Heine | Buch der Lieder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Heine Buch der Lieder

Gedichte
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-401195-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gedichte

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401195-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Heinrich Heine, dieser entlaufene Romantiker, ist der Dichter der unglücklich Verliebten, der Außenseiter und Weltfremden. Wie kein anderer versteht er es, aus dem reichen Schatz romantischer Bilder und Sehnsüchte zu schöpfen, ihre Erstarrung zum Klischee aufs Korn zu nehmen und doch festzuhalten am romantischen Traum einer poetischeren, besseren Welt, in der auch Platz wäre für die unruhigen, freien Geister unter uns.

Heinrich Heine, der als ?Vollender und Überwinder? der Romantik gilt, wurde vermutlich am 13. Dezember 1797 als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren. Er studierte von 1819 bis 1825 Jura in Bonn, Berlin und Göttingen. Am 25. Juni 1825 wurde Heine, dessen Vorname Harry lautete, protestantisch getauft, und er nahm den Vornamen Heinrich an. 1831 siedelte er dauerhaft nach Paris über. Heine, der ab 1848 wegen Krankheit an die »Matratzengruft« gefesselt war, starb am 17. Februar 1856 in Paris.
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Junge Leiden


18171821

Traumbilder


I


Mir träumte einst von wildem Liebesglühn,

Von hübschen Locken, Myrten und Resede,

Von süßen Lippen und von bittrer Rede,

Von düstrer Lieder düstern Melodien.

Verblichen und verweht sind längst die Träume!

Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild!

Geblieben ist mir nur, was glutenwild

Ich einst gegossen hab in weiche Reime.

Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch,

Und such das Traumbild, das mir längst entschwunden,

Und grüß es mir, wenn du es aufgefunden –

Dem luftgen Schatten send ich luftgen Hauch.

II


Ein Traum, gar seltsam schauerlich,

Ergötzte und erschreckte mich.

Noch schwebt mir vor manch grausig Bild,

Und in dem Herzen wogt es wild.

Das war ein Garten, wunderschön,

Da wollt ich lustig mich ergehn;

Viel schöne Blumen sahn mich an,

Ich hatte meine Freude dran.

Es zwitscherten die Vögelein

Viel muntre Liebesmelodein;

Die Sonne rot, von Gold umstrahlt,

Die Blumen lustig bunt bemalt.

Viel Balsamduft aus Kräutern rinnt,

Die Lüfte wehen lieb und lind;

Und alles schimmert, alles lacht,

Und zeigt mir freundlich seine Pracht.

Inmitten in dem Blumenland

Ein klarer Marmorbrunnen stand;

Da schaut ich eine schöne Maid,

Die emsig wusch ein weißes Kleid.

Die Wänglein süß, die Äuglein mild,

Ein blondgelocktes Heilgenbild;

Und wie ich schau, die Maid ich fand

So fremd und doch so wohlbekannt.

Die schöne Maid, die sputet sich,

Sie summt ein Lied gar wunderlich:

»Rinne, rinne, Wässerlein,

Wasche mir das Linnen rein.«

Ich ging und nahete mich ihr,

Und flüsterte: O sage mir,

Du wunderschöne, süße Maid,

Für wen ist dieses weiße Kleid?

Da sprach sie schnell: Sei bald bereit,

Ich wasche dir dein Totenkleid!

Und als sie dies gesprochen kaum,

Zerfloß das ganze Bild, wie Schaum. –

Und fortgezaubert stand ich bald

In einem düstern, wilden Wald.

Die Bäume ragten himmelan;

Ich stand erstaunt und sann und sann.

Und horch! welch dumpfer Widerhall!

Wie ferner Äxtenschläge Schall.

Ich eil durch Busch und Wildnis fort,

Und komm an einen freien Ort.

Inmitten in dem grünen Raum,

Da stand ein großer Eichenbaum;

Und sieh! mein Mägdlein wundersam

Haut mit dem Beil den Eichenstamm.

