Hartung | Katui - Die Macht des Feuerbaums | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 246 Seiten

Hartung Katui - Die Macht des Feuerbaums

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-7557-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 246 Seiten

ISBN: 978-3-7526-7557-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Großmutter Rasa gibt Katui, dem Sohn einer Schamanin im Amazonas-Regenwald, am Sterbelager den Auftrag, die Familie seines Vaters Uske zu finden. 'Feuerbaum' ist der einzige Hinweis, den er erhält. Feuerbaumreisen sind Prüfungen für Schamanen. Katui reist als erster Schamane mehrfach und schreibt Tagebücher. Professor Hastig erhält im Jahr 1989 die Aufzeichnungen und liest sie. Was steckt hinter der uralten Prophezeiung, die sich das Volk der Tipateo von Generation zu Generation erzählt? Wird Katui das Rätsel um seinen Vater lösen? Eine Fantasy-Geschichte für Jugendliche und Erwachsene.

Angela Hartung, geboren 1961, lebt in Berlin. Bereits als Kind schreibt sie erste Geschichten und veröffentlicht sie in der lokalen Tageszeitung. Seit mehr als zehn Jahren gehört sie verschiedenen Schreibgruppen an und wirkt an Lesungen von kurzen Texten mit. Dabei entsteht ihre Liebe zum Genre Fantasy. Facebook-Kontakt: fb.me/angelastexte bzw. m.me/angelastexte
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Autoren/Hrsg.


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Wald der Tipateo, zweite Trockenzeit nach der großen Flut (ca. 1514)


Katui saß am Ufer und sprach in Gedanken mit sich selbst.

Ein ausgewachsener Fisch schwamm vor ihm, er hob langsam die Hände. Sein rechter Fuß rutschte ab, die Lebenskette mit den Samenkapseln klapperte am Hals. Ein Flossenschlag, eine kleine Welle an der Wasseroberfläche und weg war die Beute.

Die Krokodile sollten den fressen, der sich Schmuck ausgedacht hatte, der klappert!

Katui zog sich die Kette über den Kopf und legte sie zum Köcher mit den Pfeilen auf das trockene Ufer. Daneben lag sein Handgelenkschmuck, Lederbänder mit Federn und Tierknochen. Rasch kehrte er zu dem stabilen Stein im flachen Uferwasser des Flüsschens Wakipi zurück und lauerte auf die nächste Gelegenheit. Pflanzen schwebten wie Medusen im Flusslauf. Dazwischen ein neuer Fisch.

Katui spannte alle Muskeln, strauchelte und fing sich in allerletzter Minute. Erneut griff er ins Leere. Der erfolglose Jäger schnappte sich seinen Köcher. Vier Pfeile lugten heraus. Am ersten war die Spitze schief. Der zweite hatte einen gespaltenen Schaft und an den beiden letzten standen die Federn zerzaust in alle Richtungen, wie bei Vögeln in der Mauser. Er seufzte und kletterte zurück auf den Stein, hockte sich hin und betrachtete kritisch die gemalten roten Striche auf seinem Unterarm. Fingerbreit, auf jedem Arm einer, von oben bis herunter zum Handgelenk. Katui benetzte einen Zeigefinger mit Spucke und fuhr in Schlangenlinien über die Bemalung. Ein neues Muster entstand. Er hockte sich nieder und suchte sein Abbild auf dem Wasser. Da schwamm ein Fisch mitten im Bild seines Lockenkopfs. Katui hielt den Atem an und griff zu.

