E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Hartmann Shahid - Der Märtyrer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-4370-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-7557-4370-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Hartmann, Jahrgang 1962, ist seit 38 Jahren Journalist. Reportage-Reisen für große deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine führten ihn von Alaska, über Afrika und Indien bis nach Indonesien. Den afghanischen Jungen, der im Buch Basim heißt und durch eine Landmine seine Beine verliert, hat er in Kabul kennengelernt. Von Vangélis und anderen Akteuren sind ihm die typischen Charaktereigenschaften vertraut, da seine Familie zur Hälfte aus Griechen besteht und er fünf Jahre in der Nähe von Athen gelebt hat. Frank Hartmann ist verheiratet, Vater einer erwachsenen Tochter und lebt in der Nähe von Hannover.
Autoren/Hrsg.
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»Ich finde Gott in den leidenden Augen, die sich in meinen widerspiegeln. Wenn du mir auf diese Weise offenbart wirst, werde ich dich für immer suchen.«
Prolog
Kayla Mueller wurde 1988 in Prescott im Grand-Canyon-Staat Arizona geboren. Im selben Jahr hatte die Sowjetunion bereits einen großen Teil ihrer mehr als einhunderttausend in Afghanistan stationierten Soldaten abgezogen – und der neunjährige Basim Atwa durch eine Landmine am Rande der Hauptstadt Kabul gerade beide Beine verloren.
Prescott zählte damals fünfundzwanzigtausend Einwohner und war die Heimatstadt von Carl und Marsha Mueller. Als das Ehepaar an einem warmen Augusttag überglücklich sein zweites Kind, Kayla, im Arm hielt, ahnten die Muellers nicht, dass der Name ihrer Tochter einmal mit einer der wichtigsten geheimen Militäroperationen der Vereinigten Staaten verbunden sein würde. Wie sollten sie?
Kayla besuchte die Tri-City College Prep High School in Prescott, um sich auf das College vorzubereiten. Sie war kontaktfreudig, zeltete gern und liebte es, die Yavapai-Hügel mit ihren Kakteen, Palmlilien und Mesquite-Bäumen zu durchstreifen. Den zweieinhalbtausend Meter hohen Berg Mingus, auf dem Bären, Jaguare und Pumas Jagd machten auf Wapitihirsche, Gabelböcke und Dickhornschafe, wollte sie auch noch erkunden. Bald.
Kayla war ganz anders als ihr älterer Bruder und suchte, beeinflusst von den vielen christlichen Strömungen um sie herum, nach ihrer Bestimmung im Leben. Sie beschäftigte sich früh mit den Zielen von Amnesty International und der buddhistischen Achtsamkeitslehre, arbeitete tagsüber für eine Aids-Klinik und half nachts in einem Frauenhaus.
Als sie an der Northern Arizona University in Flagstaff studierte, kam Kayla in Kontakt mit der propalästinensischen Organisation International Solidarity Movement, für die sie Freiwilligendienst im Mittleren Osten leistete. Sie engagierte sich aber auch in Projekten für Arme, Unterdrückte und Verfolgte in anderen Teilen der Welt.
Ihren späteren Verlobten, den Syrer Omar Alchani, lernte Kayla bei einem Aufenthalt in Ägypten kennen. Die beiden sprachen oft über das schreckliche Blutvergießen in Syrien, über die fast zwei-hunderttausend Menschen, die umgekommen waren, über die Millionen, die fliehen mussten. Omar suchte nach einer Gelegenheit, seinen Landsleuten zu helfen, und Kayla bestärkte ihn darin.
Als Omar den Auftrag erhielt, in einer von Spanien geleiteten Klinik der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Aleppo eine Internetverbindung einzurichten, stritten Kayla und er sich, denn die syrische Stadt galt als ausgesprochen gefährlich für Ausländer. Doch Omar hatte sich entschieden, und Kayla wollte ihn unbedingt begleiten, wollte sich trotz der Gefahren in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land dem Leid der Menschen stellen und helfen, wo und wie sie konnte. Und sie setzte ihren Willen durch.
Den Einsatz ihres Verlobten in der Klinik nutzte Kayla, um sich von syrischen Frauen über deren Alltag berichten zu lassen. Sie hörte ihnen aufmerksam zu, fühlte mit ihnen und versuchte, ihnen Trost und Hoffnung zu spenden.
Dann kam der Tag, als Omars Arbeit getan war und sie gemein-sam mit einem Bus in die Türkei weiterreisen wollten. Weil der Weg unsicher und ihr Gepäck schwer war, nahmen sie ein Taxi zum nahen Busbahnhof. Normalerweise dauerte die Fahrt nicht länger als zehn Minuten. Doch als Kayla und Omar das Taxi bestiegen, waren die Straßen Aleppos überfüllt. Als sie wieder einmal im Gedränge halten mussten, erschienen plötzlich mehrere vermummte Gestalten neben dem Wagen. Mit vorgehaltenen Waffen zwangen sie alle Insassen des Taxis auszusteigen und verschleppten sie in ein Gefängnis des IS, der Terrormiliz Islamischer Staat.
