E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Heckler Die beste Idee der Welt
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95614-661-9
Verlag: Kunstmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-95614-661-9
Verlag: Kunstmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernhard Heckler, geboren 1991 in München, hat in Regensburg, Istanbul, Wien und München Politikwissenschaft und Journalismus studiert. Er war Stipendiat der Bayerischen Akademie des Schreibens, der FAZIT-Stiftung und der Heimann-Stiftung. Sein erster Roman 'Das Liebesleben der Pinguine' erschien 2021 bei Tropen. Er ist Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und lebt in München.
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KAPITEL EINS
VON CROETZ
Dezember 2022
Noch neun Monate bis zum Anstich
Dafür, dass mich die Wahrheit überhaupt nicht interessiert, bin ich relativ gut darin, sie herauszufinden.
Kein Selbstlob ohne Beleg: Schowalter ist Anwalt für Baurecht und hat insgesamt zwanzig Jahre als fraktionsloser Referent in verschiedenen Stadtteilgremien gesessen, ohne je groß aufzufallen. Seine Berufung zum Münchner Wirtschaftsreferenten war eine große Überraschung. Niemand hat dem trotz aller logopädischen Anstrengungen immer noch manchmal stotternden, als gemütlich geltenden Schowalter dieses Amt zugetraut, vor allem wegen der öffentlichkeitswirksamen Komponente Wiesn-Chef. So einer unter Dauerdruck im Rampenlicht? Er war schon am Tag seiner Amtseinführung angezählt. Als er dann drei weitgehend reibungslose Oktoberfeste hinter sich gebracht hat, sind die kritischen Stimmen nach und nach verstummt. Das Stottern hat er in den Griff bekommen, seine öffentlichen Auftritte sind immer souveräner geworden. Auch beim Erscheinungsbild hat er nachgebessert. Feine Anzüge und edle Trachtenjanker, immer hochglanzpolierte Schuhe. Gern genommenes Fotomotiv: Er mit Zigarre, im Hintergrund die Bavaria. Näher kommt man in Bayern nicht an die Freiheitsstatue heran.
Der gemütliche Baurechtler ist Geschichte. Claudius Schowalter ist der Alleinherrscher über das größte Volksfest der Welt, der in der Innenstadt in einem Vierzig-Quadratmeter-Eckbüro mit Dachterrasse und Blick in die Alpen residiert, wo er ausgewählten Untertanen manchmal ein paar am Weber-Grill selbst zubereitete Rostbratwürste kredenzt. In der WhatsApp-Gruppe der Großen Wiesnwirte trägt er den Spitznamen »Cäsar«.
Habe ich alles an einem Tag herausgefunden. Gerne mal loben für diese Rechercheleistung. Es ist immer alles auch Handwerk.
Meine Aufgabe jetzt: Wie kann man so einen infiltrieren? Die Ambitionen des Mannes sind wie seine Einstecktücher. Riesig, rüschig, rosa wuchern sie aus dem Lodenjanker. Stichwort Menschenkenntnis. So einer will nicht für immer dem Lokalfernsehen Interviews im Wirtshaus geben oder für den Münchner Boulevard vor der Bavaria posieren. Den bauernschlauen Münchner Bieradel hat er in der Tasche. Als Nächstes sind die Bildungsbürger dran.
Einer wie Schowalter will die große Leinwand. Ein mehrteiliges Porträt in der reichweitenstärksten, deutschen Wochenzeitung. Alles an ihm fragt: Wie weit kann es schon sein, vom Wiesn-Cäsar zum Bundespräsidenten? Ich rufe ihn mit unterdrückter Nummer auf seinem privaten Handy an. (Seifert hat mir unter der Hand seine Nummer gesteckt.)
»Hallo Herr Schowalter, Xaver von Croetz hier von der Woche.«
Kurze Stille, dann Antwort Schowalter.
»Von der Woche? Aus Berlin?«
»Ja, aus Berlin.«
Schowalter atmet mehrmals geräuschvoll ein und aus.
»Woher haben Sie meine Nummer?«
Fast rutscht mir Seiferts Name raus, aber dann bin ich doch clever genug zu sagen: »Die Woche hat ein gut gepflegtes Telefonbuch mit den wichtigsten Entscheidern der Nation.«
Schowalters Schnaufen bekommt einen geschmeichelten Klang.
»Was verschafft mir die Ehre?«
»Ich würde Sie gern porträtieren. Groß und mehrteilig, zum Auftakt des nächsten Oktoberfests, sprich in einem knappen Jahr. Wir bei der Woche machen uns noch die Mühe der tiefgehenden Langzeitrecherche, deswegen frage ich bereits jetzt an. Ich würde Sie gern persönlich kennenlernen.«
Das Schnaufen am anderen Ende wird aufgeregter. Jetzt nachlegen.
»Als Chef des größten Volksfests der Welt sind Sie ein sehr spannender Mensch, für mich als Wirtschaftsreporter, aber auch für sehr viele Menschen in Deutschland, da bin ich mir sicher.«
Ich kann förmlich hören, wie Schowalter sich einen Löffel zwischen die Rippen bohrt, um bloß nicht sofort »jaaa« zu jubeln.
»Ich weiß nicht, ob ich für so was Zeit hab. Mein Terminkalender ist –«, er macht ein seltsames Geräusch, »puouuuh!«
»Also sehr voll?«, frage ich nach.
