E-Book, Deutsch, Band 1
Reihe: Henry Kilmer-Reihe
Heiden Sünderblut
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98637-815-8
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1
Reihe: Henry Kilmer-Reihe
ISBN: 978-3-98637-815-8
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Und er kennt all deine Sünden …
Henry Kilmer ermittelt in einem düsteren Serienmordfall
Eine brutal zugerichtete Leiche taucht im Fluss auf: Die Kehle wurde durchgeschnitten und ein seltsames Zeichen befindet sich auf der Haut. Während Kommissarin Linda Liedke von einer Treibgutverletzung ausgeht, ist ihr neuer Kollege Henry Kilmer sicher, dass das Zeichen eine Bedeutung haben muss und ein Serienkiller die Stadt heimsucht. Als eine weitere Leiche auftaucht, scheint sich sein Verdacht zu bestätigen, und den Ermittlern rennt die Zeit davon. Denn Kilmer ist nicht nur dem Mörder auf der Spur, sondern auch den Geistern seiner eigenen Vergangenheit …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Sünderblut.
Jeder Band der Henry Kilmer-Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.
Erste Leser:innenstimmen
„Durchgehend fesselnd und den Atem raubend – wow!“
„großartiger Spannungsaufbau, der mich von Beginn an mitreißen konnte.“
„Dieser Kriminalroman wird mir noch lange im Kopf bleiben …“
„Nimmt kein Blatt vor den Mund und kann mit überraschenden Wendungen punkten.“
„hochspannender, vielschichtiger und düsterer Thriller“
Christoph Heiden ist Autor von Belletristik und Theaterstücken. Er schreibt die erfolgreiche Reihe um Kommissar Henry Kilmer und stand auf der Shortlist für den Glauser Preis, der wichtigsten Auszeichnung für deutschsprachige Kriminalliteratur. Auf seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Artikel über klassische Spannungsromane. Darüber hinaus produziert er mit seinem Freund den Podcast Kaffee, Kekse & Midnight Movies. Hier unterhalten sich zwei Filmenthusiasten über Thriller und Horrorfilme, während sie Kekse und heißen Kaffee genießen. Christoph Heiden lebt in Berlin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Montag
1
Er passierte unter einer Brücke hindurch die A4 und lief weiter nach Süden. Smog bläute die Luft, und er versuchte möglichst flach zu atmen. Ob er seine Lunge tatsächlich schonte, wusste er nicht. Henry Kilmer war kein Arzt. Henry Kilmer war Polizist.
Sobald das Rauschen des Verkehrs abebbte, drosselte er das Tempo. Er durchquerte ein Gewerbegebiet, rechts ein Autohaus, darauf ein Baumarkt mit Außenlager. Das Funkeln der Großstadt lag nun hinter ihm, und seine Miene begann sich zu entspannen. Zehn Minuten später erreichte er Zöllnitz, eine Gemeinde am Rande Jenas.
Er lief an Fachwerkhäusern und Einfahrten vorbei, umrundete den Dorfplatz, die Kirche und die schwarze Kaisereiche. Über eine Brücke, unter der ein Bächlein floss, verließ er den Ort. Aus Asphalt wurde Sand, aus Fachwerk ein Wirrwarr knorriger Apfelbäume. Ringsum auf den Weiden ein Nebel, der an gärende Milch erinnerte. Ende September waren die Temperaturen rapide gesunken, nachts bis unter fünf Grad. Henry spürte den Anflug eines Kälteschauers und steigerte das Tempo, bis er in Sichtweite eines Waldes kam.
Unter Tannen und Fichten führte ein Pfad auf eine Höhe von dreihundert Metern. Er schaltete seine Stirnlampe ein und tauchte in die Dunkelheit. Bäume, vom letzten Sturm entwurzelt, versperrten ihm den Weg; mal duckte er sich unter den Stämmen hindurch, mal kletterte er über sie hinweg. Krallenartige Wurzeln griffen nach seinen Schuhen, unsichtbare Löcher stellten ihm Fallen.
Henry war noch nicht am Gipfel angelangt, da befiel ihn die Erinnerung an einen ehemaligen Mitschüler. Patrick mit der flinken Faust und der gemeinen Lache. Patrick, der Schrecken seiner Kindheit. Trotz der Anstrengung glaubte Henry, die Narbe hinter seinem rechten Ohr zu spüren. Zigarettenausdrücken – darin hatte Patrick Kramer großes Talent bewiesen. Ein Zustand zwischen Frust und Scham erfasste Henry, aber er lieferte sich diesen Gefühlen nicht aus. Er hatte gelernt, das böse Blut mit einem Paar Laufschuhen und einer unwegsamen Strecke zu bändigen. Auf den letzten Metern beschleunigte er und hielt erst am Ziel ein.