Glitschig rutschte ihm die Beute weg. Beim nächsten Versuch erwischte er den Fang und schleuderte ihn ans Ufer. Ehe irgendein Krokodil den Kampf im Fluss bemerkt hatte, sprang er in den trockenen Sand. Mit einem dicken Stock schlug er mehrfach zu. „Verzeih mir, ich brauche dein Leben für meines.“ Ein letztes Mal krümmte der Fisch seine Schwanzflosse und blieb reglos liegen. Katui hatte es von seinem Vater gelernt: „Du darfst nur töten, um dich und deine Familie zu ernähren. Vergiss nie, deine Beute um Vergebung zu bitten, sonst erfährst du großes Leid, das dir die Götter schicken.“

Der Fisch war fast so lang wie Katuis Arm. Er packte ihn am Schwanz und schwang ihn auf seinen Rücken. Gebückt folgte er dem Pfad über den Hügel hinweg zum Dorf.

Aus einigen Hütten stieg Rauch auf. Die Affen schlugen keinen Alarm seinetwegen, sie kannten alle Bewohner. Die meisten Männer waren heute zur Jagd. Frauen saßen im Sand und zerkleinerten Süßkartoffeln, Maniok und Früchte.

Die Nachbarin rieb Paranüsse, um daraus Öl zu pressen.

Großmutter Rasa saß dabei und flocht aus Baststreifen eine Matte.

Sein Brüderchen und einige Kinder spielten mit Samenkapseln und Stöckchen, legten damit Muster in den Sand. Kurz vor der Familienhütte führte sein Weg an der Schamanen-Hütte vorbei. Der Baumstamm lag am Boden.

Sicheres Zeichen, dass seine Mutter dort war. Er verharrte einen Moment.

Ob sie eine neue Lehrstunde vorbereitete?

Wura trat aus der Hütte und grüßte ihn lächelnd. Sie schob den Baumstamm vor den Eingang und murmelte die Worte des Schutzzaubers. Mit den Händen strich sie über den Stamm, bewegte sich einen Schritt zurück und beendete das Ritual mit einer kleinen Verbeugung. Dann wandte sie sich ihm zu. „Mein Sohn hatte heute Erfolg“, in ihren Augen blitzte Anerkennung, „dein erstes selbst gejagtes Tier.“

Gemeinsam betraten sie die Familienhütte.

Er warf den Fisch neben die Feuerstelle, blieb danebenstehen und reckte das Kinn in die Höhe.

„Oh, heute Nacht werden wir dich feiern!“, begrüßte ihn seine Schwester und richtete sich in ihrer Hängematte auf.

„Wolltest du der Tipateo werden, der als ältester Junge sein erstes Tier erlegt?“

Wura legte ihre Hand auf die Schulter des Mädchens. „Das ist seine Bestimmung, heute sollte es geschehen. Es gibt kein zu spät. Alles hat seinen Sinn.“

Wuras warme Stimme füllte den Raum, seine Schwester verstummte.

Großmutter Rasa kam herein und setzte sich zu ihnen. „Du wirst ein mächtiger Schamane, der große Fisch zeigt das.“

Etwas später am selben Tag


„Können wir sprechen?“ Katuis Vater Uske hob die Matte beiseite und kroch in das Versteck des Sohnes.

„Du hast es schön hier. All die Kräuter rundherum, das Moos am Boden. Es freut mich, dass du es so pflegst.“

Uske kauerte sich wie gewohnt Katui gegenüber hin.

Mühsam kreuzte er die Beine und stieß sich dabei den Kopf an einer Kalebasse, die von der Decke hing.

Erwartungsvoll schaute Katui in die blauen Augen des Vaters. Dessen hell nussfarbige Haut und seine leuchtend braunen Haare stachen im Halbdunkelt des Verstecks hervor. Sein Sohn, der wie alle anderen Tipateo dunkler war, bemerkte es heute stärker als sonst.

„Du hast einen Fisch gebracht. Das freut mich. Wir werden uns satt essen. Und wir werden feiern. Heute Nacht ist deine Prüfung. Du bist unser erstgeborenes Kind. Nach der Tradition wird es Schamane. Du weißt das.“

„Welche Prüfung, Vater?“

„Wir wissen es nicht. Du wirst träumen. Der Traum ist tief.