Und Schlag auf Schlag, und sonder Weil,

Summt sie ein Lied und schwingt das Beil:

»Eisen blink, Eisen blank,

Zimmre hurtig Eichenschrank.«

Ich ging und nahete mich ihr,

Und flüsterte: O sage mir,

Du wundersüßes Mägdelein,

Wem zimmerst du den Eichenschrein?

Da sprach sie schnell: Die Zeit ist karg,

Ich zimmre deinen Totensarg!

Und als sie dies gesprochen kaum,

Zerfloß des ganze Bild, wie Schaum. –

Es lag so bleich, es lag so weit

Ringsum nur kahle, kahle Heid;

Ich wußte nicht wie mir geschah,

Und heimlich schaudernd stand ich da.

Doch als ich eben fürder schweif,

Gewahr ich einen weißen Streif;

Ich eilt drauf zu, und eilt und stand,

Und sieh! die schöne Maid ich fand.

Auf weiter Heid die weiße Maid

Grub tief die Erd mit Grabescheit.

Kaum wagt ich noch sie anzuschaun,

Sie war so schön und doch ein Graun.

Die schöne Maid, die sputet sich,

Sie summt ein Lied gar wunderlich:

»Spaten, Spaten, scharf und breit,

Schaufle Grube tief und weit.«

Ich ging und nahete mich ihr

Und flüsterte: O sage mir,

Du wunderschöne, süße Maid,

Was diese Grube hier bedeut’t?

Da sprach sie schnell: Sei still, ich hab

Geschaufelt dir ein kühles Grab.

Und als so sprach die schöne Maid,

Da öffnet sich die Grube weit;

Und als ich in die Grube schaut,

Ein kalter Schauer mich durchgraut;

Und in die dunkle Grabesnacht

Stürzt ich hinein, – und bin erwacht.

III


Im nächtgen Traum hab ich mich selbst geschaut,

In schwarzem Galafrack und seidner Weste,

Manschetten an der Hand, als ging’s zum Feste,

Und vor mir stand mein Liebchen, süß und traut.

Ich beugte mich und sagte: »Sind Sie Braut?

Ei! ei! so gratulier ich, meine Beste!«

Doch fast die Kehle mir zusammenpreßte

Der langgezogne, vornehm kalte Laut.

Und bittre Tränen plötzlich sich ergossen

Aus Liebchens Augen, und in Tränenwogen

Ist mir das holde Bildnis fast zerflossen.

O süße Augen, fromme Liebessterne,

Obschon ihr mir im Wachen oft gelogen,

Und auch im Traum, glaub ich euch dennoch gerne!

IV


Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig,

Das ging auf Stelzen, Schritte ellenweit,

Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid,

Inwendig aber war es grob und schmutzig.

Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig,

Jedoch von außen voller Würdigkeit;

Von der Courage sprach es lang und breit,

Und tat sogar recht trutzig und recht stutzig.

»Und weißt du, wer das ist? Komm her und schau!«

So sprach der Traumgott, und er zeigt mir schlau

Die Bilderflut in eines Spiegels Rahmen.

Vor einem Altar stand das Männchen da,

Mein Lieb daneben, beide sprachen: Ja!

Und tausend Teufel riefen lachend: Amen!

V


Was treibt und tobt mein tolles Blut?

Was flammt mein Herz in wilder Glut?

Es kocht mein Blut und schäumt und gärt,

Und grimme Glut mein Herz verzehrt.

Das Blut ist toll, und gärt und schäumt,

Weil ich den bösen Traum geträumt:

Es kam der finstre Sohn der Nacht,

Und hat mich keuchend fortgebracht.

Er bracht mich in ein helles Haus,

Wo Harfenklang und Saus und Braus,

Und Fackelglanz und Kerzenschein;

Ich kam zum Saal, ich trat hinein.

Das war ein lustig Hochzeitfest;

Zu Tafel saßen froh die Gäst.

Und wie ich nach dem Brautpaar schaut, –

O weh! mein Liebchen war die Braut.

Das war mein Liebchen wunnesam,

Ein fremder Mann war Bräutigam;

Dicht hinterm Ehrenstuhl der Braut,

Da blieb ich stehn, gab keinen Laut.

