E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Harler Nachtschatten im Revier
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-7798-2
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Psychothriller
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7407-7798-2
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Gehirn warnte Mettermann sen. im Halbschlaf vor einer unheimlichen Bedrohung im Revier. Wurde er schleichend senil? Mehrmals schüttelte er das weißhaarige Haupt, um das Unwohlsein loszuwerden. Als er seiner Frau am Kaffeetisch von seinen Ängsten erzählte, schlug sie theatralisch die Hände über den Kopf zusammen. Um ihn nicht zu kränken, schaltete sie auf Fürsorge und Verständnis. Als Kind erlebte er die Auswirkung der Bombenkriegsjahre. Nach der Hitlerzeit arbeitete er als Bergmann 35 Jahre über und unter Tage. Da bleiben Ängste bis zum Lebensende. Einfühlend, als spräche sie mit einem Kind, murmelte sie: »Alles wird gut! »Sie goss aus der Thermoskanne eine Tasse Kaffee nach und meinte: »Um endlich Nestwärme zu spüren, heirateten wir Kriegskinder, die ohne Väter aufwuchsen, vor der Volljährigkeit von 21 Jahren. In der Regel ehelichten wir junge Dinger, wie mein Großvater uns heranwachsende Mädchen nannte, einen Jungen aus der Zechensiedlung, der im Pütt arbeitete. Am Morgen nach seinem Horrortraum suchte Mettermann sen. den Emscherfluss in Altenessen auf. An der Stelle wollte er erkunden, ob dort eine zerfetzte Leiche lag, die ihn im Traum abstoßend verschreckte. Um endlich seine Anspannung abzubauen, befuhr der Rentner die Radwege der begrünten Berghalde in Gladbeck Brauck. Am Wegesrand kämpften Brennnessel, Holunder- und Brombeersträucher, die Immobilienhaie der Natur, um die Herrschaft. Beim Radeln auf der Altenessener Straße bis zur Emscherbrücke, wurde es ihm unheimlich zumute. Der Herzschlag vibrierte unregelmäßig. Seine Schweißdrüsen durchnässten sein T-Shirt auf der Brust. Seine flatternde Angst zwang ihn, vom Fahrrad abzusteigen, um durchzuatmen. Bis die Herzattacke verschwand, umklammerte er den Stamm einer jungen Birke. Oben auf den begrünten, eingezäunten Deichen, beobachtete er in dreihundert Meter Entfernung den Pulk von Krähen und Elstern. Verkrampft zwang er sich, sein Gefährt weiter zu schieben. Vom Frühjahr bis zum Herbst raschelten die spargelförmigen Blätter der Pappeln, ständig das Lied vom Tod. In Trance ging der Rentner, trotz seiner steigenden Herzschläge zu den allesfressenden Vögeln. Beim Näherkommen sah er, dass die Tiere ihre blutigen Schnäbel in eine skelettierte Gestalt hackten und Fleischstücke herausrissen. Aus Furcht vor einer neuen Herzattacke massierte der Radler mit seiner rechten Hand, seine linke Brustseite. Instinktiv griff er erneut zum Nitrospray. Am liebsten wäre er davongeschlichen.
Kunsthandwerkmeister,Flugzeugbautechniker, technischer Kaufmann, Zeichner, Musiker,Asienkenner (Schwerpunkte: Türkei, Iran,Afghanistan, Pakistan und Indien.) Autor,Gedächtnistrainer und Pressesprecher beim DRK-KV-Gladbeck. Wohnorte in Deutschland: Gladbeck, Münster, Köln, München und Augsburg.
