E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Hartmann Eine neue Macht auf Erden
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-7003-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Alphaten
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
ISBN: 978-3-7693-7003-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernd Hartmann ist Physiker, zuletzt beschäftigt als Fachreferent an einer Universitätsbibliothek. Nach langer Pause schreibt er wieder Science-Fiction. Wenn er nicht gerade durch die unerschöpflichen Sphären der Wissenschaft wandelt. Er schreibt im Stil der Hard Science Fiction.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Polarisalpha.
Eine in das ewige Eis der Antarktis eingeschmolzene Station. Eine Anlage der Alphaten.
«Verhindern wir, dass sich diese Alphaten auf dem Mond einnisten. In einer eigenständigen Einrichtung! Wie wollen wir sie dort kontrollieren ...»
Liu Chen Lu rief laut: «Stopp! Zurück auf Anfang! Pause!» Seufzend wandte sie sich vom Holo-Tisch ab. Sie kannte den Sprecher. Es war Kixstone. Professor Aras Kixstone, der Leiter der HAO, der Chef der mächtigen Humans-Alphaten-Organisation.
Auf dem Infopaneel neben ihr leuchtete das Schema der Station. Sie berührte das Symbolbild Chimas. Ein Gesicht entfaltete sich auf den Schirm.
«Viola Chima befindet sich im zweiten Ring der Station. Segment R-zwei», sagte ein anonymer Sprecher.
Liu zog den Kommunikator aus der Stirnhalterung und über ihr Gesicht und sprach deutlich: «Viola, komm zu mir, es ist dringend. Es ist brisant.»
«Hallo Chefin, kann nicht kommen. Ich bin mitten in der Ausbildung der Kadetten. Klinke dich doch ein ins Kommunikator-System.»
«Es hören zu viele mit. Komm einfach her zu mir in die Zentrale!»
«Gut, dann unter vier Augen.»
Ein fauchendes Geräusch ließ Liu nach oben schauen. Ein Außendienstroboter blies Schnee und Eiskörner vom Kuppeldach der Zentrale. Für Augenblicke leuchteten grüne Polarlichter durch das hohe Gewölbe. Dann wehte der Sturm erneut Polarschnee über das Dachsegment, das aus dem Eis herausragte.
Minuten später zwängte sich Viola Chima gebückt durch die nördliche Sternschleuse. Sie war eine Alphatin der mittleren Generation und zudem ein Sondermodell: eine muskulöse, stämmige Frau, eine Kämpferin. Ihr verdickter Hals, aufgebläht von unter der Haut liegenden Brain-Speichern, ihr ausgebeulter Rücken mit den eingefügten Lebenserhaltungsmechanismen, die systemisch ausgepolsterte Hüfte und ihre verstärkte Muskulatur zeugten von ihrer Kampfkraft.
Chima ordnete ihren ärmellosen Überwurfmantel, der ihren unförmig ausgeweiteten Rücken verdeckte. Dann blickte sie die Stationsleiterin und die amtierende Chefin der Alphaten fragend an.
«Kixstone macht wieder Ärger», sagte Liu.
«Ah, der Boss der HAO meldet sich? Er macht doch nur Ärger!»
«Skalzi schickt mir ein Spionagevideo. Er war mal wieder geheimdienstlich tätig.» Dann fügte Liu hinzu: «Ohne unseren Auftrag.»
«Dann ist es also Skalzi, der dich beschäftigt? Vito Skalzi, der ‹Goldene Kopf›, er mischt mal wieder die Karten. ‹Unser Vater – unser Schutz und Schirm!›, wie er sich gern nennen lässt. Er hat sich in seiner mexikanischen Höhle verbarrikadiert und nimmt an, uns immer noch beschützen zu müssen. Wir, die Alphaten, haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist: Ein bestens ausgestattetes Gehirn-im-Tank, ein GiT, ein Super-GiT.»
«Schauen wir uns das Video an», sagte Liu, ohne auf Chimas Bemerkungen einzugehen.
«Du kennst es noch nicht?»
«Nur die ersten Bilder. Ich habe auf dich gewartet. Du bist hier nicht nur die dienstälteste Ausbilderin, du bist auch für die Sicherheit der Station verantwortlich.»
Chima nahm neben der unscheinbar kleinen Stationschefin Platz.
«Was für einen Gegensatz zu mir stellt sie doch dar», dachte Liu. «Ich bin nicht mehr als eine vermickerte Mittfünfzigerin mit greisenhaftem Gesicht und schlaffen Gliedern. Da liegen eben Generationen alphatischer Technologieentwicklung zwischen uns beiden», tröstete sich Liu Chen Lu, die sich ihrer schwächlichen Erscheinung bewusst war.
Einssechzig groß, vereinzelt nur einsfünfzig, so waren die Alphaten der ersten Kohorte beschaffen. Ihre Schöpfer beriefen sich auf die Zwergenphänomene der Pygmäen, auf die Vorteile ihrer kleinen Körper. Und praktisch war es allemal, wenn Liu durch die engen Stationsröhren eilte und ihre Kontrollgänge erledigte.
«Ist es das?», fragte Chima und wies auf das leere Standbild über dem Tisch.
Liu nickte und startete das Video.
«Verhindern wir, dass sich diese Alphaten auf dem Mond einnisten. In einer eigenständigen Station! Wie wollen wir sie dort kontrollieren? Am Pol? In den Lavahöhlen der Kraterhänge?» Der Sprecher machte eine Pause. «Und dann», fuhr er fort, «ihre Standorte, kapseln sich ab auf Inseln im Indischen Ozean, verkriechen sich in venezolanischen Höhlen, ziehen sich zurück in die Antarktis. Ein Ausbildungslager, in der Antarktis! Zum Lachen! Und ihr Saharaprojekt! Spielen sich auf! Als Weltretter ...»
