Harrison Die Zeitagentin - Ein Fall für Peri Reed
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18048-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1
Reihe: Peri Reed
ISBN: 978-3-641-18048-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Peri Reed ist jung, sexy und tough. Doch das ist nicht das Beste an ihr! Was sie einzigartig macht, ist ihre Gabe: Peri kann vierzig Sekunden in der Zeit zurückspringen und die Vergangenheit verändern. Ein unschätzbarer Vorteil, wenn man für eine staatliche Geheimorganisation arbeitet, die Jagd auf die gefährlichsten Kriminellen der USA macht. Bis Peri eines Tages der Korruption verdächtigt wird und fliehen muss. Plötzlich zur Staatsfeindin Nummer eins geworden, ist sie fest entschlossen, ihre Unschuld zu beweisen und die Drahtzieher dieser Verschwörung ausfindig zu machen. Doch Peri kann niemandem mehr vertrauen – nicht einmal dem Mann, den sie liebt ...
Kim Harrison, geboren im Mittleren Westen der USA, wurde schon des Öfteren als Hexe bezeichnet, ist aber – soweit sie sich erinnern kann – noch nie einem Vampir begegnet. Sie hegt eine Vorliebe für Friedhöfe, Midnight Jazz und schwarze Kleidung und ist bei Neumond nicht auffindbar. Mit ihren RACHEL MORGAN-Romanen hat sie einen internationalen Bestseller gelandet.
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1
Fünf Jahre später
Peri Reed lehnte sich in dem dick gepolsterten Ledersessel gegenüber dem Schreibtisch des Geschäftsführers zurück, die Füße auf dem Kaffeetisch. Sie genoss das Adrenalin, das durch ihren Körper strömte, während sie im Dunkeln darauf wartete, dass Jack fand, was sie hergeführt hatte. Er war mies gelaunt, aber das war nicht ihre Schuld. Gelangweilt nahm sie sich ein in Folie gewickeltes Stück Importschokolade von einer Pralinenschale.
»Muss das sein, Peri?«, fragte Jack, als er ihr genüssliches Mmmm hörte.
»Dann beeil dich eben.« Sie leckte sich die Lippen und faltete die Folie zu einem winzigen Hut, den sie der Statuette einer nackten Frau, die die Schale hielt, übermütig auf den Kopf setzte. »Der Mann weiß, was gut ist.«
»Ich habe mich auf Glas-Technik vorbereitet. Wave ist bisher noch nicht mal auf dem Markt«, beklagte sich Jack, dessen gebräuntes Gesicht durch den Holo-Monitor blass und verzerrt aussah. Die Touchscreen-Projektion verschleierte Jacks athletischen Körperbau und seinen schwarzen Gucci-Anzug. Peri fragte sich, wem der Boss von Global Genetics wohl in den Arsch gekrochen war, um an die neueste holografische Touchscreen-Technik zu kommen.
»Meine guten Schuhe sind im Wagen und warten. Genau wie ich«, drängelte sie, und er zog die Schultern hoch. Während er hastig Dateien öffnete und schloss, huschten seine spitzen Finger schneller über den Bildschirm als die eines simsenden Vierzehnjährigen.
Ungeduldig stand Peri auf und strich sich mit der Hand durch das kurze, schwarze Haar. Ihre Mutter würde diese Frisur verabscheuen. Ihrer Meinung nach musste eine Frau, die etwas auf sich hielt, die Haare lang tragen, bis sie vierzig war. Erst dann war ein kürzerer Schnitt für sie akzeptabel. Peri ging zum Fenster und betrachtete unterwegs mit einem Gefühl perverser Befriedigung ihre Fingernägel. Die Farbe hätte ihre Mutter ebenfalls gehasst – was der Grund dafür sein mochte, dass Peri das kräftige Bordeauxrot besonders gut gefiel.
Sie schüttelte den Hosensaum, damit er über ihre flachen Stiefel reichte, atmete die Anspannung weg und konzentrierte sich auf die neblige Nacht. Der schwarze Diane-von-Fürstenberg-Overall war ihr zwar auf den Leib geschneidert worden und mit einer Seide gefüttert, die sich bei jeder Bewegung wie Eis auf ihrer Haut anfühlte, dennoch war er nicht ihr Lieblingsstück. Aber zusammen mit den Perlen, die derzeit bei ihren High Heels im Wagen lagen, würde sie damit in dem feinen Club, den sie für sich und Jack zum Entspannen nach Erledigung des Auftrags ausgewählt hatte, zweite und dritte Blicke auf sich ziehen.
