E-Book, Deutsch, Band 2, 484 Seiten
Reihe: Die Wäscherin von Niederrad
Haug Die Köchin von Hofgut Goldstein
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0752-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Weg zum Glück
E-Book, Deutsch, Band 2, 484 Seiten
Reihe: Die Wäscherin von Niederrad
ISBN: 978-3-6951-0752-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gabi Haug, lebt mit ihrem Mann in Frankfurt am Main. Sie ist Hobby-Autorin aus Leidenschaft und schreibt meist Geschichten für Erwachsene, eine Mischung aus Drama, Liebe und Fantasy. Besonders liebt sie es, in historische Zeiten einzutauchen und diese mit lebendigen Figuren und bewegenden Schicksalen zum Leben zu erwecken. Ihre Legasthenie war für sie nie ein Grund, sich vom Schreiben abhalten zu lassen, im Gegenteil, 2017 entschied sie sich, ihre Geschichten selbst in die Welt zu bringen und veröffentlicht seither als Self-Publisherin.
Autoren/Hrsg.
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Lieses Flucht
Bayern, Herbst anno 1840
Liese Kosel zog ihr Tuch fester um die Schultern. Die Kälte der Nacht kroch durch ihre Kleidung, aber sie durfte nicht stehen bleiben. Jeder Schritt durch das taugetränkte Gras erinnerte sie daran, dass es kein Zurück mehr gab. Hinter ihr lag der Hof, ihr Zuhause, das keines mehr war.
Ihr Atem ging stoßweise, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Noch war es still; die Welt lag in dunkler Ruhe.
Liese hatte gespürt, dass der Dornhofer, der ihre Mutter heiraten würde, andere Absichten hatte. Es war vor allem der Blick, den er ihr zuwarf - ein Blick, der sie schaudern ließ, der sie fühlen ließ, dass sie ihm nicht entkommen konnte — nicht ohne Konsequenzen.
Alles hatte an jenem Abend begonnen, als er sie allein im Flur erwischt hatte. Sie war aus der Stube gegangen, um einen Disput mit ihrer Mutter wegen der bevorstehenden Hochzeit zu vermeiden. Eigentlich hatte sie nur an ihm vorbeigehen wollen - doch er war schneller gewesen, hatte die Hand auf ihre Schulter gelegt und sie dann bestimmend zu sich gezogen.
»Du bist ein so leckeres Mädchen, Liese. Eine Frucht, die von einem Mann gepflückt werden sollte. Von einem Mann wie mir«, hatte er geflüstert. Ein kaltes, ekelerregendes Gefühl stieg in ihr auf. Es war kein Kompliment, es war eine Drohung, dass er von ihr mehr wollte.
Sie hatte sich losgerissen, Zorn und Angst vermischten sich zu einem wütenden Sturm.
»Lass mich in Ruhe! Ich habe dich längst durchschaut«, hatte sie ihm entgegengefaucht.
Er hatte tief und unheilvoll gelacht, das es ihr bis in die Knochen gefahren war.
»Du wirst lernen, was es heißt, sich einem Mann zu fügen, Liese. Du wirst sehen.«
In diesem Moment war ihre Mutter in der Tür erschienen. Nicht ihn hatte sie angesehen — sondern sie. Enttäuscht.
Da wusste Liese: Er wartete nur darauf, sie wieder allein zu erwischen. Der Gedanke, was er noch vorhatte, ließ sie erschauern. Und ihre Mutter? Die Frau, die sie so sehr liebte und die vor lauter Liebe und Verzweiflung blind war, würde ihn wohl nie durchschauen — nie erkennen, welches Ungeheuer er wirklich war.
