Heimer | Dorian | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Heimer Dorian

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-6880-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-7568-6880-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Du bist tot, Chloe. Du bist in dieser Nacht gestorben." Mit diesen Worten lernt Chloe Peters nach einem Suizidversuch ihren eigenen Tod kennen, der ihr als Psychiater Dr. Dorian gegenübertritt. Dieser ist jedoch alles andere als gewillt, sie wirklich sterben zu lassen. Vorher soll sie etwas für ihn erledigen: sie soll den schlecht ausformulierten Pakt mit einer Familie ungültig machen, der den Töchtern dieses Hauses ein Dasein weit über ihr eigentliches Ableben hinaus ermöglicht. Chloe, die nach einem schweren Verlust zunächst das Atmen neu lernen muss, beginnt ihr neues Leben zwischen Sein und Nichtsein, den Tod immer in greifbarer Nähe. Und schon bald muss sie lernen, dass sie sich der schwierigsten Aufgabe ihrer Existenz noch stellen muss: der Konfrontation mit sich selbst.

Claudia Heimer wurde 1990 geboren und ist neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Autorin und Dichterin tätig. Seit ihrer Jugend schreibt und veröffentlicht sie Lyrik, vor allem über Social-Media-Plattformen. Ihre Werke sind von der Melancholie des Lebens gezeichnet und verbergen in ihrem von Düsternis geprägten Stil immer einen Kern aus realistischer Zuversicht.
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I. Kapitel


In der Nachmittagssonne versank das Zimmer in Wellen aus bernsteinfarbenem Licht. Tiefe Schatten erhoben sich von den Ecken des Raumes, krochen über die mit dunklem Holz verkleidete Zimmerdecke, unter dem Schreibtisch entlang und streckten die länger werdenden Finger allmählich Richtung Fenster. Der Hof davor lag unter einer sich verdichtenden Schicht bunter Blätter begraben. Längst hatte der Wind sie nicht alle von den Bäumen gerissen, doch die Kälte begann, mit jedem Tag mehr in die Äste zu kriechen. Die Welt ergraute.

An der Kante des Fensterbrettes lehnte eine Frau, die gedankenverloren über ihre Schulter hinaus in eine nur ihr bekannte Ferne starrte. Ihre Hände lagen auf ihrem Schoß und ihre Finger strichen nervös über ein zusammengefaltetes Stück Papier, das in ihnen lag. Mit einem kaum hörbaren Summen gab sie dem Refrain von Stings nach, dessen Akkorde sie noch immer mit Sonnenuntergängen im Herbst verband, seit sie sich zu diesem Song das erste Mal verliebt hatte und der ihr nun schon seit dem Morgen unaufhörlich durch den Kopf geisterte.

Plötzlich machte sich ein Zittern in ihrer Kehle breit, versuchte ihre Zähne zu erreichen. In immer kürzer werdenden Abständen versuchte sie, an der in Dunkelheit versinkenden Wand gegenüber die Uhrzeit zu erahnen. Die Ungeduld drohte, ihre Muskeln zu übernehmen und die Sekunden schienen es den Schatten gleichzutun.

Endlich jedoch hallte das Läuten der Schulglocken durch die langen Flure der Schule und ließ die Frau von ihrem Platz aufspringen. Hektisch begann sie, ihren Schreibtisch in Ordnung zu bringen. Das hatte sie sich aufgespart, um nicht dabei ertappt zu werden, dass sie es insgeheim schon vor Stunden aufgegeben hatte, ihre Gedanken immer wieder erfolglos auf die Arbeit zurückzulenken. Direkt vor der Tür zu ihrem Büro breitete sich die Unruhe der Schüler aus, die alle zur gleichen Zeit nach der letzten Stunde dem einen oder anderen Ziel entgegenströmten und dabei das große Treppenhaus fluteten. Die meisten von ihnen suchten einen Weg nach draußen auf den Schulhof, der die Glut eines der letzten warmen Sonnenuntergänge für sie bereithielt.