Falls wir je hier rauskommen, dachte sie und seufzte so theatralisch, dass Jack rote Ohren bekam.
Der Holo-Monitor war die einzige Lichtquelle in dem weitläufigen Büro mit den schweren Möbeln und den Bildern früherer Geschäftsführer. In den umliegenden Gebäuden brannte nur eine gedämpfte Notbeleuchtung, um Strom zu sparen. Tief hängende Wolken reflektierten die mitternächtlichen Lichter von Charlotte, North Carolina. So hoch oben wusch der Gestank des Geldes den der Straße fort. Die Korruption ist hier schwerer zu verbergen, überlegte Peri, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte und den Arm ausstreckte, um mit dem Finger über den Türsturz zu fahren und dort mit voller Absicht einen Fingerabdruck zu hinterlassen.
»Irgendwann holt dich das ein«, bemerkte Jack, als sie sich wieder auf die Fersen sinken ließ. Ihr Fingerabdruck unterlag der Geheimhaltung, aber er würde Opti verraten, dass sie Erfolg gehabt hatten – oder zumindest gekommen und gegangen waren. Der Erfolg dieses Einsatzes schien nämlich zunehmend infrage zu stehen. Fünf Minuten drin, und Jack suchte immer noch nach der verschlüsselten Originaldatei zu dem neuesten Virus, das Global Genetics entwickelt hatte, einem getarnten, biogenen Erreger.
Das leise Knacken und Brummen des Fahrstuhls jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Sie drehte den Kopf zu der aufgebrochenen Tür und erschrak beinahe über die Süße, die immer noch an ihren Lippen klebte. Wäre die Etage nicht verlassen gewesen, hätte sie das Geräusch gar nicht wahrgenommen, aber in der Stille dieses halblegalen, staatlich sanktionierten Einbruchs …
»Bleib in Sichtweite«, verlangte Jack, während er den Lederthron von einem Bürostuhl mit dem Fuß zu sich zog, um sich zu setzen. Seine Finger zögerten kurz, stachen nach dem Holo-Monitor und wischten danach das ganze Feld in den Papierkorb. Er hatte die Stirn gerunzelt. Im schimmernden Licht der Projektion sah sein Gesicht ausgezehrt aus, und die blauen Augen wirkten beinahe schwarz. Übermütig tänzelte Peri in Richtung Tür. Es gefiel ihr, für etwas bezahlt zu werden, für das andere in den Knast wandern würden. Jack war eigentlich viel zu sexy für jemanden, der sich in dem Computerkram auskannte, aber fairerweise musste sie ihm zugestehen, dass er sogar Angriffe und Fluchtmanöver genauso geschickt handhabte wie sie. Weshalb wir auch so lange überlebt haben, dachte sie, während sie die flexible, handtellergroße Glas-Tafel aus der Tasche zog und sie einschaltete. Ihr Optiphone war ein Produkt der Glas-Technologie mit stark erweitertem Funktionsumfang. Bis sie die Wave-Technik des Firmenchefs gesehen hatte, war sie davon ausgegangen, dass es das Beste war, was derzeit auf dem Markt zu haben war. Sie aktivierte die App, mit deren Hilfe sie Zugriff auf die Gebäudesicherheit bekam, und rief die Bewegungssensoren auf.
Der Schirm leuchtete grell auf. Sie dämpfte das Licht und kauerte sich zusammen, um einen Blick in das Sekretariat zu werfen. Eine Wand des Vorzimmers war verglast und gestattete einen freien Blick auf das dahinter liegende Großraumbüro. Laut Intel drehte der Nachtwächter nur sporadisch seine Runden, aber Intel hatte sich in letzter Zeit ziemlich oft geirrt.
