Helfer / Köhlmeier | Das Leben der Krawatten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Helfer / Köhlmeier Das Leben der Krawatten


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7106-0681-6
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7106-0681-6
Verlag: Brandstätter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



War die Krawatte früher nicht aus der täglichen Garderobe wegzudenken, fristet sie heute häufig ein vereinsamtes Dasein in Schränken und wird nur noch zu Hochzeiten oder Begräbnissen hervorgeholt. Und dennoch ist eine jede Krawatte ein Zeuge: der Persönlichkeit seines Trägers oder seiner Trägerin, der Zeit, der sie entstammt, von Erlebtem und Erlittenem. Die Bestsellerautor*innen Monika Helfer und Michael Köhlmeier, beides meisterhafte Erzähler, lassen sich von den Krawatten aus der einmaligen Sammlung von Gerald Matt inspirieren und erzählen deren Geschichten - so elegant, vielfältig und skurril wie dieses i-Tüpfelchen der Bekleidung selbst. Mit einem Nachwort von Gerald Matt zur Kulturgeschichte der Krawatte.

Monika Helfer hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie u. a. mit dem Robert-Musil-Stipendium, dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihr die Romane Die Bagage (2020), Vati (2021) und Löwenherz (2022). Michael Köhlmeier schreibt Romane und Erzählungen und tritt sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt erschien von ihm im Hanser Verlag der Roman Matou (2021).
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Die Geschichte von Joseph Weiss, alias Joe White


Während des Zweiten Weltkriegs wurde in einigen Städten an der Ostküste der USA eine Befragung unter Immigranten durchgeführt, vor allem unter Menschen, die aus Deutschland und den von den Nazis besetzten Gebieten gekommen waren, zum Beispiel aus jenen Teilen Polens, die als Generalgouvernement bezeichnet wurden und dem Reichsminister Hans Frank unterstellt waren. Eine der Fragen lautete: „Haben Sie Heimweh?“ Man würde meinen, es gab nichts, wonach sich diese Menschen noch sehnen konnten, was sie vermissen konnten, was ihnen an dem Land und den Leuten dort drüben lieb sein konnte. Interessant ist, dass jedoch gerade sie unter Heimweh litten, nämlich stärker als jene Einwanderer, die von den Nazis wenig oder gar nichts befürchten mussten und aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen hatten – also jene, die unter ihrer Heimat nicht gelitten hatten, die schöne Erinnerungen hatten, vielleicht sogar nur schöne Erinnerungen.

Heimweh ist ein Gefühl, das keine Sprache findet. Die Worte des Heimwehs sind die schlaflosen Nächte, die Seufzer am helllichten Tag mitten in einer bequemen Unterhaltung oder im Kino während eines heiteren Films. Wer an Heimweg leidet, leidet meistens auch an Einsamkeit. Er kann sich nicht ausdrücken. Er fühlt sich, als wäre er der letzte Mensch auf der Welt, der seine Sprache spricht. Er möchte, dass sein Schmerz bemerkt wird, aber er kann sich nicht bemerkbar machen. Er will in die Welt hinausrufen: Seht mich, ich liebe! Aber er verwischt die Tränen und verhustet die Seufzer. Warum? Weil er seine Liebe nicht begründen kann. Weil niemand seine Liebe verstehen würde. Was, würde man ihm entgegnen, die dort drüben, die liebst du? Die dir deine Liebsten genommen haben, ausgerechnet die liebst du? Das Land, in dem du dich nicht frei bewegen durftest, das liebst du? Ja, müsste er antworten, ich liebe. Aber – wer die Niedertracht liebt, ist der nicht selbst niederträchtig? Was tun? Schweigen.

