E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Heine Kurze Geschichten
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-6698-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Teil 1-3
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6698-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor ist 1942 in Hannover- Kleefeld geboren. Nach der Realschule und einer kaufmännischen Lehre folgen Stationen in Lüneburg, Scharnebeck, Winsen/Luhe und Fleestedt. Bedingt durch Beruf, Bundeswehr und Heirat mit Ingrid. Mit ihr ist er seit über 40 Jahren verheiratet und es gehören mittlerweile drei Kinder, drei Enkelkinder und zwei Urenkelkinder zu ihnen. Seit einigen Jahren sind sie in Rente. Die schriftstellerische Tätigkeit begann als Hobby im Jahre 1974. Bis zum heutigen Zeitpunkt sind zwei Romane, "Krisenjahre" und "Unruhiges Blut" erschienen. Sie bilden Teile einer Trilogie, die ihren Abschluss mit dem dritten Roman "Erfüllung" finden wird. Ferner wurden die Biographie "Ein Leben im Sport des Horst Hoffmann", die "Gedichtbände l und II" und "Kurze Geschichten, Teil 1 - 7" verlegt. Übersicht der Titel von Horst Heine: Ein Leben im Sport des Horst Hoffmann Gedichte, Band I Gedichte, Band II Krisenjahre Kurze Geschichten, Teil 1 Kurze Geschichten, Teil 2 Kurze Geschichten, Teil 3 Kurze Geschichten, Teil 4 Kurze Geschichten, Teil 5 Kurze Geschichten, Teil 6 Kurze Geschichten, Teil 7 Unruhiges Blut Januar 2008 Horst Heine
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Es regnet schon wieder
„Warum nimmst Du schon wieder diese alte Krücke?“ fragte mich mal wieder meine liebe Gattin, als es aus allen Rohren goß.
„Ach, mit dem neuen Stück komme ich doch nicht zurecht!“
„Nun habe ich Dir extra den modernsten Schirm gekauft und der ist wirklich die letzte Mode! Damit Du nicht Deinen „Schweizer Käse“ zu nehmen brauchst! Doch Du weigerst Dich einfach dieses teure Stück überhaupt zur Kenntnis zu nehmen!“
Ich schwankte, sie hatte ja recht. Zu Weihnachten bekam ich dieses Geschenk, mit Druckknopf und damit automatischer Öffnung. Aber ich hatte diesen ,,Modernen“ noch nie eingesetzt, trotz vieler theoretischer Einweisungen von ihrer Seite her.
„Das ist ja toll; man braucht ja nur einfach auf den Knopf drücken!“
So sagte ich es damals zu ihr. Dabei blieb es allerdings auch. Außer, daß ich mich überschwenglich mit Küschis und Schmusis bedankt hatte. Nichts ahnend, was mir mein „Regenschirmhasser – Gefühl“ einbringen sollte. Aber nach etlichen Wochen des Nichtbenutzens mußte ich meine Dankbarkeit auch mal in die Tat umsetzen. Schließlich war ich das doch meiner Frau schuldig. Ja ja; ihre Fürsorge und Mühe um mich -- ach ja!
War ihr Einsatz doch schon sagenhaft zu nennen, wirklich wahr! Sogar ihren Körper setzte sie dafür ins Rennen. Wenngleich wohl auch ein bißchen unbewußt. Während ich genüßlich frühstückte, brachte sie mir den Unterschied zwischen der ,,Krücke“ und dem ,,Modernen“ aktiv bei. Ich war begeistert; allein ihrer Vorführung morgens um 6:00 Uhr in ihrem Negligé! Was können doch die Gedanken fliegen!
„Mäusi“, sagte ich, „ganz große Klasse! Aber geht etwas schief; ich werfe das Ding weg!“
Der traurige Blick in ihren Augen überzeugte mich; ich mußte ihn einfach nehmen! Mit Ratschlägen gewappnet zog ich zur Haustür, drückte auf den ominösen Knopf und es klappte. Sofort sprang der Schirm auf und ich ging erleichtert in Richtung Bahnhof.