Dann dieser Augenblick - als ihre Mutter und er über sie sprachen: »Du musst dir keine Sorgen machen«, hatte er gesagt. »Ich werde sie schon unter Kontrolle bekommen. Sie versteht halt nicht, wie sehr ich dich liebe. Da kann sie tun, was sie will. Es ist der natürliche Lauf der Dinge — sie wird das Haus verlassen. Wir werden sie zu meinen Verwandten nach München schicken. Und sie wird sich fügen müssen.«
Liese war erstarrt. So kalt, so selbstgefällig hatte er gesprochen - als trüge sie die Schuld an seinem Verhalten. Ihre Mutter hatte nur genickt, als sei es das Vernünftigste auf der Welt, als gäbe es nichts außer diesem Mann.
Als ob das nicht schon genug gewesen wäre — Liese konnte sich gut vorstellen, welche Aufgaben sie dort übernehmen sollte, wenn er zu Besuch kam. Denn er fuhr mindestens zweimal im Monat nach München zu den Verwandten. Der Plan war klar, auch wenn sie selbst noch nicht wusste, was die Zukunft für sie bereithielt. Aber es war besser, ins Ungewisse zu gehen, als diesem Mann zu erlauben, noch einen weiteren Schritt zu tun.
Liese schüttelte den Kopf, zwang sich weiterzugehen. Sie hatte nur ein kleines Bündel bei sich - kaum genug für das, was sie sich vorgenommen hatte und was noch vor ihr lag. Es waren nur ein paar Kleider, ein Stück Brot, das sie heimlich eingesteckt hatte, und einige gesparte Münzen. Viel war es nicht. Doch für sie gab es keine andere Wahl.
Dieser niederträchtige Mensch! Sie hatte ihn durchschaut, hatte gewusst, dass er nur seine eigene Befriedigung und das Land ihres Vaters im Sinn hatte. Und doch hatte die Mutter sich von seinen Worten täuschen lassen. Blind vor Liebe — und taub gegenüber den Warnungen ihrer eigenen Tochter.
Sie atmete tief durch und stapfte weiter. Der Wald wurde dichter, die Wurzeln unter ihren Füßen tückischer. Einmal stolperte sie, doch sie fing sich rechtzeitig. Ihre Finger schlossen sich fester um ihr Bündel.
Sie hatte ein Ziel: Frankfurt. Dort wollte sie Arbeit finden, ein neues Leben beginnen — irgendwie. Sie wusste nicht, was sie erwarten würde, nur dass sie niemals zurückkehren durfte.
Tag um Tag kämpfte sie sich voran. Während sie lief, dachte Liese auch an ihren älteren Bruder und das Drama, das sein Weggang über ihre Familie gebracht hatte - ein Fortgang, der eigentlich eine neue Hoffnung auf den Erhalt des Hofes erfüllen sollte.
Als Erbe hätte Philipp eine Zukunft als Bauer gehabt, doch die Realität sah anders aus: Nach mehreren Missernten geriet der Hof in immer größere finanzielle Schwierigkeiten. Drei Jahre lang blieben die Erträge durch schlechte Wetterbedingungen weit hinter den Erwartungen zurück, und die drückenden Schulden wuchsen. Jedes neue Jahr brachte mehr Sorgen als Zuversicht, und die Aussicht, das Land weiter bewirtschaften zu können, wurde immer düsterer.
Um seine Familie zu unterstützen, fasste Philipp einen mutigen Entschluss: Er verließ den Hof, um in Hamburg auf einem Schiff anzuheuern. Die Seefahrt versprach schnellen Verdienst — vielleicht sogar eine Möglichkeit, den Hof zu retten. Ein Nachbarsohn, der zur See fuhr, war für einige Tage auf Heimaturlaub gewesen und hatte voller Begeisterung von fernen Ländern, exotischen Waren und unerwartetem Reichtum erzählt. Seine Geschichten entzündeten in Philipp einen Funken Hoffnung — auf ein besseres Schicksal für seine Familie und den Hof und vielleicht auch auf ein wenig Abenteuer.
