E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Hartmann Prinz Motor
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7575-9969-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der erfolgreiche Versuch des Märchenerzählers, sich seine Welt mit Märchen zu erklären.
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
ISBN: 978-3-7575-9969-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit fast zwanzig Jahren schreibt Harald Hartmann vermehrt Kurzgeschichten und Romane. Vorher schrieb er hauptsächlich Theaterstücke, die er auch selbst oder zusammen mit anderen aufführte. In der Wahl seiner Themen und Genres macht er keine Einschränkungen. Was zählt, ist die Begeisterung für eine Idee und ein Thema. Er lebt und arbeitet in Köln.
Autoren/Hrsg.
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DER KOBERER
„Sehen Sie! Staunen Sie!“ hörte ich da mitten im schönsten Streifzug meiner detektivischen Ermittlungsarbeit die an mich gerichtete Aufforderung eines Koberers, der mit solch einfachen Worten meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und so in nur einem Augenblick meine unaufhörliche Zählerei zu unterbrechen vermochte.
Es lag an der Art, diese etwas großmäulige, komödiantische Art, die mir gefiel, und mit der er es schaffte, mich neugierig zu machen. Ich verband diese spielerische Art der Kontaktaufnahme schon immer mit angenehmen Erlebnissen, und das Staunen war sicherlich nicht das schlechteste von ihnen. Es war für mich eine Kunst und überdies eine sehr alte, die seine Zunft sicher schon seit tausenden von Jahren betrieb und mit immer neuen Märchen erfolgreich am Leben zu halten verstand. Und so blieb ich denn auch wie magisch angezogen auf seine Anrede hin gleich stehen. Natürlich wusste ich, dass ein Koberer zuallererst ein Koberer war. Er war ein Verkäufer. Seine Kunst war die des Lockens. Seine Kunst war die Kunst der Jonglage mit Traumbildern und Gefühlen, mit Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Aber genau darin lag ja seine magnetische Anziehungskraft auf mich. Mit Illusionen kam er bei mir also an genau den Richtigen. Es gab eigentlich keine Illusionen, auf die ich mich nicht mit argloser Begeisterung einließ.
Somit war ich für diesen Künstler in jeder Hinsicht nicht nur eine ganz leichte Beute, die er schon zehn Meter gegen den Wind riechen konnte, sondern mehr noch als das eine besondere Art von Beute, nämlich eine, die es sogar darauf abgesehen hatte, von einem wie ihm gefangen zu werden und damit eigentlich gar keine richtige Beute war. Das war meine Situation und auch seine. Ich stand da und war neugierig auf das Märchen, das dieser Märchenerzähler mir nun erzählen würde, neugierig aber nicht nur auf die Worte, sondern auch darauf, wie schön er es mir vortragen würde.
Obwohl seine Anrede natürlich der allergewöhnlichste Standardsatz eines Koberers war, den er sicher mehr als hundert Mal in der Nacht ausrief, weckte er von einem auf den anderen Moment den Verdacht in mir, dass vielleicht hinter dem Allergewöhnlichsten doch etwas Außergewöhnliches auf mich warten könnte, so etwas, wie vielleicht ein echter Rembrandt, den ich in dem Gerümpel eines Dachbodens fände. Es war seine Stimme, und es war das Spiel seiner Augen, die mich fesselten und mir das Gefühl gaben, ich wäre der einzige Zuschauer in einem Theater, und das Stück wäre nur für mich.
Ich warf ihm also erwartungsvoll einen fragendem Blick zu. Da ließ er vor meinen Augen, wahrscheinlich mit Hilfe von Zauberei, wie aus dem Nichts in der Luft eine Kurve erscheinen. Eingefangen war sie in einem mathematischen Koordinatensystem, aber nicht wie auf einer Schultafel mit weißer Kreide gezeichnet, sondern leuchtend, heller leuchtend als jeder Kometenschweif. Es war die Lebenskurve des Motors, wie an der Seite geschrieben stand. Sie war zwar heller aber auch kürzer als ein Kometenschweif. Denn sie begann erst, als am Horizont die Morgenröte der Gegenwart aufging. Vorher war nichts. Keine Kurve.
Ab da allerdings gab es sie, und sie verlief zuerst langsam steigend, dann aber, wie es schien, immer schneller mit einer Geschwindigkeit, die noch zunahm, je steiler sie wurde. Das bedeutete ja nichts anderes, als dass die Zahl der Motoren laufend und unaufhaltsam immer weiter zugenommen hatte, und es weiter tat, sich verdoppelte und wieder verdoppelte, und ich es kaum glauben konnte. Aber dann glaubte ich es doch, als sie auch mich hier in meiner Gegenwart erreichte und durch mich, den gebannt Staunenden, widerstandslos hindurchfuhr, was aber so schnell ging, dass ich nicht einmal die kleinste Schrecksekunde dabei erlebte, und ihr nur noch weiter staunend hinterher blicken konnte, empor in diese Höhen, in die sie sich streckte und so steil wie der steilste Berg, dorthin, wo die Zukunft lag. Doch so schnell ich ihr auch hinterher blickte, es war nicht schnell genug, und ich sah wie immer nur Nebel in dieser Richtung.
Wozu ich einzig etwas sagen konnte, war der atemberaubende Verlauf der Kurve, der mich phantasieren ließ, wie sie wohl in der Zukunft verlaufen würde. Ich hatte auch schon gleich die tollkühne Idee des durchtrainierten Motorendetektivs, wie ich das vielleicht herausfinden könnte. Kurzentschlossen nahm ich einen tüchtigen Anlauf weit aus der Vergangenheit, weil da genug Platz vorhanden war, um dann mit diesem Schwung einen mächtigen Sprung zu tun und auf diese Art den Nebel vor der Zukunft von dieser Seite zu überfliegen, und so während meines Überflugs einen freien Blick von oben auf die Zukunft zu erhaschen. Es war ein ungewöhnlicher Plan, aber trotzdem oder gerade deswegen ein guter, mit dem ich wohl auch die Zukunft überraschte, die damit anscheinend nicht gerechnet hatte.
