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E-Book, Deutsch, Band 414, 256 Seiten
Reihe: Historical
Hastings Der Marquess, der niemals heiraten wollte
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7515-2676-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 414, 256 Seiten
Reihe: Historical
ISBN: 978-3-7515-2676-0
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jede ihrer entzückenden Sommersprossen würde er am liebsten einzeln küssen - woher kommt bloß dieser frivole Gedanke beim Anblick der neuen Gouvernante? Der Marquess of Cheswick versteht sich selbst nicht! Er weiß nur, dass sie auf jeden Fall auf Hampford Castle bleiben muss, um seine drei übermütigen Schwestern zu bändigen. Maßlos ist sein Erstaunen, als er seinen Irrtum erkennt: Der hinreißende Rotschopf Louisa ist keine Gouvernante, sondern eine junge Lady, die vor ihren durchtriebenen Verwandten geflohen ist. Nur eine Ehe könnte ihr helfen, ihr Erbe und ihre Zukunft zu sichern! Doch leider hat sich der Marquess geschworen, niemals zu heiraten ...
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1. KAPITEL
England, 1810
Louisa erwartete zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag keine Geschenke. Ihre Tante und ihr Onkel, deren Mündel sie seit zehneinhalb Jahren war, hatten ihr in all der Zeit nicht ein einziges Mal etwas geschenkt. Wenn sie sich einmal über ihre fadenscheinigen Kleider beklagte oder über die Kälte in ihrem Zimmer, in dem nie ein Feuer brannte, pflegte Tante Rockingham zu erklären, es sei Louisas eigenes Verschulden.
Lady Louisa Bracken war das einzige Kind des dahingeschiedenen Vierten Earl of Rockingham. Sein jüngerer Bruder Alfred war der Fünfte Earl geworden und hatte seine Gattin und vier Söhne auf das Anwesen mitgebracht. Louisa war der Obhut von Onkel und Tante anheimgegeben worden, und das Vermögen ihrer Mutter, das sie erben würde, war drei Treuhändern anvertraut worden. Für ihren Unterhalt war ihrem Onkel eine jährliche Unterstützung auszuzahlen.
Tante Rockingham beteuerte, dieser Zuschuss reiche kaum für die allernötigste Kleidung, und konnte tagelang über Louisas selbstsüchtigen Vater wettern, der seinem einzigen Bruder nicht zugetraut hatte, die finanziellen Interessen seiner Nichte zu wahren. Seltsam genug kleidete Tante Rockingham sich in edelste Seide und feinsten Musselin. Und hatte zu jedem Gewand die farblich passenden Handschuhe. Auch ließ sie nie eine Londoner Saison aus, mit der Behauptung, dass sie für Onkel Rockingham da sein müsse, derweil er seinen Sitz im Parlament wahrnahm.
Wenn aber Louisa bettelte, mitkommen zu dürfen, wandte sie jedes Mal ein, dass für ein solch kostspieliges Unterfangen nicht genug Geld vorhanden sei.
Als Louisa ihre Strümpfe anzog, merkte sie, wie ihr linker großer Zeh direkt vorne durch ein Loch wieder herauskam. Freudlos auflachend dachte sie, sie müsse wohl die allerärmste Erbin in ganz England sein. Ihr stand nicht einmal ein ungelerntes Hausmädchen zur Verfügung, um ihr beim Ankleiden behilflich zu sein. Und generell hatten die Hausmädchen bessere Kleidung als sie. Noch nie hatte Louisa einen gestopften Strumpf bei einem gesehen, noch einen geflickten Riss in den Kleidern. Sie holte Nadel und Faden hervor, die sie stets im Saum ihrer Röcke stecken hatte, und besserte das neue Loch in dem Strumpf geschickt aus.
Heute würde sich alles ändern. Louisa war endlich einundzwanzig und damit volljährig und konnte ihr Vermögen in Besitz nehmen. Während sie ihr Kleid zuknöpfte, beschloss sie, dass sie nicht länger unter der Fuchtel ihrer Tante ausharren würde. Sie würde ihre Erbschaft nehmen und nach London gehen, um der Königin vorgestellt zu werden – wie einst ihre Mutter – und sich selbst einen passenden Gemahl zu suchen.
