E-Book, Deutsch, 427 Seiten
Hastings Die Gefangene des Gladiators - oder: Das Verlangen des Gladiators
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95824-846-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Chains of Desire 1
E-Book, Deutsch, 427 Seiten
ISBN: 978-3-95824-846-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Susan Hastings ist gelernte Geologin und war lange als Sachverständige für Geologie und Ökologie tätig. Ein Mentor im Studium entdeckte ihr schriftstellerisches Talent und motivierte sie dazu, dieses Talent zu verfolgen. Zunächst schrieb sie dann Kurzgeschichten, später zahlreiche Liebes- und Historienromane, die sie unter verschiedenen Pseudonymen erfolgreich veröffentlichte. Die Website der Autorin: katrinstephan.de/hastings/index.htm Bei dotbooks veröffentlichte Susan Hastings auch die folgenden historischen Romane: »Das Vermächtnis der Druidin«, »Der schwarze Magier« (gemeinsam erschienen in dem Sammelband »Der Medicus des Königs«), »Die Sehnsucht der Nonne«, »Die Leidenschaft der Nonne«, »Die Liebe der Wollhändlerin« und »Herzensflammen« sowie die historischen Liebesromane »Die Leidenschaft des Wikingers«, »Die Geliebte des Wüstenkriegers«, »Die Gefangene des Gladiators« (gemeinsam erschienen in dem Sammelband »Geraubt«) und »Verschleppt von einem Wikinger«, außerdem »Irische Träume«, »Der Traum von Afrika« und »Dark Heat - Gefährliche Leidenschaft«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
DAS DORF AUF DER LICHTUNG
Morgennebel stieg aus dem wannenförmigen Tal, in das die ersten goldenen Sonnenstrahlen fielen. Umhüllt von den hellgrauen Gipfeln der Alpen wie durch beschützende Hände lag das Dorf noch im Schlaf. Es mochten etwa zwanzig längliche Hütten sein, die sich über das flache Tal streuten. Nur an dem Krähen der Hähne, dem Bellen der Hunde und dem aufsteigenden Rauch aus den Dachöffnungen war zu erahnen, dass es hier auch menschliches Leben gab. Die Häuser zeigten alle die gleiche Ausrichtung nach Osten. Durch den Eingang an der Südseite gelangte Licht in das dämmrige Innere eines der Häuser. Zwei Reihen kräftiger Holzpfosten begrenzten die geräumige Diele. Links und rechts vom Mittelgang standen kleinwüchsige Ochsen und Kühe in den Boxen und muhten unruhig.
Aus dem Westteil des Hauses vernahm man ein verhaltenes Schnarchen. Zahlreiche Bänke und Liegen zogen sich an den rutengeflochtenen Wänden entlang um die zentral gelegene Herdstelle. Nur noch schwache Glut glimmte zwischen den Herdsteinen.
Ein hoch gewachsenes Mädchen trat aus dem Wohnbereich in den Dielengang und reckte sich. Sie packte einen Arm voll Reisig, das neben der Tür lag, und trug es zum Herd. Mit einem eisernen Haken fachte sie die Glut an, legte vorsichtig das Reisig auf und wartete, bis die Flammen an den Zweigen emporzüngelten. Erst dann packte sie größere Holzscheite auf.
In der Zwischenzeit hatte sich eine zweite Frau von ihrem Lager erhoben. Sie war wesentlich älter, durch ihr blondes Haar zogen sich graue Strähnen. Beide Frauen ergriffen größere Keramikgefäße und verließen das Haus. Ihr Weg führte an den geflochtenen Weidezäunen vorbei den Hang hinab, wo ein schmaler Bach seinen Weg ins Tal suchte. Die Frauen setzten sich an das grasbewachsene Ufer und begannen eine ausgiebige Morgentoilette. Sie legten ihre Kleidung ab und wuschen sich mit dem eiskalten Wasser der Berge, bis sich ihre helle Haut rötlich färbte. Erst dann kleideten sie sich wieder an. Die Kleidung bestand bei beiden Frauen aus einem ärmellosen leinenen Unterkleid, das bis zu den Knöcheln reichte, einer einfach geschnittenen Bluse mit langen Ärmeln und einem in Falten gelegten Rock, der von einem ledernen Gürtel gehalten wurde. Einziger Schmuck waren die großen, kreisförmigen Platten der Gürtel. Dann begannen die Frauen, sich gegenseitig ihre Haare zu kämmen und einzuflechten. Die jüngere der beiden hatte außerordentlich langes, leuchtend blondes Haar, das die andere zu zwei fast armdicken Zöpfen verflocht. Ein schmales, aus gefärbtem Leder gefertigtes Stirnband vervollständigte die Frisur. Erst danach erhoben sie sich und füllten die Keramikgefäße mit Wasser. Beide Frauen schlenderten mit ihrer Last zum Haus zurück. Aus dem Eingang drängten laut brüllend die Ochsen und Kühe und verteilten sich auf der grünen Weide, die sich neben dem Haus erstreckte. Hinter den Tieren trat ein großer blonder Junge heraus, der auf die letzten Ochsen mit einer Knute klopfte. Dabei gähnte er herzhaft und rieb sich die Augen. Er war völlig nackt.
