Heidenreich Katzenmusik und Katerstimmung
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08958-0
Verlag: Verlagsgruppe Random House
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tierisch-musikalische Geschichten
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-641-08958-0
Verlag: Verlagsgruppe Random House
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Was der Teufel für die Geige, das scheint die Hauskatze für das Klavier zu sein«, schreibt Bruno Aulich in »Mondscheinsonate und Katzenfuge«. Elke Heidenreich weiß, wovon er spricht: Ihr Kater Nero lief mit Vorliebe nachts über die Tasten und weckte alle mit modernster Musik. Auch in Frühlingsnächten ertönt Katzenmusik, wenn es bei den Katern um die Liebe und die Revierverteidigung geht. Kurzum: das Feld der Katzenmusik ist ein weites. Die Autoren schreiben über schräge Musikerlebnisse, asiatische Musik, über eine verkaterte Barpianistin oder über das Katzenduett bei Donizetti … Eine Sammlung kecker, lustiger, ausgefallener und tieftrauriger Texte von: Annette Humpe, Akif Pirinçci, Herbert Rosendorfer, Jan Weiler, Wladimir Kaminer, Enoch zu Guttenberg, Bernd Schroeder, Alexa Hennig von Lange, Wolfgang Joop, Lea Singer, Keto von Waberer, Ingrid Noll, Hans Neuenfels, Frank Goosen u.v.a.
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JULIA ANDREAE
Martha hört Wagner
Der Knabe bekam den unglückseligen Namen Tristan und gab, trotz hoher Erwartungen seiner Eltern, bei der Geburt keinen Ton von sich. Der Vater des Tristan war Opernintendant, die Mutter Sängerin – Sopran und mit sehr schwachen Nerven.
Die Mutter hielt den schmächtigen Säugling im Arm und seufzte. Das Kind machte keine Anstalten, einen Laut von sich zu geben. Er muss noch üben, scherzte der Vater. Horst Nauter scherzte gern. Seine Gattin Irmhild, die sich Irma Nauter nannte, hatte eine Abneigung gegen Scherze. Ihre Vorliebe galt dem Seufzen, da dieses meist sofort Zuwendung brachte.
Im Alter von acht Tagen kam Tristan nach Hause. Aufgrund ihrer schwachen Nerven konnte die Mutter den Knaben nicht stillen. Irmhild zog es zurück auf die Bühne, und die Versorgung Tristans wurde in die breiten Hände von Agnes gelegt. Agnes hatte den Beruf der Perle gewählt und diente als solche seit 20 Jahren im Hause Nauter.
Der Säugling gab inzwischen Geräusche von sich: eine Art Quietschen, das unweigerlich die Katze des Hauses auf den Plan rief. In einem unbeobachteten Moment schlich sich Katze Martha an die Wiege, in der Tristan unkoordiniert zappelte. Martha betrachtete den Knaben und miaute. Die winzigen Finger des Säuglings griffen in das weiche Fell Marthas. Tristan gluckste wohlig. Das Band einer unzertrennlichen Freundschaft war geknüpft.
Das ungewöhnlich stille Kind bekam nur ein einziges Mal einen Tobsuchtsanfall, als die Mutter versuchte, Katze und Kind zu trennen, um Allergien vorzubeugen. Tristan reagierte auf diesen Eingriff in sein Privatleben so heftig, dass die Mutter seufzend nachgeben musste. Irmhild war die Katze oder »das Tier«, wie sie es nannte, von Anbeginn ein Dorn im Auge. Dem Tier wurde zu viel Aufmerksamkeit zuteil, »einfach lächerlich viel«, befand Irmhild. Der Versuch, durch eine vorgetäuschte Allergie die Katze zu vertreiben, prallte an Horst Nauter ab wie ein Tennisball.
Das Baby wuchs zu einem schmalen Knaben mit dunklen Locken und großen melancholischen Augen heran. Zu behaupten, er hätte das Sprechen erlernt, wäre ein Euphemismus. Sein erstes Wort war »Nein«, das zweite »Ja«, und bei diesem kärglichen, wenn auch zweckmäßigen Wortschatz blieb es. Man beschloss, dass Tristan nun alt genug für den Klavierunterricht sei. Ein Lehrer wurde bestellt, und die Eltern hatten keinen Zweifel, dass ihr Sohn binnen kürzester Zeit mit seinem Können die Musikwelt begeistern würde. Das Kind jedoch stürzte einen Tag vor Unterrichtsbeginn die Treppen hinab und brach sich den Arm. Man verschob die Pianistenkarriere.
