Harrow | Die zehntausend Türen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 576 Seiten

Harrow Die zehntausend Türen

Fantasy-Thriller
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86552-937-4
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Fantasy-Thriller

E-Book, Deutsch, 576 Seiten

ISBN: 978-3-86552-937-4
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In einem weitläufigen Herrenhaus voller sonderbarer Schätze ist January selbst eine Kuriosität. Als Mündel des reichen Mr. Locke fühlt sie sich kaum anders als die Artefakte, die die Hallen schmücken: sorgfältig gepflegt, weitgehend ignoriert und völlig fehl am Platz. Dann findet sie ein seltsames Buch. Ein Buch, das den Duft anderer Welten verströmt und von Geheimtüren, von Liebe, Abenteuern und Gefahr erzählt. Jedes Umblättern enthüllt weitere unglaubliche Wahrheiten. Und langsam wird January bewusst, dass sie selbst mehr und mehr mit der Geschichte verkettet wird. Tamora Pierce: »Dies ist einer der einzigartigsten Romane, die ich je gelesen habe!« Erika Swyler: »Harrow hat eine wunderschöne Welt der Magie erschaffen, die gleichzeitig vertraut und überraschend neu ist.« Booklist: »Liest sich wie ein Liebesbrief an die Kunst des Geschichtenerzählens selbst.« Amal El-Mohtar: »Eine unerträglich schöne Geschichte über das Erwachsenwerden.« LOS ANGELES TIMES BESTSELLER! Finalist des Hugo, Nebula, Locus und des World Fantasy Awards 2020.
Harrow Die zehntausend Türen jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1

Die blaue TÜR

Als ich sieben Jahre alt war, fand ich eine Tür. Aber damit du weißt, dass ich nicht von einer ganz und gar gewöhnlichen Tür spreche – einer, die verlässlich in eine weiß geflieste Küche oder einen Schlafzimmerschrank führt –, sollte ich das Wort vermutlich lieber großschreiben.

Als ich sieben Jahre alt war, fand ich eine TÜR. Da! Siehst du, wie stolz es sich nun von allen anderen abhebt, das T die Angel, an der das ganze Wort zur Seite schwingt und uns einlässt in ein weißes Nichts? Ich stelle mir vor, dass sich bei diesem Anblick die feinen Härchen in deinem Nacken aufstellen, als hättest du etwas Vergessenes wiedererkannt. Dabei weißt du gar nichts über mich; du kannst mich nicht sehen, wie ich an diesem Gelbholzschreibtisch sitze oder wie die salzig-süße Brise durch die Seiten blättert, als suchte sie nach ihrem Lesezeichen. Du siehst nicht die Narben, die sich über meine Haut winden, sich verknoten. Nicht einmal meinen Namen kennst du (er lautet January Scaller – jetzt weißt du doch etwas über mich, und ich habe mein eigenes Argument entkräftet).

Aber was es bedeutet, wenn du das Wort TÜR vor dir siehst, das weißt du. Vielleicht hast du bereits selbst eine gesehen – verrottet und halb offen in einer alten Kirche oder frisch geölt in einer Ziegelmauer. Wenn du zu jenen verträumten Menschen gehörst, deren Füße sie wie von selbst zu ungewöhnlichen Orten tragen, bist du vielleicht sogar schon einmal durch eine hindurchgetreten und hast dich an einem wahrhaft ungewöhnlichen Ort wiedergefunden.

Oder vielleicht hast du noch nie im Leben eine TÜR auch nur aus dem Augenwinkel gesehen. Es gibt nicht mehr so viele davon.

Und trotzdem weißt du über TÜREN Bescheid, habe ich recht? Denn es gibt zehntausend Geschichten über zehntausend TÜREN, und sie sind uns so vertraut wie unsere eigenen Namen. Diese TÜREN führen in die Anderswelt, nach Walhalla, Atlantis und Lemuria, in den Himmel und die Hölle, in all jene Richtungen, in die du nicht mithilfe eines Kompasses finden kannst, ins Anderswo. Viel besser drückt es mein Vater aus, der ein wahrer Gelehrter ist, nicht nur eine junge Dame mit einem Füllfederhalter und ein paar Dingen, die sie sagen muss: »Wenn wir Geschichten wie archäologische Ausgrabungsstätten betrachten und mit dem Pinsel und akribischer Sorgfalt Lage um Lage freilegen, entdecken wir irgendwo immer einen Durchgang. Eine Trennlinie zwischen dem Hier und dem Dort, uns und ihnen, dem Weltlichen und dem Magischen. Wenn sich die Tür öffnet und etwas zwischen den Welten hin- und herfließt, dann entstehen Geschichten.«

Er hat das Wort TÜR nie in Großbuchstaben gesetzt. Aber vielleicht schreiben Gelehrte Wörter nicht groß, bloß weil sie ihnen dann besser gefallen.

