E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Hauck Weil du siehst, wie schön ich bin
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96140-089-8
Verlag: Brendow
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-96140-089-8
Verlag: Brendow
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rachel Hauck ist Gewinnerin des Carol Award und wurde von den Lesern der 'Family Fiction' unter die fünf besten Autorinnen von Liebesromanen gwählt. Sie lebt mit ihrem Mann in Florida.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
An diesem verrückten Januartag, an dem es in Rosebud, Alabama, schneite, spürte Ginger Winters tief in ihrer Seele, dass eine grundlegende Veränderung anstand.
In der Ferne traf das helle Geläut der Kirchenglocken auf das Brausen des Windes, der durch die Main Street fegte.
„Hast du je …?“ Ruby-Jane, Gingers Empfangsdame, beste Freundin und Mädchen für alles, ließ die Wärme hinaus und die Kälte herein, als sie die Eingangstür öffnete. „Schnee in Rosebud. Zwei Stunden Fahrt bis zur Küste Floridas, und hier schneit es.“ Sie atmete tief durch. „Herrlich.“ Dann runzelte sie die Stirn. „Sind das die Kirchenglocken?“
„Für die Hochzeit … am Wochenende.“ Ginger gesellte sich an der Tür zu Ruby-Jane, die oft auch nur RJ genannt wurde. Sie verschränkte die Arme, umarmte sich selbst. „Wenn man Bridgett Maynard ist, müssen sogar die Glocken zur Durchlaufprobe antanzen.“
Ruby-Jane linste zu Ginger hinüber. „Ich dachte, die heiraten auf der Plantage ihrer Großeltern.“
„Tun sie auch, aber um 16 Uhr, wenn die Hochzeit im Magnolienhaus losgeht, werden die Glocken der Kirche von Applewood läuten.“
„Und uns alle stören, die wir keine Einladung bekommen haben.“ Ruby-Jane schnitt eine Grimasse. „Schon traurig, wenn sich deine Kindergartenfreundin in der Highschool gegen dich stellt und dich dann für den Rest des Lebens ignoriert.“
„Sieh’s doch mal so. Bridgett hat dich fallen gelassen, und dann hast du mich gefunden.“ Ginger schaute sie mit unschuldiger Begeisterung an, die so viel bedeutete wie . Dann klopfte sie auf das Auftragsbuch unter RJs Arm. „Was ist mit den Terminen für heute?“
„Mrs. Davenport hat beinahe einen Anfall bekommen, aber ich habe ihr gesagt, wir würden heute alle Termine verlegen, weil du nicht möchtest, dass jemand bei dem Durcheinander Auto fährt. Und du weißt ja, dass Mrs. Carney wollte, dass du zu ihr nach Hause kommst, aber der habe ich gesagt, dass du auch nicht Auto fahren wirst.“
„Die gute Mrs. Carney.“
„Die anspruchsvolle Mrs. Carney.“
„Ach komm, immerhin kommt sie schon seit dem Zweiten Weltkrieg in genau diesen Laden hier, auch wenn die Besitzer regelmäßig gewechselt haben. Sie ist eine schönheitssalontreue Seele.“
„Egal, sie kommt jedenfalls auch mal einen Tag zurecht, ohne dass du ihr die Haare föhnst. Maggie ist nie nach der Pfeife von diesen Blauschöpfen getanzt.“
„Weil Maggie eine von ihnen war. Ich muss mir ihren Respekt erst noch verdienen.“
„Du hast ihren Respekt längst. Maggie hätte dir diesen Salon nie verkauft, wenn sie dir das nicht zugetraut hätte. Also müssen diese Damen dir das einfach auch zutrauen.“
Der Wind rappelte an den Fensterscheiben und wehte winzige Schneeflocken über die Schwelle. „Brr, ist das kalt. Mach mal die Tür zu.“ Ginger durchquerte den Salon. „Ich glaube, heute werden wir …“, sie zeigte auf die Wände, „… streichen.“
„Streichen?“ Ruby-Jane trug die Terminkladde zum Tresen. „Wie wäre es damit: Wir schließen, gehen nach Hause, setzen uns vor den Fernseher und trauern darüber, dass nicht mehr läuft.“
„Oder wie wäre es damit: Wir streichen?“ Ginger zeigte auf die Tür zum Hinterzimmer und rollte ihre Ärmel hoch. Eine seltene Geste, aber nachdem die Türen zu und der Salon geschlossen war und es außerdem schneite, machte es ihr nichts aus, ihre runzlige Haut zu entblößen, die sie immer ein bisschen an die topografische Karte eines Landes mit vielen Gebirgszügen erinnerte. „Wir können die alten Kittel überziehen, dann werden unsere Kleider nicht schmutzig.“
Ruby-Jane war neben Mama und Grandpa die erste Person gewesen, die die scheußlichen Wunden gesehen hatte, die seit dem Brand des Wohnwagens ihren Körper zeichneten.
Als sie zwölf Jahre alt war, hatte sich für Ginger Winters geändert. Aber aus ihrem Schmerz war auch eine gute Sache hervorgegangen: ihre Supermacht, die Schönheit in ihren Freunden zu sehen und zutage zu bringen. Trotz ihrer hässlichen Entstellungen war sie in der Highschool Mädchen gewesen, zu dem man in Sachen Haare und Make-up einfach ging.
So hatte sie überlebt. So hatte sie ihren Lebenszweck gefunden. Ihre Fähigkeiten hatte sie an die wunderbarsten Orte geführt. Aber nun, nach zwölf Jahren, war sie wieder zurück in Rosebud und begann einen neuen Lebensabschnitt, indem sie ihren eigenen Schönheitssalon eröffnete.