Joseph Weiss emigrierte bereits im Frühjahr 1933 in die USA. Er gehörte zur Familie Weiss, die in Coburg in der Spitalgasse ein Schuhgeschäft betrieb, das erste der Stadt, das sich von den besten Schuhmachern des Landes beliefern ließ. Am 1. April 1933 wurde das Geschäft zerstört, die Tür mit Brettern zugenagelt, darauf wurde mit Kreide geschrieben: „Wer bei Juden kauft, ist selbst ein Schwein.“ Joseph Weiss war damals im Anfang seiner Zwanziger, er hatte Chemie studieren wollen, es war aber zu befürchten, dass er an keiner Universität in Deutschland zugelassen würde. Im Unterschied zu seinen Brüdern und Schwestern sowie seinen Cousins, die alle in der Schuhbranche arbeiteten, gut verdienten und auf Expansion hofften, machte er sich keine Illusionen, was das Leben der Juden in Hitlers Drittem Reich betraf. Er riet davon ab, das Geschäft wieder aufzubauen, er riet zur Flucht. Er lieh sich Geld von der Familie und fuhr mit dem Dampfer nach New York. Und zog weiter nach Chicago. Dort gab es eine starke deutsche Community. Die meisten waren schon vor langer Zeit ausgewandert, sie waren nicht vor den Nazis geflohen, viele unter ihnen waren sogar begeisterte Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Ein jüdischer Flüchtling wäre nicht freundlich aufgenommen worden. Also gab sich Josef Weiss als Geschäftsmann aus, der sich für Politik nicht interessierte.

Manchmal steht der Zufall an einer Kreuzung, und er schubst den Wanderer auf einen Weg, den er niemals hatte gehen wollen. Eines Abends saß Josef Weiss – der sich inzwischen Joe White nannte – in einer Bar am Lincoln Square in Little Germany, da sprach ihn ein Mann an. Joe – Joseph – war vorsichtig, Freunde hatten ihm geraten, jedem gegenüber misstrauisch zu sein. Wenn er den Eindruck habe, jemand wolle ihn aushorchen, solle er auf gar keinen Fall die Wahrheit sagen. Irgendwann während des Gesprächs fragte der Fremde, in welcher Branche Joe tätig sei. Tatsächlich hatte Joseph bei einem Schuhmacher Arbeit gefunden, auch ihn hatte er belogen, hatte so getan, als wüsste er über Schuhe nicht Bescheid, war von dem guten Mann für einen Probemonat genommen worden und hatte, weil er sich so geschickt anstellte, schließlich einen Vertrag bekommen. Er war gewohnt zu lügen und antwortete dem Mann in der Bar spontan: „Krawatten.“

Dieser Mann war kein Böser, kein Spitzel der amerikanischen Nazis, kein Agent der Einwohnerbehörde. Er war – Zufall! – ein Schneider, ein besonderer Schneider, nämlich einer, der sich auf die Herstellung von Krawatten spezialisiert hatte. Sein Name war Michael Fromm. Wie auch immer – die beiden freundeten sich an, Joe kündigte seinen Vertrag bei dem Schuhmacher und stieg als Partner ins Krawattengeschäft ein. – Und er hatte eine Idee!

Er hatte Heimweh und eine Idee.

Wie bringt man die Sprachlosigkeit zum Sprechen? Durch ein Bild. Die Firma Fromm & White stellte ein halbes Dutzend Stickerinnen ein, die bestickten je nach Wunsch die Krawatten der Kunden – alles Immigranten – mit den Wahrzeichen ihrer Heimatstadt. Da waren der Hamburger Michel darunter, das Wiener Riesenrad, der Kölner Dom, der Löwe an der Einfahrt zum Hafen von Lindau, die Silhouetten von Dresden oder Salzburg, die Prager Burg und die Große Synagoge von Vilnius. Den Prototyp bestickte sich Joseph Weiss, alias Joe White, selbst: die Veste Coburg. Er war kein geschickter Zeichner und auch kein geschickter Sticker, aber die Kunden verstanden, was er meinte. Sie meinten das Gleiche. Manche ließen private Motive sticken, eine Widmung an einen Freund, Kinder bei ihren Wintervergnügungen, das geliebte Kinderfahrrad, ein Porträt des geliebten verstorbenen Rauhaardackels. Fromm & White machte gute Geschäfte. Den Männern, die nicht so gut weinen konnten wie ihre Frauen und auch nicht so ergiebig seufzen wie diese, war eine Möglichkeit gegeben, ihr Heimweh, das ihnen die Kehle zugeschnürte, kundzutun: Sie banden sich von nun an ein Stück der Heimat um ihren Hals.