»Sie machen sich keinen Begriff!«, ruft Schowalter angeberisch. »Ich muss jetzt zur Sitzung, meine Pressefrau meldet sich bei Ihnen für mögliche Termine. Wiederhören!«
Einsicht nach zwei Wochen Warten: Die Pressefrau meldet sich nicht. Das wäre auch zu schön einfach gewesen. Hat er überhaupt eine? In der Tat. Eine Mail an Schowalters Büro ergibt: Seine Majestät leistet sich zusätzlich zu den Mitarbeitern, die er von der Stadt gestellt bekommt, eine privat bezahlte PR-Frau. Eine Maria Schober.
Das Bild auf ihrer Website zeigt eine Frau, die aussieht wie ein Klon der Schauspielerin Kim Cattrall in ihrer Rolle als Samantha Jones in der Serie Sex and the City. Sie ist allen Ernstes zusammen mit ihrem Hund abgebildet.
Weitere Recherchen im Umfeld des Kreisverwaltungsreferats ergeben: »Der Gerry« ist das Ein und Alles der – Zitat Schowalters Bürochef – Schattenfrau.
Der Gerry, ein hellbrauner Zwergpudel, bellt im Hintergrund, als Schober abhebt.
»miu miu pr Solutions, Schober am Apparat, ich habe seit zwanzig Minuten Feierabend«, beschwert sie sich zur Begrüßung.
»Von Croetz hier, Wirtschaftsreporter der Woche«, führe ich mein Alter Ego elegant nasal ein.
»Von der Woche?«, fragt Schober. Man hört gleich, dass sie listig ist. »Aus Berlin?«
»Ja, aus Berlin«, sage ich.
»Ein Herr von Was?«
»Von Croetz.«
»Vorname?«
»Xaver.«
»x a v e r v o n c r o e t z«, vertont Schober die Treffer ihrer Finger auf der Tastatur, als sie elend langsam den Namen in die Suchmaschine eintippt. »d i e w o c h e«.
Sehr lang ist es still. Dann kläfft ihr dummer Köter im Hintergrund durch die Gegend. Schober, fürsorglich: »Gerry, hast Hunger, gell? Ach, du armes Schatzi.« Sie legt den Hörer auf den Tisch und scheint den Fressnapf aufzufüllen. Ein Wahnsinn. Ein matschendes Geräusch, Gerry lässt es sich schmecken. Schober nimmt den Telefonhörer wieder in die Hand.
»Ich lese die Woche jede Woche, und zwar sehr gründlich«, sagt sie. »Besonders den Wirtschaftsteil. Einen Xaver von Croetz habe ich noch nie gelesen.«
Riecht den Braten in der Sekunde, in der ich ihn aus dem Ofen geholt habe. Gute Nase. Muss man ihr lassen. (Sicher zum Teil auch ihrem plastischen Chirurgen zu verdanken.)
»Ich bin frisch aus dem Kulturteil gewechselt«, lüge ich, in der Hoffnung, dass sie den nicht liest. Dann setze ich noch einen drauf: »Davor habe ich investigativ gearbeitet, unter Pseudonym.« Hanebüchen. Versendet sich glücklicherweise sofort. Schober geht nur auf die erste Lüge ein.
»Von der Kultur in die Wirtschaft, daran erkennt man die Charakterschwäche«, sagt sie. »Also, was wollen Sie? Ich habe seit zwanzig Minuten Feierabend.«
»Das hatten Sie erwähnt«, sage ich. »Und zwar habe ich mit Ihrem Chef gesprochen. Ich will ein großes Porträt über ihn schreiben. Und er hat mich gebeten, zusammen mit Ihnen auf Terminsuche zu gehen, für mögliche Treffen.«
»Zwei Dinge«, sagt Schober. »Erstens, man fängt keinen Satz mit und zwar an. Wir sind hier nicht im Bauerntheater. Zweitens, schreiben Sie mir eine E-Mail wie ein normaler Mensch, mit einer offiziellen Anfrage, und dann antworte ich. und zwar wenn ich Zeit habe. Schönes Wochenende.«
Mit diesen Worten beendet Maria Schober an einem Mittwoch um vierzehn Uhr dreißig das Gespräch und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, dass doch mehr Arbeit auf mich zukommen wird, als ich gedacht habe. Tja, von nichts kommt nichts. Oder, wie seht Ihr die Sache?
Während meiner Zeit in Berlin hatte ich eine Affäre mit einer Mitarbeiterin der IT-Abteilung bei der Woche. Eine Frau namens Theodora.
Wir hatten unglaublichen Sex, uns aber sonst nicht viel zu sagen. Vor allem hatten wir überhaupt keine Schnittmenge, was den Humor betraf. Daran scheitern vermutlich hundert Prozent aller Beziehungen. Immerhin hatten wir eine Schnittmenge, was diese Überzeugung betraf. Deswegen wurde es nie ernst zwischen uns. Weil es immer so ernst war.
Die Sache ist die. Meine Mailadresse bei der Woche gibt es noch. Sie liegt auf Eis, in irgendeinem Giftschrank der Sünder und Nestbeschmutzer. Theodora weiß, wo. Ich wiederum weiß von ihr, dass die Woche seit Jahren gegen sämtliche Datenschutzverordnungen verstößt und alle Daten aller Mitarbeiter für immer speichert. Nicht in böser Absicht, sondern aus Faulheit und Bequemlichkeit der IT-Abteilung, die sich nicht damit aufhalten muss, Daten zu löschen: Der Chefredakteur, der zusammen mit mir rausgeflogen ist, weil er mein gefälschtes Dietl-Gespräch zu verantworten hatte, hatte nämlich eine solche Menge an Serverplatz bewilligt, dass sie für ein ganzes Land reichen würde. Das war ein Skandal für sich, der eine Steigerung von fristlos zur Folge gehabt hätte, wenn es eine gäbe. Bevor wir uns jetzt aber im...




