E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical Gold
Heath Die Braut des anderen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-6934-5
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Historical Gold
ISBN: 978-3-7337-6934-5
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hochzeit auf dem Schloss! Als strahlend schöne Braut tritt Victoria dem Duke of Killingsworth entgegen. Die Zweifel in ihrem Herzen, ob dieser leichtfertige Mann, mit dem sie eine arrangierte Ehe eingeht, wirklich der Richtige für sie ist, muss sie nun vergessen! Doch mit dem Jawort ist Robert seltsam verändert: Statt oberflächlich ist er plötzlich ernsthaft und nachdenklich. Auch dass er sie in einer leidenschaftlichen Nacht nicht in die sinnlichen Geheimnisse der Ehe einweiht, verwundert Victoria sehr. Fast scheint ihr, sie hätte einen Fremden geheiratet - den sie erst erobern muss! Sie ahnt nicht, wie recht sie mit dieser Vermutung hat ...
Lorraine Heath wurde in England geboren, zog jedoch als Kind mit ihren Eltern in die USA. Geblieben ist ihr eine tiefe Zuneigung zu beiden Ländern. Die Charaktere in ihren erfolgreichen Romanen werden oft als besonders lebensnah bezeichnet, was die New-York-Times-Bestseller-Autorin auf ihre im Psychologiestudium erworbenen Kenntnisse zurückführt. Lorraine Heath lebt mit ihrem Mann in Texas. Noch mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Homepage: www.lorraineheath.com
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
London, 1852
Robert Hawthome betrachtete eingehend das Gesicht, das er seit acht langen Jahren nicht gesehen hatte.
Ein Gesicht, das er nun kaum noch erkannte. Zuletzt hatte er dort nichts weiter erblickt als das ungetrübte Antlitz eines sorgenfreien Lebens – Gesichtszüge, die keine Falten zeigten und weder Tiefe noch seinen Charakter erkennen ließen. Ein Gesicht, auf dem sich das Leben noch nicht hatte einschreiben können. Nun allerdings erzählte es eine Geschichte von unvorstellbarer Grausamkeit.
Die tiefen Falten um Mund und Augen zeugten von großem Leid – einem Leiden, das nicht unbedingt körperlicher Natur war, sondern eher von einem Aufruhr der Gefühle verursacht wurde, der ebenso tiefe Spuren hinterlassen konnte, wenn nicht gar noch tiefere. Die Zeichen leidvoller Heimsuchung waren so nun deutlich sichtbar für jeden, der es wagte, sich dem Anblick zu stellen. Ja, die körperliche und seelische Qual, die er erlitten hatte, war ganz offensichtlich ebenso wenig spurlos an ihm vorübergegangen wie der Lauf der Zeit.
Der schwarze Backenbart, dessen Haar einst so fein gewesen war wie der zarte Flaum auf dem Kopf eines Neugeborenen, wuchs nun dicht, wild und struppig. Die Haut war so bleich, dass sie ihm ein kränkliches Aussehen verlieh, aber was wollte er auch erwarten, wenn er seit Jahren nicht mehr in der Sonne gewesen war?
Diese ungesunde Blässe könnte ihm allerdings noch Probleme bereiten.
Doch je länger Robert das Gesicht vor sich betrachtete, desto mehr waren es die Augen, die ihn erschreckten. Nicht deren Farbe – ein Blau, das wie der tiefe Ton des Abendhimmels war, kurz bevor die Dämmerung in Nacht übergeht – nein, die Farbe war noch immer, wie er sie in Erinnerung hatte, aber die Augen boten nun einen abgründigen Blick in seine Seele.
In ihnen spiegelte sich der Leidensweg eines erschütternden Betruges. Auch das würde vielleicht ein gewisses Problem sein, denn nur selten gelang es einem Menschen, sein wahres Wesen zu verbergen, wie es in den Augen zum Ausdruck kam. Zumindest dann, wenn man ein ehrlicher Mensch war.
