E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
Hasler Und werde immer Ihr Freund sein
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-312-01047-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hermann Hesse, Emmy Hennings und Hugo Ball
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01047-9
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eveline Hasler (geb. 1933 in Glarus) ist eine Schweizer Schriftstellerin. Sie studierte Psychologie und Geschichte an der Universität Freiburg und in Paris. Anschließend war sie als Lehrerin tätig. Sie verfasste Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und erzählerische Werke für Erwachsene. 1994 erhielt sie für ihr literarisches Gesamtwerk den Droste-Preis. Ihre Bücher sind bisher in zwölf Sprachen übersetzt worden. Eveline Hasler ist Mitglied des Vereins Autorinnen und Autoren der Schweiz und des Deutschschweizer PEN-Zentrums. Ihr Vorlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Die Autorin lebt in Ronco sopra Ascona (Kanton Tessin).
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Dreigestirn. Lugano 1920
1
Seit September 1920 wohnten Emmy und Hugo Ball im Luganese, in dem kleinen Dorf Agnuzzo, doch dem Dichter Hermann Hesse, von dem es hieß, er wohne unweit von ihnen in Montagnola, waren sie noch nie begegnet. Mit Begeisterung hatten sie seinen ‹Demian› gelesen, auch den Vorabdruck eines ersten Teils von ‹Siddhartha› in der ‹Neuen Zürcher Zeitung›.
Am Abend des 2. Dezembers, als die Balls bei dem astrologische Studien treibenden Ingenieur Englert in Cassarate eingeladen waren, saß Hesse wie selbstverständlich unter den Gästen. Der Gastgeber wollte nicht aufhören, über die Bedeutung der Sterne zu sprechen, doch Emmy zogen die Menschen weit mehr in den Bann. Auch wir Menschen bilden unsere Konstellationen und Kreise, dachte sie, während ihr Blick immer wieder hinüberwanderte zu Hermann Hesse. Sie hatte sich den Dichter, weil er schon berühmt war, mit einem Bart vorgestellt, nun war er nach neuester Mode glattrasiert und wirkte auf die Balls, beide Mitdreißiger, mit seinen bald vierundvierzig Jahren erstaunlich jung. Er saß am Tisch aus Kastanienholz, den rechten Arm aufgestützt, halb hörend, halb nach innen horchend. Dann und wann, wenn Englert zu sehr in Eifer geriet, von Planeten erzählte, die bleichgesichtig Krieg ankündigten, da schien ihr, Hesses Lippen kräuselten sich wie von feinem Spott, und als er den schmal geschnittenen Kopf hob, kreuzten sich seine und Emmys Blicke. Ein Lächeln. Kurzes Einverständnis.
Später beim Wein wechselte man endlich ein paar Sätze. Die Balls erfuhren, dass der Dichter nach der Veranstaltung noch zu Fuß hinauf in sein Hügeldorf müsse.
«Wir haben ein Stück weit denselben Heimweg», stellte Hugo Ball erfreut fest.
Als sie aus Englerts Haus traten, war Mitternacht vorüber, der Nachtwind blies kühl.
Um sich Wärme zu bewahren, schritten die drei kräftig aus, die von Englert vielbemühten Sterne taten das Ihrige und erhellten den schwarzen Himmel. Es waren frostige, in das Nachttuch geschnittene grünliche Knospen. Sie schienen unendlich weit weg, und Englerts Erklärungen ihrer Bedeutung schienen ihnen gleichgültig zu sein.
Schnell gewannen die Wanderer an Höhe. Als die letzten Häuser unter ihnen lagen, hielten sie inne und blickten zurück auf die Lichter der Stadt Lugano.
Einzelne weitausragende Bäume standen am Abhang, zwischen den Ästen schimmerten fahl die Mauern einer Siedlung.
Hesse schlug vor, mit einer Abkürzung das Dorf zu umgehen, es war ein schmaler Hohlweg an dunklen Gärten vorbei. Über die gusseisernen Zäune hingen die wirren, kahlen Zweige der Feigenbäume, dann folgten Sträucher und Bäume mit immerwährendem Grün.
Hesse zeigte auf die Magnolien und Kamelien. Lobte die Robustheit ihrer Blätter: «Sie glänzen im Mondlicht metallisch, nicht wahr?»