Horst Nauter nahm seinen Sohn bereits früh mit zu den Opernproben. Tristan saß auf einem dicken Kissen und wiegte den Kopf hin und her. Offensichtlich musste man in der Oper mit dem Kopf wackeln, dies war Tristans erste Erkenntnis. Häufig nahm er heimlich Martha mit. Sie schien Musik zu mögen, denn sie verharrte oft Stunden auf Tristans Schoß, ohne sich zu rühren. Bald stellte sich heraus, dass Martha eine Schwäche für Wagner-Ouvertüren hatte. So manche weibliche Arie hingegen ließ sie offensichtlich kalt. Sie hat eben Geschmack, befand Nauter, der sich allerdings mehr zu Mozart hingezogen fühlte.
Mit den Jahren begann der Vater sich, sofern es seine Zeit zuließ, um den stillen Knaben zu sorgen. Die Mutter sorgte sich nicht. Sie seufzte nur und schritt wieder auf die Bühne, die Bretter ihres Lebens. Der Musikunterricht war bis auf Weiteres verschoben. Tristan hatte sich inzwischen zweimal den rechten, einmal den linken Arm, ein Bein und einmal die Schulter gebrochen. Daher musste der Knabe wiederholt in verschiedenen Gipskostümen das Bett hüten. Martha leistete ihm zu seinen Füßen schnurrend Gesellschaft.
Man war ratlos. Ärzte wurden konsultiert. Die Vermutung des Hausarztes: »Vielleicht ist er einfach nicht musikalisch«, führte zum sofortigen Bruch mit dem Mann. Man beschloss, das Kind sei ein musikalischer Spätzünder, und hielt an diesem dünnen Strohhalm der Hoffnung fest.
Irmhild Nauter sah ein weiteres Mal die Chance, Martha loszuwerden. Sie war sich sicher, dass Tristan an einer chronischen Halsentzündung litt, die darauf zurückzuführen sei, dass der Knabe stets bei offenem Fenster schlief. Dies wiederum beruhte auf der Katze Angewohnheit, nachts am Fenster zu sitzen, wobei sich ihr Kopf außerhalb des Hauses befand und das Hinterteil innerhalb. »Das Vieh weiß nicht, was es will«, schimpfte die Mutter. »Sie weiß sogar sehr gut, was sie will«, entgegnete Nauter, »sie will drinnen UND draußen sitzen.« Irmhild seufzte und fand, das sei purer Unsinn, und man mache einen idiotischen Zirkus um das Tier. Doch Martha blieb und wachte über das empfindsame Kind.
Tristan sprach wenig, oft ein Nein, manchmal ein Ja, und erledigte alle Pflichten gewissenhaft. Es wurde viel auf den Knaben eingeredet. Einzig Martha war ihm eine friedvolle Freundin, sie miaute nicht einmal. Tristan konnte der Katze stundenlang zusehen, wenn sie ihr schwarzes Fell auf Hochglanz putzte oder einer Fliege hinterhersprang.
Tristan war gerade neunzehn geworden, hatte sich die linke Hand gebrochen und arbeitete in der Verwaltung der Oper. Man befand sich in den letzten Proben zur Zauberflöte. Horst Nauter saß neben dem Regiepult und überlegte, ob Irmhild wirklich die richtige Besetzung für die Pamina sei. Auch wunderte er sich über das knarzende Geräusch, das er plötzlich vernahm. Er konnte es keinem Instrument zuordnen. Es kam vielmehr von dem gigantischen Lüster, der sich auf dem Weg nach unten befand. Jede Hilfe kam zu spät. Der Lüster wurde zum funkelnden Grab für Horst Nauter. Seine Gattin im bunt leuchtenden Gewand der Pamina brach bewusstlos auf der Bühne zusammen. Der herbeieilende Theaterarzt musste jedoch feststellen, dass sie nicht bewusstlos, sondern tot war.
