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Heim | Wer sind Sie denn wirklich, Herr Gasbarra? | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Heim Wer sind Sie denn wirklich, Herr Gasbarra?

Eine Vatersuche auf zwei Kontinenten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-88-7283-899-0
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Vatersuche auf zwei Kontinenten

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-88-7283-899-0
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann mogelt sich durch den Zeitspalt zwischen Kommunismus und Faschismus, glitscht durch die Leben liebender Frauen. Gabriel Heim erzählt die faszinierende Geschichte seines Vaters, der dem Sohn zumindest eine starke, erst spät aufgetauchte Schwester geschenkt hat. Was für ein bewegendes, großartig recherchiertes Buch. Ursula Krechel, Trägerin Deutscher Buchpreis Kommunist, Faschist, Lebemann Felix Gasbarra (1895-1985) war Berliner, Italiener, Autor, Dramaturg, Übersetzer, arbeitete mit Bert Brecht und schrieb Reden für Mussolini. Erst über eine Seekiste in Brasilien erfährt Gabriel Heim, wer sein Vater wirklich war. Gasbarra und seine Frau, die Künstlerin Doris Homann, arbeiteten mit dem Who's who der Berliner Kulturszene der 1920er-Jahre. Mehrmals wurde Gasbarra inhaftiert, nach seiner Auswanderung nach Rom 1933 trat das ehemalige KPD-Mitglied den Faschisten bei. Zu Kriegsende wechselte er erneut die Seite und kam mit den Alliierten nach Bozen, wurde dort Pressezensor und verfasste Hörspiele. 1948 zerbrach die Ehe, Homann zog nach Brasilien. Dort findet der uneheliche Sohn viele Jahre später endlich Zeugnisse seines Vaters. » spannende Zeitreise durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts » Schauplätze Berlin, Rom, Bozen, Brasilien » Das Paar verkehrte und arbeitete mit Erwin Piscator, Franz Jung, Klaus Mann, Walter Mehring, Käthe Kollwitz, Wassily Kandinsky u. a. m.

Geboren 1950 in Zürich, Studium an der Münchner Filmhochschule, Autor, Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, Reportagen und preisgekrönten Programmen für die ARD und das Schweizer Fernsehen. Programmleiter beim WDR-Fernsehen, dann Fernsehdirektor des neu gegründeten Rundfunks Berlin Brandenburg. Bei Lübbe erschienen: 'Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen' (2013)
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Autoren/Hrsg.


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Mich zog es immer wieder zu dem Verein der Künstlerinnen am Schönebergufer. Es gab dort eine Frühjahrs- und Herbstausstellung. Männer taten diese Ausstellungen vielleicht mit einem geringschätzigen Achselzucken ab, aber für mich hatten sie doch etwas sehr Gutes. Komischerweise fühlte ich mich dort immer zu Hause; ich konnte hingehen, ohne das Gefühl zu haben, mich auf Glatteis zu begeben. Ja und nun war ich bei einer guten Einsendung meiner Bilder als Mitglied in den Verein aufgenommen worden. Wer mich in diesem Künstlerinnenkreis sehr in sein Herz geschlossen hatte, war die Vorsitzende Fanny Remak. Sie war eine große, stattliche Person, mit einem interessanten Pferdegesicht. Ihr schwarzes Haar war geschnitten wie bei einem niederländischen Maler. Ich verbrachte viele glückliche Stunden in ihrem Atelier, welches, wie sie sagte, in Kaffee mit Sahne angestrichen war. Wir sprachen viel über Malerei und waren im innersten Malgefühl einer Meinung, was sehr viel sagt.

So gerne ich die Kollwitz mochte und sie als große Künstlerin anerkannte – oft hatte ich das Gefühl, dass unsere Tuchfühlung nicht immer übereinstimmte, da ihre politische Einstellung es ihr einfach verbot, über Kunstrichtungen italienischer oder chinesischer Art zu reden. Mit der Remak konnte man über alles sprechen. Ich mochte sie sehr gerne; doch das Leben brachte uns auseinander, wie es nur dieses Jahrhundert fertigbrachte mit seinem Wahnsinn, die Leute wie in einer Zentrifuge herumzuschütteln und in alle Winde zu zerstreuen. Sie war jüdischer Abstammung und ging nach London. Leider kümmerte sie sich danach nicht mehr um Malerei. Sie war durch Hitler gebrochen worden.

Einmal schickte ich ein sehr schönes großes Selbstbildnis zu einem Salon der Künstlerinnen. Dafür erhielt ich eine tolle Kritik in der Vossischen Zeitung.

