Heinrich | Wie Schuppen von den Augen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 84 Seiten

Heinrich Wie Schuppen von den Augen

Fünf phantastische Kurzgeschichten
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-5035-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fünf phantastische Kurzgeschichten

E-Book, Deutsch, 84 Seiten

ISBN: 978-3-7504-5035-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wunderliches ereignet sich in den vorliegenden Kurzgeschichten, die mal spannend, mal schaurig, mal abgründig von der Kluft zwischen (Eigen-)Wahrnehmung und Realität handeln.

Ina Heinrich arbeitet und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg. Sie ist Autorin des Fantasyromans "Der Irrtum des Spielers. Erstes Buch der Ordnung der Dinge.", das 2019 erschienen ist.
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Der Troll


Während der Sommersaison war es Regel, dass im Geirangerfjord mehrere Kreuzfahrtschiffe zur gleichen Zeit festmachten und Tausende von Passagieren in die Tenderboote drängten, um schnellstmöglich ans Ufer und in die bereits wartenden Reisebusse zu gelangen. Dann schnell hinauf auf den engen Serpentinen zum Dalsnibba, wo gerne noch Schnee liegen konnte, und danach hinein in das Naturkundemuseum, in dem das Leben im Fjord in vorindustrieller Zeit spürbar nacherlebt werden konnte. Ach ja, und dann war da ja noch die kleine Kirche mit ihrem Friedhof, hier auch noch schnell ein paar Fotos gemacht. So, jetzt war endlich Zeit zur Muße. Also rein in eines der ohnehin schon überfüllten Cafés, etwas getrunken und gegessen, dann ab in die nächste Menschentraube im Souvenirshop. Und dann war es auch schon wieder Zeit, um in eines der Tenderboote am Steg zu steigen und zum Schiff zurückzukehren. Genau dieses Programm hatte Herr Konrad heute hinter sich gebracht. Jetzt saß er in dem übervollen Tenderboot und atmete erleichtert aus. Er war froh, wenn er sich auf seinem Bett ausstrecken konnte. Eine übergewichtige Frau quetschte sich neben ihn auf die Sitzbank. Herr Konrad nahm schnell die Papiertüte zur Seite, in der das Geschenk für seine Frau eingepackt war. Else hatte sich eine Trollfigur speziell aus dem Geirangerfjord gewünscht, dem Ort, zu dem die beiden damals zu ihrer Hochzeitsreise aufgebrochen waren. Das war jetzt fast 40 Jahre her. Die Frau stieß Herrn Konrad ihren Ellbogen in die Seite und entschuldigte sich sofort. Der Kapitän hätte einfach mehr Boote einsetzen müssen, erklärte die Frau. Herr Konrad schwieg dazu und lächelte gequält. Else. Eigentlich hatten die beiden die Reise gemeinsam zu Herrn Konrads Eintritt in den Ruhestand geplant. Aber dann hatte sich Else kurz vor Beginn das Bein gebrochen und lag jetzt mit Gips und Schiene zu Hause im Bett, gepflegt von einer privaten Krankenschwester. Welch eine Verschwendung! Das Krankenhaus hätte es auch getan. Aber Else hatte sich fürchterlich aufgeregt und ihren Mann einmal mehr einen unfassbaren Geizhals genannt, als Herr Konrad seinerzeit diesen Vorschlag gemacht hatte. Also hatte er zähneknirschend einer Privatschwester zugestimmt. Und das nur, weil Else zu dumm gewesen war, nicht von ihrem Pferd zu fallen. Hätte sie sich doch wenigstens gleich den Hals gebrochen. Herr Konrad hatte daraufhin so getan, als wolle er die Kreuzfahrt absagen und sich ganz um seine Frau kümmern. Aber natürlich hatte Else das abgelehnt. Ihr Mann solle sich doch einmal richtig erholen. Und es waren doch nur 10 Tage! Scheinbar höchst unzufrieden hatte Herr Konrad schließlich eingewilligt. Das Tenderboot hatte festgemacht und Herr Konrad betrat nach der übergewichtigen Frau über den schmalen, kurzen Steg wieder das Schiff. Über den Lift gelangte er auf Deck fünf und suchte seine Kabine auf. Er knipste das Licht an und zog seine Jacke aus. Dann ließ er sich in den Sessel fallen. Ob er doch keine Innenkabine hätte buchen sollen, sondern eine mit Balkon oder wenigstens mit einem Fenster? Aber diese Preise! Und zurück in seinem Haus konnte Herr Konrad den Blick von der Terrasse aus auf den Fluss genießen, solange er wollte. Herr Konrad wickelte die Trollfigur aus. Er sah sie sich an. Die Figur war ca. 50 cm hoch und schwer. Der Troll hatte eine große Nase, einen grimmigen Blick und dünne Haare. Er hielt ein Schwert in der rechten Hand, die linke ruhte auf einem breiten Gürtel. Der Troll trug ein Kettenhemd und dreiviertellange Hosen. Beine und Füße waren nackt. Meine Güte, was ein hässlicher Kerl! Herr Konrad hätte doch etwas länger suchen und nicht gleich nach der ersten Figur im Regal greifen sollen. Wie auch immer. Da hatte Else ihren Troll! Wichtig war nur, dass Herr Konrad sich nicht verdächtig machte. Und käme er ohne Troll nach Hause, nun, das hätte Fragen aufwerfen können. Herr Konrad wickelte die Figur wieder in das Papier ein und legte sie in seinen Schrank. Er schaute auf die Uhr. Es war bald Zeit zu essen. Wenn er sich jetzt anstellte, dann war er einer der Ersten am Büfett!

