Heiberg | Der Apotheker (Historischer Roman) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 279 Seiten

Heiberg Der Apotheker (Historischer Roman)

Die Geschichte einer Zwangsheirat
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6803-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Geschichte einer Zwangsheirat

E-Book, Deutsch, 279 Seiten

ISBN: 978-80-268-6803-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Der Apotheker (Historischer Roman)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Hermann Heiberg hat mit seinem 'Apotheker Heinrich' 'einen vollen, reichen, befruchtenden Strom jungen Lebens in die Kanäle unserer Literatur geleitet' - nach dem Urteil Hermann Conradis, der bald darauf selbst feststellen mußte, daß Heiberg, ein guter Beobachter voll Welterfahrung und Menschenverachtung, trotz seiner aktuellen Tendenz und seinem gewaltsamen Realismus doch eher zur Gefolgschaft der Thackeray, Raabe, Otto Ludwig zu rechnen sei. Hermann Heiberg (1840-1910) war ein deutscher Schriftsteller. Heiberg schrieb Romane und Novellen, in denen seine vielfältigen Lebenserfahrungen verarbeitet sind. Personen und Milieus sind aus eigener Anschauung heraus realistisch gestaltet.Die deutschen Naturalisten betrachteten ihn als Vorbild. Theodor Fontane lobte Heimanns Apotheker Heinrich als 'deutschen Musterroman'.

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Kapitel 3


Der Tag nach Palmsonntag gestaltete sich für Dora fast ebenso feierlich wie der Festtag selbst. Die Frau Doktor hatte mit ihres Mannes Zustimmung ein allerliebstes kleines Kabinett einrichten lassen, das bisher als Schrankzimmer benutzt worden war. Dora hatte auf ihre Frage, was diese Umwandlung zu bedeuten habe, die Antwort erhalten, man wolle das Fremdengelaß auf dem Hausboden eingehen lassen. In der Tat aber war das Stübchen für sie bestimmt, und ihre Freude kannte keine Grenzen, als ihr dies am nächsten Morgen eröffnet wurde. Bis zum Mittag war sie beschäftigt, die hübsche Ausstattung des Zimmers zu vervollständigen.

»Du, Mama! Die Bilder, die oben stehen, hänge ich bei mir auf. Darf ich? Ob Papa mir wohl erlaubt, daß ich die Ampel, die in der Kammer liegt, herunternehme? Ich will mir ein Schlinggewächs hineinpflanzen! Efeu! Ach, das wird entzückend am Fenster aussehen.«

Dora fand für alle ihre Wünsche Entgegenkommen, und so reizend war schließlich das nach dem Garten liegende Gemach geworden, daß ihr der Gedanke kam, auch andere müßten es, um ihre Freude zu teilen, in Augenschein nehmen.

Sie setzte es durch, daß sie einigen Auserwählten eine Kaffeegesellschaft geben durfte; auch beschwatzte sie ihre Mutter so lange, ihr noch einen Vorhang vor das in der tiefen Mauereinlassung stehende Bett zu schenken, bis diese nachgab und so ein vollständiges Wohnzimmer hergestellt ward.

Doras Tagebuch, das sie schon seit Jahren führte, lautete über dieses Ereignis folgendermaßen:

»Noch einmal so hübsch ist mein Zimmer durch die französische Kattungardine geworden. Mama kriegte - es war gerade ein Rest - den Stoff gottlob billig; sie hatte sich freilich für einen andern entschieden, der mir gar nicht gefiel, und war nur schwer davon abzubringen. Erst mußte noch probiert werden, ob er waschecht sei. Dem Himmel sei Dank, er war waschecht! Die Elle kostete eigentlich eine Mark, Mama kriegt sie aber für sechzig Pfennig.

Wie gut ist doch Mama! Wie hat sie alles überlegt, und wie reizend ist mein kleines Heim geworden.« (Den Ausdruck »mein kleines Heim« fand Dora sehr graziös.) - »Ich habe mir auch fest vorgenommen, sie nicht mehr durch meine schreckliche Empfindlichkeit so oft zu betrüben. Oh, wenn ich mir die doch abgewöhnen könnte! Ich will am nächsten Sonntag in der Kirche recht innig beten, daß mir der liebe Gott darin beistehe. In meinem Zimmer fehlen nur noch die Bilder meiner Eltern. Auch von Herrn Heinrich möchte ich gern ein Daguerreotyp haben. Gestern bat ich ihn darum. ›Damit kann ich augenblicklich nicht dienen, aber Ihnen zuliebe will ich eins machen lassen.‹ Er war wieder sehr, sehr nett. Ich habe ihn überhaupt jetzt furchtbar gern.« - Das Wort furchtbar war unterstrichen.