Es war der Sommer des Jahres 1901, wenngleich mir die Aneinanderreihung von vier Ziffern auf einer Seite damals noch nicht viel bedeutete. Heute denke ich, dass es ein prahlerisches, von sich selbst eingenommenes Jahr war, ganz in die schimmernden vergoldeten Versprechen eines neuen Jahrhunderts gehüllt. Es hatte das Chaos und Gelärme des neunzehnten Jahrhunderts abgeworfen wie eine alte Haut – die vielen Kriege, die Revolutionen und die Ungewissheit, all jene imperialen Wachstumsschmerzen –, und nun herrschten einzig Frieden und Wohlstand, wohin man auch blickte. Mr. J. P. Morgan war kürzlich zum reichsten Mann in der gesamten Weltgeschichte geworden; Königin Victoria war endlich gestorben und hatte ihr ausgedehntes Reich ihrem Sohn vererbt, der durch und durch wie ein König aussah; diese widerspenstigen Boxer in China waren zur Räson gebracht worden; und Kuba war unter die Fittiche des zivilisierten Amerika genommen worden. Vernunft und Verstand regierten unangefochten, und Zauberei oder das Geheimnisvolle hatte keinen Platz mehr auf der Welt.

Wie sich herausstellen sollte, galt dasselbe für kleine Mädchen, die von der Landkarte hinunterwanderten und dann die Wahrheit über ihre verrückten, unmöglichen Entdeckungen sagten.

Ich fand die TÜR am ausgefransten westlichen Rand Kentuckys, ebendort, wo der Bundesstaat seine große Zehe in den Mississippi taucht. Man erwartet nicht, ausgerechnet dort über etwas Geheimnisvolles oder auch nur mäßig Interessantes zu stolpern: Es ist eine eintönige, ärmlich wirkende Gegend, bewohnt von ebensolchen Menschen. Die Sonne hängt noch Ende August doppelt so heiß und dreimal so hell am Himmel wie überall sonst im Land, und alles fasst sich feucht und klebrig an, wie der Seifenschaum, der auf deiner Haut zurückbleibt, wenn du zuletzt in die Badewanne durftest.

Aber TÜREN – wie Verdächtige in billigen Kriminalromanen – sind oft da, wo man sie am wenigsten erwartet.

Ich war nur deshalb in Kentucky, weil Mr. Locke mich auf eine seiner Geschäftsreisen mitgenommen hatte. Er sagte, das sei »etwas ganz Besonderes« und für mich »eine wunderbare Gelegenheit zu sehen, wie man die Dinge anpackt«. In Wirklichkeit ging es jedoch darum, dass meine Kinderfrau zu hysterischen Anfällen neigte und im vergangenen Monat nicht weniger als viermal mit Kündigung gedroht hatte. Damals war ich ein schwieriges Kind.

Oder vielleicht wollte Mr. Locke mich auch aufheitern. Gerade hatte ich nämlich eine Postkarte von meinem Vater bekommen. Darauf war ein Mädchen mit brauner Haut zu sehen, das einen spitzen goldenen Hut trug und ein mürrisches Gesicht machte. TRADITIONELLE BURMESISCHE TRACHT war neben ihr eingeprägt. Auf der Rückseite standen drei säuberliche Zeilen in brauner Tinte: Ich verlängere meinen Aufenthalt, komme erst im Oktober zurück. Denke an dich. JS. Mr. Locke hatte über meine Schulter mitgelesen und ungeschickt meinen Arm getätschelt, was wohl Kopf hoch heißen sollte.

Eine Woche später wurde ich in das Abteil eines mit Samt und Holz ausgekleideten Pullman-Schlafwagens verladen, der stark an einen Sarg erinnerte. Ich las Die Rover-Jungs im Dschungel, Mr. Locke den Wirtschaftsteil der Times und Mr. Stirling starrte mit der professionellen Ausdruckslosigkeit eines Hausdieners ins Nichts.