Sie war von zuhause weggegangen, um eine renommierte Stylistin zu werden und der Rolle des Brandopfers zu entfliehen.
Und das hatte sie geschafft … hatte sie jedenfalls geglaubt, nachdem sie Stellen in Top-Salons in New York, Atlanta und schließlich Nashville bekommen hatte, von wo aus sie als persönliche Stylistin der Country-Sensation Tracie Blue die Welt bereiste.
Dennoch blieb es trotz all ihres Erfolges dabei: Ginger war das Mädchen, das hässlich und vernarbt für immer und alle Zeit von außen zuschaute.
Fakt war: Manche Dinge änderten sich einfach nie. Sollte sie sich je etwas anderes erhofft haben, brauchte sie nur die Rolle zu betrachten, die sie bei der Hochzeit ihrer „Freundin“ dieses Wochenende spielen würde. Die der angeheuerten Hilfskraft.
Ginger zerrte die Farbeimer aus dem Lagerraum. Als sie vor sechs Monaten nach Rosebud zurückgekehrt war und den Papierkram für das Geschäft unterzeichnet hatte, war sie losgezogen und hatte pink-beige Farbe gekauft, in der sie die Wände streichen wollte, um dem alten Schönheitssalon einen frischen Look und einen neuen Geruch zu verpassen. So wollte sie dem historischen Ladengeschäft ihre persönliche Note verleihen.
Aber Maggie hatte ihr nicht nur einen Laden, sondern auch einen vollen Terminkalender übergeben, und Ginger war von jetzt auf gleich voll eingestiegen. Sie hatte bislang gerade genug Zeit gehabt, ihre eigene kleine Wohnung über dem Geschäft zu streichen und zu dekorieren.
Dann gingen die beiden erfahrenen Stylistinnen, die für Maggie gearbeitet hatten, in Rente. Und so hatten sich Zehn-Stunden-Tage in Fünfzehn-Stunden-Tage verwandelt, bis Ginger Michele und Casey einstellte, beide Teilzeitstylistinnen und Vollzeitmütter.
Das Streichen hatte warten müssen.
„Können wir wenigstens was zum Mittagessen bestellen?“ Ruby-Jane öffnete die Türen des Materialschranks, woraufhin ihr die Farbrollen mit den langen Stielen entgegenpurzelten. Seufzend sammelte sie sie auf und lehnte sie gegen die Wand.
„Ja, Pizza. Geht auf mich.“
„Ich liebe dich, Ginger Winters. Du sprichst meine Sprache.“
Neben dem Farbeimer kniend hebelte Ginger den Deckel ab und befüllte die Farbwannen. Danach schob und zog sie die Friseurstühle in die Mitte des Raums und bedeckte die alten Holzdielen in Wandnähe mit Papier und Planen.
„Ich muss zugeben, dass ich diesen alten Laden einfach liebe“, sagte RJ, die zwischen Ladenraum und Hinterzimmer innehielt.
„Ich auch.“ Ginger hob ihren Blick und schaute sich in dem abgenutzten, viel geliebten Raum um. „Wünschst du dir nicht auch, dass diese Wände reden könnten?“
Ruby-Jane lachte. „Ja - weil ich gerne ein paar von den alten Geschichten hören würde. Und nein - weil mir sprechende Wände echt Angst machen würden.“ Sie beäugte Ginger und zeigte mit dem Finger auf sie. „Aber eines Tages werden diese Wände unsere Geschichten erzählen.“
„Können wir nochmal darauf zurückkommen, dass dir sprechende Wände Angst machen?“, lachte Ginger atemlos, als sie den letzten Arbeitsplatz von der Wand wegzog. „Ich will keine Geschichten über mich hören.“
Sie hatte sie doch schon gehört.
„Ich glaube, die Wände werden ganz wunderbare Geschichten erzählen: “
Sie lächelte Ruby-Jane, die ewige Optimistin, an. „Okay, in dem Fall kann ich mit den sprechenden Wänden leben. Also … streichen. Meine Güte, ist das eine große Wand. Lass uns mit der rechten Seite anfangen. Wenn dann noch Zeit ist, machen wir den Rest. Wenn die rechte Seite erst einmal fertig ist, motiviert uns das bestimmt, den Rest auch noch zu schaffen.“
„Du bist der Boss.“
Ginger legte sich den Schal um ihren Hals zurecht und glättete das Haar, das ihr über die rechte Schulter fiel. Während sie den Mut hatte, ihre Ärmel hochzukrempeln und ihren vernarbten Arm sehen zu lassen, genierte sie sich doch zu sehr, ihren Hals und das abscheuliche Debakel der Hauttransplantation dort zu offenbaren.
Nach zwei Entzündungen und drei Operationen hatte Mama aufgegeben und beschlossen, dass „‚gut genug‘ jetzt einfach mal gut sein muss“.
Die Hand auf die gräulichste, runzligste Stelle an ihrem Halsansatz gepresst, hatte Ginger sich nachts in den Schlaf geweint.
Damals hatte sie gewusst, dass sie nie schön sein würde.
„Du kannst ein Privatleben haben, wenn du nur willst“, sagte RJ, die ihr mit der letzten Station half.
„Wer sagt denn, dass ich eins will?“ Ginger eilte zum Lager. „Lass uns mit dem Streichen anfangen.“
Fünf Minuten später troffen die Rollen nur so, während Ginger und Ruby-Jane die Wand mit frischer Farbe bedeckten und ihre geliebten Countrysongs die Luft erfüllten.
„Bist du denn bereit?“, fragte RJ. „Für das Wochenende, meine ich? Eine...