Unter den mächtigen Bäumen wirkte das aus zwei Stämmen geschlagene Gipfelkreuz geradezu kümmerlich. Gleich einem Boxer begann Henry vor dem Kreuz zu tänzeln, schlug dabei wilde Haken in die Luft, als hätte er noch Kraft für zehn solcher Gipfel. Als wäre Patrick nicht der Schrecken seiner Kindheit, sondern ein Niemand aus der letzten Reihe. Je stärker seine Muskeln brannten, desto mehr beruhigte sich das Glühen hinter seinem Ohr. Aus dem schrecklichen Patrick wurde der Junge, dessen Leben Henry auf dem Gewissen hatte. Der Frust verging, doch die Scham blieb. Schließlich stakste er auf der Nordseite abwärts, passierte zwei Ortschaften und rannte unter der A4 hindurch nach Lobeda-Ost.
2
Punkt 6:30 Uhr trat Henry aus dem Fahrstuhl in das getäfelte Foyer. Sein Apartment befand sich in einem ehemaligen Hotel, das sich von den umliegenden Plattenbauten kaum unterschied. Mitte der Neunziger waren die Betreiber Bankrott gegangen, woraufhin eine Gesellschaft das Anwesen erworben hatte. Binnen kurzer Zeit waren sämtliche Gästezimmer zu kleinen Wohnungen umgestaltet worden. Heute verrieten allenfalls die Täfelung im Foyer und der alte Tresen die einstige Nutzung.
Als sich vor Henry die automatische Eingangstür öffnete, erhaschte er einen Blick auf sein Spiegelbild. Das Haar fiel in den Seitenscheitel, die buschigen Brauen stachen hervor. Das braune Jackett über der schwarzen Jeans machte ihn in der Scheibe fast unsichtbar. Henry war kein Mensch, der durch seine Kleidung im Gedächtnis anderer zu bleiben hoffte.
Er trat aus dem Wohnblock, schob seine Umhängetasche auf den Rücken und winkte zur Straße hinunter. Linda Liedke, seine Kollegin, stand mit ihrem Passat in der zweiten Reihe. Grauer Qualm waberte aus dem Fenster auf der Fahrerseite. Während Henry einstieg, drückte Linda ihre Zigarette im Aschenbecher aus und wedelte gleichzeitig die Luft nach draußen.
»Entschuldige«, begrüßte sie ihn.
»Das stört mich nicht«, entgegnete er.
»Unhöflich ist es trotzdem.«
Henry zuckte die Achseln, platzierte seine Umhängetasche im Fußraum und rutschte auf die Beifahrerseite. Linda hatte ihr Handy mit dem Radio verknüpft, und aus den Boxen raunte Chris Reas Stimme. . In jeder Hinsicht das Kontrastprogramm zu dieser Gegend, dieser frühen Stunde: Sommerwinde, Strand und heiße Nächte statt Plattenbau und Frühnebel.
»Gut geschlafen?«, fragte Linda.
»Sechseinhalb Stunden.«
»Ist das gut?«
»Fast wie Wochenende.« Mit einem Grinsen schnallte sich Henry an.
Nachdem Linda das Fenster geschlossen hatte, startete sie den Wagen und fuhr in Richtung Zentrum. Sie bat ihn, er solle sich ihren Rucksack schnappen. Sie habe ein Geschenk für ihn. Henry holte den Rucksack von der Rückbank, stellte ihn auf seinen Schoß und zog ein vergilbtes Taschenbuch heraus.
»Meinst du das?«
»Nein, ich mein das Schminkzeug.«
Linda ließ das Lachen einer Krähe hören, wobei ihr das blondierte Haar über die Lederjacke hüpfte. Mit ihren 52 Jahren hätte sie Henrys Mutter sein können, und er dank seines Humors – wie sie einmal spöttisch bemerkt hatte – ihr Großvater. Im Gegensatz zu ihrem Opa, der längst unter der Erde weilte, schien Henry allerdings lernfähig.
Lindas Lachen kippte in ein heftiges Husten, und sie hielt sich die Armbeuge vor den Mund. »Hab ich aufm Trödel erstanden«, sagte sie heiser.
»Und erlöse uns von dem Bösen«, las Henry vor. »Die Geschichte des Yorkshire Rippers.«
»Klingt nach Schund«, kommentierte Linda.