Trotz des Regenschauers war es unter „meinem“ Schirm angenehm. Trockenen Hauptes durchquerte ich den Park; wo mir früher doch schon das Wasser in den Kragen lief.
‚Aber warum tut mir mein Arm so weh?‘
Öfter wechselte ich den Schirm mal in die linke und dann wieder in die rechte Hand.
,Oh Mann, habe ich denn nichts mehr in der ,,Mauschel“? Kann ich diesen leichten „Modernen“ nicht einmal tragen? Nee, es ist der Griff!‘
Richtig! Dieser rechteckige Griff, welcher sich so schmerzhaft in die Handballen eindrückte. Ich versuchte meine Finger zwischen Stange und Griff zu bringen. Es war schon eine Erleichterung. Nun war es aber unmöglich, den Schirm bei diesem Wind festzuhalten. Kurz vor dem Bahnhof mußte ich ihn an der Metallstange anfassen, die mir aber wiederum schnell eine kalte Hand verschaffte.
Am Bahnhofsportal angekommen, war ich nun gezwungen, den Schirm zu verkleinern. Ich faßte den Schieberegler zwischen Zeigefinger und Daumen und zog ihn kräftig zurück. Die Strebenführung glitt zum Griff; legte dabei die Streben zusammen und faltete dabei die Bespannung zusammen. Dieser schnelle Vorgang klappte ausgezeichnet.
Wegen der Regenflut wollte ich zuerst durch die Tür der Bahnhofshalle gehen; drehte mich also um und wollte rückwärts hindurch gehen, als es geschah. Ich drückte auf den Knopf. Der „Moderne“ blieb auf halber Strecke stehen, aber weit geöffnet. Die Schirmspitze, genauer gesagt, das rechteckige Ende des Schirmes kaum festhaltend in die linke Hand nehmend und dann den Griff in die rechte Hand, zog ich, riß ich, drückte ich, schlug ich -- vergebens.
‚Nur nicht beim Schließen auf den Knopf drücken!‘
Aber nach etlichen Versuchen bei der Betätigung des Knopfes, ging der „Moderne“ in seine ,,Regenstellung“ zurück. Das war also geschafft. Zwar war ich wieder am Anfang, aber ich hatte einen vollständigen Regenschirm. Diesmal faßte ich den Schieberegler gleichzeitig mit den Streben an und zog die Apparatur Richtung Griff hin.
Plötzlich ein Aufschrei von mir; hatte ich mir doch meine Finger zwischen die Streben geklemmt. Verstohlen sah ich mich um, denn ich wurde auch noch von allen Seiten geschubst und gestoßen. Von einer hetzenden Meute von Menschen, die ja schließlich auch mal zu ihrem Zug wollten.
Fluchend trat ich mit meinem immer noch geöffneten Schirm beiseite. Ich schob den Schieberegler bis an den Griff und kunstvoll umklammerte meine rechte Hand den Griff und die gebündelten Streben. Der Schirm war nun gefaltet.
,Bloß nicht Griff und Streben loslassen!‘
So eilte ich, mittlerweile natürlich auch naß, durch eine vollkommen mit wartenden Fahrgästen gefüllte Halle und war froh, als ich ins Freie auf den überdachten Bahnsteig trat. War ich doch gezwungen, die ganze Automatik zu bekämpfen. Sie schien in meinen Händen zu explodieren und ich hatte trotz kraftvollem Einsatz die Ahnung, daß die Bespannung einreißen würde.
Das Entscheidende kam für mich, daß ich bald darauf eine Patentlösung glaubte gefunden zu haben -- meine geballte Faust, die diesen häßlichen Griff umhüllte. Sie schien mir der Inbegriff von Kraft und Macht zu sein. Also hatte sie jetzt letztendlich die Tücke des Objekts besiegt. Eine gewisse Genugtuung erfaßte mich und so versank ich trotz grausigem Wetter in Gedanken. Wohl „bedacht“, bis mein Zug einlief.
