Harrel | Alles, was noch vor uns liegt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 205 mm

Harrel Alles, was noch vor uns liegt


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96362-884-9
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 205 mm

ISBN: 978-3-96362-884-9
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eva und Angela könnten unterschiedlicher nicht sein: Eva ist Floristin und eine etwas verträumte Künstlerseele, die pragmatische Angela muss sich und ihre drei Kinder mit mehreren Jobs über Wasser halten. Doch eines haben die Schwägerinnen gemeinsam: Ihre Männer kamen bei einem tragischen Tauchunfall ums Leben. Seitdem kämpfen beide Frauen auf ihre ganz individuelle Weise mit der Trauer. Als Eva mit der verrückten Idee aufwartet, im Andenken an ihre verstorbenen Männer an einem Ultramarathon in Neuseeland teilzunehmen, reagiert Angela zunächst abweisend. Doch schließlich brechen sie gemeinsam mit Angelas Kindern und der Schwiegermama zu einer mehrmonatigen Auszeit ins ferne Neuseeland auf. Dort kommen nicht nur ihre Körper, sondern auch ihre Seelen ganz neu in Bewegung. Als sich zur Herausforderung Ultramarathon noch zwei weitere namens Marc und Simon gesellen, stellt sich die große Frage: Sind die beiden Frauen zu dieser »Challenge« bereit? Vor der großartigen Kulisse Neuseelands entfaltet sich eine wundervolle Erzählung von Trauer, Hoffnung, Lebensfreude und der Herausforderung, im Vertrauen auf Gott wieder träumen zu lernen: »Gott pflanzt Träume in uns hinein, und wenn er die Zeit für gekommen hält, wird er diese Träume wachsen lassen.«

Lindsay Harrel hat Journalismus und Englische Literatur studiert. Zusammen mit ihrem Mann, ihren zwei kleinen Kindern und zwei Golden Retrievern lebt sie in Arizona. Es ist ihr ein Herzensanliegen, mit ihren Romanen all denen neue Hoffnung zu geben, denen diese irgendwie abhanden gekommen ist, und darauf hinzuweisen, dass Gott in einem ganz gewöhnlichen Leben Außerordentliches zu vollbringen vermag.
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3. Kapitel

Nur wenige Orte erinnerten sie so sehr an Brent wie der Bauernmarkt am Samstagmorgen.

Eva sog die Farben, Gerüche und Klänge des Lebens, die sie umgaben, in sich auf. Selbst um halb neun Uhr morgens waren schon Tausende New Yorker hier unterwegs, um Obst und Gemüse, Biofleisch, Pflanzen und Textilien, frisch gebackenes Brot, Säfte, Wein und vieles mehr einzukaufen. Kinder rannten durch die weißen Zelte, spielten lachend Fangen und genossen die letzten freien Sommertage, bevor am Dienstag die Schule wieder anfing.

Hier konnte Eva für einige Stunden in die Zeit zurückreisen, als Brent und sie die aufgetürmten Waren in allen Farben des Regenbogens begutachtet hatten. Jedes Mal hatten sie einander herausgefordert, wenigstens ein neues Lebensmittel zu probieren. Sie hatten den Vormittag damit verbracht, die rundesten Paprikaschoten und die am frischesten aussehenden Bündel Spinat und Spargel auszusuchen und was sonst noch verlockend aussah. Dann hatten sie alles zum Mittagessen nach Hause gebracht. Es hatte ihnen Spaß gemacht, unterschiedliche Gerichte auszuprobieren – und viele Experimente hatten damit geendet, dass sie das Essen irgendwann vergaßen und ein neckischer Kuss zu mehr führte.

Eva wandte den Blick ab und eilte an einem Stand mit frischen Schnittblumen vorbei, während sie sich zu einem Marktstand durchschlängelte, der immer die saftigsten Beeren hatte. Sie begrüßte den groß gewachsenen Mann und nahm eine Schale mit besonders großen Erdbeeren.

»Die übernehme ich.«

Sie drehte sich um und sah Marco Cinelli neben ihr stehen, seine dunkelbraunen Augen voller Mitgefühl. Sein Dreitagebart kitzelte sie an der Wange, als er sich vorbeugte, um sie zu umarmen.

