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E-Book

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

Heeger Mephistos Erben

Kriminalroman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401291-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 480 Seiten

ISBN: 978-3-10-401291-9
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tatort Mainz. Susanna van der Neer ist eine erfolgreiche Kunsthistorikerin, sie lebt in Mainz und arbeitet auf der ganzen Welt. Doch Erinnerungen und Schuldgefühle quälen sie. In einem Institut im Taunus glaubt sie, endlich Hilfe und Zuspruch zu finden, aber man spielt ein erbarmungsloses Spiel mit ihr. Und eines Tages wird sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Selbstmord, so scheint es. Wäre da nicht auf dem Anrufbeantworter diese Nachricht: Eine männliche Stimme flüstert die Zahl ?20?. Die Psychiaterin Lea Johannsen lässt der Fall nicht los. Die Ermittlungen führen sie und die Polizei zu einem eleganten Anwesen in Falkenstein. Was geschieht hier? Wer bestimmt die Regeln des Spiels? Lea begibt sich in ungeahnte Gefahr. Ist auch ihr Schicksal schon besiegelt? »Seine Macht ist die Angst. Wir haben alle Angst. Wir sind seine Opfer.«

Die Autorin, geboren 1958 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Mainz. »Mephistos Erben« ist ihr erster Roman.
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Erstes Kapitel


Sie setzte sich in den Sessel, nahm die weiße Tablette aus dem Taschentuch und schluckte sie hinunter. Das Bittere war kaum wahrnehmbar, und als sie danach einen Schluck Tee trank, schmeckte sie lediglich das Aroma des zarten Jasmins. Sie griff nach der nächsten Tablette, bis keine einzige mehr übrig war. Dann lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Vor sich sah sie Michelangelos »Jüngstes Gericht« in der Sixtinischen Kapelle. Körper, die sich krümmen, und Gesichter, die hoffen. Die einen stürzen in den Abgrund, die Glückseligen steigen in das Himmelreich auf. Ihre Atemzüge wurden tiefer, ihr Kopf fiel zur Seite. Von unten drang Straßenlärm gedämpft in die Wohnung. Das Leben draußen ging weiter.

Endlich Herbst! Der Geruch von feuchtem Laub und letzten Blüten stieg Lea Johannsen in die Nase, leichter Dunst kühlte angenehm ihr Gesicht. Wie jeden Morgen betrat sie den weitläufigen Park mit einem aufgeregten Hund an der Leine. Das Tier streckte prüfend die Nase in die Luft, schnupperte aber sofort am Boden weiter. »Lilly, Platz!« Artig setzte sich die Retriever-Hündin und wartete. Ihre Folgsamkeit wurde mit einem Leckerbissen belohnt, wobei es letztlich unklar blieb, ob ihr Verhalten auf Gehorsam oder auf Appetit zurückzuführen war. Kaum jedoch hatte Lilly das Öffnen des Verschlusses an ihrem Halsband registriert, sprang sie begeistert los, um auf der anderen Seite der Wiese einen Cockerspaniel zu begrüßen.

Der Park war beeindruckend. Wie in einem Aquarellkasten leuchteten die Früchte von Pfaffenhütchen, Feuerdorn und Eberesche um die Wette. Die Blätter der majestätischen Kastanien, Buchen und Ahornbäume waren an den Rändern bereits gelblich oder rötlich verfärbt, und einige von ihnen hatten die Rasenfläche mit bunten Farbtupfern verziert. Tau glitzerte auf den halbzerfallenen Beeren von Heckenkirsche, Felsenbirne und Hartriegel. In der Morgensonne, die milchig durch den feinen Nebel drang, wirkte der Park wie ein Gemälde William Turners.

Nach einer Weile pfiff Lea nach dem Hund, der sich immer weiter entfernt hatte. »Lilly!«

Das Tier drehte nicht einmal den Kopf, und so blieb Lea nichts anderes übrig, als hinterherzulaufen. Die Sprechstunde der Psychiaterin begann um 9 Uhr, und bis dahin musste Lilly wieder zu Hause im Korb liegen. Diese hatte ihre Aufmerksamkeit gerade einem jungen Pärchen zugewandt, das Arm in Arm durch den Park spazierte. Schwanzwedelnd und freudig bellend sprang der Hund auf die beiden zu, woraufhin die junge Frau sich ängstlich hinter dem Rücken ihres Begleiters versteckte.

