Heinzel | Eine Stadt dreht durch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Heinzel Eine Stadt dreht durch

Frankfurter Short Storys
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948987-20-6
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Frankfurter Short Storys

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-948987-20-6
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Frankfurt ist eine Satire wert. Oder auch ein Dutzend. Ein Ei, das Frankfurt ganz nach vorne bringt. Ein Jahrhunderttalent, das keines sein will und ein Abgeordneter, der sich um Kopf und Kragen redet. Ein Autokauf, bei dem jeder mitreden will und eine Callcenter-Stimme, der keiner widerstehen kann. Ein Sarg zum Geburtstag, Straßenschlachten vor dem Parkhaus, ein Bruderzwist, bei dem keiner klein beigibt und vieles andere mehr. Kleine und große Großstadtdramen. Lustig, böse und bisweilen ganz schön schwarz.

Andreas Heinzel wurde 1962 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Studium und einer langen Karriere als Texter, Sprecher und Kreativdirektor veröffentlichte er 2016 seinen Debütroman Die Monarchos. Mit der schrägen Provinzposse Herr Neumann will auf den Olymp folgte drei Jahre später sein zweiter satirischer Roman. Zum dritten und vierten Teil der Anthologie 'Ein Viertelstündchen Frankfurt' trug er Kurzgeschichten bei und initiierte 2020 gemeinsam mit Susanne Reichert und Meddi Müller das literarische Online-Projekt 'Der Nächste, bitte!', an dem sich siebzehn bekannte Autorinnen und Autoren beteiligten. Mit Eine Stadt dreht durch legt er nun seinen ersten Band satirischer Short Storys vor. Andreas Heinzel hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau in Frankfurt.
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Bereits vor Jahren, nein, vor Jahrzehnten hatten mein Mann und ich aufgehört, uns etwas zu Weihnachten zu schenken. Wir waren in der glücklichen Lage, uns alles kaufen zu können, sollten wir denn einen Wunsch hegen, doch derlei passierte schon lange nicht mehr. Im Grunde hätten wir auch die Schenkerei zu den Geburtstagen einstellen können, doch aus unerfindlichen Gründen behielten wir es bei. Joachim bekam von mir meist etwas Nützliches, das er gewohnt unangemessen hektisch auspacken durfte. Etwas, das er möglicherweise sogar gebrauchen konnte, eine digitale Körperwaage oder einen elektrisch betriebenen Rasenmäher, während er mir im Gegenzug im Laufe des Geburtstags eine der Karten überreichte, die er zu Dutzenden in seinem Schreibtisch hortete. Darauf war ein Blumenstrauß vor einer Wiese zu sehen und handschriftähnlich aufgedruckt, sodass er auf der Innenseite nur noch mit zu unterschreiben und einen Hundert-Euro-Schein beizulegen brauchte.

„Kauf dir etwas Schönes, Ursula“, sagte er, während er mir den Umschlag in die Hand drückte, und variierte diese Empfehlung auch nur sehr selten. Ich bedankte mich mit ähnlich gleichförmigen Worten, begab mich ins Schlafzimmer in der oberen Etage, zog den Geldschein heraus und legte ihn zu den anderen, die sich gleich hinter der Bibel in der Schublade meines Nachttischs stapelten. Bestimmt hatte ich inzwischen mehr als zweitausend Euro angehäuft, die ersten Geldgeschenke musste ich nach der Jahrtausendwende noch in die neue Währung umtauschen. Ohne dass mein Mann es bemerkte, wollte ich das Geld für den Moment aufsparen, in dem ich mehr als das Haushaltsgeld benötigte, das mir Joachim am Monatsanfang zugestand. Dieser Moment war nun gekommen.

Joachim war am achten Mai fünfundvierzig geboren worden, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation. Er war überhaupt nur gezeugt worden, da sein Vater Karl, der an die Westfront abkommandiert worden war, das Glück hatte, trotz der Invasion in der Normandie einen letzten kurzen Heimaturlaub antreten zu dürfen. Das Elternhaus in Sachsenhausen war bei den schweren Bombenangriffen im Jahr zuvor nicht getroffen worden und so konnte Karl noch einmal unbeschwerte Tage mit der Mutter und seiner Frau Hildegard verbringen, die er vor dem Aufbruch Richtung Paris, einem Impuls folgend, geehelicht hatte.

