Anhang 05 Aufzeichnungen der Schiffs-KI an Bord der Aufklärungsfregatte ‚Heimweh der kleinen Eule‘ auf dem Rückweg vom Trainingseinsatz. (1 Jahr vor Prozessbeginn) Jane ließ langsam ihre reich verzierte Teetasse aus hauchdünnem Porzellan sinken und blickte ernst auf ihren Commander. Major Hien Otis lag ausgestreckt am Boden des viktorianischen Teesalons und lachte. Die Gouvernante bemühte sich, ihrer Stimme einen strengen Ton zu geben. »Ich glaube nicht«, erklärte sie kühl, »dass Colonel Enders deine Heiterkeit teilen wird, Mimei. Das war vollkommen unprofessionell.« Otis schien sie nicht gehört zu haben, denn sie lachte so sehr, dass sie sich die Tränen aus den Augen wischen musste. Jane schnaufte genervt und nippte an ihrem Tee, um sich zu beruhigen. Ihr Blick blieb lächelnd an der Tasse hängen. Sie liebte dieses Service wegen seines eleganten Rosenmusters. Die Tassen mit den leicht abgerundeten Ecken und dem feinen Goldrand waren nach authentischen Vorlagen modelliert. Der Geruch nach künstlicher Bergamotte stieg ihr in die Nase. Sie könnte den Tee auch nach dem echten Öl riechen lassen, aber sie mochte das Künstliche lieber. Ihr Blick fiel auf den Spiegel, der über der Anrichte hing, und sie kontrollierte kritisch ihr eigenes Erscheinungsbild. Die Brosche passte nicht zum Service. Jane kniff die Augen zusammen. Der Farbton des Schmuckstücks wechselte zu einem tiefen Blau und ihr hoher Kragen zu einem kräftigen Fliederton, der wie eine Welle auf ihrem Kleid nach unten lief. Die hochgesteckten Haare können so bleiben, urteilte sie. Selbst wenn es nur eine Simulation ist, Details sind wichtig. Das anhaltende Lachen unterbrach ihre Gedanken. »Wer hätte gedacht«, kommentierte Hien glucksend, »dass man Klimaanlage und Abwassersystem auf so effektive Weise miteinander koppeln kann? Besonders, wenn die Klimaanlage Teil der zentralen Lebenserhaltung und somit praktischerweise sehr nahe am Maschinenraum lokalisiert ist.« Sie kicherte glücklich. »Das«, verkündete sie und hob belehrend einen Finger, »ist eine Designschwäche, die sich erst offenbart, wenn die Gravitation ausfällt. Kommt davon, wenn man sein Schiff von kurzsichtigen Ingenieuren designen lässt, die niemals ihren Planeten verlassen haben.« Jane seufzte, ließ sich vorsichtig auf der Couch nieder und blickte auf die junge Frau hinab, die theoretisch ihre kommandierende Offizierin darstellte. Hien trug wie immer nur ein schlichtes weißes Kleid, welches ihren schmerzhaft mageren Körper verhüllte. Jane hatte sie immer wieder zu überzeugen versucht, sich einen besseren Avatar zuzulegen. Man sollte meinen, dass Menschen innerhalb einer virtuellen Umgebung automatisch versuchen, das Beste aus ihrem Äußeren zu machen, wozu hat man denn sonst die unendlichen Möglichkeiten einer Simulation? Nun, das traf wohl nur auf normale Menschen zu. Die Gouvernante sah auf die Offizierin hinab, die weiter lachend über den reich verzierten Perserteppich rollte. Wenn sie in diesem Zustand ist, kann man sowieso nicht mit ihr reden. Sie stellte ihre Teetasse vorsichtig auf dem Couchtisch ab, nahm die Stickerei auf und hielt sie unschlüssig in den Händen. Jane seufzte und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Nicht zum ersten Mal kam sie sich dumm vor. So sollte das alles hier nicht laufen. Sie ließ die Stickerei wieder auf den Schoß sinken und fragte sich, was in ihrer Pilotin vorging. »Ich habe mir erlaubt den Rückweg zu programmieren, Mimei«, erklärte sie leise. »Wir werden jedoch Schwierigkeiten bekommen, deinen nächsten Termin wahrzunehmen. Warum hast du den Zeitpunkt unserer Rückkehr so früh angesetzt? Ich glaube, das schaffen wir nicht.« Ein virtueller Bildschirm entfaltete sich vor ihr, auf dem sich Flugpläne und Hochrechnungen drängten. Sie stupste das Fenster leicht mit einem Finger an, woraufhin es zu der Pilotin hinüberschwebte und über deren Kopf verharrte. »Nach meinen Berechnungen der Flugzeit werden wir in jedem Fall zu spät kommen«, erklärte Jane. »Der Weg zurück führt durch ein großes Sperrgebiet, wir werden es weiträumig umfliegen müssen. Das verlängert unsere Flugzeit um etwa zwei Stunden.« Hien lag weiterhin, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Teppich und gluckste gelegentlich zufrieden vor sich hin. »Ach Unsinn«, rief sie und wischte den Bildschirm mit einer unwirschen Bewegung einfach aus der Luft, ohne auch nur hinzusehen. »Wir fliegen einfach den direkten Weg.« »Hast du denn eine Freigabe für diesen Bereich bekommen?«, fragte Jane skeptisch. »Und wenn ja, müsste ich das nicht eigentlich wissen?