Hasler | »Liebe ist ewig, doch nicht immer beständig« | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Hasler »Liebe ist ewig, doch nicht immer beständig«

Von den kürzeren und längeren Ewigkeiten der Liebe
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01229-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Von den kürzeren und längeren Ewigkeiten der Liebe

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-01229-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Waren sie nicht fast alle einmal südlich der Alpen: malende, dichtende, philosophierende Menschen? An diesen leuchtenden Seen, in den Gärten mit ihrer betörenden Pflanzenvielfalt, erlebten viele von ihnen kürzere oder längere Ewigkeiten.
Diese zwölf Geschichten aus dem Tessin, Romane in Kleinstformat, zeigen ein großes Spektrum der Liebe und werfen auf bekannte Persönlichkeiten ein neues Licht.



Eveline Hasler (geb. 1933 in Glarus) ist eine Schweizer Schriftstellerin. Sie studierte Psychologie und Geschichte an der Universität Freiburg und in Paris. Anschließend war sie als Lehrerin tätig. Sie verfasste Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und erzählerische Werke für Erwachsene. 1994 erhielt sie für ihr literarisches Gesamtwerk den Droste-Preis. Ihre Bücher sind bisher in zwölf Sprachen übersetzt worden. Eveline Hasler ist Mitglied des Vereins Autorinnen und Autoren der Schweiz und des Deutschschweizer PEN-Zentrums. Ihr Vorlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Die Autorin lebt in Ronco sopra Ascona (Kanton Tessin).

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Die Einquartierung
Emmy Hennings letzte Liebe

Der Himmel über dem Luganersee war weiß vor Hitze.

Emmy kam müde von der Arbeit nach Hause, in der Besenbinderei war es heiß und staubig gewesen, ein stickiger Tag ging zu Ende.

Sie setzte sich auf die oberste Stufe ihrer Eingangstreppe, ihr Körper holte ein bisschen Kühle aus der Granitplatte heraus, die Katze, ein schnurrender Fellsack, döste auf ihrem Schoß.

Der junge, in ihrem Haus einquartierte Soldat setzte sich neben sie. Er blickte sie von der Seite an und legte dann den Arm um ihre Schultern, ihr Gesicht mit den weichen, von der Hitze leicht geschwollenen Zügen gefiel ihm, das Blonde der Pagenfrisur, die Emmy etwas Mädchenhaftes gab, obwohl sie eine gestandene Frau war, eine Witwe …

Der junge Unteroffizier war zum ersten Mal in seinem Leben südlich des Gotthards.

Zu Hause in der Innerschweiz sah er das gewaltige Bergmassiv von der andern, der Nordseite aus, es verriegelte sein karges, nach Mitternacht ausgerichtetes Tal, da drang kein warmer Hauch vom Süden herüber, das Wetter hielt sich an diese Schwelle. Im Frühling des Kriegsjahrs 1944 war er mit seinem Zug, die beladenen Maulesel voran, über die noch verschneite Passhöhe gezogen, hinunter durch das Val Tremola nach der Burgenstadt Bellinzona und von dort aus weiter südwärts bis zu diesem letzten Zipfel des Luganersees. In Magliaso wurde er einquartiert, unweit der italienischen Grenze, hinter der Krieg war.

Doch hier, auf den Treppenstufen der Emmy Hennings, seiner Zimmerwirtin, empfand er Frieden. So lau hatte er sich einen südlichen Abend nicht vorgestellt, der Hitzedunst hatte sich aufgelöst, Hügel und See nahmen Farben und Form an, umflossen von einem blaugoldenen Licht. Vom Wasser herauf brachte der Abendwind erste Kühle.

Emmy spürte noch keine Erleichterung, in ihr war ein Flattern, eine Unruhe, als ob der Wind, der in den Blättern der Büsche zu hören war, durch ihr Inneres striche.

Ein Käuzchen begann zu schreien, ein langanhaltender tremolierender Ruf.

»Was schreit da so jämmerlich?«, fragte der Soldat.

»Der Gufo.« Sie lächelte.

»Weißt du, was er da schreit? Voglio una donna! Voglio una donna

»Was heißt das?«

»Ich will eine Frau!«

»Kann ich ihm nachfühlen!« Der junge Soldat lachte. »Ich habe auch noch keine.«

»Du bist wohl zu scheu?«, fragte sie lächelnd.

»Vielleicht.« Er zuckte die Achseln.

Die Rufe des Käuzchens waren verstummt.

Von der Wiese her, aus den Büschen, kam die Dunkelheit.