Sie würde Greystone Hall, ihr Heim, nicht einmal vermissen. Als Kind hatte sie es geliebt, aber in den letzten Jahren war es ihr wie ein Gefängnis vorgekommen. Ihre Tante erlaubte ihr nichts, außer sonntags die Kirche zu besuchen. Nicht einmal an den schlichten örtlichen Geselligkeiten durfte sie teilnehmen. Nicht dass es eine Rolle gespielt hätte … Louisa konnte nicht tanzen. Ihre Tante hatte nachdrücklich betont, dass sie es sich nicht leisten könne, für Louisa eine Gouvernante einzustellen, geschweige denn einen Tanzmeister. Gleich am Tag, nachdem Louisas Vater begraben worden war, war ihre damalige Gouvernante entlassen worden. Seufzend zog Louisa ihre Schuhe an, die zu eng waren und drückten. Was für eine Partie konnte sie schon machen, wenn sie nicht einmal wusste, wie sich eine junge Dame betrug?
Louisa fand ihre Tante an ihrem Sekretär in dem gerade neu ausgestatteten Blauen Salon beim Briefeschreiben. Sie war eine Furcht einflößende Frau mittleren Alters mit ausgeprägten Zügen und einem großen schwarzen Leberfleck auf einer Wange. Heute trug sie ein reizendes Tageskleid aus Jakonett und dazu ein dreireihiges Perlenhalsband. Ein Häubchen verbarg ihr schwarzes, von Grau durchzogenes Haar nicht vollständig.
Wie lange Louisa dieser Frau hatte gefallen wollen! Versucht hatte, sich zu ändern und ihre so schwer zu erlangende Anerkennung zu gewinnen! Aber einerlei, wie liebenswürdig, bescheiden und gehorsam sie war, Tante Rockingham liebte sie nicht. Hatte sie nicht einmal gern! Es muss etwas mit mir nicht stimmen, dachte Louisa, dass nicht einmal meine engsten Verwandten mich leiden können.
„Guten Morgen, Tante“, begann sie nun, wobei ihr die Röte ins Gesicht stieg. „Ich hoffte, heute mit Ihnen sprechen zu können.“
Ihre Tante schaute verkniffen und gereizt drein. „Ich schreibe gerade dringende Briefe. Vielleicht finde ich später noch Zeit für dich.“
Zwar krallte Louisa, ihren Mut sammelnd, die Hände in den Stoff ihres Rockes, fuhr jedoch fort: „Ab heute bin ich volljährig. Damit bin ich nun im Besitz meines Erbes und möchte nach London gehen. Unverzüglich.“
Ihre Tante schnaubte abfällig und schüttelte den Kopf. „Ach, du dummes Mädchen! Du kannst unmöglich ohne mich nach London. Dafür fehlt das Geld. Der arme Barnabas hat ein Vermögen verloren … durch skrupellose Falschspieler. Außerdem braucht eine junge Dame von Stand eine Anstandsdame, um auf Gesellschaften gehen zu können. Ich finde, dass ich dieses Jahr viel zu erschöpft bin, um dich zu begleiten. Du wirst einfach bis zum nächsten Jahr warten müssen. Oder vielleicht bis zum Jahr darauf.“
Louisas Schultern sackten, aber noch wollte sie nicht aufgeben. „Bestimmt hat einer meiner Treuhänder eine Gattin, die als meine Chaperone fungieren und mich der Königin vorstellen könnte.“
„Aber das sind nicht deine Vormünder.“
„Ich bin einundzwanzig, Madam. Ich brauche keinen Vormund mehr.“
Tante Rockingham legte die Feder nieder. Ihr Mund war nur noch eine schmale Linie. „Zugegeben, du bist alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen. Aber das Testament deines verblichenen Vaters gestattet dir nicht, dein Erbe anzurühren, bevor du fünfundzwanzig bist oder verheiratet mit jemandem, den dein Vormund befürwortet.“
Noch weitere vier Jahre?
