E-Book, Deutsch, Band 1, 368 Seiten
Reihe: Irida
Heitz Irida 1. Irida und die Stadt der Geheimnisse
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96052-504-2
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 368 Seiten
Reihe: Irida
ISBN: 978-3-96052-504-2
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Heitz, geboren 1971, ist Schwarzträger, studierter Germanist und Historiker und mehrfacher Bestsellerautor (u. a. 'Die Zwerge'). Er schrieb über 70 Romane und wurde etliche Male ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
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1. KAPITEL Der schräge Onkel
» hat das Kaninchen in die Küche gelassen?«
Irida grinste, als sie die verwunderte Frage ihrer Mutter hörte. Die Vierzehnjährige stand in dunkelgrünem Hoodie und Jeans mit dem Rücken zu ihr am Herd und rührte den Schokoladenpudding, damit er nicht anbrannte. Die langen dunklen Haare trug sie in einer Flechtfrisur. »Aber Mama. Nooba muss man nicht reinlassen. Sie ist einfach da.«
»Den Eindruck habe ich auch. Neugieriger kleiner Mümmler.« Sie lachte. »Aber sie bekommt keinen Pudding!«
»Mag sie sowieso nicht.«
»Das hast du schon ausprobiert?«
»Klar! Sie ist sehr wählerisch. Aber ich erspare dir, was Nooba alles mag und was nicht.« Irida zog den Topf von der heißen Platte. »Fertig für heute Abend als Dessert. Muss nur noch abkühlen.« Dabei streute sie eine Handvoll Schokoladenstreusel darüber und rührte ein letztes Mal um, damit sie darin schmolzen. Für noch besseren Geschmack. Dann nahm sie den Schneebesen aus der Masse und drehte sich ein wenig unbeholfen um. »Wie war’s auf der Arbeit?«
Ihre Mutter Nicole stand im grauen Jogginganzug und frisch geduscht in der Küche; um den Kopf wickelte sie ein Handtuch. »Wie immer. Volle Restmülltonnen und jetzt alle entleert. Das Gute am Herbst ist: Der Abfall stinkt weniger.«
Neben der noch schwingenden Katzenklappe saß Nooba, von der alle annahmen, sie wäre ein Kaninchen. Im schwarzbraunen Fell fiel das rote Halsband mit dem Namensanhänger besonders auf. Das goldene Glöckchen bimmelte manchmal, manchmal nicht.
Nooba schaute zwischen Irida und ihrer Mutter hin und her, als erwartete sie ein Leckerli von ihnen. Das niedliche Näschen schnupperte.
Keiner wusste, wem das zahme Kaninchen gehörte.
Nooba tauchte überall in Hohenburg mal auf, besuchte die Menschen und hoppelte wieder davon. Sie galt insgeheim als Maskottchen der kleinen Stadt. Seit Jahren. Ein Fan hatte ihr einen eigenen Account in den sozialen Medien angelegt.
»Wo sind deine Geschwister?« Nicole fischte ein Würstchenglas aus dem Vorratsschrank, doch sie bekam den Deckel nicht aufgedreht.
Irida nahm das Glas und öffnete den Schraubverschluss ohne Anstrengung. Wie immer. Sie bekam sämtliche Verschlüsse auf, wo alle anderen in der Familie versagten, sei es drücken, schieben, drehen oder aufreißen. »Papa hat Lea zum Cellounterricht gefahren und danach Spätschicht. Nick ist beim Treffen der Freiwilligen Feuerwehr. Irgendeine Übung.«
»Ach ja. Alle eingespannt und unterwegs.« Ihre Mutter nahm ein Würstchen heraus und biss ab. »Ich hab so einen Hunger«, gestand sie und verdrehte genießend die blauen Augen. »Ich kann nicht bis zum Abendbrot warten. Schwere Tonnen schieben ist anstrengend«, erklärte sie mit vollem Mund und sah zum Kaninchen. »Ob sie Würstchen isst?«
»Nicht, dass ich wüsste.« Irida lachte. »Aber Pommes. Keine Mayo, kein Ketchup.«
»Seltsames Tier. Dabei weiß jeder, dass zu Pommes Mayo gehört.« Nicole lehnte sich schmausend gegen die Arbeitsplatte. »Ist heute nicht dein Kugelstoßtraining?«
Irida zuckte mit den Schultern.