»Hast du deinen Rausch noch nicht ausgeschlafen, du Saufsack?«, schimpfte die ältere Frau und spritzte kaltes Wasser nach dem Jungen. Der lachte und schüttelte sich. Er warf den Stock beiseite, lief zum Bach hinunter und sprang mit einem lauten Aufschrei in die eisigen Fluten.
»Ich werde die Männer wecken«, sagte die jüngere Frau und verschwand wieder im Haus, während die ältere sich unter eine Kuh hockte und zu melken begann.
Das Mädchen mit den blonden Zöpfen setzte den Wasserkrug auf die Herdsteine und schürte das Feuer neu an. Im Schein der Flammen konnte sie die anderen Personen auf den Liegen ausmachen, die sich jetzt träge bewegten. Mit einem Plumps fiel ein kräftiger Mann von seiner Bank und landete unsanft auf dem gestampften Boden der Diele. Er fluchte laut und rappelte sich unter seiner Felldecke wieder hoch.
»Guten Morgen, Vater! Es ist ein wunderschöner Tag zum Pflügen der nördlichen Felder. Der Boden riecht gut, und wenn wir der Erdgöttin Nerthus ein Opfer darbringen, wird sie uns in diesem Jahr mit einer reichen Ernte bedenken.«
»Sigrun, kümmere du dich um den Haushalt und das Bier – oh, das Bier war gut! Mein Schädel brummt, als wenn ein Bär seine Pranke draufgehauen hätte.«
Sigrun lachte und half dem Vater, sich aus seiner Decke auszuwickeln. »Du weißt, dass heute Helfgurd einen Vermittler schicken will. Dazu müssen wir noch einiges vorbereiten. Der Sauerteig geht schon, aus dem das Brot gebacken wird. Aber ihr habt gestern so viel Bier getrunken, dass ich fürchte, es reicht nicht mehr lange.«
»Met, Met bieten wir dem Vermittler an, kein Sauerbier! Was soll Helfgurds Sippe von mir denken, wenn ich sie mit Sauerbier bewirte? Schließlich bin ich der Freimann Sigmund Naiax. Also, backe gefälligst das Brot, und schlachte ein Lamm! Und bring die Krüge mit Met herein!«
»Erst wenn die Gäste kommen, Vater«, widersprach Sigrun.
»Sonst ist auch der Met alle.«
»Widersprich mir nicht, Tochter!«, grollte Sigmund, aber er lächelte. Er war stolz auf seine hübsche und selbstbewusste Tochter. Sie sah aus wie seine Frau Hertha, als sie jung war und Sigmund um sie warb. Damals, als sie noch am Rande des nordischen Meeres lebten. Sein Blick verfinsterte sich. Er trat aus der Tür und blickte sich um. Vor ihm erstreckte sich das Tal, angefüllt mit fruchtbarer Erde. Doch es war schmal und rundherum stand dichter, dunkler Wald bis zu den nackten, grauen Felsen hinauf. Gemeinsam mit seinen vier Knechten hatte er in den letzten Tagen die Erde aufgebrochen und zur Aussaat vorbereitet. Aber ob sie die Sippe ernähren würde, war unklar. So weit waren sie bereits gezogen, ohne das Land zu finden, dass die Kimbern ausreichend mit Getreide versorgen konnte. Die Winter in den Bergen waren lang und kalt und erst spät erwärmte sich die Erde.
