E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Hell Blank Generation
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86287-158-2
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Autobiographie
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-86287-158-2
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Von frühester Jugend an träumte Richard Hell davon abzuhauen, was er dann auch mit siebzehn tat. Er landete im New Yorker East Village, in den sechziger und siebziger Jahren ein Ort mit billigen Mieten und tausend Möglichkeiten. Er arbeitete als Buchhändler und wurde Dichter, der sich in der Künstlerszene herumtrieb, in der Feminismus, Androgynie und Transvestismus in der Luft lag, bevor er einer der wichtigsten Figuren in der neuen Musikszene wurde. Für Malcolm McLaren war er die Inspiration für das, was er mit den Sex Pistols dann verwirklichte. Richard Hell erinnert sich schonungslos an seine Drogenabhängigkeit und wie er sich daraus befreite, und es gelingen ihm großartige Porträts der damaligen Kunst- und Musikszene.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel Eins
Wie viele zu meiner Zeit war ich, als ich klein war, ein Cowboy. Ich hatte Chaps und einen weißen Cowboystrohhut und band meinen Halfter aus Leder an die Oberschenkel. So trat ich hinaus auf die Veranda und alle konnten sehen, wie ein Cowboy seinen Auftritt hatte.
Dies war in Lexington (Kentucky), als jeder ein Kind war. Ich hielt Ausschau nach Höhlen und Vögeln und lief oft von zu Hause weg. Weglaufen war meine Lieblingsbeschäftigung. Die Worte – »Komm, lass uns abhauen« – haben für mich immer noch einen magischen Klang.
Meine Eltern kamen 1948 nach Lexington. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor an der Columbia University in New York kennengelernt, wo sie Doktoranden der Psychologie waren, und ein Jahr danach geheiratet. Nachdem mein Vater Ernest Meyers, der in Pittsburgh (Pennsylvania) aufgewachsen war, in der Columbia seinen Doktortitel gemacht hatte, bekam er eine Stelle an der University of Kentucky. Ich wurde Ende 1949 geboren. Meine Mutter verzichtete erst einmal auf eine Karriere, um sich um den Haushalt zu kümmern.
Wir waren zu viert, mit meiner Schwester Babette, die anderthalb Jahre nach mir geboren wurde. Wir fühlten uns der Mutter meines Vaters, Grandma Linda, nahe, die in New York lebte, und wir besuchten gelegentlich einen seiner Brüder, Richard, der als Chemiker für Texaco arbeitete, und seine Frau und Kinder in ihrem Haus nahe Poughkeepsie, aber darüber hinaus war der Sinn für Familie oder Familienstammbaum nicht sehr ausgeprägt. Ich verstand zum Beispiel nicht wirklich, was ein Jude ist, auch wenn ich wusste, dass die Familie meines Vaters irgendwie dieser Spezies angehörte. Ich dachte, Judaismus ist eine Religion, aber wir waren nicht religiös.
Meine Mutter, geborene Carolyn Hodgson, war ein Einzelkind. Ihre Mutter, Dolly Carroll (geborene Dolly Griffin), die wir nur Mama Doll nannten, war ein Arbeitermädchen aus Alabama und Methodistin. Sie spielte Bridge und mochte Cocktails. Sie war viermal verheiratet. Wir sahen sie alle drei oder vier Jahre für ein paar Tage. Sie und der Vater meiner Mutter, Lester Hodgson, dem eine Tankstelle in Birmingham gehörte, bis er in der Großen Depression pleite ging, hatten sich scheiden lassen, als meine Mutter noch klein war, und ich erinnere mich nur noch, dass ich zwei- oder dreimal mit ihm in demselben Zimmer war.
.
© by Richard Meyers
In den fünfziger Jahren lebten wir in den neuen Vororten Amerikas. Meine Wurzeln reichen nicht tief. Ich bin ein wenig neidisch auf Menschen mit starken ethnischen und kulturellen Wurzeln. Glücklicher Martin Scorsese oder Art Spiegelman oder Dave Chappelle. Ich kam von Hopalong Cassidy und Bugs Bunny und der Grundschule Maxwell Elementary.