»Hallo, Marc.« Er hatte innerhalb weniger Minuten auf ihre Nachricht gestern geantwortet und gesagt, dass sie einfach einen Ort vorschlagen solle, er würde sie dann heute treffen. »Danke, dass du gekommen bist.«

»Ist doch klar.« Marc bezahlte die Erdbeeren bei dem Verkäufer. »Es ist viel zu lange her, dass wir uns gesehen haben. Wie geht es dir? Was macht die Arbeit?«

Während sie zwischen den Ständen entlangschlenderten, befingerte Eva den Rand der Papiertüte, in dem sich die Erdbeeren befanden. »Wenn man davon absieht, dass ich gestern beinahe meine ehrenamtliche Tätigkeit verloren hätte, läuft alles prima.« Maryanne hatte sich besorgt geäußert angesichts der Tatsache, dass mehrere Kolleginnen mit Evas Arbeit nicht zufrieden waren. Sie wusste, dass eine Woche ohne Katastrophen nicht die vielen Male wettmachte, bei denen sie keine gute Arbeit geleistet hatte, aber es hatte trotzdem wehgetan.

»Das tut mir leid, Eva.« Er fuhr sich mit der Hand durch die kurzen braunen Haare. »Du weißt, dass du immer einen Job bei uns haben kannst, wenn du willst.«

»Danke.« Vor einigen Monaten, als Charlotte vorgeschlagen hatte, sie sollte etwas Sinnvolles tun, um Brents Andenken in Ehren zu halten, hatte sie überlegt, ob sie im Hauptbüro der Fitnesskette arbeiten sollte. Aber ihr widerstrebte die Vorstellung, sie könnte versuchen, ihren Mann bei einer Arbeit zu ersetzen, die er geliebt hatte. »Ich gebe nicht auf. Für Brent war Durchhaltevermögen wichtig, also ist es das für mich auch.«

Sie blieben an einem Verkaufsstand stehen, um eine Scheibe Honig-Bier-Brot mit Butter zu probieren. Es besaß eine knusprige Kruste und ein weiches, saftiges Inneres voller Aroma – eine tolle Mischung aus herzhaft und süß. »Mmm.«

»Wow, das ist genial.«

Die Verkäuferin, die ein enges und ziemlich tief ausgeschnittenes Top trug, musterte Marc. »Ich kann Ihnen das Rezept geben, wenn Sie wollen.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Das ist ein sehr verlockendes Angebot, aber ich habe nicht viel Zeit zum Backen.«

»Geben Sie mir Ihre Telefonnummer. Sie können gerne ein anderes Mal mehr probieren.« Ihre Stimme triefte nur so vor Verführungskunst.

Eva drehte den Kopf weg und biss sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen, aber vorher sah sie noch die Überraschung in Marcs Augen. Die Kleine sollte nicht ihre Zeit verschwenden. Bei Marc kam immer die Arbeit zuerst und außerdem mochte er nette Mädchen und nicht solche, die bei seinem Anblick anfingen zu sabbern, als wäre er ein saftiges Stück Fleisch. Seine letzte Freundin, Katrina, war selbstbewusst, nett und herzlich gewesen. Doch vor einem Jahr hatten sie sich getrennt, als sie eine Stelle in Paris angeboten bekommen hatte, die sie nicht ablehnen wollte.

»Also, ich weiß nicht …«

Eva hakte sich bei Marc ein und zog ihn weiter. »Komm, wir suchen das italienische Fleisch, das du so gerne magst.«

»Okay.« Er bedankte sich bei der Frau für die Kostprobe und ließ sich von Eva davonziehen. »Danke für die Hilfe.«

»Kein Problem.« Es dauerte einen Moment, bis ihr bewusst wurde, dass sie immer noch Marcs Arm umklammerte. Die Wärme seines Körpers an ihrer Seite war tröstlich.

Erschrocken ließ sie seinen Arm los und sie gingen weiter und unterhielten sich, während sie einkauften. Nachdem sie Kirschen und Pfirsiche, Gouda und Brot gekauft hatten, verließen sie den Markt und gingen zu einem kleinen Park.

Marc setzte sich unter eine ahornblättrige Platane, eine Kreuzung aus einem Bergahorn und einer morgenländischen Platane. Der Schatten bot willkommenen Schutz vor der zunehmenden Hitze des Tages.

Eva ließ sich neben ihm nieder und lehnte sich an den weißgrauen Stamm des Baumes. »Das hat Spaß gemacht.« Sie griff in ihre Tasche und zog ein paar Pfirsiche heraus. Einen davon warf sie Marc zu.

Er lehnte sich neben ihr an den Baumstamm, wobei ihre Schultern sich leicht berührten. »Normalerweise ziehe ich alleine los, dann erledige ich meine Einkäufe in zwanzig Minuten. Ich gehe eigentlich immer zu denselben Ständen. Aber jetzt, als wir zusammen über den Markt gegangen sind, habe ich viel mehr gesehen.«

Evas Finger drehten den Pfirsich und strichen über seine samtige Haut. »So war es auch, wenn ich mit ihm zusammen hier war.« Ihre Stimme war leise. Und in ihrem Inneren kam mit einem Mal große Sehnsucht auf.

