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Harrison Die Stahlratte singt den Blues

Der Stahlratte-Zyklus - Band 8 - Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13888-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Stahlratte-Zyklus - Band 8 - Roman

E-Book, Deutsch, 0 Seiten

ISBN: 978-3-641-13888-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Edelstahlratte bricht alle Gesetze

Es sieht nicht gut aus für Jim di Griz: Beim Einbruch ins Münzamt von Paskönjak wird die Edelstahlratte geschnappt und zum Tode verurteilt. Man gibt ihm Gift zu trinken, das ihn nach 30 Tagen umbringen wird - es sei denn, er lässt sich auf einen regelrechten Kuhhandel ein und besorgt ein Alien-Artefakt von einem Gefängnisplaneten. Im Gegenzug bekommt er das Gegengift – also hat die Stahlratte keine Wahl …



Harry Harrison, 1925 in Stamford, Connecticut geboren, ist einer der großen Meister der Science Fiction. Mit zahllosen Romanen und Erzählungen hat er sich weltweit ein Millionenpublikum erobert, darunter „New York 1999“, der als „Soylent Green“ verfilmt wurde und heute als einer der bedeutendsten Klassiker des Genres gilt. Harry Harrison starb am 15. August 2012 im Alter von 87 Jahren.

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2. KAPITEL


Ich bin noch immer jung – aber es sah nicht so aus, als würde ich viel älter werden. Dass ich mich einem verbrecherischen Leben gewidmet hatte, führte nun wohl zu einer weitaus kürzeren Lebensspanne als üblich. Da saß ich nun – und war noch keine zwanzig Jahre alt. Ein Veteran, der in zwei Kriegen gekämpft hatte, der in Gefangenschaft geraten und in den Dienst gepresst worden war, deprimiert vom Tod meines guten Freundes, des Bischofs, implantiert von Mark Forer, der großen Künstlichen Intelligenz. Sollte dies alles gewesen sein? Hatte ich das Ende der Fahnenstange erreicht? Würde mir das Leben nicht mehr bieten? Es war alles vorbei.

»Niemals!«, brüllte ich hinaus, aber die beiden Wächter umfassten meine Arme nur ein wenig fester und drängten mich den Korridor entlang. Ein dritter bewaffneter Aufpasser ging voraus und entriegelte die Zellentür, während der vierte mir von hinten den Lauf seiner Waffe in die Nieren stieß.

Sie waren gut und gingen kein Risiko ein. Sie waren hochgewachsen und tückisch, ich dagegen war klein und zart von Gebein. Ich schauderte vor Angst und kauerte mich noch mehr zusammen. Sobald die Zellentür offenstand, wandte sich der Mann mit den Schlüsseln zu mir um und öffnete die Handschellen.

Und schnappte nach Luft, als mein Knie ihn am Sack erwischte und rückwärts in die Zelle torkeln ließ. Im gleichen Moment packte ich die beiden neben mir stehenden Wächter an den Handgelenken, legte in einem einfachen zuckenden Energiestoß die Arme kreuzweise übereinander und zog die beiden auf diese Weise heftig gegeneinander, wobei ihre Schädel ein hübsches, dumpfes Dröhnen ertönen ließen. Im gleichen Augenblick hieb ich nach hinten aus – und erwischte den vierten Mann mit dem Hinterkopf auf dem Nasenrücken. Die Dinge passierten ziemlich schnell hintereinander.

Noch vor zwei Sekunden war ich hilflos gefesselt gewesen.

Nun lag ein Wächter außerhalb meines Blickfeldes ächzend in der Zelle. Zwei weitere hielten sich jammernd den Kopf, der dritte betastete seine blutige Nase. Sie hatten nicht damit gerechnet; ich aber sehr wohl.

Ich rannte los. Den Weg zurück, den wir gekommen waren, durch die noch immer geöffnete Tür. Heiserzorniges Gebrüll wurde unterbrochen, denn ich knallte den Durchgang zu, ließ das Schloss einschnappen. Die dicke Türfüllung erbebte unter dem Aufprall massiger Körper.

»Hab dich!«, rief eine siegesgewisse Stimme. Raue Hände packten mich. Wie hätte er auch wissen können, dass ich ein Träger des Schwarzen Gürtels war. Er fand es auf die unangenehmste Weise heraus.

