E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Reihe: Eichborn
Held Das elfte Gesicht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-7447-5
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Reihe: Eichborn
ISBN: 978-3-7517-7447-5
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wo bitte finde ich hier Erleuchtung?
Josefas Leben als Assistentin in einem grauen Vertriebsbüro kann ziemlich trist sein. Dank ihrer Freundin Kristina findet sie Ablenkung, denn beide teilen die Faszination zu funkelnden Kristallen und Orakeln; so versuchen sie auch die Absichten des geheimnisvollen Albert zu ergründen, den Josefa nicht vergessen kann.
Josefas Begeisterung geht so weit, dass sie sich schließlich in einer Gruppe spiritueller Menschen wiederfindet, die jedoch plötzlich immer weiter abdriften: Was als Ablehnung von Masken und Impfungen während der Corona-Krise beginnt, steigert sich schließlich sogar bis zur Verteidigung von Verschwörungstheorien. Das geht zu weit! Doch wie kommt man aus dieser Szene wieder raus?
Annegret Held, 1962 im Westerwald geboren, arbeitete u.a. als Polizistin, Sekretärin, Altenpflegerin und Luftsicherheitsassistentin - und ist erfolgreiche Autorin. Sie bekam denBERLINER KUNSTPREIS der Akademie und denROSWITHA-Preis, ist PEN-Mitglied und lebt im Westerwald und in Frankfurt. Zuletzt erschien im Eichborn Verlag neben ihrer Westerwald-Trilogie ihr RomanDAS VERKEHRTE UND DAS RICHTIGE.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kein Date. Keine Havanna-Bar. Gar nichts.
Josefa hockte in ihrer Wohnung und aß die Reste von ihrem Doggybag aus dem Apfelweingarten. Wohlweislich hatte sie beim offiziellen Abschluss des Betriebsausfluges eine sättigende Kartoffelsuppe gegessen, dann Kartoffeln mit Frankfurter Grüner Soße, Frankfurter Würstchen und als Nachtisch Apfelstrudel mit Eis und Sahne. So viel konnte kein Mensch essen, aber Josefa musste schließlich vorsorgen bis Sonntag.
Natürlich war weder Gehalt noch Dispozusage am Freitag eingegangen, und Josefa traute sich nicht mehr aus der Wohnung. Selbst ein Ausflug aufs Land zu ihrer Familie würde ja Benzin kosten. Gewiss würde einer ihrer Freunde oder Geschwister etwas per PayPal überweisen, aber Josefa wollte sich die Blöße nicht geben.
Mit Zwiebeln, Gewürzgurken und Ketchup ließ sich auch noch irgendwas brutzeln, und überhaupt würde nun endlich das Gefrierfach mal leer.
»Ach, Dotti«, seufzte Josefa. »Der Arsch hat mich belogen und betrogen, und weißt du was: Ich habe es irgendwie gewusst. Und gebilligt. Lene war doch vor mir da! Ich traue mich einfach nicht, nach ihr zu fragen. Oder nach anderen Frauen … Als ob er schon von der Frage verschwinden könnte.«
Dotti lächelte liebevoll von der Wand herunter, zerknittert wie Josefa auf ihrem Sofa, als hätte sie sympathiehalber deren Verfassung in ihr papierenes Dasein übernommen.
»Dann ist der Aspekt der Treue nicht das Wichtigste an dieser Begegnung«, sagte Dotti.
»Nein.«
»Was denn?«
Josefa zog den Bund der ausgebeulten Jogginghose noch ein wenig höher.
»Naja … Maiglöckchen und so. Dass er so viel weiß. Dass ich eine Weile studieren darf, wie so einer lebt und denkt. Und vielleicht, wer weiß, bin ich eines Tages diejenige mit der stärksten sinnlichen Präsenz, und er lässt die Lene sitzen?«
»Er lässt dich über vieles sinnieren …«
»Du meinst neue Flüsse in meinem Bewusstseinsdelta!«
»Keine Begegnung ist sinnlos.«
»Aber ich fühle mich gar nicht gut.«
»Dann geh weg von ihm.«
»Ich muss gar nicht weggehen, er ist ja nicht da.«
Dotti lächelte ihr papierenes Lächeln und ihr Kopf schien sich in eine Dreidimensionalität zu heben.
»Die Frage ist doch, kann dein Herz sich von ihm lösen?«
Josefa lauschte in sich hinein. Ihr Herz hatte sich an Albert geklebt wie ein Tintenfisch.
