E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Hartmann Hagen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7541-9834-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
ISBN: 978-3-7541-9834-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit mehr als fünfzehn Jahren schreibt Harald Hartmann Kurzgeschichten und Romane. Vorher schrieb er hauptsächlich Theaterstücke, die er auch selbst oder zusammen mit anderen aufführte. In der Wahl seiner Themen und Genres macht er keine Einschränkungen. Was zählt, ist die Begeisterung für eine Idee. Er lebt und arbeitet in Köln.
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Begrüßungen
Der Traum hinter den offenen Augen löste sich auf in seinem wieder einsetzenden Blick der Normalität. Er stand da, seine Hände umfassten nicht länger die fernen Gletscher des Matterhorns, sondern steckten in aller Gewöhnlichkeit in seinen Hosentaschen. Während er begann, sich wieder zu bewegen und weiter zu schlendern, orientierte er sich, wo er war, und was um ihn herum vorging. Er befand sich immer noch in dieser weitläufigen, städtischen Parkanlage und registrierte interessiert die hier stattfindenden Bewegungen von zivilisatorischer Geordnetheit und Anerkanntheit, ausgeführt von in diesem Rahmen störungsfrei funktionierenden Eigensinnigkeiten.
„Zweihundert Jahre leben mit der Maschine“, dachte er, und das nicht nachdenklich und verbunden mit irgendeinem Gefühl, sondern mehr automatisch.
„Definieren Sie Maschine!“ sagte der Ankläger zu ihm.
In seiner antwortlosen Verlegenheit auf dieses Ansinnen schaute Hagen auf seine Armbanduhr und erkannte erleichtert, dass gerade jetzt wie aus dem Nichts ein wichtiges und sofort als vorrangig erklärtes Ereignis sich ankündigte, das kurz bevor stand und ihm aus dieser unangenehmen Lage heraus half, sich dazu äußern zu müssen. Gleich würde nämlich seine Digitaluhr 11 Uhr 11 und 11 Sekunden anzeigen. Gebannt starrte er auf das Vorwärtsschreiten der Zeit mit der einher gehenden Veränderung der Zeichen, die von der Unterschiedlichkeit hin zur Vereinigung in Gleichheit strebten. Es war ihm plötzlich ein so wichtiges Ereignis und kein Ausweichen aus Verlegenheit mehr, dass er einen Teil seiner Lebenszeit dafür aufwendete, den Countdown zu verfolgen, um den Eintritt der sechs gleichen Zeichen in sein Leben zu erleben. Mochte es auch nur ein flüchtiges Sekundenerlebnis sein und unbedeutend im Meer der Sekunden, wie es vielleicht für den oberflächlichen Beobachter den Anschein hatte, so war es für ihn eines von Raum, allen Raum, ergreifender Wirkung, das nun im Fokus seiner totalen, alles andere ausschließenden Aufmerksamkeit stand, und das, so weit er sah, drei Phasen durchlief und möglicherweise sogar mehr, die sich ihm bisher nur nicht gezeigt hatten, was aber nicht hieß, dass sie es nicht irgendwann tun würden.
Am Anfang war die sich schnell und fiebrig aufbauende Spannung, dann das erwartete und doch durch seine Plötzlichkeit unerwartet und auch ein wenig erschreckend eingetretene Plateau eines spannungsfreien, schwebenden, schwerelosen Moments, der eine Ewigkeit war, in der Zeit keine Bedeutung hatte, der von einem lautlosen Jubel durchhallt wurde angesichts der sechs gleichen, durch elektrische Impulse erzeugten Balken und dann als dritte Phase der Übergang in das milde, schläfrige Lächeln im Zustand eines zart plätschernden, freundlich murmelnden Friedens, das dieser Ewigkeit folgte, und in dem auch eine gehörige Portion Dankbarkeit lag, ihr wieder entkommen zu sein.