Aber obgleich Dora am nächsten Sonntag den lieben Gott eindringlichst bat, sie in ihren guten Vorsätzen zu stärken, verfiel sie doch in ihren alten Fehler, und gerade die Kaffeegesellschaft gab Veranlassung dazu.

»Nein, nicht immer das Beste anziehen wollen! Schone deine Kleider!« erwiderte Frau Paulsen auf Doras Frage, ob sie ein neues Kleid anziehen dürfe, das sie ebenfalls zur Konfirmation erhalten hatte. Dora schmollte nicht nur über diese Weigerung, sondern ließ, als ihre nochmalige Bitte bestimmt und entschieden abgeschlagen wurde, sehr patzige Worte fallen. Mit verweinten Augen (das Waschen mit kaltem Wasser hatte nur wenig geholfen) empfing sie ihre Gäste. Auch die Frau Doktor befand sich in keiner sehr rosigen Laune. Die Gesellschaft war steif und langweilig, und aller Beifall, den die Gäste der Einrichtung des neuen Zimmers zollten, und namentlich die Komplimente, die ihre gute Mama erhielt, vermochten Doras Stimmung nicht zu verbessern.

Ja, das alles verschärfte nur die Vorwürfe, die sie sich machte, jene reuevollen Vorwürfe, die jedoch, wie meist, mit dem zurückbleibenden Trotz ein heftiges Turnier begannen. Aber wehe! Der Trotz war stärker, so sehr Dora auch kämpfte. Er äußerte sich nach dem Weggang der Gesellschaft durch mürrisches Wesen noch so nachhaltig, daß die Frau Doktor in die Worte ausbrach: »Du solltest dich schämen, Dora! Du verdienst unsere Güte und Liebe gar nicht!«

Das war zuviel! Dora warf sich aufs Sofa und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie weinte bitterlich. Die blonden Zöpfe schienen mitzutrauern; sie hingen gleichsam kraftlos herab, während sie sonst so lustig um die Schultern flogen. Die kleinen verräterischen Härchen an den Stirnseiten aber waren alle hervorgekrochen und kräuselten sich. So war es immer, wenn der Trotz bei Dora die Oberhand gewann. Sie konnte nun nicht um Verzeihung bitten; sie brachte die Worte nicht heraus, wenn's auch noch so heiß in ihrem Innern auf- und abwogte. Wie schwamm es in den blauen Augen, wie zerknirscht war sie, wie reuevoll pochte es in ihrem Herzen! Wie blaß waren die Wangen, unter denen sonst das Blut in so sanft rosiger Glut hervorschimmerte.

»Ach wäre ich tot!« schrieb Dora in ihr Tagebuch. »Was nützen alle guten Vorsätze. Ich bin schlecht, nicht wert, daß mich der Erdboden trägt!« Bei diesem Satze stockte sie mitten in ihrer schmerzlichen Erregung, denn sie vermied gern Sätze, die entlehnt schienen, und es war ihr zweifelhaft, ob dieser Original sei.

Am Schluß hieß es: »Ich möchte aus dem Hause, - bald, bald! Vielleicht draußen in der Welt, die mich hin- und herstoßen wird, lerne ich meine Leidenschaften bekämpfen.«

Und dieser Gedanke verließ Dora in der Folge auch nicht, trotz ihres hübschen Zimmers. Sie wollte nun einmal fort.

Es trieb sie ein Gemisch von Buße und Auflehnung gegen ihre Umgebung. Ihr tiefstes Inneres raunte ihr freilich zu, es sei nur das letztere, was sie treibe, aber sie ließ diese Erkenntnis nicht aufkommen. Sie wollte büßen!