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1. Kapitel - Vorwort
Das Gehirn warnte Mettermann sen. im Halbschlaf vor einer unheimlichen Bedrohung im Revier. Wurde er schleichend senil? Mehrmals schüttelte er das weißhaarige Haupt, um das Unwohlsein loszuwerden. Als er seiner Frau am Kaffeetisch von seinen Ängsten erzählte, schlug sie theatralisch die Hände über den Kopf zusammen. Um ihn nicht zu kränken, schaltete sie auf Fürsorge und Verständnis. Als Kind erlebte er die Auswirkung der Bombenkriegsjahre. Nach der Hitlerzeit arbeitete er 35 Jahre über und unter Tage. Da bleiben Ängste bis zum Lebensende. Einfühlend, als spräche sie mit einem Kind, murmelte sie: »Alles wird gut! »Sie goss aus der Thermoskanne eine Tasse Kaffee nach und meinte: »Um endlich Nestwärme zu spüren, heirateten wir Kriegskinder, die ohne Väter aufwuchsen, vor der Volljährigkeit von 21 Jahren. In der Regel ehelichten wir junge Dinger, wie mein Großvater uns heranwachsende Mädchen nannte, einen Jungen aus der Zechensiedlung, der im Pütt arbeitete. Den Gedanken, was wäre aus uns ohne Hitler geworden, verdrängte das Ehepaar! Sie strich ihren Mann fürsorglich über die wenigen ergrauten Haare: »Ich danke dem Herrgott, dass wir vor 50 Jahren heirateten. In unserer Ehe streichelten mich ab und an meine Glückshormone. Das soll was heißen, bei meiner nicht ausgelebten Kindheit im Keller von zerbombten Häusern! « Erich wurde 1943 während des Krieges geboren. Nach 1945 gab es vor allem tote Großväter, Väter, altere Brüder, Täter und Mitläufer, zerstörte Häuser und keine Nahrung. Kurz nach der Währungsreform von 1948 boomte wie aus dem Nichts die Wirtschaft im Revier. Die Produktion von Stahl und der Abbau von Kohle liefen auf vollen Touren. Der Staub verdunkelte die Tage. Krakenartig nagte er an den Bronchien der Bewohner. Manchmal schielte die Sonne durch die mit Abgasen vergifteten Wolken. Aus Ermangelung an Sonnenlicht tranken die Kinder im Monat literweise Lebertran und steckten ihre Gesichter unter die Höhensonnen. Wenn ein Kind nicht gehorchte, wurde es von den frustrierten Erwachsenen, Eltern, Lehrern, Pfarrern ins Gesicht geschlagen. In Krisenzeiten sind Kinder gefährdet und nichts wert. Nach der Währungsreform diente der steigende Wohlstand dazu, die erfrorenen Seelen der Nazigeneration von ihren Albträumen, zu erlösen. Schuld war nur einer. Der brachte sich aus Feigheit um. Ab 1952 lernte Mettermann Berglehrling auf der Schachtanlage Gladbeck-Zweckel. Im ersten Lehrjahr arbeitete er über Tage am Leseband, wo er die schweren und leichten Steine von allen Kohlebrocken trennte. Das zweite Jahr war für ihn erfüllender, er wechselte zwischen der Schreinerei, der Schlosserei und der Schmiede hin und her. Im dritten Lehrjahr malochte er unter Tage. Erst als Handlanger im Grubenausbau und im Gedinge. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Sonne, Regen und Wind vergeblich das Revier vom Kohlenstaub und Benzoldüften zu befreien. Erst das Zechensterben sowie die modernen Filter in den Kohlekraftwerken schlugen an wolkenfreien Tagen, eine blaue Schneise zum Himmel. Seitdem sangen die Nachtigallen, die Singdrosseln in den Bergmannssiedlungen um die Wette. Die Ärzte mussten von Jahr zu Jahr weniger Theofenin und Cortison gegen Atemnot, ausgelöst durch Steinstaub, spritzen. Damit eine Barbarei wie im Zweiten Weltkrieg sich nicht wiederholte, stellten die politisch Überlebenden in der A-denauerzeit immer strengere absurde Regeln und Gesetze auf! »Betreten des Rasens verboten, Kehrwoche, Hausordnungen, Kännchen Kaffee vor dem Lokal. Alle kleinen Mädchen, mit ihren Einheitszöpfen wurden von ihren Eltern veranlasst, vor den Erwachsenen einen Knicks zu machen«. Erich Mettermann sen. morgendlicher Katzenjammer über seinen geschundenen Körper sowie über seine verstaubte Lunge verflog erst, wenn seine Frau aus dem ersten Stock energisch rief. »Der Kaffee ist fertig! «Jede hektische Bewegung beim Aufstehen verursachte in seinem Kopf, leichte Schwindelanfälle. Der Hausarzt leierte wie ein Automat, wenn er ihm seine Leiden vortrug: »Ach Herr Mettermann, die Krankheiten überfallen uns im Alter. Sie verzeihen keine Jugendsünde. Treiben sie Sport, stellen sie das Rauchen ein, trinken sie keinen Alkohol und achten sie auf gesunde Ernährung. Sein geschwächter Körper zwang ihn seit Jahren, auf Sparflamme zu leben. Abends wagte er nicht, eine Flasche Bier zu trinken. Um seine Gesundheit zu verlängern, fuhr er