»Der macht nichts«, rief Lea, obwohl sie sich geschworen hatte, diesen dämlichen Satz niemals auszusprechen; verspürte sie doch selbst beim Anblick fremder, bellender Hunde einen Anflug von Panik. »Lilly, hier!« Der Hund blickte zumindest in ihre Richtung und lief, als er das Rascheln der Plastiktüte mit Wurstresten hörte, erwartungsvoll auf sie zu. »Fein, Lilly, fein, jetzt müssen wir aber nach Hause gehen.« Sie klopfte auf das weiße Fell, in dem sich einige feuchte Blätter verfangen hatten, und befestigte die Leine wieder am Halsband.

Mit dem zufrieden kauenden Hund an der Seite erreichte sie wenig später ihr Haus, ein älteres, aber frisch gestrichenes Gebäude, das auf unkomplizierte Art einladend wirkte und eine riesige alte Trauerweide auf dem Grundstück beherbergte. Lea bevorzugte einfache und schnörkellose Dinge, von denen, wie sie fand, etwas Beruhigendes ausging.

Als sie die Tür aufschloss, hörte sie auf Sörens Schreibtisch das Telefon klingeln. Sie warf dem Hund die Leine über den Rücken und beeilte sich, im Arbeitszimmer ihres Mannes den Hörer abzunehmen.

»Johannsen«, meldete sie sich noch etwas außer Atem.

»Frau Doktor, guten Morgen, ich hätte da kurz eine Frage.«

Wie üblich, wenn die Arzthelferin Frau Witt anrief, ging es um den Wochenplan, weil Patienten dringend einen Termin benötigten oder Angehörige verschiedene Informationen »schnell« durchsprechen mussten. Den Ansagen »schnell« oder »kurz« misstraute Lea aus Erfahrung.

»Die Kriminalpolizei ist hier mit zwei Beamten. Es geht um Frau van der Neer. Sie hatte für letzten Freitag einen Termin bei Ihnen vereinbart, den sie nicht eingehalten hat.«

»Hört sich nicht gut an. Was ist passiert?«

»Frau van der Neer wurde am Sonntagabend von ihrem Bruder tot aufgefunden. Bei der Durchsicht ihres Kalenders entdeckte er die Eintragung des Termins.«

Die polizeiliche Befragung des behandelnden Psychiaters gehörte zur Routine, und die Frage nach Selbstmord oder Fremdeinwirkung war ein wichtiges Puzzleteil im Rahmen der Ermittlungen. Da bei depressiven Patienten die Selbstmordrate immens ist, gewöhnte man sich als behandelnder Arzt zwar nicht an die Selbstmörder, die einem das Gefühl des persönlichen Versagens gaben, aber man gewöhnte sich an die regelmäßigen Besuche der Polizeibeamten. Für Lea war der Umstand, dass Patienten sich das Leben nahmen, bevor sie die Chance bekam, ihnen zu helfen, immer mal wieder Anlass gewesen, an ihrer Wahl des Fachgebietes Neurologie und Psychiatrie zu zweifeln.

»Ich werde mich beeilen. Verschieben Sie bitte die nächsten Termine jeweils eine halbe Stunde nach hinten.«

Etwa eine halbe Stunde später versuchte Lea, ihren VW Passat in eine Parklücke in der Nähe der Augustinerstraße, inmitten der Altstadt von Mainz, zu zwängen. Gute Gegend für eine Praxis. Die alten Häuser, Fachwerk und Historismus in bunter Reihe, dazwischen eine Kirche. Die Parksituation war allerdings grauenvoll, und die Damen in den blauen Uniformen mit dem Kästchen in der Hand unerbittlich. Wehe, man übersah ein Schild mit dem Hinweis auf Anwohnerparken. – »Es ist fast billiger, sich eine Wohnung mit Anwohnerparkscheinberechtigung in der Nähe der Praxis zu mieten, als die beständige Flut von Strafzetteln zu bezahlen«, hatte Lea sich bei ihrem Ehemann Sören beschwert.

»Noch ein kleines Stückchen nach vorne und links einschlagen«, rief es plötzlich von schräg hinten. Vor dem italienischen Restaurant auf der anderen Straßenseite stand Giulio und trocknete sich gerade die Finger an einem großen Küchenhandtuch ab. Lea kurbelte das Seitenfenster herunter und winkte ihm zu.

