Helgason | Seekrank in München | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Helgason Seekrank in München

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-608-10834-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-608-10834-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von einer märchenhaften Insel im Norden kommt ein junger Mann, um in München Malerei zu studieren. Er kennt weder Lokale noch Bier, aber er weiß genau, was er werden möchte: Künstler. Fast krank vor Schüchternheit muss sich der Student, ohne ein Wort Deutsch zu können, durchschlagen. Auch an der Kunstakademie bleibt er zunächst ein Außenseiter, denn mit den neuen Wilden kann er wenig anfangen. Und auch die Welt draußen ist viel kälter, als es auf Island je werden kann. Der Kalte Krieg ist auf seinem Höhepunkt, und so wacht er jeden Morgen mit der Sorge auf, dass der dritte Weltkrieg bereits begonnen hat. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass er eine überaus seltsame Gabe hat, die ihn nicht gerade appetitlich macht. Helgasons Held ist so wie sein Autor: schräg, voller Witz und wunderbar unangepasst.

Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die Kunstakademie in München. Seinen Durchbruch feierte er 1996 mit dem Roman 101 Reykjavík, der kurze Zeit später verfilmt wurde. Es folgten die Bestseller Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (2008) und Eine Frau bei 1000° (2011). Helgason ist einer der international erfolgreichsten Autoren Islands. Zuletzt sind von ihm bei Tropen erschienen: Seekrank in München (2015) und 60 Kilo Sonnenschein (2020).
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3

Hohenzollernstraße

Seine Mutter kannte eine Frau, die einen Sohn hatte, der in München Philosophie studierte. So kam es, dass der junge Mann Zugang zu dessen etwa schrankgroßer Bleibe auf der vierten Etage eines Studentenwohnheims erhielt. Der Sohn war noch nicht eingetroffen, und deshalb durfte Jung die erste Woche in dieser Behausung verbringen.

Das Haus besaß keinen Aufzug, er musste zweimal laufen, um seine Koffer auf die vierte Etage zu schleppen. Nach der ersten hatte sich der Mantel in eine finnische Sauna verwandelt. Er kam trotzdem nicht auf den Gedanken, ihn auszuziehen. Wenn man jung ist, hat man mehr in den Beinen als im Kopf.

Er holte tief Luft, wischte sich den Schweiß von der Stirn und trocknete die Hand am Mantel ab, ehe er sie dem Mann reichte, der oben auf dem Treppenabsatz auf ihn wartete. Seinem Akzent nach zu urteilen war er Schweizer, hager und mit schütterem Haar, gelblich brauner Haut, grauem T-Shirt. Worte kamen aus ihm heraus wie Schinkenstückchen aus einem Fonduetopf. Es dauerte ein Weilchen, bis Jungs Ohr die deutschen Worte verstand, die in dem Schweizer Käse steckten. Der Mann mit dem schütteren Haar zeigte Jung die Unterkunft und führte ihn einen langen, braun glänzenden Flur entlang, klimperte dabei mit seinem Schlüsselbund und glich unangenehm einem Gefängniswärter. Endlich blieb er vor einer Tür stehen und schloss auf. Der Isländer bedankte sich und schob sich mit den Koffern quer in die Zelle. Die Wände waren getäfelt, ein Schreibtisch unter einem kleinen Fenster, ein winziges Waschbecken seitlich daneben und, davon abgetrennt, ein schmales Bett: das Zimmer des Philosophiestudenten.

Der junge Mann war seltsam unempfänglich für die erhabenste Disziplin des menschlichen Geistes. Nachdem er um Weihnachten sein Abschlussexamen absolviert hatte, hatte er den halben Winter an der Universität Islands in Philosophieseminaren gehockt und mit grünem Kugelschreiber unter eisweißem Neonlicht einige Notizbücher mit Stichwörtern und Kritzeleien an den Seitenrändern gefüllt. »Wie begann die Kausalkette, und wo trat die Vernunft des Menschen auf den Plan? Entsteht Wissen aus Erfahrung oder aus logischem Denken?« Zu solchen Fragen hegten viele kluge Köpfe (Spinoza, Leibniz, Hume, Kant …) Ansichten, die auf den jungen Mann wie algebraische Formeln wirkten. Doch anders als bei der Mathematik, deren Zweck – obwohl er selbst sie nicht begriff – in der Welt der Wissenschaften und im Ingenieurswesen zu liegen schien, konnte er absolut keinen Sinn in diesen philosophischen Spekulationen erkennen. Er verstand nicht, warum sich Menschen überhaupt mit solchem Blödsinn abgaben. Nach der Natur des Lebens zu suchen und seine Beschaffenheit zu sezieren, konnte man vielleicht eine edle Tätigkeit nennen, ihm aber kam das wie die ebenso erhabene Aufgabe vor, nach den Anfängen des Universums zu suchen. Unnützes Kratzen an verschlossenen Türen. »Lasst die Geheimnisse Geheimnisse bleiben und das Leben hell!«, hörte er es in den hintersten Gängen seines Verstandes brüllen, in einer ausgestorbenen Sprache, die er dennoch zu verstehen schien. Er wollte etwas über dieses Leben zum Ausdruck bringen, sagen, wie es ihm erschien, aber dabei war ihm vollkommen egal, warum es so war, wie es war, welcher Art es war, oder wo es herkam. Er hielt es nicht für ein Zeichen von Klugheit, »kluge« Fragen zu stellen, sondern klug erschien es ihm, gerade die nicht zu stellen.

