Harrison Das Herz des Wolfes
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9287-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 8,5, 120 Seiten
Reihe: Elder Races
ISBN: 978-3-8025-9287-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine mitreißende Novelle aus Thea Harrisons Welt der Alten Völker ... Die Lehrerin Alice Clark ist ein Wyr. Als zwei ihrer Freunde in kürzester Zeit ermordet werden, nimmt die junge Frau die Nachforschungen selbst in die Hand. Da geschieht ein weiterer Mord, und Alice will einen Blick auf den Tatort werfen. Hier trifft sie auf den ermittelnden Detective Gideon Riehl, einem Wolfgestaltwandler, in dem sie auf den ersten Blick ihren Seelengefährten erkennt. Und er muss alles daran setzen, Alice aus der Gefahrenzone herauszuhalten, denn alles deutet darauf hin, dass die Lehrerin das nächste Opfer sein wird ... ca. 120 Buchseiten. Die Novelle erscheint als Printversion in der Anthologie: Berührung der Dunkelheit.
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1
Tod
Keine Bewegung. Einfach vollkommen still.
Mit der Schnelligkeit eines Tarnkappenbombers stürzte das riesenhafte Monster in die Wohnung. Ein Molotow-Cocktail aus Pheromonen und magischer Energie explodierte in der blutgeschwängerten Luft, die klassischen Anzeichen für einen starken, männlichen Wyr in rasender Wut.
Alice klammerte sich an ihrem Platz fest, ihr Herz hämmerte so wild, dass sie glaubte, es müsse ihr aus der Brust springen. War der Mörder zurückgekommen?
Das Monster wurde langsamer. Alice hörte, wie es flüsternd wüste Flüche ausstieß, als es zu Haleys noch warmer Leiche kam. Da sie jeden Tag mit der New Yorker U-Bahn zur Arbeit fuhr, glaubte Alice, eigentlich schon alles gehört zu haben, aber hier lernte sie tatsächlich noch etwas dazu. Fluchte er, weil er die Ermordete zum ersten Mal sah? Oder weil er erkannt hatte, dass er irgendeinen Fehler gemacht hatte?
Auch Alice war gerade erst in Haleys Wohnung eingetroffen. Die Tür hatte offen gestanden, sie war hereingestürmt und hatte auf dem Bett die Leiche ihrer Freundin entdeckt. Haleys Oberkörper war aufgeschlitzt worden, ihre Organe lagen auf der geblümten Bettdecke verstreut wie die vergessenen Spielsachen eines Kindes.
Bei dem Anblick war sie erstarrt, und vor Schreck hatte ihr sonst so kühler, einfühlsamer Verstand ausgesetzt. Dann hatte sie jemanden auf der Treppe gehört und es gerade noch rechtzeitig in ihr Versteck geschafft, bevor das Monster aufgetaucht war. Wenn das der Mörder war, der zurückkam, um einen übersehenen Hinweis zu beseitigen, würden später weder Alice noch die Polizei herausfinden können, worum es sich gehandelt hatte.
Vollkommen lautlos schlich er durch Haleys Wohnung. Nicht einmal das leise Tappen von Schritten war zu hören. Seine Gegenwart war für Alice schier unerträglich, so als striche ihr jemand mit einer Rasierklinge über die nackte Haut und drohte ihr dabei lächelnd, sie zu schneiden. Seine bloße Anwesenheit war eine Verletzung von Haleys Privatsphäre. Nur einen halben Meter von Alice entfernt blieb er stehen, so nah, dass sie aus dem Augenwinkel die Tasche seiner abgewetzten Lederjacke sehen konnte und das kaum wahrnehmbare Geräusch seines gleichmäßigen Atems hörte.