1956, als ich sechs Jahre alt war und wir in der Rose Street nahe der Universität wohnten, kaufte mein Vater einen cremefarbenen, grünen Manhattan (Baujahr 1953), in dem er jeden Morgen die eine Meile auf der Straße zwischen der großen Basketballarena der University of Kentucky und ihrem Footballstadion zur Arbeit fuhr. Seine Arbeitsräume befanden sich auf dem Campus in einem von Bäumen beschatteten, alten Backsteingebäude am Abhang eines Hügels. Die Unterrichtsräume, Labore und Büros dort rochen nach Holz, Kreide, Wachs, Graphit, Staub, frischer Luft und Achselschweiß. Äste wiegten sich draußen vor den Fenstern. Mein Vater war ein Experimentalpsychologe; er behandelte keine Patienten, sondern beobachtete das Verhalten von Tieren im Labor. Auf den Tischplatten standen zwischen großen mechanischen Schreibmaschinen kleine Rattenlabyrinthe aus Hartgummi. Da waren Glasvitrinen an den Wänden und vor den Kreidetafeln Stühle mit Schreibplatten. Diese schlichten, alten Universitätsgebäude oder auch das Haus, in dem die örtliche Blindenschule untergebracht war, wo mein Vater über die Brailleschrift forschte, haben für mich immer noch etwas Heimisches wie ein bescheidenes Paradies, so wenig ich auch je Schulunterricht ausstehen konnte.
Im Stadtzentrum stand ein Gerichtsgebäude im klassischen romanischen Stil, davor eine Reiterstatue des Konföderiertengenerals John Hunt Morgan. Einige Blocks weiter an der Main Street war die Bahnhofshaltestelle, und auf demselben Abschnitt gab es zwei gemütliche Kinos mit Plüschstühlen und pickligen Platzanweisern, das »Kentucky« und das »Strand«, die immer zwei neue Spiel- oder Zeichentrickfilme zeigten, Samstag vormittags sogar nur ein reines Zeichentrickfilmprogramm. Nahe der Bushaltestelle gab es einen Woolworth-Laden und eine Bäckerei, die glasierte Doughnuts verkaufte, warm aus dem Ofen.
Die mit Kalksteinsäulen verzierte Öffentliche Bibliothek befand sich mitten in einem dicht bewaldeten Park, einige Straßenblocks hinter dem Gerichtsgebäude, gegenüber dem Transylvania College (»das erste College westlich der Allegheny Mountains«). Im Inneren der Bibliothek war alles aus Marmor, und das Sonnenlicht von den Fenstern im zweiten Stock erhellte den zentralen Informationsschalter im Erdgeschoss; Geflüster, schlurfende Schritte und Regalreihen mit muffig riechenden, grün oder orange gebundenen Büchern zum kostenlosen Mitnehmen.
Am Stadtrand gab es Autokinos und einen Vergnügungspark. Unsere Familie nahm zu den Kinofahrten Einkaufstüten voll mit selbstgemachtem Popcorn mit, und auf dem Nachhauseweg lagen meine Schwester und ich, Kopf an Fuß, schlafend auf dem Rücksitz. Dann und wann besuchten wir Joyland, wo es eine Holzachterbahn, ein Karussell, eine Geisterbahn und eine Schiffsschaukel gab, außerdem Spielstände und Zuckerwatte und Hotdog-Buden zwischen riesigen Bäumen mit Picknicktischen, die von Staren belagert wurden.
In den Vororten waren die Häuser unverschlossen. Es gab kein »Airconditioning«, aber Ventilatoren. Ein großes Lagerhaus in einer heruntergekommenen Industriegegend lieferte gerade geschnittene Eisblöcke, die an einer Laderampe von riesigen Greifzangen in mit Zeitungspapier ausgeschlagene Kofferräume gehievt wurden. Damit wurden Eisfächer versorgt – obwohl die meisten Leute inzwischen einen elektrischen Kühlschrank besaßen – oder Kühlboxen für Picknicks. Man bearbeitete das gefrorene Eis mit Pickeln, bis es auseinanderbrach.
