E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Heiny Gemischte Gefühle
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-455-81420-0
Verlag: Tempo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-455-81420-0
Verlag: Tempo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katherine Heinys Kurzgeschichten sind im New Yorker, in Ploughshares, Narrative, Glimmer Train und vielen anderen Zeitschriften erschienen. Sie lebt in Washington, D. C., mit ihrem Mann und ihren Kindern. 2015 erschien ihr von der Presse gefeiertes Debüt Glücklich, vielleicht bei Hoffmann und Campe.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Widmung
Motto
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Dank
Über Katherine Heiny
Impressum
Kapitel Eins
In diesem zwölften Jahr seiner zweiten Ehe erschien es Graham allmählich so, als lebten er und seine Frau in parallelen Universen. Aber schlimmer fand er, dass sein Universum einsam und freudlos war, ihres dagegen dicht besiedelt mit Armeen von Freunden und Bekannten und jeder Menge Leute, die er nicht kannte.
Gerade erledigten sie ihren Samstagvormittagseinkauf bei Fairway, wie man es in einer Ehe oft zusammen machte – aber Graham konnte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie es eben zusammen machten. Seine Frau, Audra, plauderte fast die ganze Zeit über mit Leuten – er fühlte sich wie die Begleitung irgendeines Würdenträgers auf Staatsbesuch oder vielleicht sogar des Präsidentschaftskandidaten –, während er den ganz normalen Einkauf erledigte.
Zuerst trafen sie in der Obst- und Gemüseabteilung irgendeine Frau mit Baby im Kinderwagen und Audra sagte: »Oh, hi! Wie geht’s dir? Gehst du zu diesem Treffen am Dienstag?«, und die Frau antwortete: »Ich weiß noch nicht, da ist noch dieses andere Treffen«, und Audra sagte: »Ich dachte, das sei abgesagt?«, und die Frau antwortete: »Nein, es steht noch auf dem Plan«, und Audra meinte: »Ich wünschte, sie würden nicht immer Termine doppelt legen«, und die Frau: »Ich weiß«, und Audra wieder: »Hm, und wenn wir nicht hingehen, reden die anderen dann schlecht über uns?« »Wahrscheinlich«, sagte die Frau. Und nein, es war nicht so, dass Graham nicht aufgepasst und die genauen Einzelheiten nicht mitgekriegt hatte – es gab einfach keine, genau in dieser Art hatten sie miteinander gesprochen.
Er ließ sich Zeit dabei, die Melonen zu betasten und die Grapefruits auszuwählen, und wurde für sein Trödeln in gewisser Weise sogar belohnt, denn ihm fiel ein, dass sie grüne Trauben hatten kaufen wollen, die aber nicht auf dem Einkaufszettel standen.
»Wer war das?«, fragte er Audra, als sie wieder zu ihm stieß.
»Wer?« Audra warf einen prüfenden Blick in den Einkaufswagen.
»Die Frau, mit der du dich gerade unterhalten hast.«
»Oh, ihre Tochter geht in Matthews Klasse«, sagte Audra und wählte einen Apfel aus. »Und sie hat noch einen Fünfjährigen und ein Kleinkind und dieses Baby, kaum zu glauben, oder? Aber jetzt ist Schluss. Als das Baby eine Woche alt war, musste ihr Mann eine Vasektomie machen lassen. Sie hatte alles arrangiert, ihn morgens geweckt und gesagt: ›Weißt du was? Du hast heute einen Arzttermin.‹ Und er ging tatsächlich hin!«
Sie biss von dem Apfel ab. Audra war einundvierzig, eine schlanke Frau mit einem beinahe ovalen Gesicht. Ehrlich gesagt, dachte Graham manchmal, dass alles an Audra nur war. Ihre Augen waren nicht tiefbraun, sondern eher haselnussbraun, ihre Lippen waren nicht voll genug, um üppig zu sein, ihre Augenbrauen in der Mitte nicht so hoch, dass man sie geschwungen hätte nennen können, ihr kinnlanges Haar war nicht richtig kastanienbraun und ihre Locken nicht wirklich gekräuselt. Seit Graham sie kannte, trug sie ihre Haare in dieser Länge. Angeblich lockten sie sich, wenn sie kürzer waren, so um ihr Gesicht, dass ihr Kopf zu rund wirkte; ließ sie sie wachsen, wurden die Spitzen zu schwer, und sie musste sie ordentlich durchstufen lassen. (So ist die Ehe: Am Anfang denkt man, man hat den interessantesten Menschen der Welt geheiratet, und zwölf Jahre später hat man den Kopf voll mit unnützem Zeug über Haare. Klar gab es auch noch andere Dinge – ein paar Meilensteine wie ein Kind zu bekommen oder ein Haus zu kaufen –, aber das war’s eigentlich auch schon.) Audra war nicht richtig schön, aber ihre Lebendigkeit sorgte dafür, dass sie alles andere als fade war.