Wenn es dabei rein um die Form der sechs gleichen Balken nebeneinander gegangen wäre, hätte er auch sechs gleiche Striche auf ein Blatt Papier malen können und sich diese so lange ansehen können, wie es ihm beliebte. Dieser Gedanke enthielt Elemente einer Komik, die ihm behagte, und er lachte belustigt auf. Es war immer komisch, wenn man durch einen eher neckenden als gnädigen Zufall Beweise für die Unterschiedlichkeit von Leben und Tod entdeckte, Beweise, die trotz ihrer tatsächlich unverborgenen Allgegenwart meistens doch unsichtbar blieben, weil sie zu offensichtlich waren für das hochspezialisierte, auf das Erkennen komplizierter Zusammenhänge ausgerichtete Radar der Denkorgane, das sie auf diese Weise leicht unterfliegen konnten und so übersehen wurden. Hier, auf der einen Seite, die sechs gezeichneten Balken, eine feste unveränderliche Struktur bildend, endgültig damit und tot, und in diesem Symbol enthalten alle jemals auf einer Uhr gewesenen und jemals sein werdenden sechs Balken, in einem gemeinsamen, ewigen Grab, und da die Faszination durch das Erlebnis dieses sechsbalkig aufscheinenden Lebensmoments, dieses einen Anfangs und einen Endes, und zu spüren, ernsthaft beteiligt zu sein an dessen gesamter Lebensdauer mit seiner Vergänglichkeit. Es kam ihm komisch vor, dass in dieser, auf den ersten Blick, scheinbaren Unterschiedslosigkeit der sechs Balken der Unterschied zwischen Leben und Tod verborgen lag, der ihm immer so gewaltig erschien und doch auch so gering war. Und genau daran, an dem Bemerken dieser Geringfügigkeit entzündete sich die Magie dieses komischen, unwiderstehlichen Drangs, auf die Uhr starren zu wollen. Vielleicht war es diese göttliche Sinnlosigkeit, mit dem sich ihm Gott als Komiker offenbarte, die er in solchen Momenten verspürte und das darin aufflackernde Licht einer Erlösung vom herrschenden Dogma der Geradlinigkeit als einzig gültigem Lebenssinn, in die er hinein geboren war, die ihn festhielt wie ein tausendköpfiger Familienclan, der unbeirrt und beständig den Glauben an die Lehre eines auf geregelter Mechanik beruhenden Lebens verbreitete. In Wirklichkeit war er aber nicht erst seit dem Quaken der Enten, das ihn nur noch bestärkt hatte, sondern schon viel früher, zu einem Zweifler geworden, der ihn auf seinem weiteren Weg zu einem Ungläubigen der alten Legenden gemacht hatte, zu einem, der auch nicht nach einem anderen Glauben zu suchen beabsichtigte, sondern auf einen solchen Selbstauftrag verzichtete, dessen Gewicht er, nur schon bei dem Gedanken daran, auf seinen Schultern spürte wie die Last eines schweren Rucksacks, der mit seinen Riemen schmerzhaft in seine Muskeln einschnitt, den Kreislauf seines Blutes abschnürte und den breiten Fluss des Blutes in den Arterien zu einem Rinnsal werden ließ. Was er wollte, war, sich einfach nur ohne ein solches Gewicht, ohne irgendwelche einschränkenden Vorgaben auf die Vorgänge, die sich auf dem Display seiner Armbanduhr abspielten, zu konzentrieren, die sich darin aufbauende Spannung zu erleben, und zu beobachten, wie es ihm als Teilnehmer an diesem dynamischen Geschehen erging und welche Empfindungen es in ihm auslöste. Es ging alles ganz leicht, wenn er nicht auf seiner Meinung über sich selbst beharrte.