Die App hatte den Scan abgeschlossen und verlangte vibrierend nach ihrer Aufmerksamkeit. Nichts rührt sich, dachte sie, während sie den leeren Schirm misstrauisch beäugte. »Von hier aus kann ich meine Arbeit nicht machen«, flüsterte sie und spannte sich an, als das Summen des Fahrstuhls verstummte und ein Lichtstrahl auf die Decke fiel. Schlüssel klirrten. Ein heller Punkt erschien auf dem durchsichtigen Schirm in ihrer Hand. Scheiße.
»Und ich kann meine Arbeit nicht machen, wenn ich dich nicht sehen kann«, mahnte Jack. »Bleib, wo du bist, Peri. Ich meine es ernst.«
Jetzt wanderte ein scharf abgegrenzter Lichtbogen über die Zimmerdecke und kam näher und näher. Erneut strömte Adrenalin durch Peris Körper, und in ihren Fußsohlen juckte es förmlich. »Fang«, sagte sie, rollte das Telefon zu einem kleinen Röhrchen zusammen und warf es Jack zu, der es sich schnappte. Vor den Lichtern der Stadt zeichnete sich seine Silhouette ab, die angespannt vor Ärger wirkte.
»Gib mir Bescheid, wenn da mehr als einer ist«, sagte sie, während sie an der Kette um ihren Hals zerrte und den daran befestigten kleinen Filzstift aus seiner Kappe löste. »Davon abgesehen, mach einfach weiter.«
»Geh da nicht ohne mich raus!«, forderte er, offenbar höchst beunruhigt davon, dass sie den Stift hörbar aus der Kappe gezogen hatte. So beunruhigt, dass sie zusammenzuckte.
»Such du einfach die Dateien. Ich bin gleich wieder da.« J. IM BÜRO schrieb sie auf die Handfläche. Während sie darüberpustete, damit die Farbe trocknete, die Kappe wieder aufsetzte und den Stift in ihrem Ausschnitt verschwinden ließ, wich sie seinem Blick aus.
»Peri …«
»Hab eine Notiz geschrieben«, sagte sie. Seine Angst machte sie nervös. Als sie hinausschlüpfte, ließ sie die Tür leicht angelehnt. Flach auf dem Teppich robbte sie durch das Büro der Empfangsdame und lugte um deren Schreibtisch herum. Dann stützte sie sich auf die Unterarme und wartete darauf, dass der Nachtwächter in Sicht kam. Jack war zu Recht besorgt. Er musste den Zeitsprung miterleben, um sie verankern zu können. Aber falls sie versagten, würde das tödliche biogene Virus möglicherweise in das jetzt schon bevölkerungsarme Asien gelangen.
Darum waren sie hier: um die Dateien, die dieses Virus betrafen, zu finden und zu löschen, ehe eine zweite Todeswelle die Regionen überschwemmte, in denen früher einmal fast zwei Drittel der Erdbevölkerung gelebt hatten. Die erste Welle hatte Opti vor drei Jahren autorisiert, als die politische Kaste Asiens als Reaktion auf die von den Vereinten Nationen erlassenen neuen CO2-Grenzwerte der Welt eine lange Nase gedreht hatte. Damit hatten Asiens politische Führer die ganze Erde mit weiter ansteigenden Temperaturen bedroht. Aber diese zweite Welle einer taktischen, biotechnologischen Bevölkerungsreduktion war illegal, bezahlt von dem Milliardär-mit-dreißig-Club, dessen Ziel einzig und allein die verstärkte Durchsetzung seiner finanziellen Interessen in Europa war. Peri fand es irgendwie witzig, dass sie und Jack fast der Hälfte der Mitglieder zur Aufnahme in diesen Club verholfen hatten.
Jetzt bündelte sich das Licht an der Zimmerdecke, der Bogen wanderte nicht mehr herum. Peris Haut begann warnend zu prickeln. Gleich darauf wurde das Klimpern von Schlüsseln lauter, und ein Uniformierter tauchte zwischen den Schreibtischen auf.
Peri runzelte die Stirn, denn es war nicht der Nachtwächter, den Bill, Jacks und Peris Führungsperson beim Geheimdienst Opti, ihnen angekündigt hatte. Dieser Mann war jünger und schlanker und sang auch nicht Karaoke zu Melodien seiner Apps. Während Peri ihn beobachtete, klemmte er sich die...




