E-Book, Deutsch, Band 2, 393 Seiten
Reihe: Bird-and-Sword-Reihe
Harmon Queen and Blood
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7363-0777-3
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 393 Seiten
Reihe: Bird-and-Sword-Reihe
ISBN: 978-3-7363-0777-3
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Kein Geheimnis, kein Kummer, nichts verborgen und verlor'n. Sahen nicht, was sein würde oder was war - sahen nur das Jetzt und Hier. Sie sah ihn. Er sah sie. Und nichts außerdem.'
Kjell von Jeru kannte seinen Platz - Soldat, Krieger der Krone, Bastardbruder des Königs - und war damit zufrieden. Doch seitdem er seine Gabe als Heiler erkannt hat, ist die einfache Ordnung seiner Welt aus den Fugen geraten. Als er eine junge Frau sterbend in der Wildnis findet, rettet er ihr mithilfe seiner Kräfte das Leben. Die geheimnisvolle Sasha, die nichts über ihre Vergangenheit weiß, hält sein Herz vom ersten Moment an ihn ihren Händen, ganz gleich, wie sehr er sich dagegen wehrt. Doch als Sashas wahre Identität ans Licht kommt, droht ihre Liebe an der Wirklichkeit zu zerbrechen ...
'Ich bin so überwältigt von diesem Buch, dass ich weinen möchte.' Natasha's Book Junkie Blog
Band 2 der 'Bird & Sword'-Reihe
Amy Harmon wusste schon als Kind, dass sie einmal Schriftstellerin werden würde. Sie wuchs ohne Fernseher auf und hat ihre Freizeit mit Lesen und Singen verbracht. Später arbeitete sie als Lehrerin und war Mitglied des Saints-Unified-Gospel-Chors, der 2005 einen Grammy erhielt. Weitere Informationen unter: www.authoramyharmon.com
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1. KAPITEL
»Alles hat seinen Ursprung. Jeder Ort. Jeder Mensch. Wir entstammen dem Bauch einer Frau, die ebenfalls dem Bauch einer Frau entstammte. Wir erben Gaben und Schwächen, wir werden in Triumph und Zwietracht geboren, in Freundlichkeit oder Gleichgültigkeit gehüllt, und wir lernen und leben mit anderen, die ihre eigene Ursprungsgeschichte, ihre eigene Last und ihre eigene Vergangenheit haben.«
Sasha sprach in einem leisen Singsang, während sie den fiebrigen Kopf ihrer Herrin kühlte und ihr dabei Geschichten erzählte, die der alten Frau Trost spenden und sie von ihren Schmerzen und ihrer Furcht ablenken sollten. Der Tod schlich bereits um die kleine steinerne Hütte, klopfte an die Tür, lugte durch die Fenster und wartete ungeduldig darauf, sich sein Opfer zu holen.
»Wie lautet deine Ursprungsgeschichte, Sasha?«, wollte die alte Frau wissen, wie schon Hunderte Male zuvor.
»Ich kenne meine Herkunft nicht, Mistress Mina«, antwortete Sasha.
»Dann musst du dich auf die Suche danach machen«, verlangte die alte Frau matt.
»Und wo soll ich suchen?«, erwiderte Sasha geduldig. Das Gespräch war schon beinahe zum Ritual geworden.
»Deine Gabe wird dich führen.«
»Warum nennt Ihr es immer wieder Gabe?«, entgegnete Sasha.
Mina seufzte. »Du weißt, warum. Du kennst die Legende. Erzähl mir die Geschichte noch einmal.«
Sasha seufzte nicht, obwohl sie die Geschichte schon so oft erzählt hatte, dass sie ihr fade und abgenutzt erschien, jeglicher Magie und Wahrheit beraubt. Ihre Herrin behauptete jedoch, dass es die Ursprungsgeschichte der ganzen Menschheit sei und daher auch Sashas.
»Mit Worten hat Gott Welten erschaffen«, begann Sasha, und die alte Frau entspannte sich. Sie schloss die Lider und lauschte der Geschichte. Sasha sprach sanft, beruhigend, und auch sie fand Trost in der Erzählung. »Mit Worten hat er Tag und Nacht erschaffen, Wasser und Luft, Bäume und Sträucher, Vögel und andere Tiere. Und aus dem Staub und der Erde dieser Welten hat er seine Kinder gemacht, zwei Söhne und zwei Töchter. Er formte sie nach seinem Ebenbild und hauchte Leben in ihre Lehmkörper«, wiederholte sie pflichtbewusst.