Ich stand an erster Stelle und der Kritiker forderte mich, eine Ausstellung zu machen, nur beschickt von meinen Sachen. Jaja, nickte ich. Ganz gut, aber ich war noch nicht so weit. Und dann hatte ich auch Angst so allein. Ich wusste, ich hatte noch sehr viel zu lernen. Ich war so erfüllt von vielen Dingen und war gar nicht mehr so ehrgeizig. Ich arbeitete noch nicht stetig und musste mir über vieles erst klar werden.

Es waren alles mehr oder weniger Explosionen und ich hatte viele Leute gesehen, die sich wunder wie groß dünkten und sich wunder wer weiß wie fühlten. Ich hatte im Lyceum-Club, der mich später in seinen Vorstand wählte – in all dem Wirrwarr von Frauen, die sich hervortaten und dies und jenes machen wollten, ohne dass dahinter ein profundes Wissen stand –, wenig Lust, im hellen Rampenlicht zu stehen. In den Ausstellungen genierte ich mich, wenn ich meine Arbeiten sah. Mir wurde dann meistens ganz schlecht und ich ging immer schnell von ihnen weg.

Doris’ Wohnatelier Am Friedrichshain befindet sich im Seitenflügel eines Hinterhauses. Es ist ihr trotz der großen Wohnungsnot von einem kunstsinnigen Beamten zugewiesen worden und wird für viele Jahre ihr großes Glück und der Ort ihrer künstlerischen Entfaltung. Das Atelier, in dem sie auch wohnt, ist ein sieben Meter langer Raum, ein Flur, eine kleine Küche und ein Abstellraum für die Kohle. Der Vater hat ihr zum Einzug einen ausladenden Eichenstuhl geschenkt, der mit Büffelleder bespannt ist. Viele ihrer Modelle nehmen darauf Platz. Die Möbel hat sie bunt angestrichen: den Biedermeierschrank zinnoberrot, den Küchenschrank kornblumenblau und den Bettüberwurf schmückte sie mit riesigen Kreisen in Schwarz, Rot und Blau. Ihr Blick durch das einzige breite und hohe Fenster geht auf eine „schreckliche Müllkastenperspektive“, gegen deren Anblick sie bemalte Fensterquadrate gesetzt hat.

Beinahe jede Nacht wird Doris Zeugin von Familiendramen im Hinterhaus. Besoffene Männer verprügeln ihre Frauen, Geschirr fliegt von den Etagen, alte Menschen sterben allein vor sich hin. Nichts bleibt ihr verborgen. Immer wieder zeichnet oder malt sie Menschen und Szenen aus ihrem „Milljöh“. Lange Zeit kümmert sie sich um einen tuberkulösen Greis, bringt ihm das Essen und hält sein Zimmer sauber. „Dann zeichnete ich ihn, wie er so todkrank in seinem Bett lag, wie er schon fast überwendliche Augen hatte. Er sah nicht auf mein Blatt, so konnte ich ganz ungestört so zeichnen, wie ich empfand. Es wurde eine meiner erschütterndsten Zeichnungen.“

„Der nahe Tod“, Doris Homann ca. 1922

In den Inflationswintern verhungern und erfrieren in Doris’ Hinterhof Menschen. Schicksale, die ihren Sinn für Gerechtigkeit und ihr Aufbegehren gegen alle Not formen. Anders als Gasbarra, der sich im Klassenkampf mit Ursachen befasst, erlebt Doris das täglich sichtbare Elend. Ihr bildnerisches Werk, soweit es erhalten ist, erzählt davon: in Berlin, in Schlesien, in Italien und später auch in Brasilien.

Gasbarra brachte mir zu dieser Zeit Heartfield mit nach Hause. Das war der Bruder von Herzfeld, dem Malik-Verleger. Dieser gehörte zur Avantgarde, die sich mit der Herausgabe des Ecce homo von Georg Grosz und Franz Jung einen Namen gemacht hatten. An diesem Tag war gerade ein Brief von Bernheim-Jeune aus Paris eingetroffen, der mich einlud, bei ihm in Paris eine Ausstellung zu machen; diese beiden Begebenheiten warfen mich fast um. Voll Glück erzählte ich alles und war gespannt, was Heartfield dazu sagen würde. Heartfield sah auf meine Arbeiten, meine Malereien, wie mir vorkam, ziemlich geringschätzig. Das Mädchen mit den Orangen wurde noch trauriger, mein Selbstporträt drehte sich geradezu weg, mein in den Farben sehr schönes Bild Die Stürmenden wurde düster. Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich ja gar kein Geld für den Bildtransport hatte. Dies gestehen zu müssen, wäre mir sehr peinlich gewesen, so war ich erleichtert, als Heartfield meinte: „Warum Paris? Berlin ist besser.“

Wie oft habe ich meine Absage bedauert. Es war die größte Dummheit, die ich in meinem Leben gemacht habe, eine Einladung von Bernheim-Jeune hochnäsig abzuweisen. Heute weiß ich, dass Heartfield alles Mögliche gemacht hätte, um eine solche Einladung nach Paris zu bekommen. Manchmal ist es mir sehr bitter, daran zu denken, wie Menschen ihr Leben zerstören. Wenn ich heute Biografien lese, kann ich nur sagen: So doof wie ich war niemand.

