Hassencamp | Die Frühstücksfreundin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 334 Seiten

Hassencamp Die Frühstücksfreundin

Ein heiterer Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7844-8278-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein heiterer Roman

E-Book, Deutsch, 334 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8278-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nicht jeder findet alles, was er zu seiner 'Selbstverwirklichung' braucht, bei einunddemselben Partner. Dieser Satz mag das Gewissen der heimlich Liebenden erleichtern, für den Autor ist er Ursache zahlloser tragikomischer Verwicklungen. Zwei befreundete Ehepaare suchen auf verschiedene Weise den Frieden mit sich selbst. Ein unverwechselbares Hassencamp-Lesevergnügen.

Oliver Hassenkamp, Autor der 'Bekenntnisse eines möblierten Herrn', beherrscht die schwere Kunst der leichten Hand. Seine Bücher, voll sprühender Einfälle, treffsicherem Humor und brillanter Formulierungen sind durch den liebenswürdig-ironischen Blickwinkel seiner Beobachtungen gekennzeichnet. Eine literarische Auferstehung von Zille bis Thöny, aber wie schwebend leicht, und darum wie köstlich. Ernst, der nicht lastet, Kulturkritik, die nicht verdammt oder belehrt, keine 'Aussagen', keine 'Anliegen', keine Schulmeisterei, die das komödiantische Gewand nur umwirft, um sich mit größerem Nachdruck zu empfehlen: Ironie durch Heiterkeit zum Wissen sublimiert.
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1. Parklücke

»Morgens Zeit haben – der ganze Tag sieht anders aus!« hat der Mann gesagt, der Robert in die knappe Lücke eingewinkt hat, nach der dritten Runde um den Block, vier Minuten vor acht. Es war mühsam hier im Viertel der Versicherungen und Banken. Wenn die Firma keine eigene Tiefgarage besaß, hatten ihre Mitarbeiter Dauerprobleme.

»Ich stehe immer am selben Platz. Genau vor der Tür«, hat der Mann gesagt, und Robert hat gelacht.

»Haben Sie ein Baustellenschild im Kofferraum, das Sie abends hinstellen?«

Der Mann hat den Kopf geschüttelt.

»Ich komme früh genug.«

»Nur wegen dem Auto?«

»Wegen der Gesundheit.«

»Und dann? Laufen Sie um den Block, bis es Zeit ist?«

Robert hat versucht, den Honig an seinem Zeigefinger mit dem Daumen wegzuribbeln. Der Mann hat über die Straße gedeutet.

»Um die Ecke ist ein kleines Garni Hotel mit einem Café. Das macht sehr früh auf; die Hotelgäste sind meist Vertreter, die um acht schon weiß Gott wo sein müssen.«

»Und da frühstücken Sie. Jeden Tag?« Robert hat sofort an die Kosten gedacht, und der Mann hat gelächelt.

»Da lese ich in Ruhe meine Zeitung, trinke meinen Kaffee, gehe danach ein paar Schritte.«

Zufrieden klingt er. Fast ein bißchen vorsätzlich zufrieden, hat Robert gedacht und sich gerade verabschieden wollen. Da hat der Mann den Satz gesagt:

»Morgens Zeit haben – der ganze Tag sieht anders aus.«

Es gibt wenige Sätze, die so haften bleiben, daß sie Weichen stellen könnten im Leben. Längst sitzt Robert über den Akten des wichtigen Falls, mit dem er den Herren Doktores im Hause beweisen will, daß seine Einschätzung die richtige ist. Ihm wird das nichts nützen, nur der Firma. Er wird bleiben, was er ist: juristischer Handlanger. Mehr kann er nicht werden, mehr kann er nicht verdienen, es sei denn, er entwickle eine geniale Idee. Robert fehlt das Staatsexamen.

Petra, die Sekretärin, bringt neues Aktenmaterial zur gewohnten Vorbearbeitung. Doch zuerst muß sich Robert die Hände waschen. Honigfinger erleichtern zwar das Umblättern, können aber Spuren hinterlassen. Jennifer hat recht, denkt er vor dem Doppelbecken im Waschraum. So eines sollten wir auch haben. Ein einzelnes ist für vier Personen einfach zu wenig. Und Franziska hat auch recht: Erst wenn die Wohnung abbezahlt ist. Und er erinnert sich, was Martin darauf gesagt hat: Typisch Mami! Die wär’ ja schon mit ’nem Ziehbrunnen zufrieden.

