E-Book, Deutsch, 335 Seiten
Heinzel Herr Neumann will auf den Olymp
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-947612-28-4
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die tolldreiste Geschichte, wie Frankfurt die Sommerspiele bekam
E-Book, Deutsch, 335 Seiten
ISBN: 978-3-947612-28-4
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Heinzel wurde 1962 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Germanistik, Politikwissenschaften und Geschichte und arbeitet seit Jahrzehnten als Texter, Sprecher und Kreativdirektor. Nach seinem 2016 ebenfalls im mainbook Verlag erschienenen Debüt Die Monarchos veröffentlicht er mit Herr Neumann will auf den Olymp seinen zweiten Roman. Andreas Heinzel hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau in Frankfurt.
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Prolog
Trotz widriger Wetterverhältnisse über dem Schwarzwald landete der Lufthansa-Flug LH 1216 pünktlich um kurz nach halb eins auf dem internationalen Flughafen in Genf. Neben der Crew und vierundachtzig weiteren Passagieren befanden sich an Bord des Airbus 321 auch der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, Balthasar Neumann, nicht im Entferntesten verwandt mit dem weltberühmten Baumeister, sowie Stefan Drosdorf, ein langjähriger Freund des Stadtoberhaupts und Leiter des vor etwas mehr als einem Jahr ins Leben gerufenen FOK, des Frankfurter Olympischen Komitees.
Auf dem Rollfeld parkte neben dem kleinen Shuttlebus des Airports eine anthrazitfarbene Limousine, davor wartete in klassisch dunkelblauer Chauffeursuniform, lässig an den linken Kotflügel gelehnt, deren Fahrer. Der Bedienstete hielt ein Schild in der Hand, auf dem bereits von der Gangway aus zu lesen war: . Die beiden so willkommen geheißenen Gäste trennten sich daher, kaum auf Schweizer Boden angekommen, von den übrigen Passagieren und eilten mit schnellen Schritten auf das Ein-Mann-Empfangskomitee zu. Der Fahrer öffnete ihnen die Tür zum Fond des Wagens. Die Männer stiegen ein, die Limousine setzte sich in Bewegung und erreichte nach wenigen Minuten die Autobahn Richtung Lausanne.
„Nervös?“, fragte Stefan Drosdorf den Oberbürgermeister, der aus dem Fenster sah und die Landschaft an sich vorbeiziehen ließ.
„Quatsch“, antwortete der. „Wir gehen rein, holen das Ding und fliegen zurück. Ich verwette meinen Hintern, dass sie der Film von Coleman überzeugt hat.“
Mit dem Engagement von Steve Coleman als Regisseur des Frankfurter Bewerbungsvideos hatten Neumann und Drosdorf einen erstklassigen PR-Coup gelandet. Zweimal schon hatte Coleman den Oscar für die beste Regie geholt und nun in einem fünfzehnminütigen, wie Neumann fand, sensationell emotionalen Film die Metropole am Main in Szene gesetzt. Für das Geld, das er dafür bekam, hätte die Stadt zwar genauso gut ein Jahr lang eine Grundschule finanzieren können, doch Colemans Bildwelten waren jeden Cent wert gewesen, das würde sich sehr bald zeigen.
„Das wette ich auch. Obwohl man nie weiß, was die anderen aus dem Hut gezaubert haben“, antwortete Drosdorf.
„Ich bitte dich“, sagte Neumann. „Rotterdam ist stinklangweilig, Kairo geht politisch nicht, Mexiko City ist ein Moloch und Mumbay, hallo? Wer von denen will allen Ernstes nach Mumbay? Vergiss es, Stefan. Vergiss es einfach. Wir holen das Ding.“
Der Oberbürgermeister lächelte, sodass sich rings um die Augen unzählige kleine Lachfältchen zeigten, die die Frankfurter so an ihm mochten. Ja, man vergötterte ihn wie , und er wiederum liebte seine Frankfurter. Richtiggehend ans Herz gewachsen waren sie ihm seit seinem Amtsantritt, und er war stolz, deren Oberhaupt sein zu dürfen. Ganz besonders heute.
