E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Harris Schnippeln für den Profit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7453-0856-3
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Chirurg deckt auf, warum zu häufig operiert wird und viele Operationen überflüssig sind
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7453-0856-3
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Ian Harris ist orthopädischer Chirurg und Professor für orthopädische Chirurgie in der evidenzbasierten Medizin und Chirurgie. Er leitet eine Forschungseinheit, die sich mit den Handlungserfolgen von Operationen befasst und hat darüber zahlreiche Arbeiten veröffentlicht.
Autoren/Hrsg.
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Einführung
Dieses Buch liefert Beweise für einen Placeboeffekt in der Chirurgie. Er wird oft unterschätzt, wenn von den Erfolgen chirurgischer Eingriffe die Rede ist. Der Placeboeffekt trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass die wahre Effektivität der Chirurgie überschätzt wird.
Dieses Buch will Mediziner und Laien darüber informieren, wie effektiv viele chirurgische Eingriffe, die seit vielen Jahren vorgenommen werden, tatsächlich sind, und es möchte den Thesen widersprechen, jede neue Operationstechnik müsse besser sein als die alte, die Komplexität der Chirurgie werde durch höhere Wirksamkeit belohnt und ein Arzt empfehle keine Operation, wenn sie nicht erfolgversprechend sei und dem Wohl des Patienten diene. Damit Sie diese Bemerkungen nicht falsch verstehen, sind allerdings einige Klarstellungen notwendig.
Ich behaupte nicht, dass jede Operation unnütz oder schädlich ist. Ich bin Chirurg und verbringe einen großen Teil meines Arbeitslebens am Operationstisch. Aber ich bin ein ziemlich konservativer Chirurg und neige dazu, nicht zu operieren, wenn der Nutzen im Verhältnis zu den Risiken eines Eingriffs zweifelhaft ist. Ich bereue es selten, Patienten von einer Operation abgeraten zu haben, und wundere mich oft darüber, wie gut der Körper sich ohne chirurgische Maßnahmen selbst regeneriert und anpasst. Ebenso oft treffe ich Patienten, bei denen fragwürdige Operationen misslungen sind und denen es nach dem Eingriff schlechter geht als vorher. Ich bin durchaus skeptisch gegenüber vielen Behauptungen von Chirurgen, einerseits weil dies meine Aufgabe als Wissenschaftler ist, und andererseits, weil wissenschaftliche Untersuchungen so oft belegen, dass der Nutzen vieler Operationen geringer ist, als zunächst behauptet wurde. Mit anderen Worten, ich bin skeptisch, weil das wissenschaftlich ist, aber auch, weil meine Skepsis so oft belohnt wird.
Ich behaupte auch nicht, dass Chirurgen Operationen empfehlen, obwohl sie wissen, dass die möglichen Risiken größer sind als der mögliche Nutzen. Die meisten Chirurgen glauben, dass sie das Richtige tun; doch sie sind sich der Stärke (oder Schwäche) des Beweismaterials oft nicht bewusst – oder, häufiger noch, es gibt keine oder keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege, sodass sie sich auf Urteile verlassen müssen, die ihre eigene Auffassung widerspiegeln. Ohne gute wissenschaftliche Belege halten Chirurgen die Maßnahmen, die sie empfehlen, für effektiv oder sie nehmen an, dass sie wirksam sind – andernfalls würden ihre Kollegen sie ja nicht anwenden, oder? Einfach gesagt, fehlende Beweise ermöglichen es den Chirurgen, Eingriffe vorzunehmen, die schon immer vorgenommen wurden und die sie in der Ausbildung beigebracht bekommen haben. Sie können tun, was sie für richtig halten und was alle anderen auch tun. Man gerät fast nie in Schwierigkeiten, wenn man tut, was allgemein üblich ist und der Tradition entspricht. Mein Argument lautet: Die Berufung auf Traditionen und unbewiesene Annahmen führt oft dazu, dass die Effektivität der Behandlung falsch eingeschätzt wird, und daher ist sie unzulänglich.
Ich weiß das, weil ich es auf die harte Tour gelernt habe. Als ich mit meiner Ausbildung begann und dann als Chirurg arbeitete, war es ziemlich einfach, Entscheidungen zu treffen. Seltsamerweise wird es umso schwieriger, je mehr man weiß. Das liegt daran, dass zwischen dem, was man auf der Grundlage der wissenschaftlichen Forschung für richtig hält, und dem, was man beobachtet, was man gelernt hat und was alle anderen tun, Widersprüche auftreten.
Die wissenschaftliche Widerlegung unwissenschaftlicher Vorstellungen hat mich immer beeindruckt. Ich erinnere mich an eine Fernsehsendung, in der zwei bekannte Skeptiker (James Randi und Dick Smith) nachwiesen, dass Rutengänger nur Zufallstreffer erzielten, als sie versuchten, in Leitungen, die für das Experiment verlegt worden waren, Wasser aufzuspüren. Die Rutengänger waren davon überzeugt, dass sie zu etwa 90 Prozent Recht hatten. In Wahrheit betrug ihre Trefferquote nur 10 Prozent, da sie nur in einer von zehn Leitungen Wasser entdeckten.