Im März 1922 bringt die Berliner Kommune ihr erstes von zwei Manifesten in Umlauf. Der erregte Wortlaut des von Otto Freundlich gestalteten Flugblatts deutet auf die Mitarbeit des versierten und ungestümen Felix Gasbarra hin: „Wir sind uns einig, dass die Horizonte zerschlagen werden müssen, welche durch die Fäulnis des sozialen und Familienlebens in die Welt und in die Geistesverfassung der Menschen gebracht wurden. Ehren und sozialen Rang sucht keiner von uns. Fünf-Uhr-Tees geben wir nicht. Protektion der Behörden lehnen wir ab. Wir haben uns in die Welt und das Sein gesetzt und werden die Form zu verteidigen wissen, die wir uns geschaffen haben, obwohl wir mitten im Schlamm geboren sind. Diejenigen, welche unsere Unerbittlichkeit fürchten, mögen in dem stinkenden Sumpf bleiben, wo einer die Maden des anderen frisst und verzückt die Augen verdreht.“

Dass auch Doris unterschreibt, überrascht. Der Gedanke liegt nah, dass Gasbarra sie dazu getrieben hat. Weitere seiner gefährlichen und auch skrupellosen Vereinnahmungen der oft zu gutgläubigen und in ihrer Loyalität hingebungsvollen Doris werden nicht ausbleiben.

Im Herbst 1922 organisieren Stanislaw Kubicki, Otto Freundlich und Gasbarra die „Internationale Ausstellung revolutionärer Künstler“ in den Räumen für Arbeiterkunst an der Petersburger Straße: „Künstlerische arbeit ist wie jede arbeit nicht selbstzweck, sondern sie muss ihre auswirkung in die gesellschaft haben.“ Doris und Felix sind mit kleineren Arbeiten vertreten. Es wird die einzige Ausstellung bleiben, an der sich das Paar gemeinsam beteiligt.

Nur ein einziges Mal bestreiten Doris und Felix gemeinsam eine Ausstellung.

Im Herbst 1922 hatte sich bei mir Ossip Brik angemeldet, ein melancholischer junger Mann. Er wollte meine Arbeiten sehen. Er sprach sehr gut Deutsch, wie ja jeder gebildete Russe mehrere Sprachen beherrschte, und Deutschland stand damals bei den Russen ganz groß auf dem Plan. Brik war – so erinnere ich mich – im Auftrag des Volkskommissars für Bildung, Lunatscharski, nach Berlin gereist. Brik war sehr angetan von meinen Arbeiten und kaufte „für das russische Volk“, wie er sagte, eine Zeichnung von Gasbarra, die ich sehr suggestiv und ähnlich gefertigt hatte, und einen ausführlichen Gasbarra-Artikel über die große „Nie wieder Krieg“-Ausstellung mit Zeichnungen von Otto Dix und Fotos der Verstümmelten. Meine Zeichnung, weil sie ja für das russische Volk sein sollte, verkaufte ich für ein halbes Pfund Margarine, weil es mir trotz allen Zuredens von Brik nicht gefiel, von einem Volk, das so viel gelitten hatte, mehr zu...


Heim, Gabriel
Geboren 1950 in Zürich, Studium an der Münchner Filmhochschule, Autor, Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, Reportagen und preisgekrönten Programmen für die ARD und das Schweizer Fernsehen. Programmleiter beim WDR-Fernsehen, dann Fernsehdirektor des neu gegründeten Rundfunks Berlin Brandenburg. Bei Lübbe erschienen: „Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen“ (2013)

Gabriel Heim: Geboren 1950 in Zürich, Studium an der Münchner Filmhochschule, Autor, Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen, Reportagen und preisgekrönten Programmen für die ARD und das Schweizer Fernsehen. Programmleiter beim WDR-Fernsehen, dann Fernsehdirektor des neu gegründeten Rundfunks Berlin Brandenburg. Bei Lübbe erschienen: "Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus. Eine Mutterliebe in Briefen" (2013)



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