Ein greller Schein überstrahlte das Volumenbild über dem Holo-Tisch.
«Das ist alles?», fragte Chima.
«Alles!»
«Kein Fake?»
«Ausgeschlossen!»
«Das also schickt uns Skalzi», lamentierte Chima. «Einen Wutausbruch Kixstones. Er lacht uns aus, unser Vorhaben, hier in der Antarktis! Er verspottet uns!»
«Das Video wurde von einer Mikrodrohne erfasst», sagte Liu sachlich. «Es stammt von einem dieser farblosen Spionageinsekten aus Skalzis Arsenal. Ein Video aus dem Hauptquartier der Humans-Alphaten-Organisation, der HAO.»
«Jetzt spitzelt Skalzi auch noch für uns», lästerte Chima.
«Er hält uns den Rücken frei», antwortete Liu genervt. Dann berichtete sie weiter: «Erst nach Absetzen der Nachricht wurde die Drohne entdeckt und per Laser zerstört. Mitten im Senden. Glücklicherweise hatte die Drohnen-KI die brisantesten Infos erkannt und zuerst ausgestrahlt. Das heißt aber, Kixstone und Konsorten wissen, dass sie ausspioniert wurden. Sie haben jedoch keine Ahnung, welche Daten die Drohne übermittelt hat.»
«Skalzi vertieft mit dieser Aktion doch nur den Graben zwischen der HAO und uns.»
«Was hast du nur gegen Vito?», fragte Liu. «Ja, er bewacht seine Schöpfung.»
«Skalzi erschuf uns nicht allein.»
«Wir sind ihm dankbar!»
«Chen Lu, vergiss niemals: Er urteilt wie ein Mensch! Er ist kein Alphate!»
«Und deshalb hören wir auf ihn. Er kennt die Eigenheiten der Menschen!»
«Skalzi ist kein Alphate!», beharrte Chima auf ihrer Meinung.
«Wir haben genug über Skalzi geredet», schimpfte Liu. Es war nicht das erste Mal, dass sie wegen Skalzis Rolle aneinandergerieten. «Versteh doch: Es geht um Kixstone!».
Chima gab endlich klein bei.
«Bis Lavahöhlen zurück stopp», rief Liu.
Das 3D-Hologramm erstarrte zu einer verpixelten Struktur: Ein Kopf im Profil, aus großer Entfernung von einer Mikrodrohne aufgenommen.
«Da haben wir ihn: Kixstone», rief Liu, «Professor Aras Kixstone, den Chef der Humans-Alphaten-Organisation.
Sie erhob sich und schlurfte eine Runde um den runden Holo-Tisch herum. Alles im Kommandoraum der Polarisalpha war gerundet, der Raum selbst, seine Kuppel und die Bildschirme an den Wänden.
«Der Chef der HAO torpediert unsere Aktivitäten», lamentierte Liu. «Sein Vorgänger Wagner hatte noch zugesagt, dass wir die ausgebeuteten Wasserminenfelder auf dem Mond erwerben können. Mit ihm und seinen Vorgängern sind wir weit besser gefahren. Dieser Kixstone, er sagt uns den Kampf an. Er pfeift auf die Leitlinien der HAO.»
Liu ließ sich wieder in einen der Sitze vor dem Holo-Tisch fallen. Sie befingerte den Sitzheizungsregler und schloss den schrägen Kragen ihrer gefütterten Uniform, zog die Kapuze über den Kommunikatorschirm. «Achtzehn Grad», blinkte eine Anzeige. Wie in fast allen Räumen wurde die Lufttemperatur der Zentrale so mager eingestellt.
«Also, Kixstone ist im Video zu erkennen», sagte Chima. «Aber von seinem Partner ist weder ein Konterfei zu sehen, noch ein Mucks zu hören.»
Liu nickte.
«Also nicht mal eine Stimme zu analysieren.»
«Keine Bange, Viola, seinen Gesprächspartner finden wir schon!»
«Wer hat diese Message noch erhalten?»
Liu las aus einem Begleittext vor: «Aufzeichnung aus dem Hauptquartier der HAO ... und so weiter, exklusiv für Polarisalpha, betrifft auch eure Mondpläne, erwarte von euch einen Vorschlag für weiteres Vorgehen, Gruß Skalzi. 6. Mai 55, Alphatische Neuzeit. Bin besorgt. Eine Kopie des Videos geht an Zeki Bernhard auf Isla Alphatica.»
«Doch dein Stellvertreter wird sich mit Vorschlägen zurückhalten. Mit unserer Eiswelt, da will Zeki nichts zu tun haben, er, der auf einer schwimmenden Sonneninsel im Indischen Ozean residiert.»
Liu lächelte Chima an, statt ihr zu antworten.
«Und, Chen Lu, hast du nachgedacht?»
«Oh gewiss», lenkte Liu ein und deutete in Richtung Besprechungsnische.
Sie ließen sich wortlos in die bequemen Sitze fallen. Chima zapfte Kaffee aus dem Boiler und schob Liu einen Becher über die Tischplatte.
Liu betrachtete versonnen das Spiel der flachen Stränge an den Armen ihres Gegenübers. Die kräftigen Muskelbündel bedeckten nicht...