Sie konnte mit Gewalt einen Tentakel abreißen, und sofort saugte sich das nächste Tentakel irgendwo an seinen Brustkorb. Wie würdelos!
»Mein Herz hat keinen Verstand!«
»Nun, das Herz hat etwas Schönes erlebt, nicht wahr? Albert ist eine Quelle von schönen Erlebnissen, die einfach nicht immer fließt.«
Das stimmte. Josefa war nicht in der Lage, auf die Schönheit zu verzichten, die Alberts Persönlichkeit einfach so aussonderte. Neben Geiz und Unzuverlässigkeit. Alles existierte nebeneinander, der Schmerz, das Schöne, der Betrug, das Geheimnis, die Ernüchterung, die Liebe, der Apfelwein.
Apfelwein! Josefas Bauch war noch immer wie eine übervolle Kalebasse und gluckerte vor sich hin, ihr Kopf war schwindelig. Dae-Seong und Mi-Suk hatten die Bembel überhaupt nicht vertragen, waren sofort knallvoll gewesen, und man musste sie davon abhalten, auf dem Tisch zu tanzen. Min-Joon hatte sich beizeiten mit dem Taxi nach Hause fahren lassen. Josefa hatte jede Möglichkeit, sich irgendwelche Nährstoffe zuzufügen, ausgeschöpft und den Bembel vollständig ausgetrunken. Wie mochten die anderen jetzt in der Havanna-Bar klarkommen? Egal, sie würde es am Montag erfahren.
Netflix. »Queer Eye«. Nur noch drei Episoden, und es würde Monate dauern, bis die nächste Staffel abgedreht war. Dennoch: Der heutige Umstand verdiente es, eine weitere Episode aufzubrauchen und sich mit Jonathan, Bobbi, Antoni, Tan und Karamo in den Süden Amerikas zu stürzen, um dort einen Unglückswurm psychisch, optisch und wohnungstechnisch wieder auf Vordermann zu bringen. Auch sie, Josefa, könnte die »Fab Fives« gebrauchen. Mal eine andere Sofaecke, eine neue Farbe in ihrer Zweizimmerwohnung, eine neue Frisur und eine Aussprache mit Karamo, dem schönen Schwarzen Seelenversteher der Sendung.
Sie gönnte sich wirklich nur eine Folge! Die anderen beiden bewahrte sie auf für weitere Katastrophentage – zum Trost. Dann schaute sie »Deko-Queen« mit Guido Maria Kretschmer, um sich Stylingtipps für die Wohnung abzuschauen. Um elf Uhr landete sie endlich wieder bei Danny Krämer und der Geistergruppe von Hieronymus.
»Mein Name ist Danny Krämer, und ich bin ein Trans-Medium und channele Hieronymus. Aah, da sind wir wieder. Geliebte Erdenwesen. Dies ist keine reale Welt, in der du lebst, dies ist ein Traum; und dieser Traum kann ein Alptraum sein oder ein sehr schöner Traum. Viel zu viele von euch leben in einem Alptraum, und wir aus den Höheren Sphären möchten euch helfen, das zu ändern. Es ist Zeit für euch, in ein höheres und glücklicheres Bewusstsein zu expandieren, wir helfen euch, die Schwingung zu heben.«
Mit diesen schönen Worten war Josefa getröstet, und sie schlief ein auf ihrem Sofa mit den verrutschten Kissen und dem nicht zu reinigenden Rotweinfleck.
Am nächsten Morgen erwachte Josefa klamm und irgendwie verdreht. Auf dem Sofa hatte sie nicht wirklich gut geschlafen. Von wegen gute Schwingung. Sie musste vom gestrigen Apfelwein dringend zur Toilette, und auf dem Weg dahin spürte sie einen heftigen Muskelkater aus dem Klettergarten. Albert fiel ihr ein. Albert! Das war der eigentliche Kater, den sie hatte, Albert, dieser seltsame Mensch! Alle beschönigenden Gespräche mit Dotti, die Worte von Hieronymus oder Kristinas Engel mit dem verknitterten Hut halfen rein gar nichts.