Mit den Namen der Kinder hatten sie sich Mühe gegeben, hatten allen Modeströmungen getrotzt. Martin hieß nach dem Vater seines Vaters, weil er dem Neunzigjährigen in den ersten vierzehn Tagen seines irdischen Vorhandenseins frappierend ähnlich gesehen hatte, und Jennifer war sein Einfall gewesen, ein sehr guter Einfall, wie er fand, kein anderes Mädchen weit und breit hieß Jennifer. Wäre es nach Franziska gegangen, ihre Tochter würde Anna heißen.

Der Kragen sitzt nicht, stellt er im Spiegel fest. Mal wieder Maßhemden machen lassen, drei vielleicht. Zuerst hatte er ein anderes angezogen. Bis Jennifer die Handbrause ausrutschte, als er sich im Bad die Krawatte band und nicht an den Spiegel herankonnte, weil sich Martin im Waschbecken die Zähne putzte. Da ist ihm ein Satz eingefallen:

»Der schlimmste Stau am Morgen ist nicht der auf dem Altstadtring, sondern der in unserem Badezimmer. Nur weil ihr nicht aus den Federn kommt, Scheißkinder.«

Sie sagten oft Scheißkinder, beide. Franziska war das Wort einmal herausgerutscht, als Jennifer und Martin ihr Kakao über ein geliehenes Buch schütteten, ein Buch über Kinderpsychologie. Sie hatte sich Vorwürfe gemacht, und die Vorwürfe verschlimmerten sich, je weiter sie las, bis Robert meinte:

»Wenn wir die Bezeichnung als scherzhafte Rüge beibehalten, müssen sie nicht zum Therapeuten. Und du auch nicht.«

Dabei blieb es. Aus dem Wandschrank in der Diele hatte sich Robert das Hemd mit dem schlechtsitzenden Kragen geholt. Bis er es angezogen und die Krawatte umgebunden hatte, war der Toast kalt, das Ei zu hart und keine Zeit mehr zum Zeitunglesen. Zu allem Überfluß rief auch Freund Karl noch an. Aus dem Tennis morgen nachmittag werde nichts, weil er nach Genf müsse, zu einem Mandanten. Unangenehm erfolgreich klang das. Karl hatte sein Staatsexamen. Und eine Villa mit Schwimmhalle.

Franziska legte Papiere neben Roberts Teller.

»Da ist eine Mahnung gekommen. Wegen der Hausratversicherung. Das mußt du entscheiden.«

»Warum muß ich das entscheiden? Der Fall ist völlig klar. Sei doch ein bißchen selbständiger.«

Franziska ließ sich nicht beirren.

»Und hier mußt du unterschreiben, damit das weg kann. Es betrifft die Zahnversicherung für die Kinder.«

Die gebärdeten sich auch nicht gerade konzentrationsfördernd.

»Mami, was heißt Doppelwaschbecken auf lateinisch?«

»Da mußt du Pappi fragen. Er hat Abitur.«

»Pappi, was heißt Doppelwaschbecken auf lateinisch?«

»Ich muß jetzt lesen, Scheißkind.«

»Pappi, was heißt Scheißkind auf lateinisch?«

Und auf einmal war es passiert: Reiner Waldhonig auf reiner Krawattenseide. Honig duldet keine Ablenkung. Durch den Krawattenwechsel wurde der Verzehr des tropfenden Brotes verzögert. Kauend verabschiedete sich Robert. Für den Liftknopf genügte der kleine Finger der linken Hand, die andern hielten das Honigbrot, die rechte Hand die schwere Aktentasche.

Wo sind die Schlüssel? Alles klebt, die Aktentasche, die Hosentasche, die Jackentasche, die Innentasche, die Hintertasche, der Türgriff, das Lenkrad, der Schalthebel. Die Uhr empfiehlt Katzenwäsche für die fünf Finger und zügigen Start in den Stau auf dem Altstadtring.

Ruhe. Keinen Verschleiß beim Transport. Locker die Arme. Alles wird warm und schwer. Wenn man schon im Auto autogenes Training machen muß, ist das ein Zeichen, die Weiche zu stellen: Morgens Zeit haben – der ganze Tag sieht anders aus.

»Ich möchte es einmal ausprobieren«, sagte er zu Franziska, spät abends, und holte sich den Wecker von ihrer Seite auf die seine herüber. Franziska verwaltete in der Familie die Zeit.

