E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Harmsen Nazi und Kommunist
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8393-0178-4
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei deutsche Leben
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8393-0178-4
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Torsten Harmsen, geboren 1961, lernte Schriftsetzer und studierte Journalismus. Seit 1988 arbeitet er als Redakteur in der Berliner Zeitung, zuletzt im Feuilleton und im Wissenschaftsressort. Im BeBra Verlag erschienen von ihm bereits die Bücher »Neulich in Berlin«, »Der Mond ist ein Berliner« und »Berlin brummt«.
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Otto
wächst als Junge in Hamburg auf und gerät als Jugendlicher in ziemlich aufmüpfige Kreise
Geboren wurde ich an einem Julitag 1902 in Billbrook, einem kleinen Ort am Rande Hamburgs. Der Fluss Bille trennte unseren Ort von Schiffbek, einem Arbeiterbezirk. Unser Haus stand direkt am Fluss. Im Erdgeschoss lag die Werkstatt meines Vaters, daneben unsere Wohnung. Mein Vater hieß William und arbeitete als selbstständiger Sattlermeister, man sagte auch »kleiner Krauter«. Als Matrose war er bis nach Afrika gekommen. Dann hatte er Maria, eine Bauerstochter aus Schleswig-Holstein, kennengelernt und sich in Billbrook niedergelassen. Mutter führte den Haushalt und half dem Vater bei den Geschäften. Der flickte das Pferdegeschirr für die Bauern in den Dörfern der Umgebung. Manchmal nahm er mich auf seinem Fuhrwerk mit zu den Bauernhöfen. Wir fuhren durch die flachen Marschlande mit ihren Feldern und großen Wiesen.
Mein Vater war sehr liberal, tolerant und kunstinteressiert. Meine älteren Schwestern Selma, Olga und ich wurden frei erzogen und durften uns viel erlauben. Als ich elf war, übernahm ein strammer, diensteifriger Stadtpolizist die Aufsicht über unseren Ort. Er hieß Posekat und hatte unseren gemütlichen Landgendarmen abgelöst, denn unser Städtchen Billbrook gehörte seit Kurzem zu Hamburg. Ich war damals klein, pummelig und hatte einen hellblonden Bürstenschnitt. Mit meinen Schulfreunden Franz und Karl zog ich durch die Gegend. Wenn wir Posekat mit seinem Köter sahen, versteckten wir uns und riefen »Putz die Katz«. Das hieß so viel wie: »Jag’ die Katze.« Posekat war natürlich überhaupt nicht begeistert, dass wir seinen Namen verunstalteten. Er versuchte uns bei irgendeiner schlimmen Sache zu erwischen.
Eines Tages war es soweit, zu Ostern 1914. Er überraschte uns, als wir im Graben am Rande eines Feldes Gras zusammentrugen und Streichhölzer hervorholten, um den Haufen anzuzünden. Als ich das erste Holz anriss und die Flamme an den Grashaufen halten wollte, stürzte Posekat mit seinem Köter aus der Deckung hervor. Wir schrien »Putz die Katz!«, ich ließ die Streichhölzer fallen, und wir rannten davon, quer übers Feld zur nahen Eisenbahnlinie. Erst als wir beim Bahnhof waren, hielten wir an und keuchten.
Der Polizist war unterdessen nach Billbrook zurückgetrottet, um uns aufzulauern. Als wir uns sicherer fühlten, gingen auch wir zurück. Der große sommersprossige Karl lästerte: »Putz-die-Katz wird zu Hause sitzen, und seine Alte wird ihm ein Fußbad machen, weil ihm die Beine wehtun.« Wir spähten über Straßen und Felder, ob er nicht irgendwo zu sehen war. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass er im Garten eines Bekannten hinterm Zaun lauerte. Gerade als wir vorbeiliefen, stürzte er durch das Tor und ergriff ausgerechnet mich, während die anderen wie der Wind flüchteten.