»Wie still es hier ist«, bemerkte er. »Nur so ein Schaben. Sind das Grillen?«

»Das feine Mahlen, als rieben Stockzähne aufeinander?,« fragte sie zurück, um ein bisschen Zeit zu gewinnen, denn sie war dabei, das stoppelige Kinn des jungen Mannes zu betrachten, den Mund unter dem hellen Backenbart, den kräftigen, fast bäuerlichen Nacken, die unwahrscheinlich blauen, wie staunend geweiteten Augen. Sagte dann: »Du hörst die Zeit, sie mahlt und mahlt. Bis das letzte Korn aufgebraucht ist.«

»Und dann?«

»Sterben wir.«

»Ah, bah, wir sind noch zu jung zum Sterben«, wehrte er ab.

»Du schon. Aber ich … Ich bin neunundfünfzig«, sagte sie.

Sie blickte ihm mit spöttisch geschürzten Lippen ins Gesicht und blies die blonden Haare ihrer Stirnfransen hoch. Dann schüttelte sie ihre rechte Hand, als könnte sie die brennenden Stellen kühlen, er bemerkte die Schwielen und Blasen vom Besenbinden.

Er sagte: »Du gefällst mir, so oder so.«

Er griff nach ihrer Hand, drehte sie, betrachtete auf der Innenseite die offenen Blasen.

»Warum musst du denn in die Besenfabrik? Die Arbeit ist zu grob, sie macht deine Hände kaputt. Und wenn du nach Hause kommst, arbeitest du ganze Nächte am Schreibtisch …«

Durch die offene Tür hatte er sie über Papierbögen gebeugt an ihrem Tisch gesehen. Sie saß am Schreibtisch wie an einem Hausaltar, überall Heiligenbildchen und Fotos von diesem mönchisch hageren Mann, der ihr Ehemann gewesen war.

Ein Schriftsteller, ein Philosoph, hieß es im Dorf, als Gründer der Dada-Bewegung habe er in Zürich Furore gemacht, von seiner Performance als Papst spreche man dort immer noch. Auch in Deutschland rühme man Hugo Balls Bücher. Nun, da er tot sei, schreibe eben Signora Emmy Bücher über ihn, schreibe und schreibe, schwenke über den beschriebenen Blättern das Weihrauchfass.

»Wird das, was sie schreibt, auch gedruckt?«, hatte der Soldat den Dorflehrer gefragt und der hatte, mit einem eifrigen Nicken bestätigt: »Die katholischen Verlage in der Innerschweiz und in Süddeutschland sind scharf auf ihre Manuskripte …«

»Braucht sie Geld?« Der Lehrer bejahte. »Sie ist nach Magliaso umgezogen, weil die Mieten hier billiger sind, ihre Bücher hat sie, obwohl sie nicht mehr die Jüngste ist, in einem Handwagen mühsam hinter sich hergezogen.«

»Mühsam, ja«, sagte der Soldat, »es waren gewiss Hunderte von Büchern …«

»Allerdings«, sagte der Lehrer belustigt, »in ihrer Bibliothek steht Casanova friedlich neben Augustinus! Und haben Sie über den Regalen, vor dem schwarzen Samttuch, die Totenmaske gesehen? Sah Ball nicht wie ein Geistlicher aus mit der strengen Heiterkeit um den Mund? Wie Kirchenmäuse hat das Paar im Tessin gelebt, eifrige Konvertiten, morgens zur Frühmesse, abends zum Rosenkranz, doch mit seinen schwierigen philosophischen Büchern hat Ball nur Schulden hinterlassen. Sein Begräbnis hat Hermann Hesse bezahlt. Dann und wann schickt der Dichter aus Montagnola ein Scherflein, damit die Witwe ihren Hauszins zahlen kann …«

Der Soldat schaute die schmale Frau an, Entbehrungen und Arbeit schienen an ihr zu zehren. »Besenbinden und schreiben, du bist zu emsig, Emmy«, rügte er.

Sie lächelte und sagte: »Weißt du, dass man mich damals in Schwabing Emsi genannt hat?«

»Schwabing? Wo ist das?«

»Ein Stadtviertel von München.«

Sie dachte an ihre Tingeltangel-Zeit, an die wechselnden Liebhaber aus der Bohème und an die Freier, die sie sich zeitweise hatte zulegen müssen, um nicht zu verhungern. Wer sie zuerst Emsi genannt hatte? Wohl Erich Mühsam. Seine Emsi war ihm lieb, er begriff ihr verspieltes, schöpferisches Wesen, nur ihre Konversion zum Katholizismus und ihre frommen Anwandlungen, wie er das nannte, verstand er nicht. Trotz der frommen Übungen empfand sie es als anstrengend, enthaltsam zu leben, schaffte sie es die Woche über, so leistete sie sich wenigstens am Sonntag ihren Mühsam. Einmal, nach einer gemeinsamen Nacht, hatte sie ihm gesagt, sie wolle ins Kloster.