»Das stimmt«, murmelte Mina und nickte. »Du erzählst die Geschichte so schön. Sprich weiter.«
»Am Anfang schenkte der Schöpfer jedem Kind ein Wort. Es war ein mächtiges Wort, das ihnen eine besondere Fähigkeit verlieh. Eine kostbare Gabe, die sie auf ihrer Reise durch ihre Welt leiten sollte. Einem Sohn wurde das Wort ›wandeln‹ gegeben, was ihm die Gabe verlieh, sich in die Tiere des Waldes oder Wesen der Luft zu verwandeln. Eine Tochter erhielt das Wort ›spinnen‹, und sie konnte alle möglichen Dinge zu Gold spinnen. Gras, Blätter, sogar ihre Haare. Das Wort ›heilen‹ wurde dem zweiten Sohn gegeben, damit er die Krankheiten und Verletzungen seiner Geschwister kurieren konnte. Die zweite Tochter bekam das Wort ›weissagen‹, und sie konnte die Zukunft vorhersagen. Manche behaupteten sogar, dass sie die Zukunft mit der Macht ihrer Worte gestalten konnte.
Die Spinnerin, der Wandler, der Heiler und die Weissagerin lebten lange und hatten viele Kinder, doch selbst mit gesegneten Worten und Wunderkräften war das Leben in ihrer Welt gefährlich und schwierig. Oftmals war Gras nützlicher als Gold. Ein Mensch wünschenswerter als ein Tier. Der Zufall verführerischer als Wissen, und das ewige Leben war ohne Liebe völlig bedeutungslos.«
»Völlig bedeutungslos«, wiederholte Mina und fing an zu weinen, als ob die uralte Geschichte ihr eigenes Leben widerspiegelte. Statt Sasha zum Weitersprechen aufzufordern, spann sie die Geschichte nun selbst weiter und hob mit schwacher Stimme die Einzelheiten hervor, die ihr am wichtigsten waren.
Als die Stimme der alten Frau schließlich verebbte und die Tränen auf ihren Wangen trockneten, stand Sasha auf und leerte die Schüssel mit lauwarmem Wasser vor der Hütte aus. Die Tür ließ sie offen, damit sie schnell zurückkehren konnte, falls die alte Frau nach ihr rief.
Dabei ging ihr die Ursprungsgeschichte nicht aus dem Kopf. Ihre innere Stimme erzählte weiter von dem Wandler, der Spinnerin, dem Heiler und der Weissagerin und den Kindern, die nach ihnen kamen. Hunderte von Jahren. Generation um Generation feierte man die Magischen und verehrte sie, bis die Gaben immer öfter vergeudet und missbraucht und schließlich begraben und verleugnet wurden, weil die wenigen, die noch darüber verfügten, sich Hass und Anfeindungen ausgesetzt sahen.
Nach und nach wurden Weissager, Heiler, Wandler und Spinner vernichtet. Die Soldaten des Königs hackten den Spinnern die Hände ab. Man verbrannte die Weissager auf dem Scheiterhaufen, jagte die Wandler wie die Tiere, deren Gestalt sie annahmen, und steinigte die Heiler auf den Marktplätzen, bis selbst die Magischen Angst vor ihren besonderen Fähigkeiten bekamen und ihre Gabe – gleich, worin sie bestand – vor allen anderen verbargen.
In Solemn herrschte Totenstille; jegliches Leben und Licht schien erloschen; die sengende Hitze des Tages schlummerte mit dem gebeutelten Dorf. Da durchschnitt plötzlich ein Schrei die Luft. Sasha wappnete sich für den Namen, der aus dem Klagelaut entstand. Als sie ihn hörte, trieb ihr die Bestätigung ihrer Befürchtung Tränen in die Augen, und ihre Lippen bebten. Ein weiteres Kind war gestorben. Edwin. Der kleine Junge mit dem schiefen Bein.
Die Schwächsten traf es zuerst.