8

Ein Geräusch weckte Herrn Konrad in der Nacht auf. Er lauschte in die Dunkelheit. Da war es wieder! Eine Art … Schaben, oder nein …Rascheln. Herr Konrad setzte sich im Bett auf und knipste das Licht an. Er sah sich um. Nichts. Er lauschte wieder. Auch nichts. Herr Konrad seufzte laut, machte das Licht wieder aus und legte sich hin. Da war das Rascheln wieder. Was war das? Nachdem er das Licht erneut angemacht hatte, stand Herr Konrad auf und sah sich diesmal genauer um. Er schaute in die Toilette. Auch nichts. Dann öffnete er die Schranktüren. Wieder nichts. Herr Konrad kratzte sich am Kopf. Moment! War das nicht eine Idee? Er überlegte. Er nahm den verpackten Troll aus dem Schrank, wickelte ihn aus und sah ihn sich erneut an. Ja, an sich war das sogar eine sehr gute Idee!

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Es gehörte zu Herrn Konrads festen Ritualen, morgens nach dem Aufstehen zunächst einen frisch gepressten Orangensaft zu trinken und dann joggen zu gehen. An diesem Ritual hielt er auch auf dem Schiff fest, einzig der Orangensaft kam aus der Flasche. Herr Konrad war stolz auf seine Figur, denn selbst jetzt als Ruheständler hatte er noch keinen Bauch und überall Muskeln statt Fett an seinem Körper. So joggte er an diesem Morgen über das Deck und genoss die anerkennenden Blicke der anderen Sportler um sich herum. Gut so, sollten sie ihn nur alle sehen! Nach dem Joggen ging Herr Konrad duschen. Als er sich anzog, öffnete er den Schrank und nahm den Troll heraus. Perfekt! Das Bett war bereits gemacht. Herr Konrad setzte den Troll auf das Kopfkissen, verließ seine Kabine und suchte das Kabinenmädchen.

