E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Hatvany Das Licht zwischen den Wolken
Deutsche Erstausgabe
ISBN: 978-3-641-19887-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-641-19887-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Natalie ist fünfunddreißig, als sie erfährt, dass sie eine Schwester hat. Während sie selbst bei liebenden Adoptiveltern aufwuchs, wurde die damals vierjährige Brooke von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und konnte nie verstehen, warum man sie von ihrer kleinen Schwester getrennt hatte. Doch es gibt eine Frage, auf die keine der beiden je eine Antwort erhalten hat: Warum hat ihre Mutter sie weggegeben? Gemeinsam machen sie sich auf die Suche, ohne zu ahnen, dass die Wahrheit ihr Leben für immer verändern wird.
Amy Hatvany wurde 1972 in Seattle geboren und studierte an der Western Washington University Soziologie. Nach einer Reihe sehr unterschiedlicher Jobs, von denen sie einige mochte, andere wiederum gar nicht, beschloss sie schließlich, sich ganz dem Schreiben zuzuwenden. Amy Hatvany lebt mit ihrer Familie in Seattle.
Weitere Infos & Material
Natalie
Natalie Clark war spät dran.
Es war ein Dienstag, und sie wartete in ihrem Wagen vor der Pine Wood Elementary School, wo ihre Tochter Hailey die zweite Klasse besuchte. Natalie trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad und schaute zu dem großen Schild über dem Eingang, das in knallroten Buchstaben verkündete: 2015 WIRD UNSER ALLERBESTES JAHR! Im Geiste zählte sie die Red-Velvet-Cupcakes durch, die sie hinten im Kofferraum verstaut hatte. Sechs Dutzend waren bestellt, aber für den Fall, dass ihr einige nicht tadellos gelungen waren, hatte sie vorsichtshalber gleich mehr gebacken und dann so viel Zeit darauf verwendet, das Frischkäse-Topping absolut perfekt aufzuspritzen und die Minikuchen unbeschadet in die Kartons zu verfrachten, dass sie jetzt fürchtete, im Eifer des Gefechts einen davon auf dem Küchentisch stehen gelassen zu haben.
»Verdammt«, murmelte sie und schnallte sich ab, sprang aus dem Wagen und lief zum Kofferraum. Es war ein grauer, feuchter Nachmittag Ende September, doch sie verschwendete keinen Gedanken daran, dass der leichte Nieselregen ihre Frisur ruinieren könnte, sondern zählte konzentriert die blassvioletten Kartons durch, in denen sie sämtliche Produkte ihrer Firma Just Desserts auslieferte. Nein, sie hatte nichts vergessen, die Bestellung war komplett eingeladen, ein Glück. Eigentlich hatte Natalie ihre Tochter abholen wollen, nachdem sie die Cupcakes bei der Kundin abgeliefert hatte, um dann auf dem Rückweg auch noch Henry von der Kita mitzunehmen. Nun würde Hailey den kleinen Umweg mitfahren müssen, aber es war ja nicht weit. Und es geschah nicht zum ersten Mal, dass Natalies kulinarischer Perfektionismus ihr einen Strich durch ihren peinlich genau kalkulierten Zeitplan machte.
Das Hupen des Wagens hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken, und als Natalie aufschaute, stellte sie fest, dass alle Fahrer vor ihr bereits ihre Kinder abgeholt hatten und verschwunden waren. Sie hielt hier den ganzen Verkehr auf, was unter den Eltern nicht gern gesehen war; wenn man in der Warteschlange über Gebühr bummelte, konnte es einem sogar passieren, dass der Hintermann einen mit der Stoßstange anschob.
»Unglaublich«, hatte Kyle nur gemeint, als Natalie ihrem Mann von dem Auffahrmanöver erzählt hatte, dessen Zeugin sie vor ein paar Wochen geworden war. »Das Opfer sollte ihn wegen Nötigung im Straßenverkehr und möglicher Sachbeschädigung verklagen.« Kyle war Strafverteidiger und neigte dazu, überall potenzielle Rechtsverstöße zu sehen, darin vielleicht einem Elektriker nicht unähnlich, der in jedem fremden Haus erst einmal Lichtschalter und Leitungen in Augenschein nahm.