Nun verengte sich der Hohlweg, er wurde dunkler und uneben. Emmy, die in der Mitte ging, fasste Hugo und Hesse an den Händen, zu dritt füllten sie die ganze Breite des Pfades aus.
Emmy spürte zu ihrer Linken den feinen, zuckenden Druck von Hesses Hand, es kam ihr vor, er übertrage ihr weniger seine Gedanken als seine Stimmungen, drückende dunkle Wolken, hatte er nicht zu Beginn der Wanderung über Kopfweh geklagt?
Um den Druck auszuhalten, begann Emmy ein Lied zu singen, die Melodie stieg dünn und klar an, getragen von ihrer spröden, knabenhaften Stimme. Hesse erinnerte sich, dass Emmy früher im ‹Simplicissimus› und in anderen Münchner Kabaretts gesungen hatte, und stimmte in den Gesang ein, später, etwas zögerlich, folgte auch Hugo.
Alles schwingt verschwörerisch um uns, dachte Emmy, das Tuch des Sternenzelts, die Baumwipfel am Hohlweg, die im Mondschein schimmernden Blätter. Die Luft ist geschmeidiger als sonst. Noch nie waren wir drei zusammen unterwegs, und schon fügt sich uns alles.
Da hielt Hesse plötzlich inne, löste seine Hand aus der ihren und zeigte hinauf: «Ein fallender Stern!»
«Ich habe ihn auch gesehen», rief Hugo begeistert und stieß seine Frau an. «Wünsch dir etwas, Emmy! … Haben Sie auch einen Wunsch getan, Herr Hesse?»
Emmy biss sich auf die frostigen Lippen. Verriet nicht, was sie sich wünschte: dass ihre Dreiheit andaure. Dass sie Freunde würden. Dass im winterlichen Tessin die Einsamkeit, unter der sie litt, ein wenig gedämpft werde.
2
Hatten sie wohl mit vereinter Kraft alle dasselbe gewünscht?
Jedenfalls zog am frühen Nachmittag Hesse in Agnuzzo am Draht der altmodischen Türklingel. Er komme nicht zu stören, sei da, um rasch guten Tag zu sagen und um zu malen. Die Staffelei? Er wolle sie drüben an den Waldrand stellen, um die Häusergruppe zu skizzieren, ja, ein selten in sich geschlossenes Dorf!
«Wir wollen doch zusammen erst Kaffee trinken», schlug Emmy vor. Sie ging in die Küche, doch der Kaffee war alle, es fehlten auch Brot und ein Stück Käse. Da außerdem das Geld fehlte, ging Emmy hinüber zum Dorfladen und ließ anschreiben. Hesse verschwand unterdessen mit seiner Staffelei. Der Dezembertag war heiter, man sah den Maler etwas später trotz winterlich gedämpftem Sonnenlicht mit einem Strohhut zwischen den abgeernteten Maisstauden.
Gegen fünf Uhr nachmittags erschien er wieder, auf seinen zwei Bildern, welche die Balls mit Entzücken betrachteten, leuchteten über dem Maisfeld sienarote Dächer.
Da es schon dämmerte, bat Hugo den Maler zu einer kleinen Mahlzeit, Hesse brauche Stärkung für den steilen Heimweg, es werde nun, gegen den kürzesten Tag hin, früh kalt!
Während Emmy nochmals zum Dorfladen ging, um getrocknete Tomaten und Salamiwurst zu kaufen, führte Hugo den Besucher durch die Tür des schmalen, in die Hausreihe eingezwängten kleinen Palazzos, die vergoldeten Zaunspitzen und das verblichene Wappen über dem Einlass ließen auf die Vornehmheit der Erbauer schließen. Der Flur und die Zimmer schienen eng, doch der Salon mit der bemalten Decke und dem Kamin aus rotem Porphyr strahlte ganz das Herrschaftliche aus. Als Hugo unter der bemalten Decke die Flügeltür öffnete, entrang sich Hesse ein Ausdruck des Erstaunens. Hier war plötzlich Weite, Blick und Herz gingen auf. War der See im Dorf nur zu ahnen gewesen, blitzte er nun ganz nah hinter perlgrauen Uferstämmen. Und drüben, hinter dem Berg von Caslano, ahnte man norditalienische Weite!