»Das wird ungewohnt sein für uns.«

»Ich möchte es wie gesagt nur einmal probieren.«

Unter der Decke hat sie herübergetastet, und Hand in Hand, mit abgespreizten Armen und Beinen, wie Lebkuchenmännchen platt nebeneinander liegend, haben sie sich entspannt. Zuerst die Arme schwer gemacht, dann die Beine, alles mit Konzentration beheizt und miteinander geatmet, ruhig und tief. Dann hat sie sich zum Einschlafen an seine Schulter gerollt:

»Haben wir’s nicht schön?«

Den Wecker zu ungewohnter Zeit und von ungewohnter Seite empfindet Robert als physischen Schmerz, die ganze Idee als Kateridee. Grämlich schlurft er hinaus, schaltet das Flurlicht ein und das im Bad. Ist er hier in einem Hotel? Wie laut das Wasser läuft. So laut, daß er aus Rücksicht ins Waschbecken pinkelt, freihändig, während er sich kämmt. Mit dem Zähneputzen weckt er den restlichen Organismus, hält den Kopf unter die kalte Brause, bis Frische einzieht. Niemand stößt ihn beim Rasieren, ungehindert kann er sich bewegen, sich anziehen vor dem Wandschrank im Flur, ohne im Weg zu stehen. Mit Bedacht wählt er eine helle Krawatte. Die Ruhe und die Bewegungsfreiheit geben der Wohnung etwas Leichtsinniges, Junggesellenhaftes. Keine Haushaltsgeräusche, kein Wasser, das kocht, kein Honig, der tropft. Da wird er umarmt, bettwarm.

»Wollte dir wenigstens auf Wiedersehn sagen.«

Franziska schnurrt wie eine verschlafene Geliebte, in der es noch nachschwingt von heute nacht – dreiundzwanziguhrelf bis dreiundzwanziguhrfünfzehn.

Übers Gaspedal tritt er hinaus ins freundliche Leben. Es ist Mai. Um diese Stunde gleicht die Fahrt in die Innenstadt einem Morgenritt über Wiesen und Felder. Weite braucht das Auge, stellt er fest, Weite. Wenigstens einmal am Tag. Nur wenige Wagen stehen am Straßenrand, Robert parkt à la carte unter dem Fenster seines Büros. Die Stadt ist Stadt, nicht Verkehrsanlage, und frisch die Luft. In der Nähe zu sein und noch nicht gefordert zu werden, schon das verschafft Ruhe. Robert braucht gute Nerven für den schwierigen Fall, den er durchstehen muß, gegen alle Argumente der Volljuristen. Mit festem Schritt überquert er die Straße. So eine Sache zieht man nicht allein mit Fachwissen und mit Ellenbogen durch, da spielen noch andere Dinge mit, Instinkt, Menschenkenntnis, Ausstrahlung, Taktik. Vor ihm biegt eine Frau in die Seitenstraße ein, wo das Café sein soll.

Wenn man innerlich reif und bereit ist, in der Mitte seiner Möglichkeiten steht, dann kommt die Entsprechung von außen – hat Robert in einer esoterischen Zeitschrift gelesen. Aber man darf nicht darauf warten, muß unspekulativ sein, absichtslos. Und das in einer hochneurotischen Leistungsgesellschaft. Robert muß sich sammeln, einschwingen. Dafür ist er früher aufgestanden. Gewisse Anzeichen lassen ihn hoffen, diesmal zum Zug zu kommen. Sein Intimfeind in der Firma, der alte Syndikus, der ihn zurückstuft, wo er nur kann, ist krank. Auf Wochen, heißt es. Und der Mann gestern, der ihm den Tip gegeben hat, kam vielleicht auch nicht von ungefähr.

Elite Hotel garni steht in giftigen Leuchtbuchstaben auf der schmuck gegliederten Altbaufassade. Daneben, vorgeschoben wie ein Erker, das Café. Die Frau...


Oliver Hassenkamp, Autor der "Bekenntnisse eines möblierten Herrn", beherrscht die schwere Kunst der leichten Hand. Seine Bücher, voll sprühender Einfälle, treffsicherem Humor und brillanter Formulierungen sind durch den liebenswürdig-ironischen Blickwinkel seiner Beobachtungen gekennzeichnet.
Eine literarische Auferstehung von Zille bis Thöny, aber wie schwebend leicht, und darum wie köstlich. Ernst, der nicht lastet, Kulturkritik, die nicht verdammt oder belehrt, keine "Aussagen", keine "Anliegen", keine Schulmeisterei, die das komödiantische Gewand nur umwirft, um sich mit größerem Nachdruck zu empfehlen: Ironie durch Heiterkeit zum Wissen sublimiert.



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