Denn tatsächlich konnte ich bei meinem artistischen Überflug kurz etwas ganz sicher erkennen. Es war der Verlauf der Kurve dort. Das zeigte mir deutlich und gar nicht nebulös, dass die Tendenz der Motorenpopulation, nicht nur steigend, sondern sogar exponentiell steigend war. Und dass es wirklich so war, wie ich gerade sagte, konnte ich als ehemaliger Gymnasiast ohne weiteres behaupten. Aber vielleicht war selbst das sogar noch eine maßlose Untertreibung, weil mir die richtigen Worte fehlten, um die außergewöhnliche Steilheit dieser Kurve beschreiben zu können, die jenseits aller Mathematik lag.
Dann war der kurze Überflug auch schon vorüber und ich landete wieder vor dem Koberer. Ich hatte getan, wozu er mir geraten hatte. Ich hatte gesehen, und ich hatte gestaunt, ausgiebig sogar. Jetzt sah ich ihm fragend in die Augen. Der Koberer lächelte mich breit an, verziert mit einem knappen Achselzucken, wie es einst ein berühmter Komiker mit Hut auch gerne getan hatte. Er wusste, dass er mich am Haken hatte, und ich wusste, dass ich angebissen hatte. Zwei Wissende standen sich gegenüber.
„Na, habe ich dem Herrn zu viel versprochen?“ fragte mich der Koberer, der genau wusste, wie wenig Worte er brauchte, um den am Haken hängenden langsam und gekonnt an Land zu ziehen, wo das Glück schon auf ihn wartete.
„Nein! Nein! Nein! Nein!“, sagte ich und bewegte meinen Kopf dabei eifrig und mit hochgezogenen Augenbrauen hin und her.
„Ich liebe ehrliche Antworten, mein Herr“, lobte er mich.
Der alte Schmeichler hatte es wirklich drauf, mich einzufangen. Erwartungsvoll sah ich ihn wieder an, wie er da in seiner fast zirkushaften Aufmachung gestikulierend vor mir stand. Für einen misstrauischen Augenblick ging mir da aber unvermittelt die Frage durch den Kopf, woher der Koberer überhaupt wusste, dass ich Motoren zählte?
„Es ist mein Beruf“, sagte da der Koberer zu mir, ohne dass ich ihm diese Frage gestellt hätte.
„Aha!“, sagte ich nur, ließ meine Augen langsam von links nach rechts wandern, ohne dabei allerdings den Kopf zu bewegen.
Aber alles schien in Ordnung zu sein. Nichts Verdächtiges zu sehen. Ganz im Gegenteil musste ich mich sogar selbst beglückwünschen. Offensichtlich war es mir dieses Mal vergönnt, am Haken eines wahren Meisters seiner Zunft hängengeblieben zu sein, was ich natürlich dem Haken eines mittelmäßigen Koberers zehnmal vorzog. Und dieser Meister hier wusste offensichtlich ganz genau, womit er mich neugierig machen und anlocken konnte. Er hatte es mir wohl gleich an meiner Nasenspitze angesehen, dass ich ununterbrochen Motoren zählte.
Und im selben Moment, als ich merkte, dass er es gemerkt hatte, dass ich es gemerkt hatte, dass er ein großer Meister war, kam ich zu dem Schluss, dass ich eigentlich mit der ganzen Zählerei jetzt und für immer sofort aufhören könnte.
Ich verstand diesen Entschluss weniger als meinen eigenen, sondern als einen sanften Schubs des Koberers, der mir wohl sagen wollte, dass ich das Land des Motors auf andere Art bereisen sollte, nicht nur rasend auf dem Gefährt der unendlichen Zahlen über die Bahnen von Länge und die Berge von Höhe. Denn mit der reinen Quantität kam ich offensichtlich nicht mehr weiter ab einer Anzahl von Motoren, die größer war, als selbst ich als ausgewiesener Spezialist für sehr große Zahlen begreifen konnte. Jenseits davon existierte ein ganz anderes Fluidum, und genau dorthin wollte er meine Gedanken lenken.
Quantität war dort völlig unerheblich, spielte keine Rolle mehr. Ab hier ging es um Qualität. Es ging nämlich um die Seele des Motors. Während ich es noch dachte und als eine neue Erkenntnis feierte, gesellte sich gleich noch eine zweite Erkenntnis hinzu. Es ging damit genau so nämlich und ganz entschieden auch um mich und um meine Seele, wie unvernünftig ich vielleicht auch argumentieren mochte, um das zu leugnen.
Es war der Koberer, der hier vor mir stand, er hatte mich auf diese Spur geführt. Das war diese von mir lange unbemerkt gebliebene Geschichte, die hinter meiner Zählerei steckte. Hätte ich sie in allen Einzelheiten in einem Buch aufgeschrieben, wäre ich inzwischen mindestens auf Seite 123 angekommen, so viele Motoren hatte ich schon entdeckt und aufgezählt und aufgeschrieben, was ich von ihnen wusste, und was ich von ihnen wollte, und und was sie mit mir machten, und ein Ende war nicht zu sehen. Im Gegenteil. Ich würde mehr Papier brauchen, um alles aufzuschreiben.
Es dämmerte mir, dass die Geschichte hier heute Nacht erst richtig Fahrt aufnehmen und noch viel spannender werden würde. Seite 124 würde ganz anders sein als alle Seiten davor. Ich spürte es. Ich...