Hertha brachte eine Schale mit Milch herein. Sie wärmte sie auf dem Herd und rührte Honig hinein. Das würde ihnen Kraft für die Tagesarbeit geben. Sigmund musste auch heute wieder mit den Knechten pflügen gehen. Ihm war diese Arbeit zuwider. Es schickte sich nicht für einen freien Mann, die Arbeit der Knechte zu übernehmen. Doch da im letzten Winter drei seiner Knechte an Hunger und Krankheiten gestorben waren, musste er selbst Hand anlegen. So war er zufrieden, dass Helfgurd um Sigrun warb. Sie würde es bei Helfgurds Sippe gut haben. Dort gab es noch einige kräftige Männer mehr, die die Feldarbeit bewältigen konnten.
Alle hockten sich um das Herdfeuer herum, schlürften die heiße Milch aus den Schalen und kauten Roggenbrot. Dann zog Sigmund mit seinen Knechten und den unwillig brüllenden Ochsen hinüber an den Hang, um weiter die Erde zu pflügen. Die kalte Morgenluft umwehte ihre nackten Oberkörper. Aber bald schon kamen die kräftigen Körper ins Schwitzen, während sie den steinigen Acker aufrissen. Der hoch gewachsene, blonde Jüngling, der sich endlich bequemte, wie die anderen Männer eine leinene Hose anzuziehen, setzte sich ächzend auf den Rand der Liege. An die Füße zog er lederne Strumpfstiefel, deren Riemen er sorgfältig band. Er nahm eine eiserne Axt aus einer Ecke des dunklen Raumes.
»Ich schlage noch Holz oben im Wald, damit wir heute ein helles Feuer entfachen können, wenn der Vermittler kommt. Übrigens, ich weiß, wen Helfgurd als Vermittler schickt. Es ist der rothaarige, einäugige Eisenhard.«
»Woher weißt du das, du neugieriger Bruder Naiax?«, fragte Sigrun. »Und wenn es schon der einäugige Eisenhard ist und er vielleicht nicht mehr richtig sehen kann, er schmeckt jedenfalls den Unterschied zwischen Gerstenbier und Met. Vielleicht ist es sogar Odin persönlich, denn Odin ist auch einäugig, seit er in den Brunnen der Erkenntnis blickte und ein Auge dabei verlor. Und man sagt, dass manchmal auf Eisenhards Schulter ein schwarzer Rabe sitzt. Und sein graues Pferd sieht aus wie Sleipnir, das Pferd von Odin. Nicht umsonst entstammt seiner Sippe König Boiorix. Bestimmt hat es mit Eisenhard eine besondere Bewandtnis, deshalb schickt Helfgurd ihn als Vermittler.«
»Pah, was du dir einbildest«, lachte Naiax. »Sein Auge hat er bei einer Prügelei verloren, beinahe hätten sie ihn totgeschlagen, als er Streit anfing. Und die Raben fliegen ihm hinterher, weil er so nach Aas stinkt.«
Wütend drehte sich Sigrun um und warf einen Holzscheit nach ihrem Bruder. »Die Raben werden deine freche Zunge heraushacken, wenn du nicht sofort den Mund hältst. Und nun verschwinde und schlag Holz, du Nichtsnutz! Ich will nicht, dass er noch meint, ich entstamme einer faulen Familie!«
Sigrun seufzte leise, als ihr Bruder mit der geschulterten Axt verschwand. Doch sie war ihm nicht böse. Sie dachte an ihre vier Brüder, die auf ihrer Wanderschaft im Kampf mit den Boiern den Tod fanden.
Hertha war nie darüber hinweggekommen, brauchte sie doch kräftige Männer auf dem Hof. Doch welchem Hof? Etwa dieses eilig erbaute kimbrische Langhaus, das sie vor dem nahenden Winter errichtet hatten, als ihnen der weitere Zug nach dem Süden durch Schneestürme verwehrt wurde? Die Sorge um das tägliche Brot hatte scharfe Falten in ihr Gesicht gegraben. Was war von ihrer einst stolzen Sippe geblieben, seit sie ihre alte Heimat am Rande des Meeres verlassen hatten? Sie wandte sich um und bedachte den hölzernen Planwagen mit einem traurigen Blick. Sie spürte ganz deutlich, dass sie auch hier nicht lange verweilen würden. Da würde auch ein Opfer an Nerthus nicht viel bewirken. Trotzdem würden sie es versuchen. Das Blut des geschlachteten Lammes, die Milch ihrer besten Kuh, das Brot aus hellem Mehl und die Nüsse würden Nerthus versöhnlich stimmen. Die Menschen würden die Äcker drei Mal gegen die Sonne...