Und er darauf spöttisch: »Ach, und wer bestellt dann dein Gärtchen?«

Das hatte sie maßlos gegen ihn aufgebracht. Sie verstand keinen Spaß, wenn es um Dinge ging, die ihr Spaß bereiteten.

Und dann kam Hugo Ball. Die Jahre ihrer Ehe. Der Mönch und die Tingeltangel-Prinzessin. Er suche bei ihr »keine hausfrauliche Sorge, sondern die Unschuld, das Unbewusste, die Fee, das Übersinnliche«, hatte er einem Freund geschrieben. Sie lebten mal zusammen, mal getrennt, trieben zusammen das Bücherschreib-Spiel, reisten mit den letzten Ersparnissen nach Italien, sorglos wie Kinder, oder auch tief verzweifelt. Er, der Gelehrte, der Asket, wusste um Emmys Leben voller Umwege, er verstand ihre Weglaufsucht, war ihrem Kind aus einer früheren Beziehung ein zärtlicher Vater, auf seine Großzügigkeit war Verlass.

Nur seinen frühen Tod empfand sie als Verrat.

Sie blinzelte und sah den jungen Soldaten, wie er den Rauch seiner Zigarette mit spitzem Mund vor sich hertrieb, Wolken, Weihrauchwolken. An Fronleichnam schwang Hugo in der Kirche das Weihrauchfass. Die dunkel gekleideten alten Weiblein nahmen mit witternder Nase gierig den frommen Geruch auf, der, so glaubten sie, den Teufel in die Flucht treibe. Emmy wurde in der Messe übel, es sitzt halt ein Teufelchen in mir, bemerkte sie lachend, aber Hugo wusste, dass ihr Magen nach einer kräftigen Mahlzeit verlangte: Geh zum Krämer, er wird dir auf Pump Eier und Butter geben, auch ein Stück Schafkäse und Salami, Hesse wird uns nochmals einen Schein schicken.

Der Wind spielte im Nachbargarten mit den Blattfingern einer Palme, ein Geräusch, als zerreiße Seidenpapier.

Emmy gab der Katze einen Schubs und stand auf. In der Küche holte sie Gläser und die Weinflasche, die der Soldat aus dem nahen Grotto mitgebracht hatte.

Sie tranken schweigend.

Ob er dürfe? Sie ließ sich küssen, er tat es auf eine vorsichtige, unschuldige Art. Seine bäurischen, beinah quadratischen Hände glitten sanft über ihr Gesicht.

Die Dunkelheit füllte die enge Dorfgasse, die Hauswände erschienen jetzt schluchtartig, fensterlos. Ein Hund bellte.

Als der Hund schwieg und seinem Herrn ins Haus folgte, begann abermals das Käuzchen zu schreien.

»G-u-f-o«, sagte der Soldat, das fremde Wort sorgfältig wie eine Kostbarkeit aussprechend. »Was schreit er? Sag mir noch mal, was er schreit, Emmy!«

Voglio una donna! Sie lachte, leerte ihr Glas.

Der Wein hatte ihr Gesicht flaumig gemacht.

Wie gut, an diesem lauen Abend nicht schreiben zu müssen. Sie blickte zum Nachthimmel und versprach: Morgen werde ich dafür ein paar Seiten mehr schaffen, hörst du, Hugo, dabei zwinkerte sie über der Krone des Kastanienbaums einem kleinen Stern zu.

Der Soldat aus der Innerschweiz deutete das zu seinen Gunsten. Er zog sie die Treppenstufen hinunter zu dem kleinen Grasplatz bei...


Hasler, Eveline
Eveline Hasler wurde in Glarus geboren, studierte Psychologie und Geschichte in Fribourg und Paris und war einige Zeit als Lehrerin tätig. Heute lebt sie im Tessin. Sie schreibt vor allem historische Romane, aber auch Lyrik, Kinderbücher, Kolumnen, Reportagen sowie Radio- und Zeitschriftenbeiträge. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schubart-Literaturpreis, dem Meersburger Droste-Preis für Dichterinnen und dem Justinus-Kerner-Preis.



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