Trotz solcher ernsten Betrachtungen, die des Mädchens Seele erfüllten, ließ sich die Zeit nicht abhalten, weiter zu wandern, und ehe sich's Dora versah, war der Sommer gekommen, und auch dieser neigte sich schon wieder seinem Ende zu. Etwas von den früheren Neigungen ihrer Kindheit trieb Dora eines Tages, eine Leiter anzusetzen, um den Glaskirschenbaum im Garten zu plündern. Es war in der Dämmerungsstunde an einem warmen Augusttage. Dora bemerkte nicht, daß jemand unter den Baum trat und, ganz verloren in ihre Schönheit, zuguckte. Ihr Papa war über Land gefahren, ihre Mama fortgegangen, um Besuche zu machen; sie war allein daheim.

»Entschuldigen Sie, mein Fräulein, ich sollte fragen - -«

»O Gott, bin ich erschrocken!« stieß Dora heraus, stieg verwirrt die Leiter herab, und legte, während sie den Rest der Kirschen rasch hinunterschluckte, tief aufatmend, die Hand aufs Herz.

Und doch war es nur August, der ebenso verlegen unten stand und sichtlich bestürzt war, daß er Dora so erschreckt hatte.

»Ich erhielt den Auftrag von Herrn Heinrich, zu fragen, ob die Herrschaften die Güte haben wollten, ihn morgen zum Abendessen zu beehren. Ich fand niemand in der Wohnung. Das Mädchen aber sagte mir, daß Sie, mein Fräulein, im Garten seien, deshalb erlaubte ich mir -«

Dora sah den Sprecher dieser wohlgesetzten Worte an. Merkwürdig, wie er sich seit dem letzten halben Jahre zu seinem Vorteil verändert hatte. Er trug jetzt hohe Vatermörder und ein flott geknotetes Halstuch; auch glänzten die Rockseiten gar nicht mehr so fettfleckig. Er war mit einer hellgrauen Joppe bekleidet, die hinten mit einem kurzen Gurt zugeknöpft war, so daß seine Figur vorteilhaft zur Geltung kam. Weite, ebenfalls hellgraue Beinkleider vervollständigten seinen Anzug, und an den Füßen trug er flotte Schuhe mit Doppelschleifen. Er sah wirklich »sehr famos« aus.

»Ich bitte Herrn Heinrich für die freundliche Einladung zu danken; wir haben, soviel ich weiß, morgen nichts vor. Jedenfalls werde ich Bescheid schicken, sobald Mama zurück ist.«

Eigentlich war damit Augusts Auftrag erledigt, aber er blieb noch, und weil er nichts Besseres zu sagen wußte, fragte er:

»Sind die Glaskirschen schon gut? Sie werden so spät reif.«

Dora nickte. »Wollen Sie ein paar?«

»O, ich danke!«

»Warten Sie, ich will einige pflücken.«

»Ach bitte, nein, das wäre zu viel verlangt.«

Schon wollte Dora die Leiter emporsteigen, aber sie hielt plötzlich unter dem Einfluß näheren Nachdenkens inne und sagte: »Bitte! Pflücken Sie lieber selbst, ich will die Schürze aufhalten. -«

Nun stieg August wie ein Eichhörnchen in den Kirschbaum, faßte nicht ohne Gefahr die in ihrer Fülle sich neigenden Zweige (wo dem Obste am schwersten beizukommen, ist's ja immer am schönsten) und riß ganze Büschel ab. Einige waren noch unreif.

»Schad't nichts« - beruhigte ihn Dora, sich bückend, hob die Schätze auf und schaute dann wieder Augusts Beginnen zu. Bisweilen machte sie seine Bewegungen unwillkürlich mit, so eifrig war sie bei der Sache; mitunter half sie auch durch ein lautes Wort:

»Können Sie nicht den Zweig fassen, den da links?«

August wandte sich fragend um, obgleich solche Bewegung nicht ohne Schwierigkeit war.

»Meinen Sie diesen?«

»Nein, nein, weiter oben - noch ein wenig - Ja, den da! - So ist's recht.«

Um Doras verschiedenen Wünschen nachzukommen, mußte August die halsbrecherischsten Schwenkungen ausführen. Den linken Arm um einen Ast geschlungen, reckte er sich weit vornüber. Immer guckte Dora zu. Sie freute sich, daß der Baum einmal gründlich geplündert ward. Jedes Jahr fielen die besten Kirschen den Spatzen als Beute zu.

Ob aber August bei einer Bewegung, die er nun...



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