Hauff | Schattengrünes Tal | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: hanserblau

Hauff Schattengrünes Tal

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28496-8
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: hanserblau

ISBN: 978-3-446-28496-8
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein dunkles Tal, lange Schatten und ein gut gehütetes Geheimnis: Nach »In blaukalter Tiefe« und »Unter Wasser Nacht« der neue psychologische Spannungsroman von Kristina Hauff
Mitten im Schwarzwald liegt das Hotel »Zum alten Forsthaus«, das seine besten Tage längst hinter sich hat. Nur wenige Gäste verirren sich in das zunehmend verfallende Haus. Umso überraschender, dass sich Daniela, eine schutzbedürftig wirkende Fremde, dauerhaft einquartiert. Lisa, die erwachsene Tochter des Besitzers, nimmt sich ihrer an. Während Daniela aufblüht und sich schnell in die Dorfgemeinschaft eingliedert, wenden sich enge Vertraute von Lisa ab - zuletzt sogar ihr Ehemann. Als schließlich der Herbst Einzug hält, die Tage kälter und die Schatten im grünen Tal immer dunkler werden, beginnt Lisa zu ahnen, dass ihre Welt auseinanderzubrechen droht.

Kristina Hauff wurde am Niederrhein geboren. Sie arbeitete als Pressereferentin für Fernsehserien von ARD und ZDF und am Theater. Bei hanserblau erschienen 'In blaukalter Tiefe' (2023) und 'Unter Wasser Nacht' (2021), das 2025 verfilmt wurde. Für ihren neuen Roman 'Schattengrünes Tal' erkundete Kristina Hauff die stimmungsvolle Landschaft des Schwarzwalds. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.
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Lisa


Der Fußpfad führte steil den Hang bergab. Lisas Schritte knirschten auf dem Schotter, es war das einzige Geräusch an diesem frühen Morgen. Auf den Wiesen schimmerte Raureif. Simon hatte recht gehabt, der Frost war über Nacht gekommen.

Sie tauchte ein in das Dunkel des Wäldchens mit Weißtannen und Fichten, folgte der Wegkehre und trat wieder ins Licht. Das Tal öffnete sich vor ihr.

Sie war diesen Weg unzählige Male in ihrem Leben gelaufen, aber der Blick faszinierte sie jedes Mal aufs Neue. Blaugrau dämmerten die Farben auf der Schattenseite, während die Sonne schon den westlichen Hügelkamm erreicht hatte, das Goldgelb der Lärchen und das Rot des Ahorns am Waldhang aufleuchten ließ. Ihr Blick folgte dem Lauf des Bachs bis zum Forellenteich, dessen glitzernde Oberfläche sie hinter den Bäumen erahnen konnte. Ein Rotmilan schwang sich lautlos auf, flog über die Spitzen der Tannen davon.

Lisa war müde und erschlagen von der gestrigen Party. Doch schon vor dem Weckerklingeln hatte Margret erneut angerufen: Die Heizung im Hotel war ausgefallen.

Lisa schlang den Wollschal enger um den Hals. Mit jedem Schritt abwärts wurde es kälter, sie beeilte sich, Atemwolken vor dem Gesicht. Endlich erreichte sie das dreigeschossige Hotel mit seinen grafitgrauen Schindeln. In den Blumenkästen vor den Fenstern blühten rot die Geranien. Die altmodische Laterne über der Eingangstür brannte. Auf dem Parkplatz standen der SUV ihres Vaters und der Kleinwagen von Margret. Und ein einziger fremder PKW.

Ein Rumpeln in der Ferne. Lisa wandte sich um. Ein weißer Lieferwagen mit Werbeaufschrift fuhr über die schmalen Brücken der Talstraße, verschwand hinter der Tuchfabrik, die dem Zerfall preisgegeben war, ein ›‹, dessen hölzernes Mühlrad seit langem stillstand.

Der Lieferwagen näherte sich. Ein Installateur, der wegen der Heizung kam? Nein, er fuhr an Lisa vorbei. Nur jemand, der die Staus an der Baustelle auf der oberen Hauptstraße mied und das Tal trotz Verbotsschildern als Umgehungsstraße nutzte.

Lisa betrat das Hotel. Margret hatte nicht übertrieben, das Haus war ausgekühlt wie ein Körper in der Totenstarre. Die vertraute Dunkelheit der holzvertäfelten Wände umfing sie in der Lobby. Der Kronleuchter aus kapitalen Stangen vom Rothirsch war zwar eingeschaltet, doch die Lampenschirme spendeten nur ein trübgelbes, staubiges Licht.

Offenbar hatte Margret die Tür zufallen hören, sie kam die Treppe herunter.

Sie war Mitte sechzig, wirkte jedoch deutlich jünger durch ihre knabenhafte Figur. Sie trug nie etwas anderes als Stoffhosen und Twinsets, bei denen sie Wert auf Qualität und gedeckte Farben legte. Grau, dunkelblau, altrosa. Dazu ihre Perlenkette.

Lisas Vater bezeichnete sie als ›Erste Hausdame‹. Managerin oder Geschäftsführerin hätten es besser getroffen. Margret bearbeitete die Zimmerbuchungen, kümmerte sich um die Verwaltung, den Einkauf und traf Personalentscheidungen. Im Grunde leitete sie das Hotel, während Carl sich zunehmend auf seine Lieblingsaufgabe beschränkte: Er stolzierte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durchs Hotel und machte Smalltalk mit den Stammgästen.

»Ich war kurz oben bei deinem Vater«, sagte Margret.

Warum nicht: Ich war bei Carl? Ihr Getue war eine Farce.

