E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Hart Desert Nurse - Eine Krankenschwester folgt ihrem Herzen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99546-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-492-99546-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pamela Hart ist eine preisgekrönte australische Autorin, ihr Roman »The Desert Nurse« folgt ihren Bestsellern »The Soldier's Wife«, »The War Bride« und »A Letter From Italy«. Sie hat an der Technischen Universität Sydney einen Doktortitel der Kreativen Künste erworben und im Bereich Kreatives Schreiben unterrichtet. Nun lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Sydney und lehrt am Australian Writers' Centre.
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1
29. Oktober 1911
Heute ist sie einundzwanzig, einundzwanzig ist sie heut
Hat den Schlüssel zu der Tür, ach, wie sie das freut
»Was um alles in der Welt …?«
Lachend trat Evelyn an die Wohnzimmertür. Harry saß am Klavier und hämmerte darauf ein, durch die Spitzenvorhänge fiel das Morgenlicht auf seinen blonden Haarschopf.
Einundzwanzig war sie noch nie
Und Pa sagt, sie kann tun, wie ihr beliebt
Drum lasst uns jubeln – hipp hipp hurra!
She’s a jolly good fellow
Und endlich einundzwanzig Jahr
Er beendete sein Ständchen mit einem ebenso kraftvollen wie schiefen Arpeggio und sprang auf, um sie zu umarmen.
»Alles Gute zum Geburtstag, altes Mädchen!«
Sie erwiderte seine Umarmung. Harry war ein Schatz – er war an diesem Wochenende eigens für ihren Geburtstag von der Universität nach Hause gekommen. Dafür hatte er eine lange Reise in einem ratternden Zug auf sich genommen, an deren Ende ihn nichts besonders Unterhaltsames erwartete. Wie viele Neunzehnjährige hätten so etwas schon für ihre Schwester getan? Doch der Tod ihrer Mutter hatte sie beide zusammengeschweißt.
»Danke dir, du Lieber«, sagte sie. Mit einer schwungvollen Handbewegung zauberte er ein kleines Päckchen hervor.
»Nur eine Kleinigkeit«, meinte er achselzuckend, als er es ihr überreichte.
Sie öffnete das Päckchen, das kunstvoll und offensichtlich professionell mit Geschenkpapier umwickelt worden war – Harry hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so etwas Akkurates zustande gebracht.
Zum Vorschein kam eine chirurgische Schere, in deren Griff ihre Initialen eingraviert waren.
»O Harry!« Überschwänglich umarmte sie ihn erneut. Tränen schossen ihr in die Augen, so dankbar war sie für diese Geste, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte.
»Schon gut, schon gut«, meinte er und wich zurück. »Grundgütiger, hätte ich gewusst, dass du gleich die Schleusen öffnest, hätte ich mir was anderes überlegt!«
Doch er erwiderte ihr Lächeln, und für einen Augenblick schien es, als wären sie nie getrennt gewesen.
»Was hat der Radau zu bedeuten, und das an einem Sonntag?« Ihr Vater stand mit mürrischem Blick in der Tür, doch als sein Blick auf Evelyn fiel, glättete sich seine Miene. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Kind«, sagte er. Auch er zog ein kleines Paket hervor – das Schmucketui eines Juweliers, ohne jedes Geschenkpapier.
»Danke, Vater!« Sie streckte sich, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben, und öffnete das Etui voller Vorfreude. Ob sie darin den Schlüssel zur Tür finden würde? Oder, genauer gesagt, den Schlüssel zum Bankschließfach?
Eine mit Perlen besetzte Brosche. Wie … konventionell.
»Die hat deiner Mutter gehört«, sagte er und räusperte sich, als ginge ihm der Moment nahe. Sie biss sich auf die Lippe, um ihre Enttäuschung zu verbergen, und lächelte. Heute konnte sie es sich leisten, sich großzügig zu zeigen. Schließlich war es der Tag ihrer Befreiung.