Aber ich sollte Mr. Locke ordentlich vorstellen; er wäre empört, so zwanglos und nebenbei in die Geschichte eingeführt zu werden. Gestatten? Mr. William Cornelius Locke, Beinahemilliardär und Geschäftsführer von W. C. Locke & Co, Eigentümer von nicht weniger als drei herrschaftlichen Häusern an der Ostküste, Verfechter der Tugenden ORDNUNG und ANSTAND (Wörter, die er zweifelsohne gern hervorgehoben sähe – siehst du das A, das wie eine Frau mit vor der Brust verschränkten Armen dasteht?) und Vorsitzender der Archäologischen Gesellschaft von Neuengland: Das war schon in meiner Kindheit eine Art Club für reiche, mächtige Männer, die außerdem Amateursammler waren.

Ich nenne sie nur deshalb »Amateure«, weil es in Mode war, dass reiche Männer abschätzig von ihren Liebhabereien sprachen. Dabei deuteten sie eine wegwerfende Handbewegung an, als könnte es ihrem guten Ruf abträglich sein, wenn sie zugaben, sich ernsthaft etwas anderem als dem Geldverdienen zu widmen.

Manchmal kam es mir so vor, als wäre Mr. Lockes ganzes Geschäftsleben eigens darauf ausgelegt, seine Sammelleidenschaft zu finanzieren. Sein Heim in Vermont (in dem wir tatsächlich auch lebten, im Gegensatz zu den beiden ungenutzten Herrensitzen, die vor allem einem Zweck dienten: aller Welt einzuschärfen, wie bedeutsam er war) war ein riesiges privates Smithsonian, so vollgestopft, dass es nicht aus Steinen und Mörtel, sondern aus Artefakten zu bestehen schien. An Organisation mangelte es etwas: Breithüftige Frauenfiguren aus Kalkstein standen neben indonesischen Paravents, die mit so aufwendigen Schnitzereien bedeckt waren, dass sie wie feine Spitze aussahen; Pfeilspitzen aus vulkanischem Glas teilten sich einen Schaukasten mit dem taxidermisch präparierten Arm eines Edo-zeitlichen Kriegers. (Ich verabscheute den Arm, musste ihn mir aber immer wieder anschauen; dabei fragte ich mich, wie er ausgesehen haben mochte, als er noch mit einem lebendigen Mann verbunden gewesen war und richtige Muskeln gehabt hatte, und was sein Besitzer wohl davon gehalten hätte, dass ein kleines Mädchen in Amerika seine papiertrockene Haut anstarrte und nicht einmal seinen Namen kannte.)

Mein Vater arbeitete für Mr. Locke. Ich war bloß ein auberginengroßes Bündel in einem alten Reisemantel gewesen, als Mr. Locke ihn angeheuert hatte. »Deine Mutter war gerade erst gestorben, musst du wissen, sehr tragische Geschichte«, pflegte Mr. Locke für mich zu rezitieren, »und dein Vater – ein Bursche wie eine Vogelscheuche, mit dieser merkwürdigen Hautfarbe, der noch dazu, gnade ihm Gott, die Arme hoch und runter tätowiert hatte – irrte mit einem Säugling mitten im Nirgendwo herum. Da habe ich mir gesagt: Cornelius, das ist ein Mann, der dringend ein bisschen Mitgefühl braucht!«

Noch vor Anbruch der Abenddämmerung hatte Vater in Lohn und Brot gestanden. Jetzt bereiste er die Welt, sammelte Gegenstände »von einzigartigem Wert« und schickte sie Mr. Locke, damit der sie in gläserne Schaukästen mit Messingschildern legen und mich anschreien konnte, wenn ich sie anfasste oder die aztekischen Münzen stahl, um damit Szenen aus Die Schatzinsel nachzuspielen. Und ich blieb in meinem kleinen grauen Zimmer auf Haus Locke und schikanierte die Kinderfrauen, die mich bändigen sollten, und wartete darauf, dass Vater heimkam.

...


Harrow, Alix E.
Alix E. Harrow gelangt mit ihren ersten fantastischen Jugendroman THE TEN THOUSAND DOORS TO OF JANUARY sofort ein Bestseller, der für fast alle Preise des Genres nominiert wurde. Es folgte THE ONCE AND FUTURE WITCHES.
Alix E. Harrow: Ich war Lehrerin, Landarbeiterin, Kassiererin und Eisverkäuferin. Ich habe in Zelten und Autos, winzigen Stadtwohnungen und einsamen Hütten gelebt und mal einen Sommer in einem wirklich niedlichen 79er VW Vanagon Westfalia verbracht. Ich habe Bibliotheksausweise in mindestens fünf Staaten.
Jetzt bin ich Vollzeitautorin und lebe mit meinem Mann und zwei halbwilden Kindern in Berea, Kentucky. Für mich, da bin ich mir sehr sicher, ist es die beste aller möglichen Welten.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.