Heinze | Metaphysische Schlampen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 378 Seiten

Heinze Metaphysische Schlampen


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-6569-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 378 Seiten

ISBN: 978-3-7534-6569-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Liebesschmerz, Eifersucht, Sex wie hormonbehandelte Bonobos, romantische Verirrungen, Korruption und kleinhirnige Mafiosi, knallköpfige Politgangster, Freundschaft zwischen Vater und Sohn - ein wilder Ritt durch den Dschungel menschlicher Existenz. Das Buch bietet Romantik ohne Sentimentalität.

geboren 1952, Stadtplaner, Projektentwicker, Komponist, Pianist, Autor und Performer
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3.

SZOMBATHELY

Als die Gulaschkommunisten in Ungarn noch an der Macht waren, gerieten drei Kollegen und ich in der Stadt Szombathely in die Fänge der dortigen Justiz. Da begab es sich auch, dass ich eine sehr nette russische Jungfrau kennenlernte. Ich stand mit ihr in einem feuchten Hauseingang und sie sagte nicht „Schysn plocho“, sondern „Ja liubliu tebja“ und ich sprach zu ihr: „Sluschaite dewuschka . . .“

Das hieß soviel wie: „Hören Sie mal zu, Mädchen ???????. “

Das gefiel ihr anscheinend. Diesen Satz musste ich nicht einmal beenden, der Anfang genügte. „????????, ???????!“

Ich versprach, für sie eine Birke zu pflanzen - eine ?????? - und ich machte es später tatsächlich.

Eine solche Szene in Szombathely konnte man nur erleben, wenn man zu viele ungarische oder sonstige Währungseinheiten in den Taschen hatte und dann leichtfertig die Grenze überschritt.

Die Gulaschkommunisten hatten damals eine Obergrenze der Einfuhrmenge an Kohle oder wie man da sagt, Devisenbeschränkung ist der richtige Ausdruck, von genau vierhundert ungarischen Währungseinheiten pro Person festgelegt und wir waren zu viert und jeder hatte circa zehntausend solcher Währungseinheiten in der Tasche.

Tatsächlich hatten nicht alle die Scheinchen in der Hosentasche.

Mein Partner N. hatte sie in der Hose, ganz locker, und sie schauten auch noch aus seiner Gesäßtasche heraus, weil ihm seine Beinkleider am Arsch zu eng waren.

Ich jedenfalls hatte meine zehn Tausender in einem Paar Socken versteckt, völlig unerfahren wie ich beim Schmuggeln war.

Der ungarische Zollmann sagte grinsend zu mir: „Sie gutää Inschänäär, ich gutää Forint Findäär.“

Er schien eine Art Ehrgeiz entwickelt zu haben, mir eins auszuwischen. Wahrscheinlich hatte ich ein ziemlich fatzkehaftes Wesen damals und kam mir ziemlich gut vor, weil ich dachte: „Bis zu meinen Socken kommt der nie.“

Meine Socken hatte ich schlauerweise ganz unten in meiner Reisetasche versteckt, ein lächerlich laienhaftes Vorgehen.

Die ungarischen Zollfritzen nahmen aber nicht nur unsere Koffer und Taschen auseinander, sondern auch unsere Autos und stellten die ganzen Innereien von den Fahrzeugen auf die Straße und wir mussten das nachher alles wieder hineintun und zusammenschrauben, um weiterfahren zu können.

Schöne Bescherung das.

Festgenommen hatten sie uns, weil wir viel zu viel Geld einstecken hatten. N. und Paul, die damals noch Freunde waren, wollten sich einen Kahn am Balaton kaufen, ein richtiges Segelboot mit Kajüte und so, daher das Geld.

Diese ungarischen Boote waren speziell für Flachwasserseen designt und schöne runde Nussschalen, wo man sich die DDR-Mädchen draufholen konnte und mit denen ein bisschen plaudern.

Die DDR-Mädchen plauderten gern mit West-Onkels, weil die meist ein paar Deutschmarks oder Schilling dabei hatten. Die DDR-Bräute waren mit ihren Bezugsscheinen, für die sie sich, glaub ich, pro Tag ein Bier und einen Broiler kaufen konnten, schnell am Ende. Es lebe der Sozialismus und die Würde der Arbeiterklasse.

Am Abend tigerten diese Damen meist hungrig, durstig und geil durch die Gegend.

Broiler waren leicht grünlich aussehende gekochte Hühner, anscheinend das Nationalgericht der damaligen DDR, die dunkelweiß bis ockerfarben in den improvisierten Imbisshütten am Balatonstrand herumhingen und vor sich hin moderten. Das Zeug sah dermaßen grausig aus, dass sich sofort heftige Übelkeit einstellte, wenn man nur hinschaute, von Essen möchte ich nicht reden.

Also schauten wir von diesen modrigen Hühnern weg und richteten unser Augenmerk auf die knackigen Werktätigen-Weibchen, die an diesem See Balaton zu Hunderten herumliefen.

Meistens machten wir es so: wenn der Käpt’n pinkeln musste, sagte er kurz vor dem Pissgang zu mir:

„Wenn ich zurückkomme, sitzen die drei da drüben am Tisch.“

Er meinte unseren Tisch.

Er war total gut im Taxieren, die Frage mit wenigen Blicken und Überlegungen zu klären, ob wir es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schaffen konnten, unsere Auserkorenen für ein gemeinsames Plauderstündchen in unserem Zelt oder auf unserem gemieteten Schiff zu begeistern.