Manche sahen das Ende der Welt. Manche begegneten Geistern. Manche starben nach der Rückkehr. Manche verschwanden.“

Der Vater betrachtete seine Zehen. „Die letzte, die verschwand, hieß Bina. Sie war die Schwester von Dela.“

Katui kannte die Ahnenreihe seiner Großmutter Rasa so wie seine eigene. Ihre benannte alle weiblichen Vorfahren.

Die Namen Bina und Dela kamen darin vor. Seine war kurz:

Katui, der Sohn des Uske, dem Fremden. Die restlichen männlichen Ahnen kannte niemand. Sein Vater sah auf.

„Die Schamanen sagen, es sind die Götter, die gefährliche Träume schicken. Sie prüfen dich mit bösen Menschen oder Erlebnissen.“

Katui rutschte hin und her. „Wie können Träume einen Menschen verschwinden lassen?“

„Das wissen nur die Götter. Deine Mutter und ich sind in Sorge. Alle Schamanen durchlaufen die Prüfung. Es ist der Beweis.“

„Wofür?“

„Dass du ein Schamane der Tipateo bist.“

Katui schwieg. Sein Blut pochte. „Warum heute?“

„Dein erstes gejagtes Tier. Es zeigt deine Reife.“

„Muss ich Angst haben?“

„Genau das ist deine Aufgabe. Besiege die Angst!“

„Ist das möglich?“

„Großmutter Rasa sagt, du bist stark.“

Eine Weile schwiegen sie, dann legte Uske einen kleinen Beutel aus Tierhaut auf das Moos vor Katuis Füßen. „Darin sind Beeren. Sie könnten dir zurück helfen. Trage sie am Körper. Die ganze Nacht. Wura sagt, du brauchst Wasser und Sonne, erst dann essen.“

Plötzlich beugte Uske sich näher zu Katui und wechselte in die Sprache, die nur er kannte. Sein Sohn hatte sie ein wenig von ihm gelernt. „Du wirst den Ahnen begegnen. Sie wissen alles. Vielleicht auch etwas über meine Familie.

Wirst du sie fragen?“

„Dann gab es diese Familie wirklich?“

Sein Vater schüttelte kurz den Kopf, betrachtete den Boden und nickte im Anschluss daran. „Ich sehe immer nur ein Bild. Meine Mutter läuft aufgeregt hin und her, sie weint.“ Er schaute hinauf zu den Zweigen. „Immer wieder ruft sie: Der arme Wilhelm! Was für ein Glück, er lebt. Ohne seine Haube wäre er tot.“

Diesen Satz rief Uske klar und deutlich in der fremden Sprache. Dann flüsterte er. „Ich weiß nicht, was sie damit sagen wollte. Ich war doch ein kleines Kind.“

In der Nacht desselben Tages


Würziger Duft von gebratenem Fisch füllte die Hütte. Katui hatte alle Gewürze von Pfeffer bis zu Pottasche der Sakuri-Palme beigefügt. Sie saßen rund um das Essen auf dem Boden, der ganze Clan. So, wie es die Tradition verlangte, nahm der junge Jäger das erste Stück, dann gab er nacheinander allen Familienmitgliedern den ihnen gebührenden Teil. Bei Süßkartoffeln und Kräutern bediente sich jeder selbst.

„Preist die Götter für diese gute Mahlzeit,“ sagte der Vater.

Gräten und wenige Reste blieben zurück. Uske und sein Schwager ergriffen Stampfhölzer, die sie am Tag aus frischen Baumstämmen geschnitzt hatten und stampften damit rhythmisch auf den Boden. Wura sang. Das Lied vom Jäger, der den Tapir verfehlte, das Lied vom Tiger, der ein Kind angriff, doch es dann verschonte, und das Lied vom jungen Mann, der das größte Krokodil der Gegend erlegte.

Alle trugen festliche Schurze, gefertigt aus Rindenbast, die ihnen von der Taille bis zur halben Wade reichten. Rote Bemalung auf ihrer Haut...



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