E-Book, Deutsch, 521 Seiten
Hastings Der schwarze Magier
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95824-948-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 521 Seiten
ISBN: 978-3-95824-948-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Susan Hastings ist gelernte Geologin und war lange als Sachverständige für Geologie und Ökologie tätig. Ein Mentor im Studium entdeckte ihr schriftstellerisches Talent und motivierte sie dazu, dieses Talent zu verfolgen. Zunächst schrieb sie dann Kurzgeschichten, später zahlreiche Liebes- und Historienromane, die sie unter verschiedenen Pseudonymen erfolgreich veröffentlichte. Die Website der Autorin: katrinstephan.de/hastings/index.htm Bei dotbooks veröffentlichte Susan Hastings auch die folgenden historischen Romane: »Das Vermächtnis der Druidin«, »Der schwarze Magier« (gemeinsam erschienen in dem Sammelband »Der Medicus des Königs«), »Die Sehnsucht der Nonne«, »Die Leidenschaft der Nonne«, »Die Liebe der Wollhändlerin« und »Herzensflammen« sowie die historischen Liebesromane »Die Leidenschaft des Wikingers«, »Die Geliebte des Wüstenkriegers«, »Die Gefangene des Gladiators« (gemeinsam erschienen in dem Sammelband »Geraubt«) und »Verschleppt von einem Wikinger«, außerdem »Irische Träume«, »Der Traum von Afrika« und »Dark Heat - Gefährliche Leidenschaft«.
Autoren/Hrsg.
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DAS GELÜBDE
Die Schreie gellten durch das ganze Haus. Nervös lief Hieronymus Preller auf dem Flur hin und her. Sein Mantel aus kostbarem Tuch mit einem schmalen Pelzbesatz am Rand wehte bei jeder seiner Kehrtwendungen. Schließlich prallte er mit einer rundlichen Frau zusammen, die im Laufschritt zwei Wassereimer herbeischleppte. Heißes Wasser schwappte auf seine Füße, und einen Augenblick lang blieb er erstarrt stehen.
»Ich sagte Euch doch, Herr, dass Ihr warten müsst. Es ist noch nicht so weit.«
»Das geht aber nun schon seit Stunden so«, rief er erregt.
»Das ist nun mal so. Gott hat das Weib mit Schmerzen gestraft. Dafür hattet Ihr das Vergnügen.« Sie schob den Hausherrn unsanft beiseite und verschwand hinter der Tür. Von drinnen erklangen wieder gepresste Schreie.
Hieronymus hielt sich die Hände auf die Ohren. Für ihn waren diese Schreie ebenso unerträglich wie die Schmerzen, die seine Frau in diesen Stunden erdulden musste.
Er verwünschte sein Streben nach Kindern, das ihm über Jahre keine Ruhe gelassen hatte. Es war mittlerweile siebzehn Jahre her, dass er Elisabeth ehelichte, und fürwahr, er hatte sich in all den Jahren immer als ein ganzer Mann erwiesen, der seiner Frau ordentlich beiwohnen konnte. Warum ihm das Glück eines eigenen Sohnes verwehrt blieb, wusste nur Gott.
Elisabeth war eine fromme Frau, die regelmäßig die Kirche besuchte, mildtätig zu den Armen war, was Hieronymus jedes Mal als Schlag in die Magengrube und Griff in den Geldbeutel empfand. Auch dem Kloster spendete seine Frau kräftig.
Benedictus sah es mit Wohlwollen. Ab und zu betete er auch um Prellers Nachwuchs zu Gott, wenn ihn Elisabeth dafür ordentlich entlohnt hatte.
»Warum bezahlst du diesen Propst dafür, dass wir Nachwuchs bekommen?«, beklagte sich Hieronymus bei ihr. »Ich bin derjenige, der dafür zu sorgen hat. Und mich brauchst du nicht zu bezahlen.«
»Und warum haben wir dann keine Kinder?«, fragte sie.