Schon lag er einfach nur da, die Augen geschlossen, flach atmend, und erhob keine Einwände, als ich ihm Uniform und Waffen abzunehmen begann. Er dankte mir auch nicht, als ich die Robe aus Sackleinen über seine bleiche Gestalt drapierte und seine schwarzen Spitzenhöschen vor neugierigen Blicken schützte. Seine Sachen passten mir nicht schlecht. Aber leider auch nicht gut, die Mütze rutschte mir über die Augen. Es musste für den Augenblick reichen.

Drei Türen führten aus dem Raum heraus. Eine hatte ich verriegelt; sie erdröhnte und wackelte im Rahmen; durch die danebenliegende Tür waren wir ursprünglich gekommen. Es bedurfte keiner sonderlichen Intelligenz, um die dritte Tür mit dem Schlüssel des bewusstlosen Wächters zu öffnen.

Sie führte in einen Vorratsraum. Dunkle Regale, angefüllt mit namenlosen Gegenständen, erstreckten sich in die Unendlichkeit. Nicht gerade vielversprechend – aber ich konnte nicht wählerisch sein. Mit einem riesigen Satz kehrte ich zur Eingangstür zurück, schloss und riss sie auf und stürzte mich dann in vollem Lauf in den Vorratsraum. Als ich die letzte Tür hinter mir zuknallte, blieb mir nicht einmal die Zeit, den Schlüssel herumzudrehen, als ein lautes Dröhnen und wütendes Geschrei auch schon anzeigte, dass meine Verfolger die Sperre endlich beseitigt hatten.

Die Irreführung würde nicht lange dauern. An den Regalen entlanglaufen? Hier ein Versteck suchen? Nein – man würde alles gründlich durchhecheln. Eine Tür auf der anderen Seite, von innen verriegelt. Ich öffnete sie einen Spalt und schaute in den dahinterliegenden leeren Raum. Machte auf und trat hinaus.

Und blieb stocksteif stehen, als ich die Wächter entdeckte, die sich an die Wand gepresst hatten und Waffen auf mich richteten.

»Erschießt ihn!«, befahl Colonel Neuredan.

»Ich bin unbewaffnet!« Ich riss die Hände in die Luft, und meine Waffe glitt über den Boden. Finger zuckten am Abzug – es war alles aus.

»Nicht schießen! Ich will ihn lebend! Jedenfalls im Moment.«

Ich blieb starr stehen und atmete erst weiter, als die Finger sich von den Abzügen lösten. Schaute empor und entdeckte sofort die Überwachungswanze in der Mitte der Decke. Davon gab’s wohl in jedem Raum eine, und auch im Korridor. Man hatte mich die ganze Zeit beobachtet. Alles für die Affen, Jim. Der Colonel knirschte entsetzlich mit den Zähnen und zeigte energisch mit dem Finger auf mich.

»Ergreift ihn! Fesselt ihn! Bringt ihn zu mir!«

Seine Befehle wurden mit gnadenloser Tüchtigkeit in die Tat umgesetzt. Meine Zehen schleiften über den Boden, als ich zur Zelle zurückgebracht wurde. Dort entkleidete man mich brutal, warf mich auf den Boden und den schwarzen Sack über mich. Dann fiel die Tür dröhnend ins Schloss, und ich war allein. Sehr allein.

»Kopf hoch, Jim, du bist schon in schlimmerer Lage gewesen«, säuselte ich lächelnd. Und fauchte: »Wann?«

Wieder total am Boden zerstört. Mein in die Hose gegangener Fluchtversuch hatte mir außer Prellungen nichts eingebracht.

»So kann es doch nicht zu Ende gehen!«, brüllte ich. »Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

»Es kann – und wird«, meldete sich die Grabesstimme des Colonels, als die Zellentür erneut aufging. Ein Dutzend Waffen war auf mich gerichtet, während ein Wächter ein Tablett mit einer Flasche Champagner und ein einzelnes Glas hereinbrachte.

Ich schaute ungläubig zu, als er den Korken herausruckelte. Ein leiser Knall, dann strömte die goldene Flüssigkeit ins Glas. Er reichte es mir.

»Was soll das, was soll das?«, murmelte ich und starrte mit aufgerissenen Augen auf die emporsteigenden Luftbläschen.