Einen Gang weiter bei den Frühstücksflocken stoppte Audra plötzlich den Wagen. Ein junger Mann direkt dahinter warf ihnen einen bösen Blick zu, aber Audra beachtete das gar nicht.
»Oh! Hey!«, sagte Audra. »Schau mal! Hallo! Hi! Wow! Wie geht’s dir?« Man hätte meinen können, sie begrüße eine ganze Fußballmannschaft und nicht nur eine einzelne Frau in Jeans und T-Shirt, die das Haar zum Knoten hochgebunden hatte.
»Hallo Audra«, sagte die Frau.
»Es tut mir so leid, dass ich es heute nicht zum Yoga geschafft habe, Beverly!« Audra räusperte sich. »Also eigentlich meine ich, Maninder Prem. Noch mal sorry, ich habe vergessen, dass du jetzt bei deinem spirituellen Namen genannt werden möchtest, stimmt doch, oder? Auch im Supermarkt?«
»Du kannst mich Beverly nennen«, sagte die Frau mit neutralem Ton. »Aber bitte denk dran, dass es bei mir keine Rückerstattungen gibt, wenn man zu spät absagt oder nicht kommt.«
»Ja, natürlich«, sagt Audra. »Wir hatten heute Morgen nur einen kleinen – na ja, ich will nicht sagen Notfall, aber einen Zwischenfall – mit meiner Schwiegermutter, einem uralten Glas Kapern im Kühlschrank und einem Krankenhausbesuch …«
Audras Neigung zu beiläufigen Lügen schockierte Graham immer wieder. Seine Mutter lebte in Ohio, und soweit er wusste, ging es ihr prima, obwohl es tatsächlich vorkam, dass sie manche Sachen erschreckend lang im Kühlschrank aufbewahrte.
»Oh, das tut mir wirklich leid«, sagte Beverly, als gäbe es noch mehr dazu zu sagen. Sie tat es aber nicht.
»Ja«, antwortete Audra, als hätte auch sie noch etwas hinzuzufügen, tat es dann aber ebenfalls nicht. Schließlich machte sie eine flattrige Handbewegung und sagte: »Beverly, das ist mein Mann, Graham. Graham, das ist meine Yoga-Lehrerin, Beverly.«
Graham lächelte höflich und gab Beverly die Hand, die ihn kurz von oben bis unten musterte. Er war fünfzehn Jahre älter als Audra, und er spürte, dass Beverly dachte: . Graham wollte ihr sagen, dass seine Beziehung mit Audra nicht eine von war, sondern so besonders und einzigartig, dass nicht mal er wusste, was genau so einzigartig zwischen ihnen war, es aber auch schon vor langer Zeit aufgegeben hatte, sich das zu fragen. Er war groß und ganz gut in Form, seine Haare wurden bisher nur an den Schläfen grau, aber plötzlich hatte er das Gefühl, er müsse aufrechter stehen, sich straffen. (War das nur seine Wahrnehmung, oder war Beverly furchtbar abschätzig und wertend, gerade für eine Yoga-Lehrerin?)
