E-Book, Deutsch, 329 Seiten
Hedlund Wenn du für mich bist
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96362-981-5
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 329 Seiten
ISBN: 978-3-96362-981-5
Verlag: Francke-Buch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jody Hedlund lebt mit ihrem Mann, den sie als ihren größten Fan bezeichnet, in Michigan. Ihre 5 Kinder werden zu Hause unterrichtet. Die Zeit, die ihr neben dieser Tätigkeit noch bleibt, widmet sie dem Schreiben.
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Kapitel 1
New York City
Juni 1857
Elise Neumann schaute durch die zersprungene Fensterscheibe im zweiten Stock auf die schlammige Straße hinab und beobachtete, wie sich die Omnibusse und Kutschen durch den Morast quälten. Fußgänger wichen den schmutzigen Pfützen aus und brachten sich eilig in Sicherheit. Ein einsamer Zeitungsjunge stand an der Straßenecke und versuchte, seine Zeitungen zu verkaufen. Seine Wangen und Hände waren von der Druckerschwärze ganz dunkel. Selbst zu dieser frühen Morgenstunde herrschte in der Stadt ein reges Treiben.
Noch gestern waren diese gefährlichen, schmutzigen Straßen ihr Zuhause gewesen.
Hinter sich hörte sie Mariannes leises Flüstern. „Wie lang bist du schon wach?“
Elise drehte sich um. „Noch nicht sehr lange.“ Das Gesicht ihrer Schwester glänzte immer noch davon, dass sie es gestern sauber geschrubbt hatte, nachdem sie in der Missionsstation in der Siebten Straße angekommen waren. Das Trauma aus den Tagen als obdachlose Waisen würde sich jedoch nicht so leicht wegwaschen lassen.
Sie kniff sich in die Wange, um sich davon zu überzeugen, dass sie nicht träumte, obwohl das Knurren ihres Magens deutlich verriet, dass sie hellwach war.
„Ich gehe heute arbeiten“, teilte sie Marianne leise mit und warf einen kurzen Blick auf die drei Kinder, die hinter ihr auf den Pritschen schliefen. Sie wollte sie noch nicht wecken. Sie hoffte, sie würden den ganzen Tag schlafen und sich erholen.
Marianne strich ihre gewellten braunen Haare zurück, die immer noch dringend gewaschen werden mussten. „Miss Pendleton hat gesagt, dass wir heute noch nicht zu arbeiten anfangen müssen und uns ein paar Tage ausruhen können.“
„Wir brauchen das Geld.“ Sie hatten keinen Cent. Sie besaßen nichts als einen kleinen Beutel mit Kleidung und anderen Habseligkeiten, die sie daran erinnerten, dass sie früher einmal Eltern und ein Zuhause gehabt hatten. Mit jedem Tag, der verging, wurde es schwerer, sich an die Zeit zu erinnern, als sie in Hamburg ein glückliches und behütetes Leben geführt hatten, eine Zeit, als Vater und Mutti noch lebten, Vater seine gut gehende Bäckerei betrieb und sie besaßen, was sie brauchten, und noch mehr.
Als ein leises Rascheln ertönte, erschauerte Marianne und legte die dünnen Arme über ihre Brust. Elise hatte gestern Nacht tief und fest geschlafen – das erste Mal, seit Mutti vor über sechs Wochen gestorben war – und deshalb die Ratten in den Wänden und die Kakerlaken an der Decke nicht gehört. Aber in der Stille des frühen Morgens war die Kakofonie aus dem Krabbeln und Rascheln viel zu laut zu hören.
Miss Pendleton, die Eigentümerin der neu eröffneten Missionsstation in der Siebten Straße, hatte ihnen erklärt, dass sie noch lange nicht fertig waren, das große Gebäude zu renovieren und zu reinigen, das früher eine Brauerei gewesen war. Als die Brauerei vor einigen Jahren schließen musste, hatten sich Banden und Vandalen in dem unbenutzten Gebäude breitgemacht und eine Spur der Verwüstung hinterlassen.