Eine knappe Stunde später bog die Limousine nach rechts ab, fuhr eine Auffahrt hoch und hielt vor einem gläsernen Gebäudekomplex mit einem eleganten, durch fünf Ringe gekrönten Eingangstor.
„So, auf geht’s“, sagte Neumann siegesgewiss, schnappte die Umhängetasche mit dem Notebook und stieg aus.
Normalerweise wurde die Vergabe der Olympischen Spiele während eines irgendwo auf der Welt stattfindenden IOC-Kongresses bekanntgegeben. Diesmal jedoch wollte man ein Zeichen der neuen Bescheidenheit setzen, einen Neuanfang wagen, und zog sich in die eigenen Gemächer des Internationalen Olympischen Komitees nach Lausanne zurück. Geladen waren lediglich kleine Abordnungen der fünf verbliebenen Kandidaten, die Presse hingegen konnte sich, wie Millionen von Zuschauern, live über das Fernsehen oder einen Stream im Internet dazuschalten. Geplant war eine zweieinhalbstündige Übertragung, direkt im Anschluss würde der Vorsitzende des IOC die Gewinnerstadt verkünden. Kurz und schmerzlos.
Neumann und Drosdorf wurden von einer Hostess in den Raum geführt, in dem bereits der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, ein erfolgreicher Kugelstoßer sowie eine nicht minder erfolgreiche Hürdenläuferin warteten, die im letzten Jahr zu Deutschlands Sportlern des Jahres gewählt worden waren.
„Tag, die Damen und Herren“, begrüßte Neumann die Anwesenden. „Na, dann wollen wir das Ding mal an den Main bugsieren, was?“
„Wir sind zuletzt dran“, begrüßte der Chef des DOSB den Oberbürgermeister. „Ist das jetzt gut oder schlecht?“
„Das ist super“, erwiderte Neumann. „So hinterlassen wir den letzten Eindruck, und zwar einen bombigen. Außerdem kennt die Jury die Filme längst, die Entscheidung ist garantiert schon vor Tagen gefallen. Ich werde zu unserem Film ein paar passende Worte sagen, und dann werden wir sehen. Aber es hat geklappt, ich bin mir absolut sicher.“
„Am meisten Sorgen mache ich mir um Mumbay“, sagte der DOSB-Chef. „Die lieben’s exotisch, wetten? Knallige Farben, schöne Menschen, viele Kinder. Ihr wisst schon.“
„Ach was, seitdem da in den Hotels herumgeballert wurde, will doch keiner mehr dort hin. Mumbay könnt ihr vergessen. Höchstens Mexiko City, wegen der Drogen. Da könnte sich die Jugend der Welt problemlos mit verbotenen Substanzen eindecken“, lachte Drosdorf.
„Nicht besonders lustig“, empörte sich der Kugelstoßer neben ihm. „Wir Athleten wollen sauberen Sport, Herr Drosdorf.“
„Jaja, schon klar, wir ja auch“, antwortete der Chef des FOK. „Scherz“, lachte er und boxte dem Sportler freundschaftlich auf die gestählte Brust.
Eine gute Viertelstunde später wurde die deutsche Delegation in den großen, bereits gut gefüllten Konferenzraum gebeten. Die Vertreter der anderen Bewerberstädte standen in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich oder plünderten das üppige Büffet, das sich außerhalb des Scheinwerferlichts der Kameras an der Seite des Raums befand.
Neumann, Drosdorf und die übrigen Vertreter Frankfurts suchten und fanden ihre Plätze zentral in der Mitte des Saals. Ein gutes Zeichen, befand der OB, das sei ganz klar ein Vorentscheid. Dann widmeten auch sie sich den Häppchen, denn der Snack im Flieger bei so kurzen Strecken war nur für den hohlen Zahn, hoffentlich hatten die Eidgenossen was Ordentliches aufgetischt.