Posekat packte mich brutal an den Armen und fesselte meine Handgelenke mit der Hundeleine auf dem Rücken, sodass mir fast die Hände erstarben. »Ab geht’s!«, sagte er und versetzte mir einen kräftigen Puff. Ich trottete am einen Ende der Leine, der Hund am anderen. Als wir auf dem Weg zu unserem Haus an einer Fabrik vorbeikamen, hörte ich die Arbeiter murren: »So ein kräftiger Kerl hat Angst vor so einem kleinen Jungen!« Posekat war es wohl peinlich, er löste die Hundeleine und führte mich am Kragen weiter.
Meinem Vater fiel vor Schreck beinahe das Werkzeug aus der Hand. »Was hast du getan? Einen Brand gelegt?«, fragte er, und er wurde knallrot vor Ärger, wohl vor allem darüber, dass sein Sohn so dumm war, ihm die Polizei ins Haus zu schleppen. Als Posekat und sein Köter befriedigt von dannen gezogen waren, machte er mich zur Schnecke, wie ich es bis dahin bei meinem ruhigen, gutmütigen Vater noch nicht erlebt hatte. Ich war tief gekränkt, bebte, heulte und stieß empört hervor: »Putz-die-Katz lügt. Wir haben gar keinen Brand gelegt. Wir wollten doch nur ein Osterfeuer machen!«
Mein Vater war auf einen Schlag ruhig. Ein Osterfeuer! Na klar! Jedes Jahr zogen die jungen Leute hinaus auf die Felder und brannten ihre kleinen Osterfeuer ab. Den Bauern kam dieser Brauch, der auf dem Lande verbreitet war, sogar gelegen, weil er dafür sorgte, dass ihre Gräben sauber wurden. Der Stadtpolizist Posekat konnte diese Sitte natürlich nicht kennen.
Ich aber fand es himmelschreiend ungerecht, was er mit mir gemacht hatte, und ich sagte schluchzend: »Putz-die-Katz hat mich sogar mit der Hundeleine gefesselt und mich durch die ganze Stadt getrieben. Jeder hat’s gesehen.« Mein Vater haute mit der Faust auf den Werkstatttisch, sodass die Zangen, Messer und Ahlen umherhopsten. Und dann schimpfte er: »Das sind ja nette Methoden, die hier einziehen! Kinder wie Schwerverbrecher zu behandeln. Na, der soll mir noch mal übern Weg laufen …«
Und er lief ihm übern Weg. Posekat besaß nämlich ein Pony und kam einige Tage später, um sich das Zaumzeug von meinem Vater machen zu lassen. Der empfing ihn frostig: »Sie kommen hier so einfach wieder an? Sie glauben doch nicht, dass Sie sich an meinem Sohn vergreifen können, und nach ein paar Tagen ist alles wieder vergessen. Für Ihr Pony können Sie sich einen anderen Sattler suchen!« Wortlos, verblüfft verließ Posekat den Laden. Ich war ungeheuer stolz auf meinen Vater.
Wenige Monate danach schien alles, was bis dahin geschehen war, völlig unwichtig zu sein. Wir lebten im Jubel. Die Kriegsbegeisterung des Augusts 1914 hatte auch mich und meine Freunde in der Schule gepackt. Wir waren alle Patrioten. Auf den Eisenbahnwagen, mit denen die Soldaten in den Krieg fuhren, standen Sprüche wie: »In der Nacht, wenn die Liebe erwacht, kriegen die Franzosen ihre Tracht« oder »Sonntagabend in Paris – Witwenball mit Franzosengulasch«. Für jeden der bald Schlag auf Schlag folgenden Siege gab’s an der Schule eine Feier und obendrein frei. Wenn ich jubelnd nach Hause kam, verdarb mir mein Vater die Laune, indem er knurrte: »Wart’s ab! Die Feierei ist bald zu Ende!«
Irgendwann gab’s dann keine freien Tage mehr. Im Winter 1916 entdeckten wir, was für tolle Dinge man mit Kohlrüben anstellen konnte. Meine Mutter zerschnippelte, kochte, trocknete und zermahlte die Rüben. Alles wurde daraus gemacht: Suppe, Brot, Mittaggerichte, sogar Pudding. Ansonsten gab’s nicht viel zu beißen. Nachts stürmten die hungernden Hamburger die Billbrooker Vorratsmieten, räumten die letzten Kartoffeln, Möhren und Kohlrüben aus. Unserem Vater gelang es, für das Flicken von Pferdegeschirr bei den Bauern hin und wieder etwas einzutauschen. Er bekam Roggen, den meine Mutter durch die Kaffeemühle jagte, und so hatten wir dann auch wieder einmal richtiges Brot.