Robert wandte den Blick von seinem Spiegelbild ab und drehte sich zu dem Mann um, den er mit den seidenen Gürteln einiger Morgenmäntel, die er im Schrank gefunden hatte, ans Bett gefesselt hatte. Die Augen des Mannes waren von demselben strahlenden Blau wie die seinen, doch brannte in ihnen ein von tiefem Hass erfüllter Zorn. Robert fragte sich, warum ihm diese Gefühle nie zuvor aufgefallen waren.
Denn er hatte oft in diese Augen geblickt – während der ersten achtzehn Jahre seines Lebens. Und hätte er da nicht irgendwann einmal erkennen müssen, welch ein Ungeheuer sich in dem anderen verbarg?
„Warum, John?“, fragte er nun, und seine Stimme klang nach all den Jahren, in denen er von ihr kaum Gebrauch gemacht hatte, noch ein wenig heiser. „Warum hast du mich einsperren lassen? Was habe ich dir nur getan, um eine solch grausame Strafe zu verdienen?“
Das mit einem Monogramm bestickte Taschentuch, mit dem Robert John geknebelt hatte, ließ als Antwort nur ein wütendes, unverständliches Knurren zu, was es vielleicht ein wenig gemein machte, John überhaupt eine Frage zu stellen. Doch Robert wollte nicht riskieren, dass sein Bruder um Hilfe schrie und die Dienstboten aufweckte. Er zweifelte ohnehin daran, dass er von John eine ehrliche Antwort erhalten würde.
Aber diese Fragen hatten Robert während mehr als dreitausend Tagen keine Ruhe gelassen – Tage, in denen er in seiner Zelle auf und ab gegangen war, in seiner Hängematte gelegen und den Schreien der anderen Gefangenen gelauscht hatte, die bereits dem Wahnsinn verfallen waren, weil der allein ihnen noch Freiheit versprach.
Es war erschreckend, wie oft er selbst auch versucht gewesen war, dem Sirenenruf des Wahnsinns zu folgen. Doch dann war ihm die Flucht gelungen. Und nun war er hier – und sah sich einem Problem von Schuld und Vergeltung gegenüber, von dessen Existenz er nicht einmal geahnt hatte, bis es zu spät war. Zudem hatte er nur eine ziemlich ungenaue Vorstellung davon, wie er zurückbekommen könnte, was ihm genommen worden war.
Im Nachhinein musste er sich eingestehen, dass John schon immer ein ziemlicher Tunichtgut gewesen war, der sich über seine eigenen Scherze köstlich zu amüsieren wusste und dessen Verfehlungen ihm stets als harmlose Streiche nachgesehen wurden. Während seiner Jugend war es ihm so gelungen, sie alle hinters Licht zu führen. Robert fand es jedoch wenig tröstlich, John nicht als Einziger falsch eingeschätzt zu haben.
Er versuchte, eine gewisse Befriedigung aus den verzweifelten Versuchen seines Gefangenen zu ziehen, sich von den Fesseln zu befreien, die ihn an Händen und Füßen fest an die vier Pfosten des imposanten Bettes banden, in dem er einst geboren worden war. Doch alles, was Robert bei dem Anblick seines Bruders spürte, war eine tiefe Enttäuschung. Es war, als würde er in seine eigene Seele blicken und eine wüste, verkümmerte Ödnis vorfinden.
„Ich hatte immer geglaubt, wir wären mehr als nur Brüder. Ich dachte, wir seien Freunde. Wir haben unsere Geheimnisse miteinander geteilt. Ich hätte dir sogar mein Leben anvertraut. Mehr noch – ich würde jederzeit mein Leben für das deine …“ Robert atmete tief durch und biss die Zähne zusammen, dann wandte er sich ab, denn sein Schmerz drohte ihn zu überwältigen. Er hatte seinen Bruder geliebt – bemerkenswert war, dass er ihn noch immer auf eine seltsame Weise liebte, die sich nur mit ihrer Blutsbande erklären ließ –, und eben diese bedingungslose Liebe war der Grund, weshalb der Betrug ihm so sehr zu Herzen ging und ihn zutiefst verletzte.