»Ihr Henkerstrunk«, sagte Neuredan. »Und eine Zigarette?«

Er zog eine aus einer Packung, zündete sie an und hielt sie mir hin. Ich schüttelte den Kopf. »Ich rauche nicht.« Er trat die Zigarette mit dem Schuhabsatz aus. »Und überhaupt, ich habe weder Champagner noch Zigaretten bestellt!«

»O doch. Der letzte Wunsch ist gesetzlich vorgeschrieben. Trinken Sie aus.«

Ich trank. Das Zeug schmeckte ganz gut. Ich rülpste und gab ihm das Glas zurück. »Füllen Sie nach!« Ich musste Zeit gewinnen, ich musste nachdenken. Ich schaute zwar zu, als der perlende Wein eingeschenkt wurde, doch mein Gehirn war matt und leer. »Sie haben mir noch nichts über die … Hinrichtung erzählt.«

»Wollen Sie’s wirklich wissen?«

»Eigentlich nicht.«

»Dann erzähl ich’s Ihnen besonders gern. Ich versichere Ihnen, es hat lange Diskussionen über die korrekte Methode gegeben. Man dachte an ein Erschießungskommando, den elektrischen Stuhl, Giftgas. Als das Gesetz diskutiert wurde, hat man ernsthaft etliche Möglichkeiten erwogen. Aber sie alle setzen voraus, dass jemand einen Hebel oder Abzug betätigt, was für diesen Jemand nicht human wäre.«

»Human! Und was ist mit dem Delinquenten?«

»Der ist doch absolut unwichtig. Sein Tod ist beschlossen und wird baldmöglichst stattfinden. Und zwar folgendermaßen: Man wird Sie in eine versiegelte Kammer schaffen und dort anketten. Der Eingang wird verschlossen. Anschließend wird eine automatische Vorrichtung, die Ihre Körperwärme aktiviert, den Raum überfluten. Körperwärme ist immer da, stets eingeschaltet. Somit sind Sie für Ihre Hinrichtung selbst verantwortlich. Na, ist das nicht sehr human?«

»Es soll human sein, jemanden zu ersäufen? Seit wann denn das?«

»Vielleicht ist es auch nicht human. Aber man wird Ihnen eine Pistole mit einer einzigen Kugel geben. Wenn Sie wollen, können Sie auch Selbstmord begehen.«

Ich öffnete den Mund, um ihm zu verdeutlichen, was ich von der Humanität einer solchen Justiz hielt, wurde aber, ehe ich etwas sagen konnte, von zahlreichen Händen ergriffen und vorwärts gezerrt. Das Glas wurde mir entrissen – und ich fortgeschleppt. Tief hinab in einen feuchten Raum, mit feuchtschimmernden, moosbedeckten Wänden. Eine Schelle wurde mir ums Fußgelenk gelegt; sie war durch eine Kette mit der Wand verbunden. Meine Häscher gingen, nur der Colonel blieb zurück und fasste an den Bedienungshebel der dicken, zweifellos wasserdichten Tür.

Er setzte ein Siegergrinsen auf, bückte sich und legte eine antike Pistole auf den Boden. Als ich mich auf sie warf, klappte die Tür zu und schloss sich mit einem letzten Dröhnen.

War dies wirklich das Ende? Ich drehte die Pistole in den Händen und sah die einzelne Patrone matt schimmern. Das Ende von Jim diGriz, das Ende der Edelstahlratte, das Ende von allem.

Aus der Ferne war dumpf das Öffnen eines Ventils zu hören. Gleich darauf ergoss sich aus einem dicken Rohr in der Decke kaltes Wasser über mich. Gurgelnd und plätschernd breitete es sich aus, stieg mir schnell bis an die Knöchel. Als es meine Hüften erreichte, hob ich die Waffe und schaute sie an. Die Auswahl war nicht sonderlich attraktiv. Gleichmäßig stieg der Wasserpegel an. Bedeckte meine Brust, erreichte mein Kinn. Ich schauderte.

Dann wurde der Wasserstrahl unterbrochen. In der kalten Flüssigkeit fing ich...


Harrison, Harry
Harry Harrison, 1925 in Stamford, Connecticut geboren, ist einer der großen Meister der Science Fiction. Mit zahllosen Romanen und Erzählungen hat er sich weltweit ein Millionenpublikum erobert, darunter „New York 1999“, der als „Soylent Green“ verfilmt wurde und heute als einer der bedeutendsten Klassiker des Genres gilt. Harry Harrison starb am 15. August 2012 im Alter von 87 Jahren.



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