Katelyn White, geborene Larson, Ehefrau von Joe White, über ihren Mann und seinen Freund und Kompagnon Michael Fromm:

„Gleich vorweg: Ich bin eine Frohnatur, wie mein Mann sagte, als er mich kennenlernte. Joe ist ein Deutscher. Ein Träumer. Die Deutschen sind alle Träumer. Außer der Hitler und seine Genossen, die waren keine. Ich war erst 18, als ich Joe kennenlernte. Er war um einiges älter, gerade das gefiel mir. Ich verdrehte vor ihm die Augen. Damit er mich nicht vergessen sollte. So machen es fast alle. Ein feiner Mann, dachte ich, zugegeben, ein wenig zu fein für mich. Ein Nachdenklicher eben. Einer, der hinter alles kommen möchte. Zum Glück haben sich Joe und Michael gefunden. Zwei Freunde, wie sie im Buch stehen. Sie werden keine zwei anderen finden. Joe machte das mit den Papieren, Finanzamt und so, Korrespondenz und so. Michael entwarf die Krawatten. Die Ideen aber hatte eigentlich immer mein Joe.

Manchmal fand ich Joe an seinem Schreibtisch, die Hände aufgestützt, die Stirn in Falten. ‚Geht das Geschäft nicht gut?‘, fragte ich.

Er winkte ab. ‚Alles bestens!‘, rief er in die Luft hinein. ‚Ich dachte gerade, ob Steine auch irgendwie leben. Man müsste mir das Gegenteil beweisen.‘

Solche Sachen sagte er. Da soll sich einer auskennen. Ein Deutscher eben. Ein Träumer.

Ich küsste ihn auf die Stirn, lief die Treppen hinunter in das Büro von Michael. Der stand am Fenster, und als er mich sah, sagte er: ‚Man müsste schwimmen gehen. Schau dir dieses Wetter an, siehst du, wie uns die Sonne winkt? Komm, komm, sagt sie.‘

Da dachte ich, Joe hat den guten Michael bereits angesteckt. Der ist nun auch ein Träumer, lieber Himmel!

.Gehen wir doch einfach schwimmen‘, sagte ich.

Gleich schämte ich mich. Aber Michael lachte mich an und nahm meine Hand. Ich muss festhalten, ich liebe meinen Mann, ich wollte ihn, und ich will nicht so tun, als wäre ich frei für einen anderen. Das bin ich nicht. Und das war ich nicht. Nur schwimmen wollte ich, was macht das schon. Mir fiel ein, was ich noch gar nicht angemerkt habe: Michael sah sehr abenteuerlustig aus. Das gefiel mir. Das gefällt vielen. Da bin ich nicht die Einzige.

.Ich habe keinen Badeanzug bei mir‘, sagte ich, und er meinte: ‚Ich weiß eine Stelle, wo du keinen brauchst.‘

Bitte, denken Sie nicht schlecht von mir. Ich wollte es nicht, und trotzdem habe ich mich in Michael verliebt. Wir schwammen nackt und schwammen weit hinaus, und ja, gleich an diesem Nachmittag – wir lagen auf den heißen Steinen, ich auf seinem Jackett, und er drehte sich zu mir, und ich drehte mich zu ihm. So war das. Ich bin sicher nicht die Einzige. Es geschah einfach. Wir fuhren wieder in die Firma zurück. Ich lief zu meinem Mann in sein Büro hinauf, und er saß immer noch vor seinen Papieren. Er zeichnete. Was eigentlich Michaels Teil gewesen wäre. Joe hatte die Ideen, Michael zeichnete, und Jo machte dann auch noch das...


Köhlmeier, Michael
Michael Köhlmeier schreibt Romane und Erzählungen und tritt sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt erschien von ihm im Hanser Verlag der Roman Matou (2021).

Helfer, Monika
Monika Helfer hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie u. a. mit dem Robert-Musil-Stipendium, dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihr die Romane Die Bagage (2020), Vati (2021) und Löwenherz (2022).

Monika Helfer hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie u. a. mit dem Robert-Musil-Stipendium, dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihr die Romane Die Bagage (2020), Vati (2021) und Löwenherz (2022).
Michael Köhlmeier schreibt Romane und Erzählungen und tritt sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten auf. Für seine Bücher erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt erschien von ihm im Hanser Verlag der Roman Matou (2021).



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