchte nach Veränderungen und ihre Träume vom Fliegen. Während der Zeit des Monsuns bewunderte sie seine geballte, reißerische und zerstörerische Kraft. Ihr schien es, als könne er die notwendigen Veränderungen im Dorf, durch seine Zerstörungen, anschieben. Wenn die Pfauen mit ihrem quakenden Geschrei ihre radschlagende Balz ankündigten, hofften alle Dorfbewohner, dass der Monsun endlich das ausgedörrte Land überflutet. Kommt der Tropensturm verspätet, wie im letzten Jahr, verbrennt die Saat. Plätschert der Niederschlag zu heftig und zu lange, spült er die Körner fort. Flutet er wie kleine Sturzbäche vom Himmel, saugt die verkrustete, verhärtete Erde, die Wassermassen nicht auf. Die kleinen Bäche und der anschwellende Fluss trieben alle Hindernisse fort, wickelte sie um Bäume oder karrten sie vor die Hütten. Die Alten im Dorf erzählten wiederholt, obwohl die Zuhörer die Geschichten alle kannten, dass der Himmel vor zwanzig Jahren zur Monsunzeit sich pechschwarz färbte. Die gestandenen Männer auf den Feldern bekamen es mit der Angst zu tun. Heute bleibt der Monsun jenseits der 1500 Meter hohen Berge hängen. An den Felsen verweilten die üppigen Wasserschwaden gleich gefüllten Fischernetzen am Himmel. Wir müssen uns Jahr für Jahr mit den Wolken begnügen, die über die Bergketten ziehen. »Der Klimawandel, ausgelöst durch die Globalisierung hungert uns aus«, klagte der Dorfälteste. Je höher die Tagestemperaturen anstiegen, so lauter zirpten die Grillen. Wenn die Materhitze die 40-Grad-Marke überschritt, drehten viele Dorfbewohner, die an Unterernährung litten, durch. Viele Kreislaufkranke starben vorzeitig und manche Alkoholiker führten Veitstänze auf. Nachdem endlich Sturmböen einen Himmel voller Regenwolken, zu den ausgedörrten Feldern schoben, blieb die Zeit einen Atemzug lang stehen. Binnen Stunden sah die Tiefebene, auf der die Behausungen der Parias standen, wie ein riesiger Stausee aus. Die Ausgegrenzten retteten verzweifelt ihre kargen Armseligkeiten aus ihren Hütten. Aus Sicherheitsgründen schlugen sie auf dem Dorfplatz ihr Lager auf. Die Kobras, die das Wasser aus ihren Löchern spülte, suchten auf dem Hügel, ein trockenes Plätzchen. Auf den Hügeln prügelten Lailas Vater und seine Saufkumpane sie mit Dreschflegel in die steigende Flut. Ihr Erzeuger reckte angetrunken die rechte Hand zum Sternenzelt: »Wir sollten wir bis zum Wiederaufbau unserer Hütten in die Lagerhallen der Großbauern ziehen! » Zögerlich beklatschten ihn seine angesäuselten Kumpel. Die Frauen versuchten vergeblich, ihre Köpfe, wie Schildkröten, einzuziehen. Sie fürchteten den Zorn der Götter. Sie wollten im nächsten Leben nicht gedemütigt werden. Die Betrunkenen marschierten, angeführt von Lailas Papa, zum Dorfbrunnen. Vom Lärm angelockt, wollte der Priester sie anfangs zurückdrängen: Ihre Entschlossenheit ließ ihn zurückschrecken. Anbiedernd erzählte er: »Mahatma Gandhi nannte sie, die Unterklassigen, in die« Kinder Gottes!« Laila bewunderte ihren Vater wie der, mithilfe des Alkohols, über sich hinauswuchs und Leben rettete. Seine Leidensgenossen wählten ihn zu ihrem neuen Anführer. Selbstbewusst ging er mit geschwollener Brust durch die Gemeinde. Alle streunenden Hunde zogen in seiner Nähe ihren Schwanz ein. Zur Erleichterung aller spülte das Hochwasser die getrocknete, vergorene Scheiße aus dem Buchenhain in den anschwellenden Fluss, sodass die Cholera ausblieb. Bei der Schwülwärme schlüpften die Moskitos milliardenfach. In der Folgezeit patinierte der ausgiebige Regen die Landschaft, Häuser und die übrig gebliebenen Hütten. Nach vier Wochen hörte es urplötzlich auf, zu regnen. Am Himmel flimmerten Smaragdlibellen. Sichtbar erneuerte der gewaltige Regen, das gequälte staubige Land. Die Fischarten, die sich in der Trockenzeit in den Boden einwühlten und in eine Art Winterschlaf fielen, erwachten durch den Sturzflugregen zum Leben. Sie krochen aus ihrem unterirdischen Schlammreich in das Nass zurück. Angetrieben durch ihre begrenzte Lebenszeit und aus Angst als Fressfutter zu dienen, schwemmten die Weibchen hastig ihre Eier in die mit ihren