Einschusslöcher überzogen eine Wand, während sich über die andere ein großer Riss zog, der notdürftig gekittet worden war. Die Decke war mit schwarzem Ruß überzogen, ein Beweis dafür, dass jemand hier drinnen ein Kohlefeuer angezündet hatte, um die Kälte zu vertreiben. Der Boden war gefegt, aber er war trotzdem schmutzig.
Dieses Zimmer war natürlich besser, als auf der Straße zu leben, machte sich Elise bewusst. Viel besser.
Noch wichtiger war, dass Miss Pendleton ihr und Marianne einen der begehrten Arbeitsplätze in ihrer Näherei versprochen hatte. Elise hatte vor, sich gleich am Morgen auf dieses Versprechen zu berufen. Sie brauchte dringend eine Arbeit. Sie hatte Mutti auf dem Sterbebett versprochen, dass sie sich gut um ihre Geschwister kümmern würde, aber das hatte sie bis jetzt nicht geschafft.
Außerdem wollte sie Miss Pendletons Großzügigkeit nicht ausnutzen. Miss Pendleton hatte sie gestern schon mit mehreren Mahlzeiten versorgt. Sie hatte ihnen trockene Decken und Pritschen gegeben. Und sie hatte einen Arzt für den armen, kleinen Nicholas kommen lassen. Das Leben draußen bei Wind und Wetter und die Unterernährung hatten bei dem einjährigen Kind ihre Spuren hinterlassen. Abgesehen von Flüssigkeitsmangel hatte der Arzt jedoch zum Glück keine gesundheitlichen Probleme bei dem Jungen festgestellt. Nach einem Tag Ruhe und viel Flüssigkeit war schon wieder Farbe in seine Wangen zurückgekehrt.
„Bleib bei den Kindern.“ Elise kämmte ihre Haare mit den Fingern zurück und begann, sie zu flechten. In dem schwachen Licht, das durchs Fenster hereinfiel, wirkten ihre dichten blonden Haare grau. Das wunderte sie nicht. Der Staub von den Straßen klebte an jeder Faser ihres Körpers.
Marianne widersprach ihr nicht. Auch wenn sie nur ein Jahr jünger war, hatte sie sich der 19-jährigen Elise immer untergeordnet. Das machte Elise die Arbeit, ihre Geschwister zu versorgen, leichter. Sie hörten auf sie, ohne Fragen zu stellen. Aber die Last der Verantwortung konnte manchmal unerträglich sein, besonders, da sie sich anscheinend nicht so um sie kümmern konnte, wie sie es verdienten.
Elises Finger blieben in ihren Haaren hängen. Ihre Hände waren vom Regen ganz rau und rot und die Finger unbeweglich. Sie betete, dass sie ihre Finger dazu bewegen könnte, die feinen Stiche zu nähen, die von ihr verlangt werden würden.
Marianne schob ihre Hände weg. „Lass mich das machen.“
Elise überließ ihre Haare Mariannes kräftigen, aber trotzdem zarten Fingern. Im Nu hatte Marianne ihre Haare geflochten, zusammengerollt und an ihren Hinterkopf gesteckt. Elise drückte ihrer Schwester dankbar einen Kuss auf die Wange und schlich dann durch den Raum.
Ihr Blick schweifte über Sophie, die zwischen Nicholas und Olivia lag, und blieb an ihr haften. Sophie hatte ihre dürren Arme schützend über die Kinder gelegt. Zum ersten Mal seit Wochen war Sophies hübsches Gesicht glatt und ohne Sorgenfalten. Elise glaubte fast, die Grübchen auf ihren Wangen sehen zu können, die sich nur noch selten zeigten.
