E-Book, Deutsch, 995 Seiten
Hastings Der Medicus des Königs
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96148-995-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Saga in einem Band: »Der schwarze Magier« und »Das Vermächtnis der Druidin«
E-Book, Deutsch, 995 Seiten
ISBN: 978-3-96148-995-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Susan Hastings ist gelernte Geologin und war lange als Sachverständige für Geologie und Ökologie tätig. Ein Mentor im Studium entdeckte ihr schriftstellerisches Talent und motivierte sie dazu, dieses Talent zu verfolgen. Zunächst schrieb sie dann Kurzgeschichten, später zahlreiche Liebes- und Historienromane, die sie unter verschiedenen Pseudonymen erfolgreich veröffentlichte. Die Website der Autorin: katrinstephan.de/hastings/index.htm Bei dotbooks veröffentlichte Susan Hastings auch die folgenden historischen Romane: »Das Vermächtnis der Druidin«, »Der schwarze Magier« (gemeinsam erschienen in dem Sammelband »Der Medicus des Königs«), »Die Sehnsucht der Nonne«, »Die Leidenschaft der Nonne«, »Die Liebe der Wollhändlerin« und »Herzensflammen« sowie die historischen Liebesromane »Die Leidenschaft des Wikingers«, »Die Geliebte des Wüstenkriegers«, »Die Gefangene des Gladiators« (gemeinsam erschienen in dem Sammelband »Geraubt«) und »Verschleppt von einem Wikinger«, außerdem »Irische Träume«, »Der Traum von Afrika« und »Dark Heat - Gefährliche Leidenschaft«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Kloster auf der grünen Insel
Die Schwärze der Nacht hielt die alten Gemäuer des Klosters fest im Griff. Der runde Fluchtturm ragte wie ein unheilvoller Finger in den Himmel, seine Konturen verschmolzen mit der Dunkelheit. Leise klagte ein Kauz, lautlose Schatten huschten zwischen den kahlen Zweigen der Bäume einher. Ein seltsamer Zug dunkler Gestalten ergoss sich aus dem Kreuzgang, der den inneren Hof des Klosters umgab, und strebte der kleinen Kapelle zu. Die Mönche trugen dunkle Kutten, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Dort, wo die Fackeln ihre Schatten an die Wand warfen, verzerrten sie sich zu grotesken Figuren. Die feuchte Luft mischte sich mit dem Geruch der Pechfackeln. Zwei aufgeschreckte Tauben flatterten mit klatschenden Flügelschlägen aus dem Gebälk der niedrigen Kapelle.
Unsanft wurde Rupert von einer Hand geschüttelt. »Wach auf«, zischte eine Stimme an seinem Ohr. Unwillig schüttelte er die Hand ab, doch sie krallte sich wieder in seine Kutte. »Mach dich nicht unglücklich und steh auf!« Es war Luke.
»Großer Gott, es ist mitten in der Nacht!« Rupert warf sich auf die andere Seite.
»Hier werden die Hähne von den Mönchen geweckt. Schau, sie sind schon auf dem Weg in die Kapelle. Beeil dich!«
Taumelnd folgte Rupert dem schweigenden Zug der dunkel gekleideten Gestalten. Nur das Schlurfen der Sandalen auf dem nackten Steinboden war zu vernehmen.
Die Mönche hatten sich in der Kapelle zur Vigilie versammelt, ihr getragener Gesang hallte im Gewölbe wider. Rupert fröstelte und seine mageren Schultern zogen sich zusammen. Apathisch ließ er das erste Chorgebet über sich ergehen und schlurfte mit den anderen zurück. Er konnte sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten. Es war lausig kalt, die alten Gemäuer speicherten die Feuchtigkeit. Neben Rupert wankte Luke, der etwa zwei Jahre ältere Novize, dessen harte Holzpritsche neben der von Rupert im Dormitorium stand. Es war üblich, dass nach der Nachtruhe, die eine Stunde nach Mitternacht durch eine Glocke abrupt beendet wurde, jeder seinen Nachbarn weckte. Luke tat das noch aus einem besonderen Grund, denn es gab stets einige Mönche, die nur zu gern ihre Mitbrüder denunzierten, wenn sie sie bei einem Regelverstoß erwischten. Und der Möglichkeiten gab es viele. Dann verhängte der Abt eine saftige Buße.