Eines Tages kam unser stattlicher Geografielehrer Krause in die Klasse unserer Billbrooker Volksschule, entrollte die Karte und sagte: »Heute wollen wir über unsere Kolonien in Afrika sprechen.« Der Witz an der Sache war, dass uns diese Kolonien gerade eine nach der anderen flöten gingen. Ich dachte: Na, mal sehen, was nun kommt. Deutsch-Südwestafrika, Kamerun und andere Kolonien hatten schon lange kapitulieren müssen, doch Krause tat so, als habe sich nichts geändert. Er erklärte uns, warum das Kaiserreich diese oder jene Gebiete brauche. Wir schoben Zettel hin und her und entwarfen flüsternd einen kleinen Jux.
Als erster meldete ich mich. »Bitte, Otto!«, sagte Krause. Ich stand auf, wie es vorgeschrieben war, und sagte: »Herr Lehrer, Südwestafrika brauchen wir doch ganz dringend!« Krause antwortete: »Ja, sicher, Otto. Aber wo ist denn da die Frage?« Karl meldete sich, stand auf, streckte seinen Arm zur Karte aus und fragte: »Und das da brauchen wir doch auch ganz dringend, Herr Lehrer?« Der Zeigestock des Lehrers umkreiste die Stelle, auf die Karls Finger zeigte, und landete bei Kamerun, das längst von den Ententemächten besetzt war. Franz meldete sich und zeigte auf Togo. »Und das brauchen wir auch, nicht wahr?« Togo gehörte schon seit Kriegsbeginn nicht mehr dem Kaiserreich. Krause wusste nicht, wie ihm geschah. Die Jungen waren ja ganz außer Rand und Band. Und als ich dann noch mit dem Finger in die Wüste piekte und erklärte »Und das brauchen wir sicher auch ganz dringend, nicht wahr, Herr Lehrer?«, fuhr sein Zeigestock durch die Luft. »Schluss jetzt! Ihr wollt mich wohl veräppeln!« Damit hatte er recht.
Und es kam der Tag, an dem mich meine vier Jahre ältere Schwester Selma, die schon in der Lehre war, fragte, ob ich nicht am Sonntag mal mitkommen wolle, um mich mit ihren Freunden zu treffen. Eigentlich verspürte ich gar keine Lust, in einem Kreis von Zwanzigjährigen rumzusitzen. Aber schließlich ließ ich mich mit dem Hinweis auf jüngere Geschwister überreden. Wir kamen in einer kleinen Wohnung im Stadtzentrum an. Ich war befangen, aber das verflog, als ich merkte, dass Selmas Freunde mich in ihrer Runde ganz selbstverständlich aufnahmen. An zwei von ihnen kann ich mich besonders gut erinnern, zwei junge Männer, die reklamiert waren, also nicht an die Front mussten. Ihre Betriebe brauchten sie dringend. Der eine – Batty – arbeitete als Meister auf einer kriegswichtigen Werft, der andere – Möller – als Angestellter.
Möller las aus der Leipziger Volkszeitung vor und daraufhin wurde laut und wild diskutiert. Ich fand den Ton dieses Blattes unerhört. Und auch noch andere Schriften dieser Leute, sogenannte Linke oder auch Spartakisten, wurden vorgetragen. Hier habe ich noch ein Zitat: »Wir haben erlebt, wie die...