« »Vielleicht. Weiß nicht, keine Ahnung. Ist auch egal. Ich ignoriere die Codes sowieso, wenn ich sie bekomme.« »Was soll das heißen, du ignorierst sie? Wie kommen wir denn an unsere Freigaben? Zum Beispiel um am heutigen Training teilnehmen zu dürfen?« »Sie finden sich meist in den Systemen der Schiffe, die uns nach dem Code fragen.« Jane schloss die Augen. »Du hackst deine eigenen Leute?«, fragte sie schwach. »Ist viel sportlicher, als einfach einen Code benutzen, den man offiziell bekommen hat.« Hien bemerkte den Blick der Gouvernante und hob entschuldigend die Hände. »Hey, ich bin ein Aufklärungsschiff, oder nicht? Ich habe getan, was von mir verlangt wurde, ich habe aufgeklärt.« »Ja, aber ich glaube die grundsätzliche Idee ist, dass du nicht deine eigenen Leute aufklärst!« »Das haben sie aber nicht spezifiziert. Mir wurde gesagt, ich solle alle Informationen sammeln und berichten. Das habe ich getan. Was ich also berichten könnte, ist, dass die Datenschutzqualität an Bord unserer eigenen Schiffe nicht sonderlich hoch ist.« »Stand das so in deinem Report?« »Natürlich nicht! Die Anweisung ist, alle Daten zu übermitteln, nicht ihnen meine Erkenntnisse mitzuteilen.« »Bist du sicher, dass du für uns arbeitest?« »Ich arbeite für mich, soviel ist sicher.« Jane setzte an, etwas zu sagen, doch mehrere Navigationsdisplays und taktische Bildschirme klappten vor ihr auf und alle Anzeigen wurden von Rot blinkenden Warnungen geflutet. »Wir können doch nicht einfach in militärisches Sperrgebiet eindringen!«, rief die Gouvernante. »Du wirst uns beide noch vor ein Kriegsgericht bringen.« »Halte ich für sehr unwahrscheinlich. Wozu bin ich das beste Aufklärungsschiff der Flotte?« »Ich glaube der Sinn ist nicht, dass du bei deinen eigenen Leuten einbrichst!« »Nicht? Das hätten sie mal in einem der Briefings erwähnen sollen.« »Die Armee geht wahrscheinlich davon aus, dass es dir ernst war, als du deine Treue gegenüber dem Rat der vereinten Planenten geschworen hast.« »Daran kann ich mich nicht erinnern.« Jane verstummte und beobachtete unfreiwillig fasziniert auf ihren Bildschirmen, wie Hien in wildem Zickzack zwischen den bewaffneten autonomen Wachsatelliten umherflog, die zu hunderten an der Grenze des Sperrgebietes den Übergang kontrollierten. Die Beschleunigungskräfte, welche auf das Schiff wirkten, waren absurd hoch. Kein menschlicher Pilot könnte angesichts dieser Fliehkräfte lange genug bei Bewusstsein bleiben, um das erste Ausweichen zu erleben. Und Hien beschleunigte immer noch. Die schnellen Scan-Strahlen der Wachstationen schwangen durch den Raum wie Suchscheinwerfer. Niemand konnte unter diesen Bedingungen in Realzeit einen Kurs durch ein solches Gebiet berechnen, nicht einmal mit der Unterstützung einer Schiffs-KI wie Jane. Es gelang ihr kaum, Hiens Manövern zu folgen, geschweige denn zu verstehen, woher diese wusste, wie sich die scheinbar zufällig ablaufenden Scans der Grenzposten verhalten würden. Die Augen der Gouvernante ruhten auf ihrer Pilotin, die nach wie vor leise vor sich hin kichernd vor ihr auf dem Boden lag. Es ist manchmal schrecklich frustrierend. Immerhin bin ich, technisch gesehen, die taktische Intelligenz des Raumschiffs und genau dafür geschaffen, meine Pilotin bei den Kursplanungen und komplizierten Steuermanövern zu unterstützen. Doch dann kam Hien Otis, und nun sitze ich in einem viktorianischen Tee-Salon und verbrauche volle dreißig Prozent meiner Prozessorzeit nur dafür, der verdammten Flugbahn des Schiffes überhaupt folgen zu können. Jane hatte nicht einmal einen passenden Vergleich dafür, was ihre Pilotin veranstaltete. Sie hatte mal in einem vergessenen Archiv ein Naturvideo von der alten Erde gefunden. Es handelte von Vögeln. Diese seltsamen Wesen, sie hatten Schwalben geheißen, hatten scheinbar die höchste Fluggeschwindigkeit aller lebenden Wesen erreicht und nutzten sie dazu, mit halsbrecherischen Manövern zwischen Bäumen und Häusern Insekten aus der Luft zu fangen. Sie flogen so schnell, dass man den Wendemanövern kaum mit den Augen folgen konnte. Dennoch strahlten die Tiere immer eine Aura müheloser Freude und Leichtigkeit aus. Daran fühlte sich Jane erinnert, als das Schiff zwischen den autonomen Wachposten des militärischen Sperrgebietes dahinschoss und immer wieder mühelos kleinen Asteroiden auswich, als wäre es auf der Jagd. Schwalben konnten angeblich auch im Flug schlafen, aber das konnte Jane nun doch nicht glauben. Andererseits hatten Hien gerade die Augen geschlossen und sah sehr entspannt aus, während sie am Boden liegend leise vor sich hin summte. Auf der Jagd, bei Nacht,...