Es gab zu tun. Der Boden in der Küche klebte, die Badewanne hatte einen Schmutzrand, die Klamotten türmten sich auf dem Stuhl. Josefa fuhr die Ellenbogen aus, stürzte sich auf den Schmutzrand und bearbeitete ihn, als sei er die Ursache für alles Unheil in ihrem Leben. Elfi, diese dumme Kuh, hatte sich erlaubt, mit ihren niedrigen und boshaften Schwingungen der Neugier die heilige Begegnung mit Albert zu beschmutzen! Das Wort heilig war im Zusammenhang mit Albert natürlich nicht angebracht. Heilig und gleichzeitig scheinheilig. Aber wäre es nicht besser gewesen, sie hätte nichts von allem gewusst? Dann konnte Albert einfach wieder auftauchen, sie stundenweise in einen Zustand der Seligkeit erheben und dann wieder verschwinden. So hatte sie immerhin häufiger einen gewissen Zauber in ihrem Leben. Die blöde Elfi! Zauberzerstörerin. Übergriffige, doofe Nuss!
Ach, es war auch nicht richtig, dumm zu sterben. Josefa musste sich mit der Realität konfrontieren. Und während sie eine Ladung Wäsche in die Trommel stopfte, schielte sie auf ihr Handy. Er meldete sich nicht. Und das Wochenende lag vor ihr wie eine brache Landschaft mit nichts und niemandem. Die alten Freundinnen alle mit ihren vermaledeiten Kindergeburtstagen und Grillpartys beschäftigt. Da mochte sie nicht hingehen. Ihre neue Freundschaft mit Kristina sollte nicht überstrapaziert werden. Zum Shoppen hatte sie kein Geld. Von der Firma mochte sie keinen mehr sehen.
Es gab wieder eine Ausstellung in der Schmalzfabrik. Impressionen aus Kuba. Wahrscheinlich tausend Bilder mit bunten Stühlen vor blauen Türen, irgendwas. Besser als Hochhausbilder. Ach, es war doch alles aufgeblähter Dünnpfiff.
Sie sollte selbst malen, und heute hatte sie Zeit. Viel Zeit. Aber die Wahrheit war doch, dass sie es dauernd versäumte, sich ein Leben aufzubauen. Menschen verbindlich in ihr Leben zu holen. Eine eigene Familie zu gründen, bevor alles zu spät war. Das nagende Gefühl, irgendwie immer falsch zu sein. Im Job, im Familienstatus; vielleicht war es sogar verkehrt, in dieser Stadt zu leben. Nirgendwo war so viel los, und nirgendwo trafen sich Leute und drifteten so schnell auseinander. Im Dorf kannten sich die Leute ein Leben lang. Vielleicht sollte sie einfach wieder ins Dorf gehen.
Lustlos räumte sie einige Sachen hin und her, ihre Tasche kippte um, und heraus fiel der Flyer vom »Kurs in Wundern«. Wollten sich Dannys Wunderleute nicht heute treffen? Ach du meine Güte! Da wollte sie doch hin! Bis in die Wetterau würde der Sprit noch reichen, der Hof war ja irgendwo bei Dorfelden, also nicht so weit.
Aber ohne einen Cent? Josefa stürzte sich auf ihren Kleiderschrank und durchwühlte jede Jeanstasche, jede Rocktasche und jede alte Handtasche, dann die Schreibtischschubladen und die Sporttasche. Schließlich fand sie hier fünfzig Cent, dort einen Euro und noch einen Haufen Pfandflaschen in der Küche. Wenn sie die fortbrachte, hatte sie fünf Euro, das reichte, falls sie unterwegs was brauchen sollte.
Auf dem Weg zum Laden mit dem Pfandflaschenautomaten kam Josefa nicht umhin, die Welt in gute und schlechte Schwingungen einzuteilen. U-Bahn-Unterführung: ganz schlechte Energie. Kleines Mädchen mit Eiscreme in der Hand: ganz helle, schöne Schwingung. Laden mit Wasserpfeifen, Totenköpfen, Heavy-Metal-Zeug: schlechte Schwingung. Straßensänger mit toller Stimme: hohe Schwingung, aggressive Autofahrer: schlechte Schwingung. Der Grüneburgpark: wunderbare Schwingung, überquellender Papierkorb mit Kippen ringsumher: fürchterlich, lesende Menschen auf der Bank: gute Schwingung und dann ganz dunkle, traurige Energie: der unglückliche, schmutzige Säufer, der auf der Parkbank schlief. In Frankfurt gingen die Vibes ständig auf und ab, Frankfurt war ein einziger Schwingungssalat. So wohlschmeckend wie verdorben.
Josefa erwarb fünf Euro und zwölf Cent. Außerdem hatte sie noch...