Doch nun nahm die lange Steintreppe, die über viele Stufen in die Tiefe des Gartens führte, Hesses Aufmerksamkeit gefangen.
«Was für eine ungewöhnliche Treppe!», rief er.
«Unser Lieblingsort», lächelte Ball. «Emmy und ich vertiefen uns auf den vielen Stufen in Bücher und Manuskripte. Auch unsere Tochter Annemarie liebt die Treppe, Sie werden ja das Mädchen bald kennenlernen, sie ist in den Ferien bei Verwandten in Deutschland.»
Hesse mochte sich kaum vom Anblick der Treppe trennen. «Sobald es wärmer wird, sitzen wir zusammen auf den Stufen, nicht wahr?»
Hugo lachte. «Heute setzen wir uns wohl besser ans Feuer!» Und er legte rasch eine Armladung Holz in die Öffnung des Kamins.
Emmy hatte sich unterdessen in der Küche zu schaffen gemacht und eine Schüssel voll Teigwaren an einem Sugo aus getrockneten Steinpilzen und Tomaten zubereitet. Man aß das einfache Gericht mit Behagen, zum Nachtisch reichte Ball zu dem roten Landwein bröckligen Parmesankäse.
«Ein liebenswerter alter Palazzo», sagte Hesse mit Blick zu der gemalten Decke. «Sie konnten diese Unterkunft mieten?»
Emmy nickte. «Ja, wir haben Glück gehabt. Der Besitzer lebt in der Deutschschweiz, und der Postbote von Agnuzzo, der den Schlüssel hütet, hat für uns die Fensterläden aufgestoßen. Jahrzehnte war das Haus unbewohnt, Staub und Motten sind aufgewirbelt und haben auf den ungewohnten Bahnen aus Tageslicht das Weite gesucht! Auch die gemalten Schwalben an der Decke sind in Bewegung gekommen, hinaus wollten sie fliegen, über die lange Gartentreppe mit den blühenden Glyzinien hinunter zum nahen See …»
«Und wir haben uns unterdessen umgeblickt, begeistert vom offenen Kamin im Wohnzimmer, von der langen Granittreppe, dem verwilderten Garten! Ja, die Entscheidung ist leichtgefallen …», ergänzte Hugo und fügte trockener hinzu: «Wir leben hier auch billiger als in Zürich, nicht unwichtig für uns, warten wir doch immer noch auf Honorare!»
Als Hesse verständnisvoll nickte, beugte sich Hugo zum offenen Kamin und schürte mit einem eisernen Haken die Flamme.
Nach dem Essen rückte man die Stühle dicht zu der Feuerstelle, der Besucher lobte die herrschaftliche Umrandung des Kamins aus rotem Marmor. Dann hörte sich Hesse aufmerksam, mit leisem Schmunzeln, Emmys Schilderungen des Dorflebens an. «Sie erzählen so farbig, Frau Emmy. Am liebsten nähme ich den Pinsel und malte die Dorfgasse, den Pfarrer, die Hühnerfrau, das Mädchen aus der Cooperativa …»
Dann wandte er sich an Hugo, und rasch entspann sich zwischen den beiden Männern ein intensives Gespräch. Man war sich über die Nachkriegszeit in Deutschland einig, teilte dieselbe Enttäuschung: «Nach der Niederlage bleiben die Denkmuster unverändert, der alte Hurra-Patriotismus lebt wieder auf, man sinnt auf Rache, zieht keine Lehre aus dem Desaster», stellte Hugo fest.
Und Hesse meinte: «Wir beide erlebten im Krieg den sichtbaren Zusammenbruch des europäischen Geistes- und Seelenzustands. Nicht bloß als Erschüttertsein von all dem Mord und all der Not, sondern als Aufruf an das eigene Gewissen.»
«Leute, die ein bisschen Durchsicht haben, müssen jetzt warnen», sagte Ball. Und er zitierte Sätze aus seinem unlängst erschienenen Buch ‹Kritik der deutschen Intelligenz›.
Hesse im Gegenzug...