»Und da musstest du an mich denken?«
»Keine Sorge, wir haben alle unsere Laster.«
Henry bedankte sich und verlor kein Wort darüber, dass er den Bericht längst gelesen hatte. Offenbar sah Linda in seiner Vorliebe für True Crime Stories ein Laster, womit sie womöglich nicht ganz falsch lag. Neben diesem Buch reihten sich in seinem Bücherregal hunderte ähnlicher Titel: über die Tate-Morde. , und viele mehr. Er ließ die Seiten unter dem Daumen hinweggleiten, überflog die Fotos von Opfern und Tatorten, das Grauen in kühlem Schwarzweiß.
»Bekommst du von dem Zeug keine Albträume?«
»Nein, im Gegenteil.«
»Das klingt nach ’nem perversen Geheimnis.«
»Ich sammle solche Bücher seit meiner Kindheit«, erklärte Henry. »Damals hab ich geglaubt, sie würden mich vor diesen Menschen schützen.«
»Du meinst vor Serienmördern?«
»Ja, im Grunde schon.«
»Verstehe. Das war quasi die Geburt des Kriminalisten.«
»Eigentlich war es der Versuch, weniger ängstlich zu sein.«
»Die Wahrscheinlichkeit, dass du einem Serienmörder begegnest, ist fast null. Das weißt du, oder?«
»Klar« stimmte Henry zu. »Das mit den Büchern ist heute reine Nostalgie.«
Er rang sich ein Grinsen ab und schob das Geschenk in seine Umhängetasche.
Als Linda die gewohnte Route zum Präsidium verließ und stattdessen in die Einfahrt zum Uniklinikum schwenkte, fragte Henry, was denn anliege.
»Gefährliche Körperverletzung«, antwortete Linda.
»Ist das Opfer ansprechbar?«
»Laut meinen Informationen schon.«
»Gibt es Zeugen?«
»Dreimal darfst du raten.«
Linda informierte ihn, wie der Geschädigte hieß und wo der Übergriff stattgefunden haben sollte. Henry rieb sich erwartungsvoll die Hände. »Soll ich ihn befragen?«
»Ich bitte darum.«
3
Obwohl Henry in der Nähe wohnte, war er zum ersten Mal auf dem Klinikgelände. Turmkräne, Zäune und Bauwagen drängten sich an die bereits existierenden Gebäude. Frauen und Männer mit Helmen und Warnwesten liefen von A nach B, lenkten schwere Transporter oder winkten Autos durch die Absperrungen. Der Neu- und Umbau des Uniklinikums war das Mammutprojekt Thüringens.
Linda begab sich in die Cafeteria, während Henry eines der oberen Stockwerke ansteuerte. So wie ihn schon die Baustelle verblüfft hatte, beeindruckten ihn nun die lichtdurchfluteten Flure. Die Glastüren und Panoramafenster schufen eine Atmosphäre der Transparenz, die jeden Gedanken an schummerige Krankenhäuser vertrieb.
Mit dem gläsernen Fahrstuhl fuhr er in die dritte Etage. Station 230, Unfallchirurgie. Dort zückte er seinen Ausweis und ließ sich von einer Pflegekraft zum Krankenzimmer führen. Unterwegs informierte die Frau ihn über die Verletzungen von Herrn Rode: gebrochenes Jochbein, Bruch des äußeren Nasenknochens, Fraktur des Unterkiefers, Prellung der Rippen. Leichte Gehirnerschütterung, die eine Ohnmacht verursacht hatte. Gedächtnislücken waren nicht auszuschließen. Henry wartete vor dem Zimmer, bis die Pflegekraft sich verabschiedete.
»Guten Morgen, Herr Rode.«
Eine kraftlose Stimme grüßte zurück, woraufhin Henry sich mit Namen und Dienststelle vorstellte. In Nasenhöhe umhüllte ein Verband das Gesicht des Opfers. Eine Tamponade zwang den Siebenundzwanzigjährigen zur Mundatmung. Zweifellos würde sich Henrys Alter, das nur fünf Jahre über dem des Opfers lag, bei dieser Befragung kaum positiv auswirken. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war Sebastian Rode von gleichaltrigen Männern in die Mangel genommen worden.
Laut eigener Aussage hatte er am Samstag um 23:00 Uhr den Rosenkeller besucht. Der , meist genannt, war ein bei Studenten beliebter Klub. Der gebürtige Jenenser studierte an der hiesigen Universität Erziehungswissenschaften. Er berichtete, gegen 4:30 Uhr den Klub...