Im Schlaf sah Sophie so verwundbar aus, fast genauso hilflos wie Nicholas und Olivia. Sophie war zierlich und hatte sich noch nicht in eine Frau verwandelt. Sie könnte leicht für ein zehnjähriges Kind gehalten werden, obwohl sie schon fünfzehn war.
Elise seufzte. Vielleicht würde Sophie an diesem sicheren Ort mit regelmäßigen Mahlzeiten anfangen aufzublühen. Sie hoffte verzweifelt, dass heute der erste Tag einer besseren Zukunft für sie alle werden würde.
Sie stieg eine wackelige Treppe hinab, bis sie im Erdgeschoss ankam. Als sie von der Toilette in der Gasse hinter dem Haus zurück war, ging sie in die Richtung, aus der Stimmen und leises Lachen zu hören waren. Der Flur war schmal und wurde nur von dem Licht erhellt, das durch die offenen Türen der Räume vorne im Gebäude fiel. Es roch stark nach frischer Farbe sowie nach Essig und Lauge – ein deutliches Zeichen, dass Miss Pendleton schon schwer gearbeitet hatte, um das Erdgeschoss nutzbar zu machen.
Bevor Elise das Nähzimmer erreichte, blieb sie stehen und atmete tief ein, dann zwang sie sich einzutreten. Sie befand sich in einer Näherei, in der Frauen an langen Tischen saßen und Hemden nähten. Ihre Unterhaltungen verstummten und bald richteten sich aller Augen auf sie.
Keines der Gesichter war ihr bekannt. Viele der Frauen hielten eine Nadel, an der ein Faden hing. Andere hatten ihre Nadel in den Stoff gesteckt. Die Tische waren mit den zugeschnittenen Teilen von Männerhemden in verschiedenen Bearbeitungsstadien bedeckt. Obwohl Elise an ihrem letzten Arbeitsplatz Westen genäht hatte, war sie mit der Näharbeit gut genug vertraut, um die verschiedenen Aufgaben zu erkennen, die den Frauen zugeteilt waren. Einige hefteten, andere waren für die Appretur zuständig und wieder andere bestickten die Hemden.
Es kursierten Gerüchte von neuen Maschinen, die diese Arbeit anstelle des Nähens von Hand übernehmen könnten. Genauso wie alle anderen konnte sich Elise nicht vorstellen, wie ein Metallgerät so präzise und gründlich sein sollte wie ein Mensch.
Obwohl sie nie gedacht hätte, dass sie einmal als Näherin arbeiten würde, war das Nähen wenigstens eine Arbeit, die Frauen in New York City offenstand. Die meisten Betriebe hatten bereits genug Arbeiterinnen, aber Miss Pendleton hatte ihr eine Stelle garantiert. Darauf zählte sie. Sie war verzweifelt auf diese Arbeit angewiesen.
Sie schaute sich im Raum nach der zierlichen, dunkelhaarigen Frau in schwarzer Trauerkleidung um. Aber Miss Pendleton war nicht da.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine Frau mit einem Akzent, der verriet, dass sie aus England kam. Sie schob sich von einem der Tische weg und stand auf. Sie war groß und blass, was die dunklen Ringe unter ihren Augen noch deutlicher betonte. Ihre stumpfen braunen Haare waren in der Mitte streng gescheitelt und an den Seiten hochgesteckt. Ihr kariertes Kleid aus Seide und Taft, das früher wahrscheinlich modisch und elegant gewesen war, war jetzt ausgebleicht und abgenutzt.
„Ich suche Miss Pendleton“, sagte Elise. Sobald sie den Mund aufmachte, verwandelte sich die Neugier in einigen Gesichtern in Misstrauen und Ablehnung. Obwohl sie seit sieben Jahren in Amerika lebte, hatte Elise immer noch einen deutschen Akzent. Offensichtlich waren diese Frauen keine Deutschen, was bedeutete, dass sie wahrscheinlich Irinnen waren.
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