Die Waggontür wurde aufgestoßen und ich begab mich zum Trittbrett, um einzusteigen. Forsch riß ich den Schieberegler vom Schirm runter und wollte gerade die Streben festhalten, als sie mir auch schon durch die nassen Finger rutschten. Schnell wagte ich den zweiten Versuch. Dabei konnte ich durch die klammen Finger meiner linken Hand den Schieberegler nicht weit genug ziehen. Auf halber Strecke stand mein Schirm und, oh weh, auch immer noch weit ausgebreitet.
„Nun gehen Sie doch wenigstens weiter! Platz da, wir wollen rein! Der hat den wohl neu? Würden Sie mich bitte einsteigen lassen?“
So rumorte die wartende Menge hinter meinem “Bollwerk“. Ich trat beiseite. Da stand ich nun vor „meinem“ Zug, der mich doch pünktlich ins Büro bringen sollte. Aber so wie es aussah, nein. Ich kam nicht hinein.
Etliche Versuche verliefen fehl, bis der Schaffner sein “Alles einsteigen!“ rief. Da nämlich nahm ich den Griff vor den Bauch, in die Rechte den Schieberegler und mit der Linken drückte ich von oben die Bespannung gegen meinen Körper. Da erst legten sich die Streben zusammen und mit beiden Händen hielt ich dieses gewisse Etwas fest. Dann umschloß meine Rechte alles und ich stieg ein; triefend naß natürlich.
Als ich die Abteiltür öffnete, sahen mich die „Mitfahrer" teils böse, teils entgeistert an. Mit dem Schirm konnte ich mich aber unmöglich in das Abteil setzen. Man stelle sich mal einen aufgespannten Schirm in einem vollbesetzten Waggon vor.
So war ich gezwungen, mich am Anfang meines Waggons auf einen Notsitz zu begeben. Hier schloß ich den Schirm mit roher Gewalt. Ich hatte mittlerweile schon das Gefühl, der Schirm würde durch diese Enge und das unwirsche Drücken, seinen Geist aufgeben. Doch der war stabil genug. Hatte ich ihn nun endlich unter Fluchen und Stöhnen gefaltet bekommen, klemmte ich ihn zwischen Schaltraum und Abfallbehälter ein. ,Gott sei Dank, ich sitze!‘
Beim Rauchen einer Zigarette bemerkte ich, daß durch meine Hose eine nasse Kälte zum „Allerwertesten“ kroch. Dieser kleine Notplatz war naß. Allein durch die vielen Versuche, den Schirm zusammen zu legen. Also wischte ich die Sitze mit meinem Taschentuch ab. Doch das Bemühen, im trockenen zu sitzen, konnte ich eigentlich vergessen. Denn während der Fahrt spritzte der Regen durch die Ritzen der undichten Verbindung zweier angekoppelter Waggons.
Meine Station tauchte auf und ich war halb gelähmt vor Nässe und Kälte. Bibbernd nahm ich das Monstrum von Regenschirm aus seiner etwas ungewöhnlichen Parkstellung; faßte ihn wie ein rohes Ei an und wartete insgeheim auf das nächste Unheil.
Ich öffnete die Abteiltür; sorgfältig den Schirm haltend. Mit stierem Blick auf ihn schauend, kam ich bis zur Mitte des Abteils, als es geschah. Ein Mann stand mit dem Rücken zu mir und trat von seiner Sitzbank in den Gang. So lief ich voll auf. Der Rempler genügte, meine voluminöse Kraft, die ganz und gar in den „Schirmhalter“ steckte, zu lockern. Meine Finger rutschten über den Knopf und mit einem dumpfen Knall sprang dieser „Moderne“ in seiner ganzen Fülle auf.
Links und rechts vom Gang saßen drei Frauen. Die Eine las eine Zeitung und die anderen Beiden dösten vor sich hin. Vielleicht waren sie gerade in schönen Träumen unterwegs oder wünschten sich einen geruhsamen Tag.
Nur Einer mit einem eigenartigen Gegenstand belehrte sie plötzlich eines Besseren, als nämlich Stangen und Stoff zwischen sie...