Mit dem einzigen, noch nicht abgehefteten Formular in ihrer Hand, bereit es demonstrativ in eine Ablage zu packen, sobald sich die Tür öffnete, wartete sie. Obwohl die Zeit seit Stunden stillzustehen schien, verging sie nun rasant und plötzlich waren aus fünf Minuten fünfzehn geworden.

Ihre Hände begannen Falten in das Formular zu kneten, an dem sie sich festhielt. Ihr Blick fiel auf ihre Tasche, in die sie das kleine Papier verstaut hatte und ihre Lippen formten einen schmalen Pinselstrich. Vielleicht hatte sie sich geirrt und es war nicht mehr als ein Missverständnis. Plötzlich war sie sich sicher, dass die Worte darauf wohl doch nicht für sie bestimmt gewesen waren, jedenfalls nicht so, wie sie es sich erhoffte. Den ganzen Tag hatte sie ihn nicht zu Gesicht bekommen und das war ihr nun Beweis genug. Sicher hatte er sich nichts weiter dabei gedacht und sie las mehr hinein, als da wirklich war. Wieder einmal.

Weitere Minuten verstrichen. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Was mache ihr hier eigentlich?“, flüsterte sie zu sich selbst, glättete das arme Blatt mit beiden Händen und legte es beiseite. Dann knipste sie die Lampe auf ihrem Schreibtisch aus, griff sich schon halb im Gehen ihre Tasche und war gerade vor der schweren Holztür, als diese ihr mit Schwung entgegenflog.

Mit einem Sprung nach hinten wich sie ihr gerade noch rechtzeitig aus. Jede Gefühlsregung in ihr wich dem Schrecken, jede Farbe mit einem Mal aus ihrem Gesicht.

„Mein Gott, Chloe!“, rief der Mann, der in der Tür stand und die Arme nach ihr austreckte, als wolle er sie auffangen. „Habe ich Sie etwa erwischt?“

, befahl sie sich und schüttelte nach Luft schnappend mit dem Kopf. „Nein, nein, es ist alles in Ordnung.“

Seine weit aufgerissenen Augen wurden sofort weicher. Er schien selbst außer Atem, als sei er gerannt.

„Schön, dass ich Sie noch antreffe. Haben Sie schon nach draußen gesehen?“

„Ja.“, flüsterte sie, als wolle sie ein Geheimnis bewahren und lächelte dabei schüchtern. Er erwiderte es und die Lachfältchen an seinen Augen verrieten seine Vorfreude. Mit einem galanten Schritt beiseite, der seinen Absätzen auf dem Parkett ein schnappendes Geräusch entlockte, hielt er ihr die Tür auf. Nachdem sie das Büro abgeschlossen hatte, schlenderten sie gemeinsam zur großen Treppe. Kein einziger Schüler war mehr zu sehen. Nur ein leichter Windhauch zog durch die von Kreuzrippengewölben überdachten Flure und verursachte hier und da ein geisterhaftes Flüstern.

„Es zieht sie alle nach draußen, ins Licht.“, las er in ihren Gedanken, als sie den schattigen Zwischenflur zur Haupteingangstür des Gebäudes durchquerten. „Sie sind wie Motten.“, sagte er grinsend und hielt ihr wieder die Tür auf.

„Sind wir denn besser?“

„Natürlich nicht.“ Er lachte leise.

Vor ihnen lag eine breite, steinerne Treppe, die auf den Schulhof führte. Jenseits davon erstreckte sich ein Ozean aus bunten Blättern, der das Pflaster und die Wiese nahezu vollständig unter sich begraben hatte und von senfgelb bis blutrot jede Nuance des Herbstes widerspiegelte. Ein stürmischer, aber immer noch vom Sommer gezeichneter Wind riss gerade eine neue Blätterwelle in die Luft, ließ sie in alle Richtungen treiben und trug sie schließlich zu Boden, wo sie das Mosaik aus noch nicht zusammengefegtem Laub vervollständigten. Der Hof stand in kalten Flammen. Sie blieben einen Moment still nebeneinander stehen und überblickten das Treiben, von dem allerlei angenehme Gerüche des Vergehens zu den beiden herüberwehten: pilzig, verbrannt und süß.