In dieser Haltung der bedingungslosen Geöffnetheit dafür, kam ihm die Vorstellung eines nicht mechanisch gesteuerten Lebens in den Sinn. Es war dies aber nur eine mit Worten sich zeigende Vorstellung, ein Begriff, der nur durch seinen Klang lebte, weil es ihm unmöglich war, sich ein Bild davon zu machen, wie die Welt in diesem Fall funktionieren würde. Er beklagte seine Unfähigkeit dazu und verdächtigte sie, die Spätfolge eines allmählichen Absterbens seiner Wurzeln zu sein, was den Verlust seiner vitalen Verbindung zu seiner Herkunft bedeutete. Er sah sich als Produkt einer schon Jahrhunderte und vielleicht sogar Jahrtausende währenden Mechanisierung der Bewegung und des Denkens, als ein hybridisch gewordenen Wesen, das auch Maschine war und mehr dazu wurde und seine Verbindung zu der Zeit davor, der Zeit des nichtmechanischen Lebens nur noch gelegentlich in schwachen Echos wahrnahm, wenn die Winde günstig standen und die Übertragung dieser Signale nicht von maschinell erzeugten Turbulenzen überlagert oder gestört wurden.
Zufrieden hob er den Blick. Der Moment war erlebt. Die Luft war so leicht.
„a² + b² = c²“, grüßte er den auf dem schmalen Parkweg ihm entgegen kommenden Mann mit dem angeleinten schwarzen Pudel in einem intuitiven Versuch, der Aufforderung des Anklägers nachzukommen, Leben zu definieren oder Maschine oder beides, und vielleicht war er damit auf einem guten Weg zu einer Antwort, und in dieser Zauberformel lag der Anfang, der die Welt veränderte, die Geburt der Maschine, diesem Kind des Menschen.
„Wau, wau“, antwortete freundlich grüßend der Hund, schneller, als sein Herr etwas erwidern konnte, weil er befreit war von dessen Zwang, immer erst den Berg des Nachdenkens erklimmen zu müssen, bevor er etwas sagen konnte. Er, als Hund, empfand die weltbewegende Bedeutung dieser manchem sonderbar erscheinen mögenden Begrüßungslaute auch so. Sie erreichten auf direktem Weg sein Herz, ohne komplizierten Umweg über die Serpentinen eines Denkorgans. Mit seinem Doppelwau teilte er das der Welt laut und deutlich mit.
Wenn man es wissenschaftlich anpackte, fiel ihm dazu ein, würde es sicherlich gelingen, diese Reaktionszeit auf ein Tausendstel genau zu messen, die entsteht durch das Nachdenken, um damit das innere Misstrauen gegenüber dem äußeren Signal zu überprüfen, bis man handelte. Es könnte sich daraus sogar eine Theorie über die gesundheitlichen Auswirkungen unterschiedlicher Misstrauens – Reaktionszeiten (MRZ) auf die Fortpflanzungsfähigkeit entwickeln oder auf die Intelligenz oder auf beides. Es könnte sich sogar mehr noch, und hier hielt er plötzlich inne in seinem wildgewordenen Denkschwall, wurde starr und bewegungslos wie ein Faultier beim Anblick eines Feindes, weil er merkte, was gerade mit ihm geschah. Der unsichtbare Komiker war wieder da und spielte mit ihm. Das war wirklich ein sehr ermutigendes Zeichen.
„Der Satz des Pythagoras!“ sagte in diesem Augenblick der Mann, dessen Hund es schon vor ihm verstanden und ausgeplappert hatte, und damit seine Theorie von der Verzögerung des Handelns durch das Nachdenken bestätigte.
Alle drei waren stehen geblieben. Ihre Blicke trafen sich in einem imaginären, unfesten Schnittpunkt im Raum zwischen ihnen, irgendwo und unberechenbar und versetzten sie unwillkürlich in einen Zustand, wie man ihn erlebte, wenn der böige Wind auf einem Berg nicht einfach immer nur anschwoll oder abschwoll, sondern überraschend für einen Moment ganz ausblieb. Pythagoras hatte sie vereint durch diesen merkwürdigen Satz, der ja...