Wenn er nicht einmal John vertrauen konnte, wem konnte er dann noch trauen?
Einen Moment lang empfand er Dankbarkeit dafür, dass seine Eltern nicht mehr lebten und nie erfahren würden, was geschehen war. Das Gefühl der Dankbarkeit war allerdings nur von kurzer Dauer, wie das Leben selbst, und Robert wünschte sich, dass er noch einmal zu den wundervollen Tagen seiner Jugend zurückkehren könne. Damals hatte seine einzige Sorge darin bestanden, den hohen Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden – was ihm auch mit erstaunlicher Regelmäßigkeit gelungen war.
Wenn er sich zu lange über seine gegenwärtigen Umstände Gedanken machte, würde er bald anfangen, sich haltlos zu fühlen und sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Es stand ganz außer Frage, dass er sich zurückholen musste, was ihm rechtens zustand – nicht allein aus persönlichen Gründen, sondern auch aus einer Verpflichtung seinen Vorfahren gegenüber. Er konnte sich nicht abwenden von dem, was sein Ehrgefühl und seine Herkunft von ihm verlangten. Es war nicht nur sein Recht, sondern auch seine Pflicht, alles wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Er schuldete es der Vergangenheit ebenso wie der Zukunft, seiner Bestimmung nachzukommen.
Erst als ihm alles genommen worden war, hatte er in sich jene ungeahnten Kräfte entdeckt, von denen er auch jetzt noch zehrte. Er konzentrierte sich daher auf das unmittelbar anstehende Problem, das es nun so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen galt.
„Hör endlich auf, so um dich zu schlagen, John. Du wirst dich dabei nur verletzen. Und aus eigener Erfahrung kann ich dir raten, deine gerechte Strafe besser nicht in geschwächtem Zustand anzutreten. Doch sei unbesorgt, denn ich werde in deinem Falle etwas mehr Gnade walten lassen, als du mir gegenüber gezeigt hast. Aber ich muss mich, meinen Besitz und meine Erben dennoch vor dir schützen.“
Bedauernd und ungläubig zugleich schüttelte Robert den Kopf. Auch nach all dieser Zeit konnte er noch immer nicht verstehen, wie es dazu hatte kommen können. „Es ist mir ein Rätsel, wie es dir gelungen ist, deinen Betrug in die Tat umzusetzen. Wie lange schon hattest du geplant, mich beiseitezuschaffen und meinen Platz einzunehmen? Die Vorbereitungen müssen sehr aufwendig gewesen sein, jedes kleinste Detail musste genau durchdacht werden. Fast bewundere ich deine Raffinesse.“
Langsam stellte Robert den Spiegel auf dem Nachttisch ab und lehnte ihn an einen Stapel Bücher, in denen sein Bruder vor dem Einschlafen wahrscheinlich gerne gelesen hatte. Beide Freuden – das Lesen von Büchern und ein friedvoller Schlaf – würden ihm schon bald auf lange Zeit versagt bleiben. Ebenso wie viele andere angenehme und vergnügliche
Dinge des Lebens.
Robert rückte den Spiegel so zurecht, dass er sein Abbild genau sehen konnte, während er in dem mit burgunderrotem Samt bezogenen Sessel Platz nahm, den er dicht neben das Bett gestellt hatte. Er fragte sich, wann genau wohl die moderne Gasbeleuchtung im Haus installiert worden war, und auf welche Veränderungen er sich noch würde gefasst machen müssen. Es war erschreckend festzustellen, dass das Leben weitergegangen war, als ob alles in bester Ordnung wäre. Und trotzdem hatte dieser Umstand auch etwas Beruhigendes.
Denn das bedeutete, dass dies jederzeit wieder geschehen könnte – das Leben würde weiter seinen Lauf nehmen, ohne dass jemand anders als die beiden Zwillingsbrüder auch nur ahnte, welch gewaltige Veränderung stattgefunden hatte.
Mit einer Schere, die er sich aus dem benachbarten Ankleidezimmer geholt hatte, schnitt er nun lange...