Mit müden Schritten entfernte Sasha sich von den Reihen der Hütten und den etwas robusteren Häusern der Dorfältesten, um zu dem Wasserfall zu laufen, der sich in die Schlucht ergoss. Er lag zwar weiter entfernt vom Dorf als der Fluss im Osten, aber sie nahm an, dass sie das Wasser dort unbeschadet trinken konnte. Das Flusswasser hatte Mina krankgemacht. Als es ihrer Herrin immer schlechter ging, war Sasha zu dem freundlichsten der Ältesten gegangen, Minas Bruder, und hatte ihn gebeten, die anderen zu warnen, damit sie kein Flusswasser mehr tranken. Sie hatte ihm gesagt, dass sich im Wasser irgendetwas Dunkles befände, das Krankheiten hervorrief. Minas Bruder beriet sich mit den Ältesten. Keiner der Männer fühlte sich krank, obwohl sie das Wasser aus dem östlichen Fluss seit langer Zeit tranken. Sie behaupteten, dass Sasha verrückt sei und den Leuten mit ihrer Warnung nur unnötig Angst machen würde. Sie drohten Sasha damit, ihr die Zunge abzuschneiden, wenn sie sie nicht im Zaum hielte.
Vor Kurzem hatte ein schrecklicher Krieg im Königreich Jeru gewütet. Unrecht wurde gerichtet. Unterdrückung besiegt. In den Dörfern der Provinz Quondoon hatte sich seither dennoch wenig verändert. Die Händler kamen mit Waren und Geschichten aus Jeru City nach Solemn. Sashas Herrin hatte bei den Ältesten gesessen und sich die Erzählungen über den mächtigen König Tiras angehört, der fliegen konnte wie ein Vogel und die alten Gesetze abgeschafft hatte. Die Ältesten schimpften, dass die mit der Gabe nun überall frei herumlaufen und Unheil anrichten konnten, obwohl noch nie jemand einen Spinner oder Heiler in Solemn gesichtet hatte. Im nahe gelegenen Dorf Doha gab es Wandler – einen alten Mann und ein Kind. Sie konnten jedoch nur einen Teil ihres Körpers verwandeln und sich Flügel oder kräftige Tierbeine wachsen lassen. Sasha hatte sie nie zu Gesicht bekommen, doch die Ältesten redeten verächtlich über sie, lachten über ihre Eigentümlichkeit und sagten, es sei eher ein Fluch denn eine Gabe. Die Händler brachten auch Geschichten aus Bin Dar mit – der Provinz, die nördlich von Quondoon lag. Sie erzählten von großen Vogelmenschen, die Nester bauten und Menschenfleisch fraßen, doch auch die hatte man in Solemn noch nicht gesehen. Sasha war keine Wandlerin oder Spinnerin, keine Heilerin und auch keine Weissagerin. Ihre Gabe war völlig anders. Niemand zog über Sasha her, aber das Schweigen der Dorfbewohner bedeutete deswegen noch lange nicht, dass sie sich sicher fühlen konnte. Sasha hegte kein Vertrauen in einen König, der so weit entfernt lebte, und seine Gesetze, die angeblich jeden schützten. Sogar Sklaven.
Sein Gesicht war unvergesslich, und doch konnte sie sich nicht daran erinnern. Obwohl es Nacht war, erkannte sie ihn ganz deutlich. Wie ein Schatten beugte er sich unter dem angenagten Halbmond über sie. Seine Augen waren wie das Meer, blau und stürmisch, sein Mund ankerte sie und versprach ihr Dinge, die sie davon abhielten, davonzuschweben. Seine Hände waren sanft, seine Worte rau, und als er sie bat, mit ihm zu kommen, folgte sie ihm, entstieg ihrem Körper und wurde ein neuer Mensch.
Sie fanden sie trotzdem.
Gestalten tauchten im Nebel auf und verschwanden wieder, veränderten sich und suchten. Menschen schrien, Schatten flogen durch die Luft, schossen herab und schnappten zu. Sie versteckte sich und presste sich flach auf den Boden, das Gesicht im Schmutz vergraben. Sie rang nach Luft, doch sie verschluckte sich an Erdkrümeln. Ihr Tuch vors Gesicht gedrückt kroch sie voran. Kein Laut war zu hören. Sie versuchte zu rufen und spürte, wie sich sein Name auf ihren Lippen formte, ein Wort, das sie nicht hören konnte. Ein Name, den sie nicht kannte.
Flapp, flapp, flapp.
Das Geräusch hallte in ihrem Kopf und ihrer Brust wider, doch dann wirbelte ein lautes Klopfen die Welt der Schatten und des fliegenden Todes fort.
Sasha merkte, dass sie zu nah am Feuer eingeschlafen war.
Wieder einmal.
Ihre Haare und ihr Gesicht waren gewiss mit Ruß verschmutzt, und sie hatte Asche eingeatmet. Im Haus war es eigentlich zu warm für ein Feuer, aber Mina hatte gefroren und das Kohlefeuer brannte noch,...