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Im Reisebus auf der Fahrt am Ufer des Eidfjords entlang lächelte Herr Konrad zufrieden. Die Fjorde Norwegens waren eine Pracht. Vielleicht sollte sich Herr Konrad ab jetzt einmal im Jahr eine solche Reise gönnen? Der Verkauf von Elses beiden Pferden dürfte eine hübsche Summe einbringen! War er mit dem Kabinenmädchen zu hart umgesprungen? Ach was! Und wie gut er gewesen war! Hatte dem jungen Ding vor all den Leuten eine Riesenszene gemacht. Was sie sich einbilden würde, einfach an seinen Schrank zu gehen und den Troll auf sein Bett zu setzen? Das könne sie ihren Job kosten. Wie hatte das arme Ding geweint und immer wieder versichert, dass sie niemals die Schränke der Passagiere öffnen würde. Dann hatte Herr Konrad ganz großmütig getan und sich bei dem Mädchen mit dem Argument entschuldigt, aus Sorge um seine kranke Frau daheim womöglich überreagiert zu haben.

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An Nachmittag, auch das gehörte zu seinen festen Ritualen hier auf dem Schiff, begab sich Herr Konrad zum Tanztee in einen der Speisesäle. Auch das war Teil seines Plans. Wie er richtig vermutet hatte, waren fast nur Senioren zugegen, Frauen in der Überzahl. Und wenn Herr Konrad dann eine von ihnen zum Tanz aufforderte, dann dauerte es nicht lange und er erzählte mit zerknirschtem Blick von seiner Frau, die er so sehr liebte und die jetzt zu Hause mit gebrochenem Bein in ihrem Bett lag. Das Mitleid der Damen war ihm daraufhin immer sicher.

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Am Abend des gleichen Tages war Herr Konrad sehr aufgeregt. Nur noch diese eine Nacht, dann war er Witwer! Vor dem Spiegel übte er immer wieder diesen zutiefst erschütterten, geschockten Blick, wenn er die traurige Nachricht erfahren würde. Herr Konrad seufzte laut. Wäre Else doch nicht zu so einem einfältigen, dummen Ding geworden. Und immer diese Vorwürfe. Nur, weil Herr Konrad das Geld nicht mit offenen Armen verteilte. Warum er nicht mal spenden wolle? Warum er der Gesellschaft nicht etwas zurückgeben wolle? Es fehle ihnen beiden doch an nichts? Herr Konrad hatte es eines Tages nicht mehr hören können. Und er wusste, Else musste weg. Und zwar richtig. Eine Scheidung wäre Herrn Konrad viel zu teuer gekommen. Er wusste, dass Else schon lange davon träumte, noch einmal eine Kreuzfahrt wie diese zu unternehmen. Also hatte er eine solche gebucht und Else damit überrascht. Dieses dumme Ding. Hatte vor Rührung geheult. Lächerlich. Zurück von der Reise wäre Herr Konrad freilich alleine gekommen. Else wäre irgendwo auf hoher See über Bord gegangen, schließlich litt sie unter einer angeborenen Herzschwäche, die sie immer wieder ohnmächtig werden ließ. Und zu seiner tiefsten Bestürzung wäre Herr Konrad just in diesem Augenblick nicht zugegen gewesen. Herr Konrad lächelte. Aber jetzt war alles noch viel besser.

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Nach dem Essen gönnte sich Herr Konrad einen Drink an der Bar. Und noch einen. Dann hatte er die nötige Bettschwere. Er ging in seine Kabine und zog sich im Dunkeln aus. Das erschien ihm irgendwie angemessen. Er schlüpfte unter seine Bettdecke und stieß mit dem Kopf an etwas an. Verärgert machte Herr Konrad das Licht an und staunte nicht schlecht. Auf seinem Kopfkissen stand der Troll! Herr Konrad verstand nicht. Aber natürlich! Er hatte ihn doch selbst dort hingestellt! Herr Konrad atmete erleichtert aus. Er stellte den Troll auf den Nachttisch, machte das Licht aus und schlief sofort ein.

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Frisch und ausgeruht wachte...



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