Nicht alle für einen und einer für alle; jeder hatte seine Kabine und jeder kriegte sein Weibchen.

Die DDR-Mädchen wohnten meist in Gewerkschaftsheimen, da musste man an bissigen Consiergen vorbeikommen und das war nahezu unmöglich, also mussten wir die Damen in unsere Facilities lotsen.

In Leningrad neunzehnhundertsiebenundachtzig war das auch so. Consiergen saßen in den Hotels auf jedem Stockwerk und kontrollierten die Gäste, ob sie sich Frauen mitnahmen oder ob die Frauen anschaffen gingen.

Die Consiergen wurden dann mit einem kleinen Obulus in Dollar beglückt und die Sache war geklärt und geregelt, in Leningrad funktionierte das.

In Szombathely dachten sich die Ungarn eine ziemlich schlimme Strafe für uns aus: Sie quartierten uns für eine Woche im teuersten Hotel der Stadt ein.

Die Unterbringung ging nicht auf Staatskosten, sondern wir bekamen hinterher die Rechnung. So konnten sie uns besser abzocken und verrechneten uns einen doppelten Deppenaufschlag.

Auffällig war, dass in diesem Hotel viele sehr abgewetzte Kunstleder-Sporttaschen herumstanden. Auf der Straße vor dem Hotel waren verdächtig viele Fiat Ladas geparkt, alle mit dicken Antennen auf dem Dach.

Die Herren in den Fiat Ladas versuchten, die Späße zu verstehen, die wir damals machten, und das war sicher nicht einfach.

Paul, der oft im damaligen Ostblock unterwegs war, und dort Computer verkaufte, erklärte mir, dass sie uns in den Fiat Ladas abhören würden; ich hielt ihn für leicht paranoide. Was die Ungarn über uns Würstchen herausfinden wollten, konnte ich mir nicht vorstellen. Paul hatte wahrscheinlich recht. Das Spitzel- und Abhörunwesen war in den damaligen COMECON-Ländern extrem ausgeprägt.

Mein Partner N., der schon wesentlich mehr Reisen unternommen hatte in diese Gegend um den schönen See Balaton als ich, erzählte mir oft von Leuten, die ihm glaubwürdig schilderten, wie sie und von wem sie gerade bespitzelt wurden, und das live:

„Schau mal, der Typ da drüben mit dem karierten Hemd und der Halbglatze, das ist unser Stasi-Fritze.“

Die DDRler durften keine Westkontakte haben, das konnte ihnen in Chemnitz oder Dresden als Kooperation mit dem Klassenfeind vorgehalten werden und dann durften, wenn sie zu eng mit dem Klassenfeind kooperiert hatten, vielleicht die Kinder nicht mehr studieren oder Abitur machen; so ungefähr war das damals bei denen.

Die Piefke haben immer die wahnsinnigsten Politsysteme, weil sie anale Charaktere sind, küchenpsychologisch betrachtet.

Die DDR-Fräulein, die sich uns aussuchten oder die wir uns aussuchten, hatten allerdings meist gegen intensivere Kooperationen mit dem Klassenfeind nicht so viel einzuwenden. Sie machten sich auch nichts aus den Spitzeln, weil sie sich dachten, mit dem Klassenfeind zu vögeln falle nicht unter die Rubrik intensive Westkontakte; so war zumindest zu vermuten.

Einmal gelang uns ein Meisterstück. Wir schnappten einer Gruppe von Motorradfuzzis zwei ihrer schönsten Bräute weg, setzten die Girls auf die Gepäckträger unserer Fahrräder und düsten zu unserem Zelt.

Dort unterhielten wir uns dann ausgiebigst über Fragen des gegenseitigen Respekts zwischen männlichen und weiblichen Systemen und wie man die Pipelines legen könnte, dass das eine System zum anderen kommt und die Säfte sich ein wenig vermischten zum Wohle des Weltfriedens.

Schön und zärtlich und zutraulich waren diese Mädchen, mit einer Lebenslust ausgestattet, die nur durch das ganzjährige Eingesperrtsein und das langweilige Fernsehprogramm in der DDR zu erklären war.

Sie hatten einfach Lust am Leben und durch die Sachen, die wir mit ihnen machten, fühlten sie sich wie kleine Prinzessinnen. Wir waren immer höflich und benahmen uns sehr anständig und großzügig ihnen gegenüber.

Sie wiederum halfen uns, die zur Verfügung stehende Zeit mit allen Freuden des Herzens zu genießen.

„Freuden des Herzens, ist das jetzt Courths-Mahler oder was?“

Die Zollfritzen und die Justiz in Szombathely bemühten sich nach Kräften, uns ordentlich was anzuhängen und mein Partner N. und ich sahen uns schon in einem Steinbruch beim großen Bruder in Sibirien mit sehr einfachen Werkzeugen dieses Granit-Kleinstein-Pflaster herstellen, das damals im Lande A. für teurere Fußgängerzonen Verwendung fand.

In der Kärntnerstraße in W. war so ein Granit-Kleinstein-Pflaster verlegt und wenn der Stein, aus dem das hergestellt wurde, eine besonderes harte Konsistenz hatte, würde unser Los extrem bitter werden. Das wurde uns schmerzlich klar.

Diese Verzweiflung...



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