»Sie ist wunderschön«, sagte sie und befestigte sie unterhalb ihres Kragens.
»Sehr gut, dann können wir ja jetzt frühstücken«, antwortete ihr Vater erleichtert, als hätte er gerade eine schwierige Situation unerwartet gut gemeistert.
Nie hatte sie das Esszimmer glücklicher betreten als an diesem Morgen. Volljährig, endlich. Endlich konnte sie ihren eigenen Weg gehen, anstatt sich gehorsam dem Willen ihres Vaters zu fügen. Dies war der Tag, an dem sie ein für alle Mal die Macht, die er über sie hatte, abschütteln würde. Und die Ziele verwirklichen, von denen sie träumte, seit sie vierzehn war.
Nach der langen Krankheit und dem Tod ihrer Mutter hatte sie erwartet, in die Schule zurückkehren zu dürfen – sie hätte dafür sogar in Kauf genommen, notfalls eine Klasse zu wiederholen, obwohl sie zu Hause immer fleißig gelernt hatte.
»Nein«, hatte ihr Vater beim Abendessen stattdessen bestimmt. »Ich brauche dich jetzt hier. Du musst dich um den Haushalt und um Harry kümmern.«
Harry, der damals zwölf gewesen war und in der darauffolgenden Woche ins Internat nach Sydney zurückkehren sollte, hatte ihn überrascht angesehen. Kein Wunder, denn ihre Haushälterin verwöhnte ihn nach Strich und Faden.
»Aber …«
»Die Sache ist entschieden, Evelyn.« Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt.
»Aber das ist so unfair, Vater!«, war sie herausgeplatzt. Sie hatte ihm bis dahin noch nie die Stirn geboten, nicht ein einziges Mal.
Außer sich vor Zorn war er aufgesprungen und hatte zur Tür gezeigt.
»Auf dein Zimmer, mein Fräulein!«, hatte er gezischt. »Ich werde dich lehren, mir in Anwesenheit deines Bruders zu widersprechen.«
Später hatte er ihr dann mit der Rute vierzehn Hiebe auf die Beine verpasst. Einen für jedes Lebensjahr. Er war sehr stark.
Ihre Wut war grenzenlos gewesen, aber sie behielt sie fortan für sich. Was blieb ihr auch anderes übrig? Eltern war es schließlich erlaubt – ja, sie wurden sogar dazu ermutigt –, ihre Kinder zu züchtigen. Und selbstverständlich hatten sie das Recht, darüber zu entscheiden, ob ihr Kind zur Schule ging oder nicht.
Sie hatte trotzdem noch einige Monate lang weiter für die Schule gelernt, weil es sonst nichts für sie zu tun gegeben hatte. Bis ihr Vater erklärt hatte, dass sie nicht ausgelastet sei, solange Harry im Internat war, und sie ihm in der Praxis zur Hand gehen solle.
Erst viel später hatte sie begriffen, dass er damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hatte: Einerseits sparte er auf diese Weise Geld, andererseits konnte er sie so von ihren Büchern fernhalten. Sie fand die Arbeit dennoch interessant. Sie war sogar völlig fasziniert davon und fühlte sich umso mehr in ihrem Ziel bestätigt, Ärztin zu werden. Hinzu kam, dass ihr Vater ein großartiger Arzt war. Kompetent und stets auf dem neuesten Stand der Forschung, aber auch sanft. Wenn er Patienten behandelte, kam eine Seite seiner Persönlichkeit zum Vorschein, die sie nie zuvor bei ihm erlebt hatte. Er war behutsam, einfühlsam, beinahe zärtlich. So wütend sie manchmal auch auf ihn war, wenn sie ihn im Umgang mit seinen Patienten sah, war ihr Ärger augenblicklich verflogen. Zugleich verletzte es sie tief, dass er sich ihr gegenüber niemals so liebevoll verhielt.