Anstatt in der Nationalbibliothek an der Hverfisgata über der oder zu brüten, zog er ein knallgelbes Taschenbuch mit einem weißhaarigen Großphilosophen auf dem Titelbild aus seiner Tasche, auf das er in einer Buchhandlung gestoßen war und aus dem er erst wieder auftauchte, nachdem er es vollständig gelesen hatte: . »Ich glaube nicht an den Tod, denn wenn er kommt, bin ich weg.« War das nicht wahre Philosophie? Eine, die die ewigen Fragen auf die einzige Weise beantwortete, die dem Menschen zu Gebote stand: schräg, absurd. Jung hatte über den ehrwürdigen Lesesaal geblickt, über eifrig lesende Studenten und den gänzlich kahlköpfigen Bibliothekar, und er hatte sich ein wenig über diese kleine, ernste Stadt erhaben gefühlt.

»Das Leben ist wie Kaffee. Es kühlt nur ab, wenn man zu tief hineinsieht«, hatte er dem Mädchen mit den kurzen Haaren und den großen Brüsten gesagt, als sie am Morgen nach der vorherigen Nacht über einen schneeknirschenden Bürgersteig der tief stehenden Wintersonne entgegengingen. Der Vorabend hatte in einer bis in die Nacht dauernden, aber eher langweiligen Party in ihrer Wohnung an der Ringbraut geendet, auf der auf Bärte versessene, kaum beflaumte Altersgenossen mithilfe von Hegel-, Marx- und Habermaszitaten die Existenz zu sezieren suchten, untermalt von der Musik einer Band namens Yes, die in ihm nur ein großes No hervorrief. Dennoch war er als Letzter gegangen oder, richtiger, nicht gegangen. Sie waren vor Kurzem aufgewacht.

»Besser man nimmt einen Schluck, solange er noch heiß ist«, war er fortgefahren, im steifen, blauen Wollmantel, mit scharf zusammengezogenen Augenbrauen und sonnenhellem Haar.

Sie hatte lächelnd zu ihm aufgeblickt aus ihrem rundlichen Gesicht mit der kleinen Nase, aber großen, dunklen Augen und darunter ein paar hübschen Sommersprossen.

»Ja, und wir haben uns einen großen Schluck genehmigt!«

Er hatte gelacht, konnte sich aber kaum erinnern, was eigentlich passiert war. Die Party war dermaßen öde gewesen, dass er sich in ein Glas mit Wodka gemixten Nachtdunkels geflüchtet hatte. Es hatte ekelhaft geschmeckt, war aber immer noch besser als Yes und Marx gewesen.

»Erzähl mir nicht, du seist auf Linie. Im fünften Band sagt Mao ganz klar, dass das Industrieproletariat die Revolution anführt. Händler und Kaufleute sind nicht das Volk. Ich meine, guck dir nur deine Mutter an! Sie kann niemals die Revolution anführen. Genau das ist es, woran der Opportunismus immer so kläglich scheitert: Er ist so schlecht in der Klassenanalyse. Wenn irgendwer Verbündeter des Proletariats sein kann, dann sind es die Bauern. Lenin spricht vom Bündnis der Bauern und des Proletariats als Grundlage der sozialistischen Revolution. Darum geht es im Marxismus-Leninismus. Unter anderem.«

Oh, wie schrecklich, so jung zu sein! Ein reiner Jungmann in einer unreinen Welt. Gefangener der eigenen Generation. Sklave in den Ketten der Zeit. Und die eigene Persönlichkeit ein nicht entwickeltes Bild in einer kalten Flüssigkeit. Einer kalten, dunklen, mit Wodka aufgebesserten Flüssigkeit.