»Du sagst aber rechtzeitig Stopp und nicht erst, wenn ich auf der anderen Karosserie sitze«, rief sie ihm zu, und er grinste.

»Einen neuen Wagen könntest du schon gebrauchen. Oder willst du den fahren, bis er unter dir zusammenbricht?« Er zeigte abschätzig auf Leas Auto, das bereits zwölf Dienstjahre auf dem Buckel hatte, und von dem sie sich genauso schlecht trennen konnte wie von vielem anderen, Menschen eingeschlossen.

Nachdem Giulio sie in die Parklücke gelotst hatte, griff sie ihre Tasche, in der sie immer tausend Kleinigkeiten mit sich herumtrug und ohne die sie sich heimatlos fühlte, und ging zu ihm hinüber. Giulio war überaus gutaussehend, 1,85 groß, gewelltes, dunkles Haar und ein klassisch römisches Gesicht, obwohl er ursprünglich aus einem kleinen Ort in der Nähe von Brindisi kam. Schon im Alter von drei Jahren war er mit seinem Vater nach Mainz gekommen. Abgesehen von seltenen Temperamentsausbrüchen wirkte er, als würde er den ganzen Tag »O sole mio« vor sich hinsummen. Nachdem er das väterliche Restaurant übernommen und modernisiert hatte, war es ein wahrer Publikumsmagnet geworden; man musste Wochen im Voraus reservieren. Im war nicht nur die Stimmung einzigartig, auch seine italienische Küche war etwas ganz Besonderes.

»Soll ich euch in der Mittagspause etwas bringen?«, fragte er Lea.

»Ich weiß nicht, ich frage die anderen. Wir melden uns rechtzeitig.« Lea wandte sich Richtung Augustinerstraße und winkte ihm mit einem Lächeln zu, »bis später«.

»Ciao, bella«, klang es melodisch hinter ihr her, als sie die wenigen Schritte zu dem Haus ging, in dessen zweitem Stock sich die Gemeinschaftspraxis mit ihrem Kollegen Ullrich Köller befand. Die Praxis war vor drei Jahren renoviert worden. Jedes Mal beim Betreten der hellen Räume, die mit Birkenholzmöbeln, Spiegeln, großen Pflanzen und Lichtleisten ausgestattet waren, freute sie sich an der behaglichen Atmosphäre.

»Wenn die Patienten schon mit düsteren Stimmungen hier sitzen, brauchen wir dringend ein Gegengewicht«, hatte sie zu Ullrich vor der Renovierung gesagt. Dies hatte eine junge Innenarchitektin mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Leas Lieblingsraum war der Wartebereich, der an der Decke einen großen dunkelblauen Kreis mit eingelassenen Halogenlämpchen aufwies. Unter dem »Sternenhimmel« war an diesem Morgen jeder Platz besetzt.

»Gute Güte«, murmelte Lea, obwohl ihr klar war, dass die Praxis in der dunklen Jahreszeit Hochkonjunktur hatte. Die depressiven Erkrankungen legten in ihrer Intensität noch einmal tüchtig zu, um dann kurz vor den Weihnachtsfeiertagen Rekordniveau zu erreichen. Zusätzlich zu den täglichen Einbestellungen gab es Notfalltermine für Patienten mit Beschwerden, die sofort diagnostisch abgeklärt oder behandelt werden mussten.

Frau Witt saß an der Anmeldung und diskutierte gerade mit einer Patientin am Telefon. »Frau Lippert«, formte sie mit ihren Lippen und hielt dabei die Muschel des Hörers zu. Lea schüttelte den Kopf und signalisierte, dass es heute keinen Termin gab. Sie hatte die Patientin erst gestern gesehen und ihr geraten, die Medikamente regelmäßig für vierzehn Tage einzunehmen. Eine Verbesserung ihrer Beschwerden konnte nicht von heute auf morgen erzielt werden, obwohl es nicht wenige Menschen gab, die dachten, ab der ersten grünen, gelben oder lilafarbenen Tablette müsse sich ihr ganzes Leben ändern.

»Also...


Heeger, Sophie
Die Autorin, geboren 1958 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Mainz. 'Mephistos Erben' ist ihr erster Roman.

Sophie HeegerDie Autorin, geboren 1958 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Mainz. 'Mephistos Erben' ist ihr erster Roman.



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