Als Teenager in Lexington hing ich einmal an einem heißen, klaren Sommertag mit einigen Freunden in einer Steinhütte auf einem offenen Feld ab. Mehr Freunde versammelten sich in der Landschaft draußen wie auf einem Gemälde von Watteau oder Fragonard – Fragonard gekreuzt mit Larry Clark –, spielten und redeten. Plötzlich erregte etwas am Himmel die Aufmerksamkeit eines Jungen. Er stand in dem hohen Gras, starrte nach oben, zeigte und rief. Wir reckten unsere Hälse. Teilchen schwebten aus dem Himmel herunter; Stühle und Couches aus Schnee landeten um uns herum. Wir lachten und schrien.
Das geschah in einem Traum, den ich einige Jahre nach meiner Ankunft im immer noch einsamen New York hatte. Ich erwachte verzückt und dankbar, mit zusammengeschnürter Kehle und überfließenden Augen.
Im Winter 1956, als ich in die erste Klasse ging, zog die Familie von dem Häuschen in der Rose Street nach Gardenside, einem neuen Vorort am Rande der Stadt.
Fast jedes Grundstück in der Gegend hatte die gleiche bescheidene Größe, und die Häuser unterschieden sich nur wenig, meist drei Zimmer, Küche und Bad. Jedes Haus hatte junge Bäume an der gleichen Stelle an beiden Seiten des Wegs, der zur Haustür führte, und die gleiche Art von immergrünem Gesträuch unter dem Panoramafenster des Wohnzimmers, das zur Straße lag. Unser Haus ähnelte der typischen Zeichnung eines Kindes von einem Haus, eine Ziegelsteinbox unter einem steilen Schindeldach, das an einem Ende einen Kamin hatte.
Unten an der Straße verlief ein Bach. Gras wuchs an beiden Uferseiten, und es gab hohe Bäume mit dichtem Laubwerk. Das Interessanteste daran war für mich, dass dies nicht von Menschen gemacht war. Die Vorstellung, dass man dem wilden Pfad statt den überall vorgegebenen Mustern folgen konnte, war aufregend. Ich erinnere mich, wie mir plötzlich bewusst wurde, dass der Bach irgendwo begann und weit entfernt enden mochte, dass er nicht nur durch die Gegend floss, die ich kannte. Dieser Gedanke war ein leuchtendes kleines Diorama, das in meinem Hirn versteckt war, etwa so wie Marcel Duchamps ,
Gardenside wurde begrenzt von Landwirtschaftsflächen – Tabak, Mais und Vieh – und Wäldern. Unser Haus war eines der ersten in dem Vorort, das fertiggestellt wurde, und die Baustellen um uns herum waren unser Spielplatz.
© by Richard Meyers
Eines späten Nachmittags in jenem ersten Jahr trieben sich nur noch zwei von uns draußen herum. Wir versuchten, ein großes Eisenfass, das bis zum Rand mit Wasser gefüllt war, auf das Fundament eines neuen Hauses zu kippen. Wir kamen auf die Idee, Abfallhölzer als Hebel zu benutzen, und es gelang. Die Straße war leer. Roy Baker und ich liefen davon und setzten uns auf die Steine neben einem teilweise fertigen Haus, um unsere »Heldentat« zu besprechen. Um uns herum roch es nach frisch gesägtem Holz, feuchtem Beton, Erde und verbrannter Teerpappe.
Die Männer, die dort arbeiteten, hatten uns herumalbern sehen, bevor sie Feierabend machten. Als sie gingen, waren wir beide die einzigen Kinder in der Nähe. Am nächsten Morgen würden sie wissen, dass wir es gewesen waren, die das Fass umgeworfen hatten. Kinder in unserem Alter sind doch gar nicht so stark, um etwas so Schweres umzustoßen, erklärte ich Roy Baker, der ein...