Viel war nicht mehr da, stellten die Deutschen enttäuscht fest. „Wahrscheinlich waren die Holländer schon hier“, meinte Neumann. „Wie auf Malle.“ Und das, obgleich der Oberbürgermeister selbst noch nie auf Mallorca gewesen war, geschweige denn jemals einen Pauschalurlaub verbracht hatte, womöglich noch all-inclusive. Gott bewahre.
Die Delegationsteilnehmer griffen, was sie bekommen konnten, packten sich das eine oder andere Canapé auf die Serviette und begaben sich zu ihren Plätzen. Etwas rechts von ihnen saßen die Vertreter Mexiko Citys mit bunten Sombreros und Ponchos. Die Ägypter hinter ihnen beschwerten sich, durch die riesigen Hüte nichts sehen zu können und, weit schlimmer noch, von den Kameras nicht gesehen zu werden, sodass eine nette junge Dame im roten Kostüm herbeigerufen und damit beauftragt wurde, die amerikanischen Vertreter zum Abnehmen der störenden Kopfbedeckungen zu bewegen.
„Vielleicht hätten wir auch was mitbringen sollen. Ein paar Bembel oder so“, meinte Neumann leise zu Drosdorf. „Bisschen Folklore hätte sicher nicht geschadet.“ Der FOK-Chef aber lächelte nur müde.
Dann wurde es dunkel im Raum, und eine Tonbandstimme begrüßte die anwesenden Gäste sowie die Millionen Menschen vor den Bildschirmen in aller Welt auf Englisch und Französisch zur feierlichen Verkündung des Austragungsortes der übernächsten Olympischen Sommerspiele. Auf einem riesigen Screen am Kopfende des Saals erschien die wehende weiße Flagge mit den fünf Ringen, dazu ertönte aus den Lautsprechern die olympische Hymne, gefolgt von einigen Impressionen Olympischer Spiele der Neuzeit, von farbenfrohen Eröffnungsfeiern, strahlenden Siegern, stolzen Fackelträgern und glücklichen Kindern mit bemalten Gesichtern. Der Film endete mit eben diesen Jungen und Mädchen, die auf dem Rasen eines architektonisch gewagten Stadions ein gigantisches buntes Fragezeichen auf dem Rasen formierten. Kaum war der Film zu Ende, wurde die Bühne des Raums in ein angenehm gedämpftes Licht getaucht.
Der Vorsitzende des IOC betrat mit kurzen, sportlichen Schritten und unter dem freundlichen Applaus der Anwesenden das Podium, wo er sich einen Moment feiern ließ, ehe er ans Mikrofon trat, um den Zuschauern ein paar feierliche Worte mit auf den Weg zu geben. Er sprach von einem großen Moment, von einer schweren Entscheidung und von der Sicherheit des IOC, dass man sich wieder, ganz gleich, welche Stadt in wenigen Augenblicken den Zuschlag erhalte, auf einmalige, auf unvergessliche Sommerspiele freuen könne. Weiter führte der Redner aus, dass auch von den übernächsten Spielen wieder sportliche Höchstleistungen und Rekorde für die Ewigkeit zu erwarten seien. Und dass das IOC alles dafür tun werde, um diese Spiele zu sauberen Wettkämpfen zu machen, was im Auditorium durch verhaltenen, zustimmenden Applaus gewürdigt wurde.
Schließlich ging es zur Sache, und der Vorsitzende erklärte das Prozedere. Nacheinander würden als Nächstes die fünf Bewerbungsfilme der in Frage kommenden Städte vorgeführt, zuvor bekämen die Bürgermeister der Kandidaten die Gelegenheit, ein kurzes Grußwort an die Zuschauer zu richten. Und so verbrachte die Frankfurter Delegation die folgende gute Stunde damit, die Beiträge der Konkurrenz zu verfolgen, um sie allesamt als nur geringe Gefahr für den eigenen Bewerbungsfilm zu betrachten.
Endlich aber war es soweit, und Balthasar...