Sie wollte schreien und auf ihn einschlagen. Wollte weglaufen und die 9–1–1 rufen. Der dunkle Flur war eine Million Kilometer lang, die geöffnete Wohnungstür zu weit entfernt, um sie unbemerkt im Sprint zu erreichen. Sie wagte nicht, sich zu rühren, wagte nicht einmal, die Augen zu bewegen, weil ein Lichtreflex ihr Versteck verraten könnte. Sie wagte kaum zu atmen. Alles, was sie tun konnte, war, sich die Aromen in der Luft einzuprägen, damit sie diesen Mann zumindest an seinem Geruch wiedererkennen würde. Unter der Brutalität roch er warm und sauber, und in jeder anderen Situation hätte sie diesen Geruch sexy gefunden. Sie kämpfte gegen einen plötzlichen Würgereiz an.
Moment. Wenn sie ihn riechen konnte, welche Spuren hatte dann sie selbst hinterlassen? Würde auch er sie wiedererkennen? O ihr Götter.
Riehl rang mit seinem Zorn, bekam ihn unter Kontrolle und konnte seinen Körper aus der teilweisen Gestaltwandlung befreien. Er wurde das Gefühl nicht los, dass ihn jemand beobachtete. Eine Hand legte er an das Holster seiner SIG P226, während er in der anderen eine deftige Tracht Prügel bereithielt.
Eine Leiche mit dem gleichen Modus Operandi: Ausweiden der Bauchhöhle. Der Mörder nahm die Organe nie mit, sondern ordnete sie in einem bestimmten Muster an, wie Sterne in einem finsteren Sternbild. Ein durchschnittlicher Menschenkörper enthielt fünf Liter Blut. Jetzt durchtränkte das Blut dieser Frau ihre einstmals hübsche Bettdecke und tropfte in einen schweren, dickflüssigen See auf den mit Teppich ausgelegten Schlafzimmerboden. Es hätte Riehl nicht überrascht, wenn es bereits durch den Boden in die darunterliegende Wohnung gesickert wäre. Irgendjemand würde sich mächtig abrackern müssen, um das wieder sauber zu machen.
Gottverdammt, die Leiche der Frau war noch warm. Ihre Schlüssel und die halb geöffnete Handtasche lagen auf dem Boden, ihr misshandelter Körper war auf die Reste ihrer Kleidung gebettet. Anscheinend hatte der Mörder sie überrascht, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war. Es gab keine Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen, also musste sie geglaubt haben, ihm vertrauen zu können. Hatte sich der Mörder als Hausmeister oder Mitarbeiter der Stadtwerke ausgegeben, oder war er ein Bekannter?
Wenn Riehl sonst niemanden fand, dem er die deftige Tracht Prügel verabreichen konnte, würde er sie einfach für sich selbst aufsparen. Wenn er seine Schlüsse ein klein wenig schneller gezogen hätte, wenn er ein klein wenig früher von der Polizei in Jacksonville gehört und sofort die Datenbanken durchsucht hätte, anstatt mit seinem neuen Chef, dem Greifen und Wyr-Wächter Bayne, Theorien zu bequatschen, wäre diese hübsche Frau vielleicht noch am Leben.
Gottverdammt, das hier war zum Teil seine Schuld.
Er musste die Zentrale anrufen, aber …
Riehl drehte sich langsam um sich selbst und registrierte mit seinen scharfen Augen jede Einzelheit der Umgebung. Die Wohnung des Opfers war ein winziges Ein-Zimmer-Apartment, so groß wie eine Briefmarke, im obersten Stock eines viergeschossigen Hauses ohne Fahrstuhl. Es war mit platzsparenden Ikea-Möbeln eingerichtet und so stark geheizt, dass Riehl es als stickig empfand. An einer Wand war ein Flachbildschirm angebracht. Die Bewohner solcher kleiner Apartments in New York mussten allesamt gejubelt haben, als diese Erfindung auf den Markt kam. Es gab Pflanzen und Bücher und unnützen Krempel wie einen Haufen Mädchenkram auf einer Schlafzimmerkommode. Er öffnete die Schränke einen Spalt und fand lauter normales Zeug – Kleidung, Schuhe, Mäntel, ein paar Regenschirme und kleine Schachteln. Auf einem Tisch in der Essnische, gerade groß genug für eine Barbiepuppe, lag eine zusammengefaltete Zeitung von Donnerstag neben einer offenen Schachtel mit Festtagsdekorationen. Obenauf lag eine elegante, mit Federn und Pailletten besetzte Halbmaske.