»Fällt es aus, oder du es ausfallen?«
»Ich bin das einzige Mädchen dort. Und die Jungs verarschen mich, obwohl ich besser bin als sie«, erklärte Irida genervt und kreuzte die Arme vor der Brust. »Keinen Bock mehr drauf.«
Nicole lächelte verständnisvoll und mitleidig. »Aber du bist so gut, Liebes. Der Verein braucht dich.«
Irida stieß die Luft aus.
Einmal mehr kam sie sich als Außenseiterin vor. Und das zog sich gefühlt durch ihr ganzes Leben.
Die elfjährige Schwester Lea war hochbegabt, der ältere Bruder beliebt und ein Mädchenschwarm. Und unfairerweise clever dazu.
Irida hingegen hinkte leicht auf dem linken Bein, ohne dass die Ärzte rausfanden, was der Grund war. Nichts half, auch keine Einlagen.
Außerdem stotterte sie, sobald sie aufgeregt war, und ansonsten gab es nichts Besonderes und Außergewöhnliches an ihr. Wenn man einmal davon absah, dass sie kräftiger war als die meisten, ohne dass man es ihr ansah.
Und natürlich waren alle in ihrer Familie blond, silber- oder dunkelblond.
Irida nicht. Das dunkelhaarige Schaf mit dem kantigeren Gesicht, wie sie sich selbst sah. Manchmal fühlte sie sich wie verflucht. Sie hatte alles Miese abbekommen, ihre Familie bekam das Gute.
Ein Ort, an dem sie sich immer wohl und willkommen fühlte, war der Wald, der keine zehn Meter vom Haus entfernt lag.
Und bei ihrer Freundesgruppe, die , wie sie sich nannten. Außenseiter wie Irida, aus verschiedenen Gründen. Nach dem Wechsel aufs Burg-Gymnasium war sie von ihnen aufgenommen worden.
»Na, gib ihnen noch eine Chance«, bat Nicole und stellte das Glas ab, um sich Cola aus dem Kühlschrank zu greifen. Sie trank den kleinen Rest aus der Flasche.
»Mal sehen«, lenkte Irida ein, ohne es ernst zu meinen. Sie wollte keinen Ärger. Den gab es für ihren Geschmack zu oft. Wegen Kleinigkeiten mit ihren Geschwistern oder Missverständnissen mit den Eltern.
Die Pubertät, hieß es, sei schuld daran.
Irida fühlte, dass es nicht so einfach war. Sie spürte es mehr als eine große Unzufriedenheit mit allem, was sie tat oder was um sie herum geschah.
Und diese Unzufriedenheit wuchs. Ausgenommen davon waren nur der Wald und ihre Freunde.
Nooba hoppelte putzig eine Runde durch die Küche, wie um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, und verschwand durch die Katzenklappe hinaus in den Garten, hinter dem der Wald übermächtig und majestätisch begann.
»Wir sollten den Durchgang mal abbauen«, sagte Nicole und betrachtete die schwingende Klappe.
»Oder uns eine neue Katze zulegen«, schlug Irida vor.
Da erhob sich ein Schatten vor der Hintertür. Gleich darauf wurde sie mit einem heftigen Ruck aufgestoßen.
Nicole schreckte zusammen und schrie leise auf.
Aber Irida nicht. Sie griff den Fleischklopfer und holte zum Schlag gegen den Eindringling aus, ohne nachzudenken oder sich zu fürchten. Ihre Muskeln spannten sich.