Natalie war ebenfalls Anwältin, doch nach ihrem Referendariat und drei wenig glücklichen Jahren bei Bender & Beck, der Kanzlei ihres Vaters, hatte sie beschlossen, nach Haileys Geburt nicht in ihren Beruf zurückzukehren. Die Entscheidung war ihr leichtgefallen, das Gespräch mit ihrem Vater war dafür umso schwerer gewesen. Tatsache war, dass sie nie mit Leidenschaft bei der Sache gewesen war und nur deshalb Jura studiert hatte, um ihrem Vater einen Gefallen zu tun. Seit Natalie Mutter war, hatten ihre Prioritäten sich völlig geändert. Plötzlich waren die Tage einfach zu kurz und die Zeit zu wertvoll, um sie an eine Karriere zu verschwenden, die viel Einsatz und Überstunden verlangte, ihr aber wenig Befriedigung oder gar Freude verschaffte. Sie hatte sich mit Kyle darauf geeinigt, dass sie bis zu Haileys Einschulung zu Hause bleiben würde. In dieser Zeit wollte Natalie überlegen, wie genau es für sie beruflich weitergehen könnte. Zwei Jahre später hatte Hailey dann einen kleinen Bruder bekommen, und erst als Henry in den Kindergarten gekommen war, war aus Natalies liebstem Hobby langsam so etwas wie ein Job geworden. Backen war ihre große Leidenschaft. Sie war sieben gewesen, als eine Freundin ihrer Eltern ihr ein Backbuch geschenkt hatte, eine schöne gebundene Ausgabe mit matt schimmerndem Papier und vielen bunten Fotos von perfekt geformten Schokokeksen und üppig verzierten Cremetorten. Sie hatte stundenlang in dem Buch blättern können, sich die Bilder anschauen und die Rezepte lesen, als wären sie richtige Geschichten, mit den Zutaten als Haupt- und Nebenfiguren. Seitdem träumte sie davon, eine eigene Bäckerei zu haben.
Im Laufe der Jahre hatte sie diesen Traum aus den Augen verloren und stattdessen getan, was ihre Eltern von ihr erwartet hatten: Sie hatte Jura studiert. Zugegeben, das Studium war nicht zu ihrem Nachteil gewesen. Natalie war von Natur aus eher schüchtern, doch plötzlich hatte sie über ihren eigenen Schatten springen und ihre Unsicherheit überwinden müssen. Sie hatte in den Seminaren und Übungen mit ihren Kommilitonen über Strafrecht und Präzedenzfälle debattieren müssen und war eine – zumindest dem äußeren Anschein nach – ebenso kompetente wie eloquente Anwältin geworden. Doch ihre wahre Leidenschaft hatte Natalie erst entdeckt, nachdem sie sich endlich ein Herz gefasst und die Kanzlei ihres Vaters verlassen hatte. In ihren Geburtsvorbereitungs- und Mutter-Kind-Kursen war sie schon bald bekannt gewesen für ihre Kuchen und Kekse, und bei gemeinsamen Essen und Festivitäten bat man meist sie, eines ihrer legendären Desserts mitzubringen. Backen war für Natalie eine Möglichkeit, sich anderen Menschen verbunden zu fühlen. Den verzückten Ausdruck in den Gesichtern zu sehen, wenn jemand in einen ihrer Zitronen-Cupcakes biss oder sich ein Stück Karamell-Nuss-Schnitte auf der Zunge zergehen ließ, war ihr der schönste Lohn. Die Liebe zu Süßem war eine Sprache, die jeder verstand.
Schon bald kamen erste Catering-Anfragen, und ihr Talent begann sich auszahlen. Die positiven Rückmeldungen ihrer Kunden bestärkten sie darin, Kurse am Community College zu besuchen, um sich zu qualifizieren, und schließlich ihre eigene Catering-Firma Just Desserts zu gründen. Hailey war in die erste Klasse gekommen, und Henry hatte einen Kitaplatz ergattert, was ihr ausreichend Zeit gab, an ihrem neuen Projekt zu arbeiten. Sie vertraute bei der Auftragsakquise bislang vor allem auf die Empfehlungen zufriedener Kunden und verdiente kein Vermögen, schätzte aber umso mehr die zeitliche Flexibilität, die ihr die Selbstständigkeit erlaubte. »Delikatessen statt Delikte, das süße Leben«, witzelte Kyle gern, worüber Natalie jedes Mal bloß die Augen verdrehte.