»Weiß der Teufel«, gab Hieronymus unwillig zurück. »Das liegt eben an der Frau. Statt in die Kirche zu rennen, könntest du bei mir liegen und wir versuchen es noch einmal.«
»Es ist Sünde, es am helllichten Tag zu tun«, erwiderte Elisabeth ruhig. »Vielleicht straft mich Gott, dass ich es überhaupt tue.«
»Hat dir das der Mönch ins Ohr geflüstert? Diese Schwarzkittel leiden doch alle unter ihren unbenutzten Eiern. Nein, meine Liebe, es ist ja geradezu Christenpflicht in der Ehe, Kinder zu bekommen. Also, erfülle deine Pflicht, so wie ich meine regelmäßig erfülle.«
Alle Gebete des Propstes nützten nichts, und Elisabeth überlegte, ob sie dem Kloster wohl zu wenig Geld gespendet habe. Benedictus verrichtete diese Gebete ohnehin halbherzig, war es ihm doch ziemlich gleichgültig, ob Elisabeth nun ein Kind gebar oder nicht. Wenn es ein Knabe wäre, hätte Benedictus wohl Verwendung für ihn. Er liebte die hohen, reinen Stimmen der Knaben und war darauf bedacht, immer wieder neue Talente für den Chor zu werben, der in den Mauern des Thomasklosters probte.
Das war für Benedictus der einzige Grund, der die Existenz von Frauen rechtfertigte. Nur sie konnten Knaben gebären. Leider!
In den ersten Jahren seiner Ehe musste Hieronymus seine junge hübsche Frau leider viel allein lassen. Der Aufschwung seines Handelshauses bedurfte seines persönlichen Einsatzes. Oftmals begleitete er die Transporte seiner Waren auf ihrem gefahrvollen Weg. Häufig reiste er nach Prag und Krakau zu Verhandlungen, suchte neue Geschäftspartner und Kunden, setzte sich für die Sicherung von Fernverbindungen ein. Indien, China, Arabien, Osmanien und die Weiten der mongolischen Steppe waren Begriffe, die wie Zaubersprüche klangen. Seide, Brokat, Gewürze, edle Hölzer, Pelze, duftende Öle, Edelmetalle, selbst exotische Musikinstrumente oder Tiere fanden so den Weg in die quirlige Messestadt und in Hieronymus Prellers Lagerhäuser. Damit mehrte er stetig seinen Reichtum.
Durch die reisenden Händler erfuhr er von wundersamen Dingen, die auf der ganzen bekannten Welt geschahen und manche Dinge sah er sogar mit eigenen Augen wie den berühmten Negersklavenmarkt in Florenz und die schwimmenden Paläste von Venedig und die Märkte von Bologna. Er hielt eine Uhr in den Händen, die die Zeit mit Hilfe von Zahnrädern statt mit Sand maß. Er schmückte sein Haus mit seltenen und wertvollen Dingen: mit Schnitzereien aus Elfenbein und dunklem afrikanischen Holz, mit Bildern, die mit feinsten Pinselstrichen auf zarter chinesischer Seide gemalt waren, Vasen aus weißem Porzellan, feiner als die Lilienblüten, die sie beherbergten, Teppichen aus dem Haar exotischer Ziegen geknüpft und paradiesischen Vögeln als Motiv und indischen Götterfiguren, halb Tier, halb Mensch. Er scherte sich nicht um die Drohungen der Kirche mit den Qualen des Höllenfeuers, sondern kaufte sich ein Gemälde, auf dem lauter nackte Frauen in einer paradiesischen Landschaft schwebten und einem ebenso nackten wie ansehnlichen jungen Gott mit einem Efeukranz auf dem Haar huldigten. Dieses Bild hängte er an die Wand des großen Kaminzimmers, wo sich auch die anderen Kostbarkeiten seiner Sammlung befanden.
Wahrscheinlich wussten nur sein Buchhalter Veit, der zu strengstem Schweigen verpflichtet war, und Hieronymus selbst, wie reich das Handelshaus Preller wirklich war. In den Steuerbüchern der Stadt indes stand der Kaufmann nicht an erster Stelle, kannte er doch Mittel, dies zu umgehen.
Nach einigen Jahren harter Arbeit konnte er für seine Geschäfte genügend Leute anstellen, die ihm einen großen Teil der Arbeit abnahmen.
Seine Ehe mit Elisabeth hatte außerdem bewirkt, dass Hieronymus’ Ansehen in der Stadt auch gesellschaftlich stieg. Als Schwiegersohn des Bürgermeisters wurde auch er bald Ratsherr und bestimmte die Geschicke der Stadt mit.
Daneben wurden Hieronymus allerlei Ehrenämter angetragen. So wurde er als Handelsrichter berufen und als Gewandbeschauer. Er saß im Stadtrat und in der Gilde, hatte seinen Platz am Stammtisch und gründete eine Niederlassung in Naumburg.