Die Regeln des Benediktinerklosters waren hart. Es galt der oberste Grundsatz, dass das Kloster ein treues Abbild einer wahrhaft christlichen Familie sei. Die Mönche schuldeten ihrem pius pater kindlichen Gehorsam. Die drei Ordensgelübde hießen oboedentia, der unbedingte Gehorsam, conversatio morum, die Bereitschaft zur Umkehr, und stabilitas, die Beständigkeit. Es gab keinen Unterschied zwischen Klerikern und Laienbrüdern, sie lebten im Kloster unter einem Dach. Hungern war an der Tagesordnung. Es gab ohnehin nur eine kärgliche Mahlzeit am Tag. Deshalb war es schlimm, wenn man wegen einer kleinen Unachtsamkeit diese eine Mahlzeit gestrichen bekam.
Die Ordensregeln wurden den Konventsangehörigen immer wieder vorgelesen. Doch schnell hatte Rupert begriffen, nach welchen sehr unchristlichen Gesetzen das Leben im Kloster verlief. Die Novizen wurden nur zu den schmutzigsten und unangenehmsten Arbeiten eingeteilt. Beten und Arbeiten bestimmte ihren Tagesrhythmus. Alle drei Stunden erfolgte das Chorgebet. Daran hatten alle Bewohner des Klosters teilzunehmen, außer den Glücklichen, die bei der Feldarbeit waren oder beim Fischen oder im Wald die Schweine hüteten. Die durften ihre Tagesgebete auch unter Gottes freiem Himmel verrichten. Rupert sehnte sich danach, über eine Wiese zu laufen, den Geruch frisch gebrochener Erde einzuatmen oder die Kühle des Waldes zu spüren. Doch er war hinter den Klostermauern gefangen wie in einem Kerker. Seine Hoffnung, im Kloster richtig Lesen und Schreiben zu lernen, hatte sich schon schnell zerschlagen. Es gab eine Bibliothek und eine Schreibstube, doch es waren vorwiegend ältere Mönche, die sich mit der Gestaltung von Abschriften biblischer Texte beschäftigten. Auch wurden hier Schriften verwahrt, gelesen, bedacht, kommentiert und diskutiert, doch alles in einem kleinen Kreis, denen nur bestimmte Mönche angehörten. Für Rupert blieben, wie für die anderen Novizen und Laienbrüder, die kein eigenes Vermögen in das Kloster eingebracht hatten, die niederen Tätigkeiten.
Begehrt war die Küchenarbeit, denn die Küche war neben der Wärmestube der einzige Raum, in dem ein Feuer brannte. Bei der ständigen Kälte in den Gemäuern ließ es sich in der Küche noch am ehesten aushalten. Das Calefactorium, eine backofenförmige Kammer neben der Küche, wurde nur selten beheizt.
Nach der Prim, die beim ersten Tageslicht abgehalten wurde, versammelten sich alle im Kapitelsaal, wo die Arbeit eingeteilt wurde. Doch Rupert hatte Pech. Zum wiederholten Male musste er die Latrine säubern, die sich gleich neben dem Dormitorium befand. Mit Todesverachtung schleppte er Kübel mit Wasser vom Brunnen herbei, um die Latrinengrube zu spülen. Alles floss über eine Rinne unter der Klostermauer hindurch den Abhang hinab, wo auch der Müll aus der Küche hinausgeworfen wurde. Besonders im Sommer drang von dort ein übler Gestank bis ins Dormitorium.
Rupert pfiff laut, als er mit den schwappenden Wassereimern zur Latrine ging. Er hatte Glück, keiner der Mönche befand sich hinter dem Holzverschlag. Einmal hatte er Bruder Andreas überrascht, wie er sich, über den Balken gebeugt, selbst befriedigte. Rupert wusste, dass Andreas dafür streng bestraft werden würde und dass es Ruperts Pflicht war, dies beim Abt zu melden. Warum Rupert es nicht getan hatte, konnte er selbst nicht sagen, doch er bereute es schon bald. Bruder Andreas dankte Ruperts Verschwiegenheit, indem er Rupert bei jeder Gelegenheit in die Arme zog, ihn streichelte und küsste und ihm heiße Dankesworte zuflüsterte.
»Hör auf damit, ich hasse das«, hatte Rupert den Mönch angefaucht, der überhaupt nicht begriff, warum Rupert ihn derart brüsk zurückwies.