Louisas Magen verkrampfte sich vor Entsetzen. Sie hätte sich in einem gewaltigen Wutanfall auf den Boden werfen und schreiend mit den Beinen strampeln mögen. Noch weitere vier Jahre in ihrem eigenen Heim eingesperrt zu sein! Das war nicht auszuhalten! Mit einer Tante, die nichts für sie übrighatte, und einem Onkel, der ihre bloße Existenz ignorierte.
„Aber ich bin sowieso schon alt für eine Debütantin. Die meisten jungen Damen werden mit siebzehn bei Hofe präsentiert. Ich fürchte, ich verliere sämtliche Chancen.“
„Ich wollte es eigentlich nicht erwähnen“, äußerte ihre Tante missmutig, „aber du bist eine wenig begünstigte, sommersprossige junge Frau. Selbst wenn ich dich nach London brächte, wäre es höchst unwahrscheinlich, dass du einen passenden Gemahl fändest. Es wäre Zeit- und Geldverschwendung!“
Louisa legte die Hände an ihre heißen Wangen. Ihr sank das Herz, und sie fragte sich, ob das alles zutraf. Ihr Haar war flammend rot wie Herbstlaub, ihre Augen moosgrün. Aber Gesicht und Arme waren von Sommersprossen übersät. Kleine, bräunliche unschöne Punkte.
Und sie war groß und dünn. Zumindest verglichen mit ihrer Tante. War sie wirklich hässlich? War ihr wenig einnehmendes Äußeres der Grund, dass ihre Tante keine Zuneigung für sie empfinden konnte?
Louisa schluckte schwer, versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken. „Dann soll ich noch weitere vier Jahre hier bleiben?“
„Lass mich offen sprechen, Louisa!“ Die Tante schenkte ihr einen vernichtenden Blick. „Ich hatte längst gehofft, dass Barnabas sich aufraffte. Aber er beharrt darauf, er sei noch zu jung zum Heiraten, und dann sind da seine Schulden zu begleichen. Also wirst du noch ein oder zwei Jahre warten müssen, ehe du verheiratet wirst. Danach wirst du dann als Barnabas’ Gattin der Königin vorgestellt werden.“
Barnabas war Louisas ältester Cousin und Erbe des Titels. Er war ein untersetzter, mürrischer junger Mann und einige Zoll kleiner als sie selbst. Wie seine Mutter hatte er einen großen schwarzen Leberfleck, nur unten am Kinn. Bis heute war sein einziges hervorstechendes Talent, sowohl von Eton als auch Oxford relegiert worden zu sein. Er aß zu viel. Trank zu viel. Widmete sich zu oft dem Glücksspiel. Und wenn man den Hausmädchen glaubte – was Louisa tat –, glotzte er lüstern und konnte seine Hände nicht bei sich behalten. Er war fünf Jahre älter als sie und der letzte Mann auf Erden, den sie heiraten würde. Wenn sie nur daran dachte, lief es ihr vor Widerwillen kalt den Rücken hinab. Sie konnte unmöglich seine Frau werden.
Louisa schüttelte langsam den Kopf. „Ich kann es meinem Cousin nicht verübeln, dass er mich nicht heiraten will. Ich will ihn auch nicht heiraten.“
„Natürlich will Barnabas dich heiraten“, sagte die Tante besänftigend. „Er ist nur schlicht noch nicht so weit.“
„Aber Tante …“
„Louisa!“ Das kam laut und schrill. „Das wird nicht weiter diskutiert! Geh lieber und schau, ob Mrs. Barker etwas für dich hat, das auszubessern wäre. Ich kann dich hier nicht den ganzen Tag unter den Füßen haben. Ich muss meine Korrespondenz erledigen.“
Mit hängenden Schultern schleppte Louisa sich auf der Suche nach der Haushälterin in die Küche. Als sie die Tür öffnete, stand dort das gesamte Personal aufgereiht, und sofort kamen alle herbei, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Die...