Vor fünfzehn Jahren hatte Margret das Hotel zum ersten Mal betreten, als Bewerberin um einen Job als Servicekraft. Carl stellte sie ein, und ihr Siegeszug begann. Sie wollte im Haus etwas zu sagen haben. Und sie wollte Carl. Was genau geschehen war zwischen Carl, Margret und Lisas Mutter Rose wusste Lisa nicht. Sechs Jahre hatten sie gemeinsam unter diesem Dach verbracht. Und dann war Rose ins Heim umquartiert worden, mit Anfang sechzig dement und zum Pflegefall geworden. Seitdem ging Margret in Carls Einliegerwohnung im ersten Stock des Hotels ein und aus. Sie ließ ihre kleine Wohnung in der Stadt leer stehen und schlief bei ihm, im Ehebett von Lisas Eltern. Es durfte nur nicht darüber gesprochen werden.

»So ein Pech mit der Heizung«, sagte Lisa. »Gab es Beschwerden?«

»Zum Glück ist Nebensaison.« Margret durchquerte die Lobby, unter dem abgetretenen orientalischen Läufer knarzte der Parkettboden. Sie trat hinter den Tresen, fuhr den Computer hoch. »Nur Rosenmüllers waren noch da, ich habe ihnen in der Nacht einen Heizlüfter ins Zimmer gestellt. Aber am Freitag habe ich einige Anreisen.«

Lisa betrachtete den Kasten mit den Schlüsselfächern und entdeckte einen leeren Haken. »Was ist mit der Vierzehn?«

»Ach richtig. Die habe ich glatt vergessen.« Margret zog die Brauen zusammen. »Eine Frau. Kam sehr spät gestern an, hat deinen Vater aus dem Bett geklingelt. Unmöglich, was manche Leute sich leisten.«

»Kein Stammgast?«

»Ich habe sie noch nie gesehen. Sie ist heute noch nicht aufgetaucht, hat sich auch nicht über die Kälte beschwert.«

»Und wo ist Carl?«, fragte Lisa.

»Im Bett. Er hat die ganze Nacht gehustet.«

»Ich schaue mal nach ihm.«

»Nein, lass ihn schlafen.«

»Ich will nur kurz —«

»Er hat alles, was er braucht.« Margrets Stimme bekam einen scharfen Unterton. »Ich habe ihm Tee gemacht und ihn warm eingepackt.«

Lisa gab sich geschlagen. Streit mit Margret brachte sie nicht weiter. Sie hatten irgendwann Waffenstillstand geschlossen. Lisa war insgeheim froh, dass Margret sich rund um die Uhr um Carl kümmerte. Dafür musste sie nur immer wieder akzeptieren, dass Margret ihn wie ein Zerberus bewachte.

»Gut«, sagte Lisa knapp. »Wann kommt der Installateur?«

»Eine Katastrophe ist das mit diesem Handwerkermangel.« Margret wich ihrem Blick aus. »Überall nur Anrufbeantworter. Ich habe draufgesprochen, dass wir einen Notfall haben. Aber niemand ruft zurück.«

Lisa blickte auf die Uhr, halb neun war es schon, das sah nicht gut aus.

»Ich dachte, du könntest vielleicht«, Margret zögerte, »bei Alexander Reichenbacher anrufen.«

Lisa hob den Kopf. »Keine gute Idee.«

»Sollen wir hier erfrieren?«

»Carl wird sich aufregen.«

Ihre Blicke trafen sich.

»Den Ärger nehme ich auf mich.« Margret kniff die Lippen zusammen. »Ruf an.«

Lisa betrat den Gastraum. Hier war es kein Grad wärmer als in der Eingangshalle, aber das hellere Holz der Wände, Sitzbänke und Stühle, die Strohblumengestecke in den Fenstern, die weiß eingedeckten Tische und der hellgrüne Kachelofen in der Mitte strahlten eine freundlichere Atmosphäre aus. Schade, dass man ihn nicht mehr einfach anheizen konnte. Aber Carl hatte die uralten, rissigen Schamottsteine nie ersetzen lassen. Es gab ja die Zentralheizung.

Im Vorbeigehen ließ Lisa die Finger über den Deckel des Klaviers gleiten, das in der Ecke stand. Das Instrument würde unter der Kälte leiden. Früher war es regelmäßig gestimmt worden, als Kinder hatten sie und ihr jüngerer Bruder Felix fast jeden Abend den Gästen etwas vorgespielt. Hinter der Küchentür hatten sie warten müssen, bis der Moment des Auftritts kam, meist zwischen der Vorspeise und dem Hauptgang. Carl war immer so stolz gewesen, wenn sein Sohn sich ans Instrument setzte. Er hatte Felix nach einem berühmten Komponisten benannt, Lisa hingegen hieß nach einer Großtante Elisabeth, zu der die Familie kaum Kontakt hatte.

Wenn Felix spielte und den Applaus der Gäste entgegennahm, war Carl gern in der Gaststube anwesend. Danach aber schwang die Tür zur Küche auf, sein herrisches Winken, .

Damals war das Restaurant des ›Alten Forsthauses‹ auch über die Ortsgrenzen hinaus bekannt, in der Küche stand Carl höchstpersönlich am Herd und herrschte über einen Souschef, einen Chef Patissier und mehrere Küchengehilfen. Lisa hatte die Atmosphäre gemocht, auch wenn es oft hektisch und barsch zuging. Nur vor ihren...


Hauff, Kristina
Kristina Hauff wurde am Niederrhein geboren. Sie arbeitete als Pressereferentin für Fernsehserien von ARD und ZDF und am Theater. Bei hanserblau erschienen 'In blaukalter Tiefe' (2023) und 'Unter Wasser Nacht' (2021), das 2025 verfilmt wurde. Für ihren neuen Roman 'Schattengrünes Tal' erkundete Kristina Hauff die stimmungsvolle Landschaft des Schwarzwalds. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.



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