Christen hatten Weihnachten, Juden hatten Chanukka, und der Universalfeiertag der Afrikaner war Kwanzaa. Für die Alten Völker war die Wintersonnenwende die Zeit, in der sie zu Ehren der sieben Primärmächte die Maske der Götter feierten. Offenbar hatte das Opfer gerade angefangen, seine Wohnung für das Festival der Maske in der kommenden Woche zu schmücken. Vielleicht hatte die Frau vorgehabt, auf einen der zahlreichen Bälle zu gehen, die in der ganzen Stadt veranstaltet wurden. Es war eine hübsche Maske, eine Maske, wie man sie seinen Kindern vererbte. Sie dürfte jemanden den einen oder anderen Gehaltsscheck gekostet haben. Vielleicht hatte das Opfer sie mit glücklichen Erinnerungen und Vorfreude betrachtet.
Insgesamt war das Apartment recht typisch für die Stadt und bot ein perfektes, reizendes Zuhause für eine zierliche, allein lebende Fünfundsechzig-Kilo-Frau wie das Opfer. Riehl selbst war einsfünfundneunzig groß und brachte über hundertdreißig Kilo auf die Waage. Nachdem er sechsundneunzig Jahre lang als Captain in der Armee des Wyr-Lords Dragos Cuelebre umhergezogen war, hatte er erst kürzlich beschlossen, sich zu domestizieren und sesshaft zu werden. Er war es gewohnt, ein raues Leben zu führen und viel Zeit im Freien zu verbringen, oft bei schlechtem Wetter. Dieser kleine, überheizte Raum löste bei ihm klaustrophobe Zustände aus.
Für ihn gab es keinen Zweifel daran, dass der Mord selbst der Grund für den Überfall gewesen war. Der Schmuck des Opfers lag noch auf der Kommode verstreut, und in der Handtasche konnte Riehl ein Portemonnaie erkennen. Allem Anschein nach hatte der Mörder nichts mitgehen lassen, es sei denn, er hätte sich ein kleines Stück von den Organen abgeschnitten, um es als Souvenir aufzubewahren. Das würde sich bei der Autopsie herausstellen.
Er wurde das Gefühl einfach nicht los, dass noch jemand im Zimmer war. Er suchte nach einem verräterischen Hinweis, nach irgendetwas. Ein Auge, das hinter einer Schranktür hervorlinste, oder eine Webcam, versteckt in einem niedlichen rosa Hasen. Sogar die schneebedeckte Umgebung vor dem Fenster suchte er ab, um zu sehen, ob jemand den Schauplatz von einem anderen Gebäude aus beobachtete.
Während er suchte, atmete er bewusst tief ein und aus. Alles war von dem schweren Kupfergeruch des Blutes durchdrungen, der sogar fast den Eigengeruch des Opfers überlagerte. Es gab noch andere Gerüche, die er als normal einstufte und ausblendete, wie den schwachen Duft nach gebratenem Fisch und die muffigen Blüten in einer Potpourri-Schale. Der Wolf in Riehl, seine Wyr-Gestalt, hätte von dem Potpourri einen Niesanfall bekommen und nach dem Fisch gesucht, um ihn zu verschlingen.
Zwei weitere interessante Punkte fielen ihm auf. Ganz hinten in seiner Kehle nahm er schwach den Geruch nach Gummi und eine stechende chemische Note wahr, die in der Nähe des Opfers in der Luft hing. Er hätte seinen Gehaltsscheck der nächsten Woche darauf verwettet, dass der Mörder Gummihandschuhe getragen hatte und die chemischen Rückstände von K.O. Duftneutral Geruchskiller stammten, einem praktischen Hilfsmittel, das Hirschjäger und kriminelle Wyr auf der ganzen Welt verwendeten.
Mit den Handschuhen hatte er gerechnet, aber das K.O. ließ darauf schließen, dass der Mörder entweder selbst ein Wyr war oder sich zumindest mit den Ermittlungsmöglichkeiten dieser Spezies auskannte. Der Mörder ging...