Schwänzen aufgewühlten Vertiefungen. Bis zum Erschöpfungswahn spritzten die Männchen ihren Samen darüber. Auf die schachmatten Eltern lauerten wiederum die Fisch- und Bindeseeadler. Über den von den Überschwemmungen befreiten, feuchten Acker- und Wiesenflächen prügelte die Sonne die Flora und Fauna zu Höchstleistungen. Während der Nacht entstanden Wiesen und Blumenteppiche. Die Brennnessel und die Brombeerbüsche kämpften darum, viel von dem Brachland an den Waldrändern zu erobern. Wie ferngesteuert tanzten die Insekten, Libellen, Bienen, Wespen, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer, Moskitos werbend scheinbar Tango. Alle genprogrammierten Grausamkeiten vom Fressen erreichten ihren Höhepunkt. In den Mulden und Tiefebenen bildeten sich vorübergehende Seen. Blätter und Blütenknospen wetteiferten stündlich mit neuen Wachstumsschüben. Es folgten die Zeiten des Überflusses. Die Vogelbrutpaare schafften es ohne große Anstrengungen ihre hungrige Brut, mit Mücken, Larven, Käfern, Fröschen, Würmern, Fischen, Eiern, Mäusen, Ratten zu versorgen. Alle überflüssigen alten Heiligen Kühe sowie alle altersschwachen Ochsen vertrieben die Besitzer in der langen Dürrezeit mit Schlägen aus dem Dorf. Obwohl die Besitzer hungerten, aßen sie das Fleisch als strenggläubige Hindus nicht. Ein unwiderstehlicher Duft ihres nahen Todes wehte durch die Luft. Er zog die sexbesessenen, weiblichen Insektensauger und die Fliegen magisch an. Von der Verwesung angelockt tauchten urplötzlich die Geier von den Aufwinden getragen, am Himmel auf. Voller Hoffnungen eilte Lailas Vater zum signalisierten Fundort. Dort löste er, zum Ärger der Vögel, mit einem Dreizackmesser, das Fell von den fettlosen Rinderkadavern. Er schabte die Fleischreste von der Haut und säuberte sie mit einer Bürste im Fluss. Um bei der hohen Luftfeuchtigkeit die lästigen Blut saugenden Moskito- und Fliegenweibchen abzuwehren, tauchte Laila am Flussrand ihren Kopf und Oberkörper in das brausende Wasser. Im Vorjahr beobachtete sie den Selbstschutz bei den Ziegenantilopen. Geeta, ihre Schwester, kopierte ihre Vorgabe. Ihre beiden Brüder plärrten ausgiebig über die Plageviecher, die ihnen in die Münder, Nasenlöcher, Ohren und Augen krochen. Anstatt ihre Köpfe ab und an in die kackbraune, sämige Brühe zu stecken, schauten sie vorwurfsvoll auf ihre Schwestern. Wenn ihnen ihr Vater den Trick mit dem Untertauchen zeigte, wären sie ihm vor Verehrung um den Hals gefallen. Nach der kurzen Regenzeit begannen die Unberührbaren damit, den bestialisch stinkenden Schlamm mit großen Holzschabern in den Fluss zu schieben. Nach dem Abzug der Fluten fingen die Erwachsenen und die Kinder an, ihre primitiven Hütten mit Lehm, Stroh, Holz, Schilf aufzubauen und mit Palmblättern abzudichten. Aus der Überlieferung erkannten die Großväter, wo das Wasser des Stromes die Lehmböden abschliff. Mit einem Halteseil abgesichert tauchten die jugendlichen Schwimmer auf den Grund. Dort stachen sie mit einem kleinen Spaten ziegelsteingroße Fliesen aus dem Flussbett. Mit jeder Lehmplatte schwammen sie zum Ufer, um diese den wartenden alten Männern zu übergeben. Die legten jede zum Trocknen in die Sonne. Damit sie eine schützende und glänzende Oberfläche bekamen, rieben die Frauen alle mit Kuhmist ein. Nach ihrer Paarung stellten die Grillen schlagartig ihr Zirpen ein. Die Reiher schrien weiterhin wie knallende Peitschen vor Freude über die reiche Fischbeute in dem aufgewühlten lehmbraunen, sämigen Fluss. Zielsicher routiniert und ausgelassen bauten die Männer ihre Behausungen, ohne statische Berechnung an den gleichen Standorten auf. An der Stelle, wo das Wasser die Fundamente fortspülte, erweiterte Lailas Vater ihre kleine Hütte. Mit dem Ende der Regenzeit strömten die Frauen mit ihren bunten Saris auf die Felder. Sie schnitten büschelweise das Getreide und die Reisähren von den Halmen. Für die Kinder öffnete sich die schönste Jahreszeit, sie durften vorübergehend ihrem Urtrieb nachgehen und sich wie die Schweine im Matsch wälzen. Während die...



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