Sie aß einen Bissen von ihrem Pfirsich. Der Saft füllte ihren Mund und das süße Fruchtfleisch gab ihr das Gefühl, lebendig zu sein, wenn auch nur für ein paar Augenblicke.

Sie atmete aus und kam endlich auf den Grund zu sprechen, der sie veranlasst hatte, sich mit ihm zu treffen. »Ich wollte mit dir über etwas reden.«

Er aß seinen Pfirsich auf und legte den Stein neben sich auf den Boden. »Okay, schieß los.«

Sie holte eine Edelstahltrinkflasche aus ihrer Handtasche. »Gestern hat mich eine Frau aus England angerufen wegen eines Rennens in Neuseeland, für das Brent sich angemeldet hat. Sie sagte, du und Wes wärt seine Mannschaftskollegen. Zuerst war ich nur überrascht und habe nicht viele Fragen gestellt.« Sie trank einen Schluck Wasser. »Worum geht es da? Ist das ein Marathon? Ein richtig teurer?«

Er rieb sich den Nacken. »Genau genommen ist es ein Ult- ra-Marathon. Zweihundertfünfzig Kilometer durch Neuseeland. Die Läufer müssen das Rennen in Etappen innerhalb von sieben Tagen absolvieren. Man kann auch gehen, aber natürlich wollte Brent das Ding laufen. Wir haben uns angemeldet, kurz bevor …«

»Warum hat er mir nichts davon gesagt?«

Marcs rechter Daumen fuhr in Kreisen über seine linke Handfläche. »Er wollte dich überraschen. Er hat gesagt, ihr wolltet zusammen nach Neuseeland, und er wollte anschließend noch ein paar Wochen mit dir dort Urlaub machen.«

Dieser Mann … immer für eine Überraschung gut.

Eva riss sich zusammen, bevor sie sich den Emotionen hingeben konnte, die sie zu überwältigen drohten. »Es ist doch eigentlich eine Schande, dass euer Platz verfällt. Willst du nicht allein mitmachen?«

»Wir haben uns als Mannschaft angemeldet, weil die Einzelplätze schon ausgebucht waren. Es ist ein Wunder, dass wir noch einen Teamplatz bekommen haben. Dieser Marathon ist schon Jahre im Voraus voll und er findet nur alle zwanzig Jahre in Neuseeland statt. Aber wir hatten sowieso vor, als Mannschaft anzutreten. Dann hätten wir einander unterstützen können, um schneller und besser zu sein, um es zu schaffen.« Marc hustete. »Ich habe kein Verlangen danach, das Rennen allein mitzumachen.«

Eva rückte ein wenig näher zu ihm. »Das verstehe ich gut.«

»Ich vermisse ihn jeden Tag.«

»Ich auch.«

»Ich sollte an dem Tag mit ihnen zusammen tauchen gehen.« Er schlug mit der Faust in seine Handfläche. »Wenn ich nicht diese Magenverstimmung gehabt hätte …«

Eva ergriff seine Hände, um sie festzuhalten. »Ich weiß, was du denkst. Aber du hättest wie sie auch dort unten ums Leben kommen können, ohne genug Sauerstoff.«

Er starrte ihre Finger an, die auf seinen Händen lagen, doch sein Blick schien sie gar nicht wahrzunehmen. »Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Hilfe holen können, als Wes mit dem Fuß in dem verrotteten Brett stecken geblieben ist. Alles hätte anders kommen können.«

Nach dem, was die Behörden der Familie anschließend erzählt hatten, war Brent, nachdem er alle seine Energie darauf verwendet hatte, seinen Bruder aus den eingestürzten Überresten des Schiffswracks zu befreien, am Ende wahrscheinlich das Opfer eines Tiefenrauschs geworden. Ein zu hoher Stickstoffgehalt in seiner Atemluft hatte wahrscheinlich zu Schwindel, Angstzuständen und Bewusstlosigkeit geführt.

»Das wissen wir nicht. Du kannst nicht ständig darüber...


Harrel, Lindsay
Lindsay Harrel hat Journalismus und Englische Literatur studiert. Zusammen mit ihrem Mann, ihren zwei kleinen Kindern und zwei Golden Retrievern lebt sie in Arizona. Es ist ihr ein Herzensanliegen, mit ihren Romanen all denen neue Hoffnung zu geben, denen diese irgendwie abhanden gekommen ist, und darauf hinzuweisen, dass Gott in einem ganz gewöhnlichen Leben Außerordentliches zu vollbringen vermag.



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