seit seiner Frühverrentung an regenfreien Tagen mit dem Fahrrad 25 Kilometer. An schönen Tagen bis nach Haltern und zurück. »Auf allen Friedhöfen im Revier liegen ehemalige Bergleute, die vorzeitig an Steinstaub starben«, sagte Vater Mettermann. Bedächtig rührte er seinen Kaffee um. Die zerrinnende Zeit, die ihm als Kind wie eine unendliche Zukunft vorkam, entpuppte sich, als eine kurze Vergangenheit. Seit seiner Pensionierung litt er an Herzrhythmusstörungen, zu hohen Blutdruck und Diabetes. Wenn er sich unwohl fühlte, rätselte er darüber, ob die vielen Tabletten, die er morgens, mittags und abends schluckte, gezielt seine Krankheiten behandelten. Bevor endlich im Herbst 1945 die Schulen begannen zu unterrichten, bestanden die katholischen und evangelischen Verantwortlichen auf konfessionelle Trennung. Erst die Bombennächte im Bunker und die täglichen Horrormeldungen im Religionsunterricht vom Fegefeuer und von der Gluthitze in der Hölle. Für ein Kind bedeutete das, eine schleichende Belastung bis zum Lebensende. Die Zechenregenten, die für den boomenden Wiederaufbau, massenhaft Bergleute benötigten, warben vor allem viele junge Bayern an. Dort unten in der Vorhölle der Bergwerke arbeiteten die Kriegsheimkehrer, die Vertriebenen und ihre heranwachsenden Söhne, gegen die Albträume des Krieges an. Erich, ohnehin kriegs- und pfarrergeschädigt, mit dem Körper eines mageren Heranwachsenden. Ohne Vorbilder für eine Weiterbildung ließ sich mit 13 Jahren von der Bergwerksgesellschaft, als Berglehrling ausbilden. Seine Mutter, seine Schwestern und er dümpelten mit ihrer Witwenrente abgemagert dahin. Ohne den 320 Quadratmeter großen Garten, in dem sie Kartoffeln und Gemüse anpflanzten, wären sie verhungert. Mehr als 10 % Bildungsbürger, die alle aus der Mittel- und Oberschicht kamen, benötigte das Revier nicht. Malocher waren gefragt. In den Stahlwerken und den Bergwerken beschäftigten die Bosse ausschließlich Arbeiter. Mit 48 Jahren wurde Erich wegen der Zechenschließungen pensioniert. Erst in der Pubertät aus der Schule gelockt und als überflüssiger Mensch, ohne Wert, abgeschoben. Das Öl verdrängte die Kohle. Die Zechen in seiner Nähe, Gladbeck-Zweckel und Gelsenkirchen-Scholven schlossen. Über Nacht eignete er sich den ziellosen, schleppenden Gang, der Menschen, der Aussortierten an. Statt Arbeitsplätze für alle zu schaffen, versuchten die verbliebenen Behörden, das Revier erst zum größten Freizeitpark Deutschland auszubauen. Ständig entstanden in den Fußgängerzonen im Revier neue Drogerie-, Bäckereifilialen, Spielhallen sowie Textilbilligketten. Gelsenkirchen führte die Arbeitslosenstatistik im Ruhrgebiet an. Die Städte litten unter den Sozialkosten. Trotz seines zu hohen Blutdruckes, seines Altersdiabetes, seines leichten Asthmas versuchte Erich, seinen jugendlichen Bewegungsdrang zu behalten. Eigenartigerweise fiel ihm das Laufen, aber nicht das Radfahren schwer. Seine Frau legte im Laufe der Jahre zuhause einen Emmentaler Blumengarten mit viel Ausdauer an. Im Sommer glaubte sie, kämen seltsame extrem bunte Schmetterlinge aus Afrika eingeflogen. Helga, Erichs untersetzte vollschlanke Frau besaß ein zufriedenes faltenloses Rundgesicht, mit Augen wie dunkle Kirschen und mit einer kindlichen Stupsnase. Ihre viel zu dicken hochgeschnürten Brüste und ihre viel zu kurzen Beine verliehen ihr zwangsläufig ein Zuviel an Bodenständigkeit. In der Volksschule, mit Lehrern, die Hitlers Abartigkeiten tolerierten, fühlte sie sich orientierungslos. Mit 14 Jahren lernte sie im Zweckeler Konsum, an der Ecke Beethovenstraße Verkäuferin. Als sie ihren Mann beim Tanzen in der Gaststätte Kiekenberg, an der Feldhauser Str. kennenlernte, wohnte er mit seinen 22 Jahren bei seinen Eltern. Während sie ihn nach einem halben Jahr heirateten, zogen sie in das obere Schlafzimmer ihrer Schwiegereltern. Drei Jahre später mieteten sie ein Zecheneckhaus an der Arenbergstraße. Dort blieben sie wohnen. Ihr Sohn Ralf, der Arzt und Profiler startete als Frühchen im Brutkasten des St.-Barbara-Krankenhauses in Gladbeck. In den ersten Tagen schrammte er Millimeter am Tod vorbei. Bis zu seinem 10. Lebensjahr hinkte er den meisten Kindern geistig und körperlich hinterher. Dass er nicht in der Fröbelschule landete, verdankte er einer Lehrerin, die ihm Nachhilfeunterricht erteilte und ihn sprachlich förderte. Um seine geistigen Fähigkeiten zu stabilisieren, brachte sie ihm das Klavierspielen bei. Sein Vater, der...