Jetzt winkte sie ihrem Hintermann im blauen Honda mit einem entschuldigenden Lächeln zu und hoffte, er würde nicht gleich ihren Wagen rammen, was den Cupcakes ganz gewiss nicht gut bekommen würde. »Sorry!«, rief sie, schloss den Kofferraum und sah zu, dass sie wieder hinters Steuer kam. Sie legte den Gang ein und fuhr ein Stück weit vor, schaute dann selbst ganz ungeduldig zur Uhr. 14:45, und bis drei sollte die Bestellung spätestens geliefert sein. »Ach, Krümelchen, wo bleibst du denn?«, murmelte sie, und wie auf ein Stichwort hörte Natalie auch schon die helle Stimme ihrer Tochter.
»Mommy!«, rief sie. Natalie sah aus dem Beifahrerfenster und lächelte, als sie ihr kleines Mädchen sah, das jetzt, mit sieben, so klein gar nicht mehr war. Die langen dunklen Locken flogen umher, als sie zum Auto gelaufen kam. Natalie brachte es einfach nicht über sich, ihrer Tochter mehr als die Spitzen zu schneiden, und so ringelte sich ein ganzes Nest dunkler Korkenzieherlocken ihren schmalen Rücken hinab. Die Haarfarbe hatte ihre Tochter von Kyle – Natalie war blond –, aber die zierliche Statur von ihrer Mutter, dazu deren feine Gesichtszüge und blaue Augen, ein schöner, seltener Ton, fast ein Veilchenblau, das sie von keinem Elternteil geerbt haben konnte, denn sowohl Kyle als auch Natalie hatten braune Augen. Ebenso wie Henry, der zwar als Baby fast blond gewesen war, dessen Haare aber zusehends dunkler wurden, passend zu seinen Augen. Mit seinen mittlerweile fünf Jahren wurde der Kleine seinem Vater mit jedem Tag ähnlicher.
»Mommy!«, rief Hailey noch einmal, als sie die Autotür aufriss, sich wie ein kleiner Kletteraffe auf den Rücksitz schwang und ihren Rucksack neben sich fallen ließ. Während sie sich anschnallte, fragte sie schon: »Weißt du wa-has?«
»Wa-has?«, wiederholte Natalie und lächelte noch immer, als sie vom Parkstreifen auf die Straße fuhr. »Weißt du was« war seit Kurzem der Auftakt zu allem, was Hailey ihr erzählte. »Weißt du was, Mom? Ich hab ein Viech gesehen!«, oder »Weißt du was? Meine Socken passen heute gar nicht zusammen!« Kyle war langsam genervt davon, aber Natalie fand es eigentlich ganz lustig, vor allem wenn Hailey und Henry das »Weißt du was«-Spiel zusammen machten. »Weißt du was?«, würde Henry seine große Schwester fragen. »Meine Füße stinken nach Fürzen!« Worüber Hailey erst mal kichern musste und dann auftrumpfte: »Dein Gesicht stinkt nach Furz!« Ihre Kinder waren gerade in der Phase, in der die bloße Erwähnung dieses Wortes hysterische Lachanfälle auslöste, was in der Tat etwas anstrengend sein konnte, aber Natalie ging trotzdem jedes Mal das Herz auf, wenn sie die beiden zusammen spielen und lachen sah. Als Einzelkind und von eher zurückhaltendem Wesen, hatte sie sich früher oft einsam gefühlt und sich nichts sehnlicher gewünscht, als einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Deshalb war für Natalie schon immer klar gewesen: Sollte sie einmal selbst Kinder haben, würde es nicht bei einem bleiben.
»Ich hab eine Eins im Diktat bekommen!«, verkündete Hailey jetzt. »Ich hab keinen einzigen Fehler gemacht!«
»Das ist ganz toll, mein Schatz«, sagte Natalie und schaute ihre Tochter im Rückspiegel an. »Du hast ja auch fleißig mit Daddy geübt. Ich bin stolz auf...