Zum Glück für den Mann erkannte sie ihren Irrtum rechtzeitig und lachte erleichtert. »Ardo!«
»Jaaaa, der schräge Onkel ist wieder da!«, rief er gut gelaunt und riss den breitkrempigen hellen Hut von den langen Silberlocken. »Direkt aus der Wüste von Dubai.« In seinen dunkelgrauen Augen blitzte der Schalk. Wie immer trug er den breiten schwarzen Schnurrbart mit den nach oben gedrehten Enden und das Kinnbärtchen. »Habt ihr mich vermisst?«
»Und wie!« Irida eilte zu ihm und umarmte ihn fröhlich.
Er lachte und küsste ihre Stirn. »Wolltest du mich weichprügeln?« Leise ächzte er. »Du meine Güte! Bist du noch stärker geworden? Du brichst mir fast die Rippen.«
»Ich dachte, du wärst ein Einbrecher.« Irida ließ ihn los und betrachtete ihn.
Ardo, der eigentlich Edoardo hieß, war der wesentlich ältere Bruder ihrer Mutter und ein Paradiesvogel. Ein Außenseiter, wie sie. Deswegen sah sie in ihm ihren Verbündeten, der die gleiche Augenfarbe hatte. Er passte in kein Schema, trieb sich auf der Welt herum, jagte historische Schätze und Rätsel, um sein Geld zu verdienen.
Bislang ohne nennenswerten Erfolg, und trotzdem kam er irgendwie durch.
In den Augen von Iridas Vater Jan und den meisten Hohenburgern, die ihn kannten, blieb er ein Spinner. Aber Irida verstand ihn.
Ardo trug ein grünes Hemd, beigefarbene Cargohose und schwarze Lederjacke. In der linken Hand schleppte er eine ramponierte Sporttasche mit vielen Flaggenaufnähern, in der rechten hielt er eine langstielige Elektrosonde, mit der man Metalle im Boden aufspürte. Sie ähnelte einem modernen Stielstaubsauger mit einem großen, runden Deckel am unteren Ende.
»Ich habe Geschenke dabei«, verkündete er ausgelassen und gab Nicole einen Kuss auf die Wange. »Hallo, Schwesterherz.«
»Edoardo, du Volltrottel!« Spielerisch schlug sie nach ihm und hielt das Handtuch um ihre Haare fest. »Mach das nie wieder. Nicht … schon wieder!«
»Ach, komm. Das war bestimmt das zehnte Mal. Müsstest du gewohnt sein«, sagte er und lachte beschwichtigend. »Und klingst immer noch wie als kleines Mädchen in der Geisterbahn.« Dabei zwinkerte er Irida zu. »Während deine mutige Tochter mich beinahe unangespitzt in den Boden geschlagen hätte. Mit einem Fleischklopfer.« Er stellte Sonde und Tasche ab.
Iridas Neugier flammte auf. »Was hast du alles dabei?«, wollte sie wissen.
»Es ist doch nichts davon gestohlen?«, warf Nicole ein.
»Ich schwöre«, sagte Ardo und hob feierlich die Hand.
»Dass es gestohlen ist oder …?«, hakte die Mutter misstrauisch nach.
»Ich schwöre, dass nicht.« Er beugte sich zur Tasche, öffnete sie und räumte ein Dutzend Schachteln in verschiedenen Größen heraus, die auf der Arbeitsplatte landeten. »Die Namen stehen drauf. Du kannst sie später übergeben«, sagte er zu seiner Schwester. »Ich muss gleich wieder weg. Eine Verabredung. Und am Abend geht mein Flug nach Peru.« Bedeutungsvoll wählte er das größte Päckchen von allen, mit einer Kantenlänge von dreißig Zentimetern, und reichte es an Irida. »Für dich.«
Sie nahm es gespannt entgegen. »Schwer. Also, nicht für mich, aber …« Sie kippte es nach rechts und links. »Irgendwas … rieselt?«
»Ja, ja. Irgendwas rieselt.« Ardo machte eine auffordernde Handbewegung und grinste. »Sieh nach.«
Irida öffnete die Verpackung vorsichtig.
Darin war: heller, weißer Sand, gute zwanzig Zentimeter...