Zwei Dinge mussten nun dem armen Knaben beigebracht werden: Er war Vollwaise und ab sofort stellvertretender Intendant der Oper. Tristan sagte zu alldem nichts. Kein Wort konnte man ihm abringen. Nur zu Martha sprach er. Überlegungen über den Geisteszustand des jungen Mannes wurden angestellt. Vielleicht sei er schwachsinnig, meinte ein Regisseur. Der Chefmaskenbildner hingegen wusste mit Sicherheit zu sagen, dass Tristan stumm sei. Da lag er jedoch falsch, denn in Wahrheit war Tristan fast vollständig taub. Er hörte nahezu nichts und hatte nie etwas anderes vernommen als eine Art Rauschen und Summen und, wenn er mit seiner Mutter zusammen war, anhaltendes Seufzen. So erschien es ihm nicht erstrebenswert, mehr zu hören, und alle Worte, alle Opern waren klang- und reizlos an Tristan vorübergegangen.
Martha freilich wusste vom ersten Tag darum und hatte deshalb ihm gegenüber das Miauen eingestellt. Und auch Perle Agnes, die nun in treuer Ergebenheit Tristan und Martha beistand, erahnte den wahren Grund für all die Knochenbrüche des heranwachsenden Knaben.
Wie es der zynische Schmied des Schicksals wollte, war die erste Aufgabe des jungen Intendanten, einem Vorsingen beizuwohnen. Er beschloss, den Exzentriker zu mimen, und setzte sich mit Martha in den Zuschauerraum. Tristan verließ sich bei den Engagements von nun an ganz auf Marthas Musikalität. Sie schnurrte oder schwieg angewidert. So wurde auch Lilith, ein elfenhafter Sopran, der Marthas kritischer Beurteilung standhielt, eingestellt. Der Anblick des weißblonden Mädchens mit der transparenten Haut berührte Tristan fast schmerzlich. Gleich einer tanzenden Feder bewegte sie sich über die Bühne. Tristan konnte sich kaum vorstellen, woher bei diesem zierlichen Flatterwesen eine Stimme kommen sollte. Von »Volumen« keine Spur. Doch vertraute er Martha, und zudem stand für ihn fest, dass dieses Wesen das Mädchen seines Lebens sein sollte. So geschah es. Lilith wurde Tristans Frau und gebar zwei Kinder. Lilith war von zerbrechlicher Gesundheit und sang nur wenige Partien, doch wurde sie frenetisch gefeiert. Tristan, der mit Martha auf dem Schoß stets den Vorstellungen beiwohnte, hatte zum ersten Mal in seinem stillen Leben den Wunsch zu hören.
Dieser an sich einfache Wunsch bescherte ihm Erlebnisse der besonderen Art. Agnes wurde von einer Bekannten eine Klangschalentherapie empfohlen. Todsicher sei die Methode. So viel Sicherheit schien Tristan zwar nicht dienlich, doch suchte er in seiner Verzweiflung die Klangschalistin Dr. Anna Lüse auf. Katze Martha nahm er als seine Vertraute mit. Tristan wurde angewiesen, zwischen zwei riesigen Schalen auf einem Tuch Platz zu nehmen. Die Klangschalistin betrat in einer Art Überwurf aus rostbraunem Sackleinen den Raum. Martha begann zu fauchen. Die Therapeutin warf zunächst unter Jaulen die Hände auf und nieder und drosch dann mit zwei Schlegeln auf die Schalen ein. Martha sträubten sich die Haare. Die durch die Schalen hervorgerufenen Misstöne veranlassten Martha zu einem Veitstanz, bei dem sie die auf dem Boden verteilten Tücher unter Einsatz ihrer Krallen in gleichmäßige Streifen schnitt. Nach der Zeremonie stand Tristan ächzend auf – das Sitzen auf dem Boden erwies sich nicht als vorteilhaft – und dankte höflich für den Versuch. Es war eine Schalentherapie ohne Klang.
Es folgten Besuche bei einer Kartenleserin, die nach dem Barnum-Prinzip ihren Text herunterleierte. Sie diagnostizierte einen unterdrückten Klumpfuß, der sich aufs Gehör geschlagen hatte, und empfahl eine sofortige Amputation. Martha verabschiedete sich von ihr mit einem lockeren Hieb, der drei blutende Striemen auf dem Arm der Unwissenden hinterließ. Ein Reiki-Meister aus Castrop-Rauxel wurde konsultiert. Er bezog sein erstaunliches Wissen über die Kunden aus dem Internet und musste nach...