So hatte er sich vor Jahren auf den Weg nach Norden gemacht. Vier Monate nach seinem Aufbruch traf ein Brief ein - zusammen mit etwas Geld. Der Vater konnte damit einige Schulden begleichen und Saatgut kaufen. Philipp hatte tatsächlich auf einem Schiff angeheuert. Einer großen Bark — einem mächtigen Dreimaster, der regelmäßig nach Amerika segelte. Doch dann — nichts mehr kam. Kein Brief. Kein weiteres Geld. Kein Lebenszeichen.
Verzweiflung machte sich breit. Es gab Berichte von Stürmen und gesunkenen Schiffen - auch von dem Segler, auf dem Philipp angeheuert hatte. Ihr Vater verkraftete die Ungewissheit nicht. Er starb mit der Sorge um seinen Sohn und das Schicksal des Hofes im Herzen. Und ihre Mutter? Seitdem war sie nicht mehr dieselbe.
Liese erinnerte sich an die Tage, an denen ihre Mutter noch voller Leben war, an ihr helles Lachen in der Küche und den Duft von frisch gebackenem Brot, der das ganze Haus erfüllte.
Schon als kleines Mädchen hatte sie es geliebt, beim Backen zu helfen. Am frühen Morgen kneteten sie gemeinsam den Teig, während die ersten Sonnenstrahlen durch das kleine Küchenfenster fielen. Die Hände ihrer Mutter waren warm gewesen - sanft, aber bestimmt, wenn sie den Teig bearbeitete.
»Spürst du das, Liese?«, hatte sie gesagt, während sie mit geübten Bewegungen Mehl über den Holztisch streute. »Der Teig muss geschmeidig sein — nicht zu fest, nicht zu weich. Genau wie das Leben. Du musst fühlen, wann es gut ist.«
Wenn das Brot im Ofen buk, bereiteten sie das Mittagessen zu. Der Eintopf blubberte leise über dem Feuer, während Liese anfangs noch unbeholfen Möhren schnitt und ihre Mutter mit geübten Händen Kräuter aus dem Garten hackte. Manchmal erzählte sie dabei Geschichten - von ihrer eigenen Kindheit. Und wenn der Eintopf fertig war, probierte sie immer zuerst, schloss die Augen und lächelte. »Perfekt. Fast so gut wie bei meiner Mutter.«
Im Sommer backten sie süße Kuchen mit frischen Beeren, die Liese im Garten gepflückt hatte. Dann durfte sie den Holzlöffel abschlecken, voller Vorfreude auf das fertige Gebäck. Und immer, wenn der Kuchen aus dem Ofen kam, schnitt ihre Mutter das erste Stück ab und drückte es ihr in die Hand.
»Für meine fleißige Helferin.«
Diese Tage waren erfüllt von Wärme, von Geborgenheit, von einem Gefühl, das jetzt nur noch eine ferne Erinnerung war. Seit dem Verschwinden von Philipp und dem Tod ihres Vaters hatte sich ihre Mutter verändert. Die einst so lebendigen Augen wirkten müde, ihre Hände, die früher mit solcher Hingabe Teig geknetet hatten, ruhten oft regungslos im Schoß. Das Haus, das früher vom Duft frischer Speisen erfüllt war, lag meist still und kalt da.
Liese hatte mehr Aufgaben auf dem Hof übernommen. Frühmorgens war sie die Erste, die das Haus verließ, um die Tiere zu versorgen, Wasser zu holen und das Feuer anzufachen. Ihre Hände wurden rau, ihre Schultern müde, aber sie tat es ohne Klage — für ihre Mutter, für das, was von ihrer Familie übrig geblieben war.
Doch dann trat Vitus Dornhofer in ihr Leben — jener Mann, den alle nur »den Schönen« nannten. Er war der Sohn eines Nachbarbauern, doch der Hof gehörte ihm noch nicht. Sein alter Herr hatte dort noch das Sagen, entschied über Ernte, Vieh und Handel. Vitus, voller Ungeduld, wartete darauf, dass sein Vater ihm endlich die Führung übergab — doch...