Immer wieder hätte er gern geschrien: »Warum macht ihr die Revolution nicht einfach?! Vollkommen wird sie doch sowieso nie!« Aber das traute er sich dann doch nicht, es hätte bloß Öl ins Diskussionsfeuer gegossen und sein Leiden um weitere zwei Stunden verlängert.

Und wer war er denn, politische Fragen zu stellen? Er, der auf Seite 7 von Lenins aufgegeben und nie das gelesen hatte, ein Mann, der weder den Marxismus noch die eigene Gesellschaft verstand und am allerwenigsten sich selbst, ein Mann, der in Terylenhosen bei Pfeifchen rauchenden Hippies saß, Großvaterwesten zu Teenagerpickeln trug, Philosophie hasste, aber von sich behauptete, den Weltgeist zu suchen, der Dienstagabends Skilaufen trainierte, aber Mittwochabends zu den Dark Music Days ging, zu Yes brummte, aber mit verträumten Augen die Eagles-Platte in der Mitte des Stapels ansah. In Wahrheit war er ein Verräter, der seine Klasse, seine Generation und ihre Partys verriet.

Er schlürfte in kleinen Schlucken lauwarmes, ekliges Gesöff und fragte sich, warum er nicht einfach nach Hause ging, da traf ihn ein lächelnder Blick aus den Augen der Gastgeberin, der jungen Frau mit den großen Brüsten hinter den beiden Mädels in Latzhosen, die es trotz der todernsten, Pfeife schmauchenden Revolutionsführer schafften, die Langeweile mit schrill kreischendem Gelächter zu unterbrechen.

Endlich ging die Party zu Ende. Die Flaumbärtigen entzogen sich, einer nach dem anderen mit ihren schweigsamen »Genossinnen«, bis auf einen, der im letzten Gefecht des Abends gefallen war, einem Disput über die dialektische Sichtweise des Marxismus-Leninismus auf das spätbürgerliche, aber wahrscheinlich auch ewig schlechte Gewissen der isländischen »Intelligenzia« gegenüber den Arbeitern in der Fischindustrie.

Jung saß auf der Couch neben der Leiche mit Lennonbrille und Led-Zeppelin-Frisur und war selbst nur noch eine Haaresbreite von deren Zustand entfernt. Wenig später kam sie aus dem...


Wetzig, Karl-Ludwig
Karl-Ludwig Wetzig, geboren 1956, war Lektor an der Universität Reykjavík und arbeitet heute als Autor und Übersetzer aus den nordischen Sprachen. Er hat u. a. Jón Kalman Stefánsson, Gunnar Gunnarsson und Hallgrimur Helgason ins Deutsche übertragen. Für die Übersetzung von "60 Kilo Sonntage" wurde er mit dem Zuger Übersetzerstipendium 2025 ausgezeichnet.

Helgason, Hallgrímur
Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die Kunstakademie in München. Seinen Durchbruch feierte er 1996 mit dem Roman 101 Reykjavík, der kurze Zeit später verfilmt wurde. Es folgten die Bestseller Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (2008) und Eine Frau bei 1000° (2011). Helgason ist einer der international erfolgreichsten Autoren Islands.

Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die Kunstakademie in München. Seinen Durchbruch feierte er 1996 mit dem Roman 101 Reykjavík, der kurze Zeit später verfilmt wurde. Es folgten die Bestseller Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (2008) und Eine Frau bei 1000° (2011). Helgason ist einer der international erfolgreichsten Autoren Islands.

Karl-Ludwig Wetzig, geboren 1956, war Lektor an der Universität Reykjavík und arbeitet heute als Autor und Übersetzer aus den nordischen Sprachen. Er hat u. a. Jón Kalman Stefánsson, Gunnar Gunnarsson und Hallgrimur Helgason ins Deutsche übertragen. Für die Übersetzung von "60 Kilo Sonntage" wurde er mit dem Zuger Übersetzerstipendium 2025 ausgezeichnet.

Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die Kunstakademie in München. Seinen Durchbruch feierte er 1996 mit dem Roman 101 Reykjavík, der kurze Zeit später verfilmt wurde. Es folgten die Bestseller Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen (2008) und Eine Frau bei 1000° (2011). Helgason ist einer der international erfolgreichsten Autoren Islands.
Karl-Ludwig Wetzig, geboren 1956, war Lektor an der Universität Reykjavík und arbeitet heute als Autor und Übersetzer aus den nordischen Sprachen. Er hat u. a. Jón Kalman Stefánsson, Gunnar Gunnarsson und Hallgrimur Helgason ins Deutsche übertragen. Für die Übersetzung von "60 Kilo Sonntage" wurde er mit dem Zuger Übersetzerstipendium 2025 ausgezeichnet.



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