Überraschenderweise hatte er nichts dagegen, medizinische Themen mit ihr zu diskutieren – er war sogar ganz erpicht darauf. Wenn sie mit der Kutsche zu Patienten unterwegs waren – oder zu Pferd, wenn sie in das wilde Landesinnere mussten –, berichtete er ihr von Artikeln aus dem aktuellen Arztjournal und erläuterte die neuesten Behandlungsmethoden. Diese Gespräche genossen sie beide, Vater wie Tochter.
Als sie dann achtzehn geworden war und das Thema Universität zur Sprache gebracht hatte, hatte sie erwartet, dass er, ohne zu zögern, zustimmen würde. Allerdings war sie mittlerweile klug genug, diese Unterhaltung nicht im Beisein anderer zu führen, und so hatte sie ihn in seiner Praxis abgepasst. Er hatte sie gerade für die Art gelobt, wie sie mit einem kleinen Kind umgegangen war, dessen gebrochener Arm hatte gerichtet werden müssen.
Er hatte nur gelacht.
»Was willst du denn studieren? Handarbeit?«
»Medizin natürlich.«
Er hatte sie angestarrt, als sähe er sie zum ersten Mal. Dabei musste er es doch gewusst haben. Oft genug hatte sie davon gesprochen, damals, als ihre Mutter noch gelebt hatte.
»Nein.« Mehr hatte er nicht gesagt.
»Aber ich habe die ganze Zeit über dafür gelernt, Vater. Wahrscheinlich müsste ich einige Wochen lang noch einmal richtig büffeln – schlimmstenfalls kann ich dich dann eine Weile nicht bei deinen Hausbesuchen begleiten –, aber ich bin mir sicher, dass ich die Eingangsprüfung bestehen werde.«
»Nein.«
»Aber, Vater …«
»Eine Frau als Arzt ist ein Unding. Schon vom moralischen Standpunkt her: Es gehört sich nicht, dass Frauen Männern Anordnungen geben. Und außerdem mangelt es Frauen an den nötigen geistigen Fähigkeiten. Sie sind völlig außerstande, vernünftige Entscheidungen über die Behandlung von Patienten zu treffen. Ihre Gefühle geraten ihnen dabei immer in den Weg. Ich bin ganz entschieden dagegen, dass sich Frauen als Medicus versuchen.«
Er hatte mit ihr wie mit einem kleinen Kind gesprochen. Als wäre sie eine Wilde aus dem Urwald, die nicht in der Lage war, auch nur die einfachsten Dinge zu erfassen. Sie hatte gespürt, wie erneut die Wut in ihr aufstieg.
»Aber um dir in der Praxis zu helfen, bin ich gut genug!«
»Aber ja!« Er hatte wohlwollend gelächelt. »Mit der richtigen Anleitung kann eine Frau der Medizin außerordentlich nützlich sein. Als Krankenschwester.« Sein Blick war plötzlich nüchtern geworden. »Alles andere ist völlig ausgeschlossen. Ich werde dir kein Studium an der Universität finanzieren, Evelyn. Schlag dir das aus dem Kopf!«
»Ich habe das Geld, das ich von Mutter geerbt habe«, hatte sie wie betäubt gesagt.
»Schon. Und ich bin dein Treuhänder und zahle dir davon dein Taschengeld aus. Wenn du erwachsen und vor allem vernünftig genug bist, wirst du es bekommen. Oder falls du heiraten solltest, wird das Geld deinem Ehemann anvertraut, so sieht es der Letzte Wille deiner Mutter vor. Ich hoffe sehr, dass du heiraten und Kinder haben wirst. Das ist die Art, wie du deinem Land und deiner Familie den größten Dienst erweisen kannst.«
Mit achtzehn schien der Zeitpunkt, an dem sie erwachsen sein würde, unendlich weit entfernt. Bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag lagen drei lange, trostlose Jahre vor ihr. Doch sie hatte sich gesagt, dass sie diese Jahre nutzen würde, um weiter von ihrem Vater zu lernen und dann im...