Es rauscht Musik, – gar still stand ich;

Der Freudenlärm betrübte mich.

Die Braut, sie blickt so hochbeglückt,

Der Bräutgam ihre Hände drückt.

Der Bräutgam füllt den Becher sein,

Und trinkt daraus, und reicht gar fein

Der Braut ihn hin; sie lächelt Dank, –

O weh! mein rotes Blut sie trank.

Die Braut ein hübsches Äpflein nahm,

Und reicht es hin dem Bräutigam.

Der nahm sein Messer, schnitt hinein, –

O weh! das war das Herze mein.

Sie äugeln süß, sie äugeln lang,

Der Bräutgam kühn die Braut umschlang,

Und küßt sie auf die Wangen rot, –

O weh! mich küßt der kalte Tod.

Wie Blei lag meine Zung im Mund,

Daß ich kein Wörtlein sprechen kunt.

Da rauscht es auf, der Tanz begann;

Das schmucke Brautpaar tanzt voran.

Und wie ich stand so leichenstumm,

Die Tänzer schweben flink herum; –

Ein leises Wort der Bräutgam spricht,

Die Braut wird rot, doch zürnt sie nicht. –

VI


Im süßen Traum, bei stiller Nacht,

Da kam zu mir, mit Zaubermacht,

Mit Zaubermacht, die Liebste mein,

Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!

Ich schau sie an, sie lächelt mild,

Und lächelt bis das Herz mir schwoll,

Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

»Nimm hin, nimm alles was ich hab,

Mein Liebstes tret ich gern dir ab,

Dürft ich dafür dein Buhle sein,

Von Mitternacht bis Hahnenschrei’n.«

Da staunt’ mich an gar seltsamlich,

So lieb, so weh, und inniglich,

Und sprach zu mir die schöne Maid:

O, gib mir deine Seligkeit!

»Mein Leben süß, mein junges Blut,

Gäb ich, mit Freud und wohlgemut,

Für dich, o Mädchen, engelgleich, –

Doch nimmermehr das Himmelreich.«

Wohl braust hervor mein rasches Wort,

Doch blühet schöner immerfort,

Und immer spricht die schöne Maid:

O, gib mir deine Seligkeit!

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,

Und schleudert mir ein Glutenmeer

Wohl in der Seele tiefsten Raum;

Ich atme schwer, ich atme kaum. –

Das waren weiße Engelein,

Umglänzt von goldnem Glorienschein;

Nun aber stürmte wild herauf

Ein gräulich schwarzer Koboldhauf.

Die rangen mit den Engelein,

Und drängten fort die Engelein;

Und endlich auch die schwarze Schar

In Nebelduft zerronnen war. –

Ich aber wollt in Lust vergehn,

Ich...


Heine, Heinrich
Heinrich Heine, der als ›Vollender und Überwinder‹ der Romantik gilt, wurde vermutlich am 13. Dezember 1797 als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren. Er studierte von 1819 bis 1825 Jura in Bonn, Berlin und Göttingen. Am 25. Juni 1825 wurde Heine, dessen Vorname Harry lautete, protestantisch getauft, und er nahm den Vornamen Heinrich an. 1831 siedelte er dauerhaft nach Paris über. Heine, der ab 1848 wegen Krankheit an die 'Matratzengruft' gefesselt war, starb am 17. Februar 1856 in Paris.

Heinrich HeineHeinrich Heine, der als ›Vollender und Überwinder‹ der Romantik gilt, wurde vermutlich am 13. Dezember 1797 als Sohn jüdischer Eltern in Düsseldorf geboren. Er studierte von 1819 bis 1825 Jura in Bonn, Berlin und Göttingen. Am 25. Juni 1825 wurde Heine, dessen Vorname Harry lautete, protestantisch getauft, und er nahm den Vornamen Heinrich an. 1831 siedelte er dauerhaft nach Paris über. Heine, der ab 1848 wegen Krankheit an die 'Matratzengruft' gefesselt war, starb am 17. Februar 1856 in Paris.



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