Auf der einen Seite gefiel mir die angewendete wissenschaftliche Methode und auf der anderen Seite faszinierte mich die Reaktion der Rutengänger: Sie behaupteten, unterirdische Magnete und andere Dinge hätten sie gestört und in früheren, »offenen« (nicht verblindeten) Tests sei es ihnen gelungen, Wasser in Leitungen zu »entdecken«. Rutengänger, die Astgabeln oder andere Instrumente verwendeten, hatten seit Generationen ziemlich erfolgreich Wasser gefunden und sich dabei auf die Tradition und auf Beobachtungen berufen, um zu begründen, was sie wussten: dass das Rutengehen eine gute Methode sei, Wasser zu finden. Die Tatsache, dass man fast überall auf Wasser stößt, wenn man tief genug gräbt, erwähnten sie nicht. Sie taten einfach, was sie immer getan hatten, und es klappte – sie fanden Wasser. Wenn die Wissenschaft nachwies, dass Rutengehen nutzlos war, dann war ihrer Meinung nach mit dem Experiment etwas nicht in Ordnung, dann hatte die Wissenschaft unrecht.
Ich begann meine berufliche Laufbahn wie die Rutengänger: Ich tat, was alle anderen taten und was man mir beigebracht hatte. Und ich war zufrieden. Ich dachte, auch meine Patienten wären zufrieden, und die meisten waren es wohl. Ich fand Wasser, und deshalb sah ich keinen großen Sinn darin, die Methoden zu hinterfragen.
Dann begann ich selbst ein wenig zu forschen. Um einige Lücken in der Beweisführung zu füllen, leitete ich kleine randomisierte, also nach dem Zufallsprinzip geordnete, Studien, die zwei Therapien miteinander verglichen. Doch bald merkte ich zu meiner Enttäuschung, dass ich mit der wissenschaftlichen Methode nicht hinreichend vertraut war. Ich beneidete Leute, die imstande waren, wissenschaftliche Studien kritisch zu beurteilen. Ich wusste nicht einmal, was »gute« und was »schlechte« Wissenschaft war, und ich war erst recht nicht in der Lage, zwischen beiden zu unterscheiden. Also beschloss ich, dieses Wissen zu erwerben. Bald wurde mir klar, dass die wissenschaftliche Methode (die sogenannte evidenzbasierte Medizin) die einzige Möglichkeit war, zuverlässiges Wissen zu erlangen – und dass es höchst bedenklich war, sich auf Beobachtungen und auf die Tradition zu verlassen.
Kurz gesagt erkannte ich, dass die Tests, denen die Rutengänger unterzogen worden waren – einwandfreie wissenschaftliche Experimente –, auch in der Chirurgie angewandt werden müssen. Wir müssen unsere Denkweise so ändern, dass wir nicht wie die Rutengänger reagieren, wenn man uns die Befunde vorlegt. Wenn ich ein Rutengänger wäre, würde ich meine Rute an den Nagel hängen.
Ich habe nicht die Absicht, die fehlenden Wirkungen von Operationen reißerisch darzustellen, und ich werde auch keinen übertriebenen Fall präsentieren, damit meine Leser verblüfft nach Luft schnappen (und dieses Buch deshalb Freunden empfehlen). Das soll aber nicht heißen, dass Sie nicht erstaunt sein werden (und es bedeutet hoffentlich auch nicht, dass Sie mein Buch nicht weiterempfehlen). Es bedeutet lediglich, dass die ungeschminkte Wahrheit in diesem Fall interessant und überraschend genug ist. Ich muss die Tatsachen nicht aufbauschen. Meiner Meinung nach sind sie ohnehin sensationell.
Nun wissen Sie, was ich nicht behaupte. Was ich behaupte, lässt sich so zusammenfassen: Bei vielen Beschwerden und Krankheiten ist die wahre Wirkung von Operationen geringer und das Risiko größer, als Sie oder Ihr Chirurg glauben. Es besteht ein Unterschied zwischen einer realen, unmittelbaren Wirkung der Chirurgie und unserer Wahrnehmung ihrer Wirksamkeit. Dieser Unterschied, den wir Placeboeffekt nennen, ist der Grund dafür, dass wir die wahre Wirkung von Operationen häufig überschätzen.
Das führt uns zu einer wichtigen Unterscheidung, die ich jetzt schon anführen möchte, weil sie im Mittelpunkt meiner Botschaft steht. Es handelt sich um den Unterschied zwischen Beobachtung und Experiment oder zwischen Wahrnehmung und Realität. Wir neigen dazu, unseren Beobachtungen (unserer Wahrnehmung) zu glauben, selbst wenn wissenschaftliche Experimente das Gegenteil beweisen. Ich beobachte beispielsweise (ich nehme wahr), dass die Sonne sich um die Erde dreht. Für mich ist das eindeutig. Doch eine wissenschaftliche Untersuchung bestätigt das nicht – das Gegenteil ist richtig. Und wie viele andere Beispiele, die ich in diesem Buch vorstelle, dauerte es lange, bis diese Überzeugung erschüttert wurde.
Was sollen wir glauben, wenn die Ergebnisse von Beobachtungen und Traditionen den Ergebnissen eines Experiments widersprechen? Die meisten Menschen vertrauen ihren Augen – genau das hat uns Menschen seit der Zeit, als wir die Wissenschaft noch nicht einmal erfunden hatten, so weit gebracht. Wir brauchten keine randomisierten Studien oder toxikologischen Tests, um zu wissen, was wir essen durften und was wir meiden mussten. Das fanden wir durch Beobachtungen und überliefertes Wissen heraus. Doch jeder Magier, Illusionist oder Gedankenleser wird Ihnen...