Neun Monate später galt Karl als vermisst, genau wie sein Vater, von dem die Steinhoffs seit Stalingrad nichts mehr gehört hatten. Als die Wehen einsetzten, konnten sie so schnell keinen Doktor ins Haus holen, und so war es an der Mutter sowie der Haushälterin Luise, den kleinen Sohn an einem derart hoffnungsfrohen Tag zur Welt zu bringen. Wegen des Glückstags, an dem er geboren worden war, gab ihm seine Mutter den Zweitnamen Fortunato, den Joachim aber Zeit seines Lebens peinlich fand und schon zu Gymnasialzeiten hinter einem verschämten F. versteckte. Hildegard hatte die Entscheidung der Namensgebung alleine treffen müssen, denn zu ihrem Unglück kehrte auch Joachims Vater nicht aus dem Krieg zurück. Beim Rückzug der deutschen Einheiten war er von der Offensive der Alliierten in Form eines amerikanischen Sherman-Panzers überrollt worden und konnte erst Jahre später durch die unermüdliche Suche des Roten Kreuzes gefunden und der Familie Steinhoff zugeordnet werden.

Das Schicksal wollte es demnach, dass Joachim in einem reinen Frauenhaushalt aufwuchs. Nach der mit Bestnoten bestandenen Reifeprüfung und dem im Anschluss daran abgelegten Wehrdienst ging er zum Studium der Jurisprudenz nach Heidelberg. Er galt als fleißig, strebsam und konnte den damals beginnenden Unruhen unter den Studenten nichts abgewinnen. Im Gegenteil schien er ein festes Regelwerk geradezu zu suchen und fand es in Form einer schlagenden Verbindung, der er noch im ersten Semester beitrat und die ihm neben dem Respekt der Kommilitonen einen prächtigen Schmiss an der linken Wange einbrachte. Im Kreise seiner Kameraden galt Joachim als leidenschaftslos und ging höchstens bei den regelmäßig stattfindenden Gelagen aus sich heraus. In der Tat konnte er sich nur für sehr wenige Dinge begeistern, in erster Linie für Fußball, insbesondere die Mannschaft seiner Heimatstadt, die Frankfurter Eintracht.

Der Wagen des Bestattungsinstituts bog in die Einfahrt unseres Anwesens in der Mörfelder Landstraße ein und fuhr leise durch den knöchelhohen Schnee. Ich beobachtete das Ganze hinter dem Vorhang des Salons, denn ich erwartete die Herren bereits. Ich hatte sie eigens darum gebeten, erst nach Einbruch der Dunkelheit zu erscheinen, da ich die Neugier der wenigen Nachbarn nicht unnötig wecken wollte. Womöglich dächten sie sonst noch, im Hause Steinhoff sei jemand verstorben.

Den Zeitpunkt der Lieferung hatte ich in weiser Voraussicht gewählt. Joachim war mit den wenigen noch verbliebenen Studienfreunden zur Partie seiner Eintracht nach München gereist. Der Besuch eines gemeinsamen Auswärtsspiels war das letzte verbliebene Relikt der jahrzehntelangen Stadionbesuche, ein Anlass, die Freunde von früher einmal im Jahr zu treffen und vor und nach dem Spiel auf gute alte Zeiten anzustoßen. Nicht einmal ins Waldstadion, das er unbeirrbar so bezeichnete, ging er noch. Joachim war zwar erst vierundsiebzig Jahre alt, doch hatte er ein paar Jahre zuvor die Entscheidung getroffen, die Spiele seiner Mannschaft von nun an ausschließlich am Fernseher zu verfolgen, was er seitdem auch konsequent und ausnahmslos beherzigte.