»Na dann«, sagte Audra, »wir sehen uns nächste Woche, Beverly.«
Sie gingen weiter, und sowie sie um die nächste Ecke und außer Sichtweite waren, sagte Audra: »Ich habe Yoga heute Morgen vollkommen vergessen«, als wäre ihm das nicht ohnehin klar gewesen.
»Ich glaube, das hat Beverly gemerkt«, sagte Graham.
Audra seufzte. »Ja, vielleicht. Ich weiß nicht, warum ich mal gedacht habe, eine Yoga-Stunde Samstagfrüh wäre eine gute Idee. Muss mich wohl besonders stark gefühlt haben, als ich mich da angemeldet habe.«
Beim Eiscreme-Fach trafen sie ihren Elektriker, Brady Shannon, und Graham wusste sofort, dass Audra extralange mit Brady reden würde, weil sie überzeugt war, dass Elektriker, wenn man sehr, sehr freundlich zu ihnen war, sehr, sehr schnell zur Stelle wären, wenn es etwas zu reparieren gab. Die Tatsache, dass sich diese Herangehensweise als sehr, sehr falsch erwiesen hatte, rüttelte jedoch nicht an ihrer Überzeugung.
»Brady Shannon!«, rief Audra.
»Oh, hallo, Ms Daltry, Mr Cavanaugh«, sagte Brady. Er war ein schmächtiger Mann mit beginnender Glatze in grauem Trainingsanzug und solchen Polstern an den Knien, wie Skateboarder sie trugen. Jedes Mal, wenn Graham ihn sah, trug Brady diese Kniepolster, wahrscheinlich, weil er sich immer hinknien und hinter die Kühlschränke und Waschmaschinen der Leute kriechen musste.
»Ich habe erst heute Morgen an Sie gedacht«, sagte Audra. »Ja, eigentlich denke ich fast jeden Morgen an Sie, wenn ich dusche!« Brady hatte kürzlich ihren Duschkopf repariert. »Ich denke immer: «
Brady grinste Audra an und wippte auf seinen Ballen vor und zurück.
Nicht zum ersten Mal fragte sich Graham, ob in Audras Gehirn eine Art Verarbeitungseinheit – so etwas wie ein Filter – fehlte. Ständig sagte sie solche Sachen, ohne dass ihr klar zu sein schien, wie das rüberkam. Jetzt stand der arme Brady Shannon hier bei der Gefriertruhe und kam in Wallung.
»Na ja«, sagte Audra ahnungslos, »wie geht’s Ihnen?«
»Oh«, antwortete Brady enttäuscht. Wahrscheinlich hatte er gehofft, Audra würde beschreiben, was sie in der Dusche machte. »Ganz gut.«
Audra berührte Bradys Arm. »Und bitte sagen Sie, wie geht es der lieben Ellen?«
Okay, erstens: Zufällig wusste Graham, dass Audra keine Sachen sagte wie »die liebe Ellen«. Nur hatte sie es gerade getan. Zweitens: Graham hätte wetten könne, dass Brady es nicht mochte, wenn Leute Sachen sagten wie »die liebe Ellen«. Aber als Audra es gerade sagte, hatte es ihm gefallen. Drittens: Ellen war eine Katze.
»Sie kommt zurecht, schätze ich.«
»Blasenentzündungen können sehr schwierig sein«, sagte Audra.
»Weiß ich wohl«, Brady schüttelte den Kopf und machte .
Audra und Brady sprachen noch ein wenig über Ellens Harntrakt und die Gesundheitsprobleme älterer Katzen im Allgemeinen sowie die astronomisch hohen Kosten in der Veterinärmedizin und Bradys Tante Linda, die selbst kürzlich eine üble Blasenentzündung hinter sich gebracht hatte. Außerdem darüber, dass Audra mal eine Woche lang andauernd Preiselbeersaft getrunken hatte, sich dann aber herausstellte, dass es gar keine Blasenentzündung war –
Endlich, endlich kamen sie...