»Du musst ihn verstehen«, klärte Luke ihn auf. »Bruder Andreas ist schon häufig denunziert worden, weil er auf der Latrine … na, du weißt ja. Aus dem Grund hat der Abt angeordnet, dass keiner allein auf die Latrine gehen darf. Weil Andreas mehrmals erwischt wurde, haben sie ihn gegeißelt.«
»Nur deshalb?«
Luke nickte. »Das reicht doch. Es ist eine Sünde. Hieronymus hat ihn angeschwärzt. Und weißt du was? Ich habe Hieronymus beobachtet, als sie Andreas im Schuldkapitel ausgepeitscht haben. Der hat sich dabei bepinkelt!«
Die Mönche saßen beidseits der langen Tafel im Refektorium zur gemeinsamen Mahlzeit, die nach der Non am frühen Nachmittag eingenommen wurde. Es gab eine Gemüsesuppe mit Kräuterbrot, anschließend gedünsteten Fisch mit Rüben. Es war eine der üppigen Mahlzeiten, von denen ausnahmsweise auch Rupert einmal satt wurde. Verstohlen blickte er sich um. Am Kopf der Tafel saß Bruder Gregorius, der als Tischleser an der Reihe war. Mit monotoner Stimme las er aus der Bibel vor, während die anderen schweigend ihre Mahlzeit einnahmen.
»Wo ist Bruder Bartholomäus?«, flüsterte Rupert zu Luke. »Im Krankenzimmer.«
»Was ist passiert? Ist wieder eine Seuche ausgebrochen?«
Luke grinste breit. »Du weißt doch, Kranke bekommen Fleisch zu essen. Was denkst du, warum er ständig krank ist?«
Ein lautstarkes Räuspern unterbrach die geflüsterte Unterhaltung der beiden Jungen. Bruder Benediktus, der Novizenmeister, blickte Luke scharf an. Der senkte sofort den Blick und löffelte seine Suppe. Doch er konnte den Mönch nicht täuschen. Als die zwei Novizen vom Küchendienst den Fisch hereinbrachten, unterband Benediktus mit einer Handbewegung, dass Luke seine Portion erhielt. Rupert krallte seine Finger in die Tischkante, doch Luke stieß ihn warnend mit dem Fuß unter der Tafel an. Es wäre zwecklos gewesen, auch Rupert wäre wieder einer Bestrafung unterzogen worden. Zähneknirschend senkte er den Kopf. Dabei gehörte er bereits zu den Privilegierten. In der Erfolgsleiter war Rupert inzwischen vom Latrinenreiniger über den Küchendienst zum Feldarbeiter aufgestiegen. Nach zwei Jahren durfte er das erste Mal die Klostermauern verlassen, um auf den Feldern zu arbeiten, die um das Kloster herum verstreut lagen. Auch wenn die Arbeit körperlich schwer war, so war er froh, wenigstens ein kleines Stück Freiheit zu genießen. Seinem großen Traum, Lesen und Schreiben zu lernen, war er jedoch keinen Schritt näher gekommen.
Deshalb nahm er seinen ganzen Mut zusammen und bat um eine Audienz beim pius pater. Es dauerte mehrere Wochen und Rupert musste seine Bitte mehrmals vortragen, bis er vom Abt empfangen wurde.
»Ehrwürdiger Vater«, sagte Rupert. »Euer Kloster ist in der glücklichen Lage, zahlreiche Bücher und Schriften sein Eigen zu nennen. Das Beherrschen der Schrift ist eine hohe Tätigkeit. Ich möchte sie erlernen. Bereits in meiner Familie wurde ich unterrichtet in Latein, in Mathematik und Glaubenslehre. Ich bitte Euch, mir eine Arbeit in der Bibliothek oder im Skriptorium zuweisen zu lassen.« Er atmete tief durch. Nun war es heraus! Er blickte dem Abt fest in die Augen. Dieser hob mit leichtem Erstaunen die dünnen Augenbrauen.
»Bist du mit deiner Arbeit nicht zufrieden?«, wollte er wissen.
Rupert schüttelte den Kopf. »Ich möchte Lesen und Schreiben lernen.«
Der Abt lehnte sich zurück und betrachtete Rupert unter gesenkten Lidern. »Als du in dieses Kloster kamst, da lerntest du als erstes die wichtigsten Regeln, ohne die ein Zusammenleben nicht möglich ist: Demut, Keuschheit, Armut, Gehorsam, Schweigen. Daran erinnerst du dich doch, mein Sohn?«, fragte er mit weicher Stimme....