Omar wurde geschlagen und verhört, sollte Auskunft geben über seine Arbeit, seine Religion, seine Beziehung zu Kayla. All das ertrug er, weil er wusste, dass Kayla lebte. Mal sprach er so laut in seiner Zelle, dass sie ihn hören und mit einem Husten antworten konnte. Bei anderen Gelegenheiten kniete er tief auf dem Boden, damit er durch einen Schlitz unter der Tür wenigstens ihre nackten Füße in den Sandalen sehen konnte.
Nach zwanzig Tagen ließen die Entführer den jungen Syrer frei und befahlen ihm zum Abschied, seine Verlobte zu vergessen. Schweren Herzens setzte Omar sich in die Türkei ab. Kayla, von den Entführern und deren Frauen unter die tiefschwarze Vollverschleierung des IS gezwungen, musste als Geisel zurückbleiben.
Für Abu Bakr Al-Baghdadi, den selbsternannten Kalifen und Führer des IS, stellten alle gefangen genommenen Frauen eine Kriegsbeute dar, die seinen Leuten zustand. Vor allem jenen Kämpfern, die sich noch keine Ehe mit einer Frau leisten konnten. Kayla jedoch beanspruchte er für sich selbst, sah sie als seinen legitimen Besitz an. Wenn er gewaltsam in sie eindrang, betrachtete er das nicht als Vergewaltigung. Solches Denken war ihm fremd. Nein, mit Kayla belohnte er sich für die erfolgreiche Ausbreitung des von ihm beherrschten Kalifats. Zugleich behielt er im Hinterkopf, dass sie Amerikanerin war, für die sich gewiss ein guter Preis aushandeln ließ. Fünf, sechs, vielleicht sieben Millionen Dollar. Also ließ er zu, dass sie einen langen Brief an ihre Eltern schreiben und aus dem Gefängnis schmuggeln konnte. Einen Brief, in dem sie ihren Eltern mitteilte:
Das wenige Sekunden kurze Video, das der IS von ihr drehte, dokumentierte eine andere Wirklichkeit, zeigte eine völlig veräng-stigte Kayla mit schwarzer Kopfbedeckung und freigelegtem Gesicht. Es war offensichtlich, dass sie ziemlich abgenommen hatte und ihrer Mutter dadurch noch ähnlicher sah. Zu sehen war eine junge Frau, deren Augen ihr Martyrium und eine unendliche Traurigkeit widerspiegelten. Ihre Botschaft bestand aus wenigen Sätzen. »Mein Name ist Kayla Mueller. Ich brauche eure Hilfe. Ich bin schon zu lange hier, und ich war sehr krank. Es ist entsetzlich hier.«
Einer ihrer Entführer mailte die Filmsequenz an einen von Kay-las Freunden in den USA. Der leitete das Video an das FBI weiter. Nachdem Experten die Aufnahme geprüft, ausgewertet und als echt eingestuft hatten, spielte man sie den Muellers vor.
An jenem Tag, an dem sich ihre Eltern Tausende Kilometer entfernt ansehen mussten, in welchem Zustand ihre Tochter war und mit welch unsicherer Stimme ihre sonst so fröhliche und lebensbejahende Kayla um Worte rang, wie sehr sie sich darum bemühte, vor der Kamera die Fassung zu bewahren, brach Carl und Marsha Mueller das Herz.
Weitere Briefe folgten, in denen Kayla ihren Eltern Mut zusprach. Auf die Zahlung von Lösegeld durch die Regierung hofften die Muellers jedoch vergeblich.
»Sobald wir dies täten, würden wir nicht nur das Abschlachten unschuldiger Menschen finanzieren und ihre Organisation stärken, sondern US-Bürger zu noch attraktiveren Zielen für künftige Geiselnahmen machen«, begründete der US-Präsident, warum die USA grundsätzlich keine Lösegeldforderungen von Extremistengruppen erfüllten.
Am 6. Februar 2015 lag die Temperatur in Syrien bei elf Grad. Der Himmel war vielerorts leicht bewölkt, und es regnete stellenweise. In Prescott hielten Carl und Marsha Mueller ein neues Schreiben ihrer Tochter in den Händen, das mit den Worten endete:
… Habt keine Angst um mich, betet weiter, so wie ich es tun werde, und wenn Gott will, werden wir bald wieder zusammen sein. In Liebe Kayla
Am selben Tag verbreitete der IS über seine Propagandakanäle, Kayla Mueller sei bei einem Luftangriff eines jordanischen Kampfflugzeuges auf ein Haus im syrischen Rakka ums Leben gekommen. Die jordanische Regierung in Amman reagierte umgehend und wies die Anschuldigung als frei erfunden zurück. Das Weiße Haus in Washington bestätigte Kaylas Tod, machte aber keine Angaben zu den näheren Umständen. Man teilte lediglich mit, dass die Entführer der Familie in den vergangenen Tagen eine Botschaft mit zusätzlichen Informationen übermittelt hätten. Den Fotos zufolge könne es keinen Zweifel am Tod der jungen Frau geben. Außerdem informierte der US-Präsident darüber, dass die USA mit einem Spezialkommando versucht hätten, Kayla Mueller und weitere Gefangene des IS in Syrien zu befreien. Der Präsident sagte in einer öffentlichen Erklärung: »Ich habe unter enormem Risiko eine Operation eingesetzt, um sie und andere Geiseln zu befreien. Vermutlich verpassten wir sie um ein oder zwei Tage.«
Kayla Mueller wurde sechsundzwanzig...