Er wandte sich zu ihr um und machte eine einladende Kopfbewegung, ihm zu folgen. Kleine Grüppchen von Schülern tummelten sich, verteilt wie Laubhaufen, hier und da auf den Parkbänken und warfen ihnen neugierige Blicke zu, als sie über den Hof liefen. Ein kurzer Schauer lief ihr deswegen über den Rücken. Auf einer kleinen Anhöhe nahmen sie schließlich auf einer freien Bank Platz, überdacht von mehreren Baumkronen, die sich gerade aufzulösen schienen. Er zog sein Jackett aus und legte es neben sich.

Einen tiefen Atemzug später hatte er die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, eine goldene Welt spiegelte sich in seinen Brillengläsern. Etwas Bedeutungsschwangeres lag in der Luft, das ihr den Atem zu rauben drohte, als sie ihn heimlich aus den Augenwinkeln heraus betrachtete. Als sich seine Augen wieder öffneten, tat sie es ihm gleich, streckte ihren Kopf in den Himmel, von dem orangenes Licht durch zitternde, labile Blätter fiel. Alles, was darunter lag, schien eindrucksvoller als sonst und zugleich schrecklich zerbrechlich: das Licht des Sonnenuntergangs genauso wie ihr Zusammensein - kurzweilig und fast wie eine Illusion. Doch sie wollte so gern träumen.

Ihre Blicke begegneten sich schließlich wieder. Sie wusste nicht, wie sie das Gespräch beginnen konnte. Zu groß war ihre Angst, wieder einmal einem Missverständnis aufzusitzen, doch ihre Neugier drängte unaufhörlich auf eine Antwort.

„Collin, das Gedicht, das Sie mir heute gegeben haben…“, platzte es aus ihr heraus.

„Hat es Ihnen gefallen?“, unterbrach er sie sofort und sah ihr dabei unvermittelt direkt in die Augen.

Sie nickte und lächelte dabei ganz unfreiwillig.

„Wer hat es geschrieben? Sie haben vergessen, die Quelle anzugeben.“ In ihrer Stimme schwang liebevoller Spott mit. Sein Grinsen hatte ihn längst verraten. Wieder legte er den Kopf in den Nacken, als er begann zu zitieren:

„Vielleicht aber ahnt sie, dass ich es längst sehe,

Die leuchtende Tiefe, den herbstlichen Schein.

Ihr Abgrund ist plötzlich in greifbarer Nähe.

Was würde ich geben, ihr Regen zu sein?“

Dann fiel sein Blick wieder zu ihr und eine kleine Ewigkeit blieben sie so, schweigend, und deuteten jede kleine Bewegung im Gesicht des anderen.

„Das muss ein schrecklich verliebter Idiot geschrieben haben.“, sagte er schließlich. Sein Lachen steckte sie sofort an. Also war es real. Sie spürte ihren Puls am ganzen Körper, ein Rauschen in ihren Ohren wurde mit einem Mal lauter und lauter. Es war als würde sie vor einer stürmenden See stehen, die darauf wartete, sie zu verschlingen. Sie wollte so gern den Sprung wagen, nein etwas zwang sie förmlich an den Rand. Nur einen Schritt nach vorn. Was hatte sie schon zu verlieren? hörte sie sich selbst in Gedanken immer wieder fragen, während sie sein Profil musterte, als er gerade jemanden in der Ferne grüßte.

Als sich ihre Blicke wieder trafen, schien bei beiden die Freude von eben einer abschätzenden Ernsthaftigkeit gewichen zu sein. Sie schluckte. Seine Stimme klang jetzt leiser, tiefer als zuvor.

„Würden Sie heute Abend mit...



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