Ich zog mir den Mantel über und ging den Herren, die gewohnheitsmäßig ihre Hüte vor mir zogen, die wenigen Stufen von der Pforte in den Garten entgegen.

„Guten Abend, Frau Steinhoff. Wohin dürfen wir das gute Stück denn bringen?“

„Ich zeig’s ihnen“, antwortete ich, lief voraus und öffnete mit der Fernbedienung das Tor der Garage, das sich nahezu geräuschlos hob und den Blick auf ein rotes Jaguar Cabriolet freigab, welches sich Joachim nach der Pensionierung geleistet hatte und das er nach wie vor an drei, vier geeigneten Sommertagen im Jahr zu einer Spritztour in den Taunus ausfuhr. Von Zeit zu Zeit hatte ich daran teilgenommen, doch inzwischen ließ ich ihn überwiegend alleine fahren.

Abgesehen von diesen wenigen Gelegenheiten betraten wir die Garage eigentlich nie. Sämtliche notwendigen Fahrten absolvierten wir mit dem Taxi, was weitaus bequemer und sicherer war, zumal ich mich auf Joachims Beifahrersitz zusehends unwohler fühlte. Seine Reaktionszeit hatte sich spürbar verlangsamt, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er deswegen einen Unfall verschulden würde.

„Stellen Sie ihn bitte dorthin“, sagte ich und deutete auf die vier neben dem Jaguar platzierten Getränkekisten. Die Kisten aufzureihen, hatte mich mehr Anstrengung gekostet, als ich bei der Planung vermuten konnte. Die beiden Männer nickten zustimmend, kehrten zu ihrem Fahrzeug zurück und öffneten die Heckklappe des Kombis. Sie zogen den schweren Eichensarg aus dem Laderaum und trugen ihn bedächtigen Schritts, ganz so, als würde sich tatsächlich jemand darin befinden, in die Garage, setzten ihn vorsichtig auf den Getränkekisten ab und verbeugten sich davor.

„Wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben, Frau Steinhoff: Eine solch kluge und weitsichtige Entscheidung erleben wir ausgesprochen selten. Ich denke, Ihr Gatte wird sich sehr darüber freuen.“

„Das denke ich auch“, sagte ich. „Später hat er doch nichts mehr davon. So kann er jetzt schon dem Tag entgegenfiebern, wenn das in Ihren Ohren vielleicht auch etwas makaber klingen mag.“

„Ganz im Gegenteil, leider denken viel zu wenige Menschen wie Sie. Sie scheinen Ihren Mann sehr zu lieben.“

„Oh ja“, antwortete ich. „Das tue ich, meine Herren.“

Ich begleitete die Herren zum Fahrzeug, verabschiedete mich mit Handschlag und wünschte beiden ein frohes Fest. Bezahlt war der Sarg bereits, die Geburtstagskarten meines Mannes hatten schließlich doch noch eine sinnvolle Investition zugelassen. Eine Anschaffung, von der er natürlich keine Ahnung hatte. Ich zog den Mantel enger um den Körper, ging vorsichtig, um auf dem frischen Schnee nicht auszurutschen, zur Garage zurück und verschloss das Tor hinter mir.

Liebe. Ich musste lachen. Das war einmal, wenn überhaupt. Joachim liebte nur seinen Verein, für größere Gefühle war in seinem Herzen kein Platz. Schon gar nicht für mich. Als mir das klar wurde, als ich erfasste, dass ich in Joachims Leben keine Rolle spielte, vielleicht nie gespielt hatte, empfand ich einzig und allein Bitterkeit. Die Liebe bis in alle Ewigkeit, das Füreinanderdasein, , all diese Floskeln, die wir uns in der Kirche vor langer Zeit versprochen hatten, alles hatte seine Gültigkeit verloren. Wenn ich ehrlich war, hatte ich mich nur nicht scheiden lassen, da Joachim ein erstklassiger Jurist war und es für ihn ein Leichtes gewesen wäre, mich von heute auf morgen mittellos auf die Straße zu setzen. Also arrangierten wir uns irgendwie, und die Liebe bis in alle Ewigkeit...



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