Hieronymus kleidete sich prächtig. Er zeigte den Bürgern der Stadt und seinen Geschäftspartnern seinen Reichtum gern und offen. Er leistete sich mehrere große Pferdegespanne und er ließ sein Haus am Markt durch mehrere Anbauten erweitern. Zwar fiel dabei ein Viehstall und die Hälfte des Gartens zum Opfer, aber das konnte er verschmerzen. Gemüse kauften die Mägde bei den Bauern, die es frisch von ihren Feldern brachten und das Fleisch lieferte der Metzger noch blutig nach jeder Bestellung.
Nur mit seiner Frömmigkeit war es nicht weit her. Als Kaufmann war er ein kühler Rechner. Auch wenn er die Finger von Bank und Geldgeschäften ließ, was einen wahren Christen letztlich vom Juden unterschied, so ging der Handel nun mal nicht ohne Geld vonstatten.
Dem Klerus waren die umtriebigen Geschäftemacher suspekt. Mit ihrer Geschäftigkeit und ihrem Erwerbssinn ließen die Kaufleute in dessen Augen die rechte Frömmigkeit vermissen. Lediglich die üppigen Spenden und Stiftungen der reichen Bürger und Kaufleute mäßigten die Ausfälle des Propstes Benedictus gegen die Verehrung des Molochs Geld. So füllten sich auch die Schatztruhen der Leipziger Klöster durch die fleißigen Kaufleute.
Hieronymus machte sich wenig aus den Anfeindungen des Propstes und auch dem Ablasshandel konnte er nichts abgewinnen. Er glaubte nicht an die Macht des Teufels und setzte vielmehr auf die Güte Gottes, die ihn mit einem wachen Geist, guten Rechenkenntnissen und Verhandlungsgeschick ausgestattet hatte.
Die durch geschickte Aufgabenverteilung an seine Untergebenen gewonnene freie Zeit widmete er Kunst und Wissenschaft. Er spürte, etwas Neues lag in der Luft, das er nicht verpassen durfte!
Es brodelte unter der Oberfläche der Gesellschaft. Es gab helle Geister, die sich nicht mehr mit der bekannten Ordnung als gottgegeben abfinden wollten. Es war der Wissensdurst, der sie zu Suchenden machte. Neue Länder zu entdecken, neue Handelswege zu erkunden, neue Maschinen und Geräte zu erfinden, gewaltige Kunstwerke zu erschaffen, das war das Ziel der nach Wissen Strebenden.
So erfand ein Mann namens Johannes Gensfleisch eine Möglichkeit, Bücher mit beweglichen Lettern aus Metall zu drucken anstatt sie mühsam mit der Hand zu schreiben. Kein Wunder, dass die schreibenden Mönche in ihren Klosterbibliotheken plötzlich Angst hatten, überflüssig zu werden. Sie sagten der unliebsamen Konkurrenz den Kampf an.
Elisabeth ging es als Ehefrau des Hieronymus Preller sehr gut. Sie stand einem großen Haushalt vor, befehligte viele Bedienstete und leitete einen Teil kleinerer Geschäfte selbst. Vor allem der Tuchhandel und der Handel mit Borten und Bändern hatte es ihr angetan.
Ihr Gatte verwöhnte sie, wie er nur konnte. Sie kleidete sich prächtig, trug erlesenen Schmuck und wusste sich auch in der Gesellschaft wohl zu benehmen. Mit ihrem Liebreiz gewann sie die Sympathie der Menschen, ihre Frömmigkeit und Mildtätigkeit öffnete ihr die Herzen.
Eigentlich besaß das Ehepaar alles, was das Herz nur begehrt – nur ein Kind blieb ihnen versagt. Auf Drängen von Elisabeth besann sich auch Hieronymus auf die Hilfe Gottes. Ihm war klar, dass er etwas tun müsse, um sie zu erlangen. Deshalb begleitete er seine Frau häufig in die verschiedenen Klosterkirchen der Stadt und erflehte inbrünstig die Erfüllung seines letzten und größten Wunsches.
Ob es nun wirklich Gottes Hilfe war oder eine Laune der Natur, nach so vielen Jahren des Wartens regte sich unter Elisabeths Herzen endlich neues Leben.
Wenn nur nicht diese schrecklichen Schreie wären! Hieronymus patschte durch die Wasserpfütze auf dem Gang. Keiner der Hausmägde hatte Zeit, das Wasser...




